{ Leseprobe 120 }

Literatur von Martin Ganter

Aus dem Werk "Keine Einmischung!"

Kriemhild: Geschäh ihm recht. Doch das allein war es diesmal wohl nicht. Hör nur zu! Vor dem Pfarrer war nämlich noch die Dame von der katholischen Sozialstation da. Wegen dem Pflegegeld für Brunhilde. Vermutlich weißt du nicht, dass die sich auf heute angesagt hatte. Immerhin hab ich dir schon mehrere Male gesagt, wie unausstehlich das ist, wenn die da ist. Statt das Formular rasch auszufüllen und wieder zu gehen, pflanzt sie sich vor Brunhildes Bett auf und bleibt dasselbst wie angewurzelt stehen, um sie sodann mit ihrem Mondkalbmitleid zu berieseln. Eine Weile lang seh ich mir das an und denke, es geschehe denn des Herren Wille. Aber natürlich hat alles ein Ende. Als sie nun also wieder eine Weile dagestanden ist, bitte ich Sie nun, das Formular fertig zu stellen. Hier hätten Sie zu unterschreiben, mehr bedürfe es nicht, sage ich, indem ich auf die vorgesehene Stelle zeige. Doch sie: "Nun seien Sie doch nicht so ungeduldig!" und "Man muss mich auch meinen Beruf ausüben lassen", versetzt sie. "Auch Sie haben sich doch als Lehrer nicht hereinreden lassen!" Ich drauf versuche ihr klar zu machen, zum wievielten Mal auch!, dass es hier nur um ein Formular geht für die Krankenkasse, wo man sich nicht mehr als die Unterschrift anschaut: Nein, versetzt sie, so gehe das nicht. Auch sie sei sterblich und jeder müsse sich disziplinieren. – Das Ende vom Lied war dann, dass sie mir die Unterschrift verweigerte und schmollend abzog.