{ Leseprobe 148 }

Literatur von Martin Ganter

Aus dem Werk "Das Leben ein Traum"

Endlich - der Tag ging schon zur Neige - entzogen wir uns dem Gedränge. Und während der Lärm der Menge in der Ferne verebbte, wurde es immer enger und schattiger um uns herum. Als wir abermals in einen Seitenkanal einbogen, tauchte vor uns ein Palazzo auf, der sich von den ihm umgebenden Häusern aufs Prächtigste hervorhob. Nicht nur dass er sich von den im Dunkel liegenden Nachbargebäuden wie eine Sonne in der Nacht hervorhob. Seine in maurischem Maßwerk gestaltete, von einer Menge von Fackeln erhellte Fassade schien sich auf das dunkle Wasser hinaus zu lehnen, als hätte sie den Besitzer entdeckt und eilte ihm entgegen. Und die elektrischen Lichter des Hauses wurden gezündet und allerlei Herrschaften und Bedienstete beeilten sich, beim Wasser zu erscheinen: die einen, um einen Teppich die Treppenstufen hinunter zu entrollen, andere, um dem Boot beim Anfahren behilflich zu sein, wieder andere, um uns mit protokollarischem Anstand zu empfangen. An den Fenstern aber sah ich Diener auftauchen und Dienerinnen, allesamt in Prunkgewändern, ausgerichtet auf den Mann in unserem Boot. Und als nun auch noch ein paar junge Leute, Sprösslinge der Edlen der Stadt, damit begannen, ihm mit einem Flötenständchen beim Aussteigen aufzuwarten, es waren nur noch wenige Meter bis zur Lände, da wusste ich endlich, dass es der neugewählte Doge war, in dessen Boot ich den heutigen Tag verbracht hatte. Der aber, ohne sich um das Treiben zu bekümmern, hatte das Steuerruder längst bei Seite gelegt und im Boot Platz genommen, wo er bedächtig die eine und andere Frucht probierte. Dabei war es, als stünden ihm alle die vielen Leute leibhaftig vor Augen, die in den nun kommenden Jahren seinem Schutz anvertraut waren und von denen er keinen vergäße.