{ Leseprobe 51 }

Literatur von Martin Ganter

Aus dem Werk "Das Leben ein Traum"

Einer der beiden Schäfer aber, der etwas von meinem Unmut herausgehört haben mochte, rief mir entgegen, indem er das uns trennenden und unsichtbar machende Schneegestöber wie einen Vorhang bei Seite schob, sie würden nie früher von da droben herabgehen, als bis sich die ersten Lawinen losgelöst hätten. Wenn ihnen aber einmal eine Lawine zu nahe käme und sie keine Zeit mehr hätten, zu einem sicheren Unterstand zu gelangen, so würden sie sich einfach mit den Tieren gegen den Berg drängen; dann würden die Lawinen über sie hinweg donnern, ohne sonst einen Schaden anzurichten.

Kaum hatte er das gesagt, da brauste auch schon die erste Lawine über sie hinweg, der dann noch weitere folgten. Als alles vorbei war, eilte ich hinzu, um nachzusehen, was von den Schäfern und ihren Schafen übrig geblieben war. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich sah, dass die Schäfer und die Schafe die Katastrophe unbeschädigt überstanden hatten. Ein kleiner Felsvorsprung hatte ihnen genügt. Niemanden, so schien es, hatte auch nur ein Stäubchen getroffen. Als ich jetzt die Tiere zählte, fehlte eines. Der Schäfer aber, während er schon wieder dabei war, den weiteren Abstieg zu besorgen, ersparte mir jede Frage. Mich beiseite nehmend raunte er mir ins Ohr: "Habe ich es denn nicht gesagt! Das ist das Gesetz! Eines trifft es immer!"