{ Salamis - Jugendgedichte }

Literatur von Martin Ganter

Inhalt

1. Heimweg

2. Sommerabend

3. Im Park

4. Printemps

5. Ende August

6. Salamis

7. Alexander in Indien

8. Cäsar und Antonius

9. Neubau

10. Angor

11. Ländliche Bilder

12. Herbstliches

13. Ausklang (3./4.11.1964)

14. Winterlicher Nachmittag

15. Laios

16. November

17. Aber durch dünne Finger ...

18. Vielleicht, dass dieser Luftstoß dich noch findet

19. Tot bist du, tot

20. Winterwind

21. Zergehendes in morgendlicher Kühle

22. Die Nacht geht lang noch fort

23. Ich wär allein und du wärst nicht zu Haus?

24. Sind wir nicht auch voll tiefer Stimmen drinnen

25. Unter den vielen Menschen

26. Du vom Palast der Jahrmillionen

27. O Lider müde

28. Unglückliche Liebe

29. Was hab ich dir angetan

30. Don Quijote hatte ein Liebchen

31. Ach Mütterchen, du (Sappho, Buch 7)

32. Glockentönin Bim (Paul Klee)

33. Rätselraten

34. Evelyn

35. Abschied

36. Das Kind und der Sensenmann

37. Selig die Armen

38. Du bist das Tor

39. Penelope

40. Winter

41. Spätjahr

 

1. Heimweg

Gräser tausendfach und hohe Ähren,

die in Blüte stehn in grünen Reihen,

und dein Bild, du musst´s mir nicht verwehren,

das der dunkelrote Klee will leihen.

 

Ginster brennt im heißen Nachmittag

Drüben über breitem Felsgestein,

der ich droben hoch im Grase lag,

dachte dein.

Was wird zwischen heut und morgen sein?

Wie viel unruhvolle Augenblicke?

Doch ich wär allein?

Nein, du bleibst, du bleibst bei mir zurücke!

 

Deinen Namen hab ich oft gesprochen,

wie die Wälder oft Geheimes rauschen,

wie die Ähren, die noch ungebrochen,

leis im Winde manche Worte tauschen.

2. Sommerabend

Kein Wort fiel mehr, wir gingen ganz beisammen

Und hielten unsre Hände Hand in Hand,

Noch lag ein Streifen abendlichtes Land,

In deinen Augen wogten goldene Flammen.

 

Und Laubengänge nahten, dichtgefüllte,

mit Lampen, bunten, wie ein Lichtermeer;

Des Nachthauchs Flöten tönten zu uns her,

als ob sich unser Sehnen endlich füllte.

Da neigtest du den Kopf, ich wollt dir sagen -

Ach alles wusstest du, es war kein Traum!

Und näher deinem Herzen hört ich schlagen

Lebendigen Lebens göttlich schönen Baum.

 

3. Im Park

Ich stehe schon lange und höre dich weinen,

Ein schwarzer Schwärmer flattert und fällt,

Ich habe mich unter die Eichen gestellt,

Damit nicht der Mond mich möchte bescheinen.

 

Der Nächte Trauer fühle ich sinken,

O schwarze Fluten, o endloses Meer!

Ein weiches Schweigen gehet umher.

Du sollst nicht den Kelch bis zur Neige trinken.

Du musst nicht weinen. Die Wolken treiben

Schollig über den Park, verblaun.

Du musst nicht traurig ins Dunkel schaun:

Sieh nur, die leuchtenden Sterne bleiben.

 

4. Printemps

Der Sonne goldenes Licht ruht wieder aus

Auf Äckern weit und winterkalter Flur

Lau geht der Wind. Der Saaten grüne Spur

Aus hartgefrorener Schale keimt heraus.

 

Und mittags dann in aufgehelltem Staat

Die Wiesen Ried. Ein scharfer Schatten fällt

Von nahen Wald. Weiß wird des Himmels Zelt.

Und abwärts nimmt die Sonne ihren Pfad.

 

Dann sinkt ins Purpurabendmeer der Tag

Mit leichten Segeln. Und der Himmel weit

Tönt bläulich nach in langer Fröhlichkeit

 

Und wie in Sommernächten groß und zag

Die alten Eichen stehn, die Arme breit,

Kommt weiß der Mond in seinem Festtagskleid.

 

5. Ende August

Ende August, ein Asternrot, ein Blau,

ein Muschelblau, das sich der Sommer lieh.

Die Abende floxfarben weich und lau,

verschwenderischer nie.

 

Wo denk ich hin im Duft, im Farbgewimmel,

wo ich noch niemals so gespürt, geahnt?

Die Winde drehen stiller bei am Himmel,

den Schweigen fahndt.

 

Die Sonnenuhr verschattet an der Mauer.

Die Schwalben sammeln sich auf langen Drähten.

Die Nächte werden enger kühler, grauer.

Mein Herz muss reden.

 

6. Salamis

Nacht noch! Noch hüllt der Schlaf die Griechen ein.

Noch geht des Hermes Fuß um jedes Haus:

"Schlafet! Schlafet und ruht euch aus!

Ihr alle werdet morgen Sieger sein!"

 

Aus ihren schweren Kähnen überm Sund

Der Perser Augen spähn und ruhen nicht,

dass nicht ein Griechenboot ins Freie sticht

geheimen Weges durch der Nächte Schlund.

 

Doch wie der Arktur fällt und an den Strand

Klatschen des Meers unruhvolle Wogen,

und Nebel kommt mit frischem Wind gezogen:

 

Da stößt der Griechen Schiffsmacht ab vom Land,

den Paian singend bei der Ruder Schlag.

Und über Salamis geht auf der Tag.

 

7. Alexander in Indien

Wohin denn noch? Was mag er noch begehren?

Der Reiter müd gewordene Blicke haften

auf Strömen reißend, wilden Völkerschaften,

bald da, bald dort und immer neuen Heeren.

 

Und der Gefahren grimme Wolken zehren

Den Stolz hinweg, mit dem man ausgezogen;

Und alle fühlen böse sich betrogen

Und sinnen nur auf eins noch: Umzukehren!

 

Der kühn gestritten, gegen ihn verschwört sich

Mitsamt dem Riesenkontinent indischer Erde

Das eigne Heer. Ein wilder Groll vermehrt sich

 

Und wirft ihm vor unsühnbar die Beschwerde

Maßloser Sucht. Der letzte Ruhm verwehrt sich.

Und rückwärts reißen sie den Huf der Pferde.

 

8. Cäsar und Antonius

Das Testament zu holen, schickt er aus,

zu prüfen das Gerücht, das er vernommen;

Doch die Vestalin rückt es nicht heraus,

Er selber, sagt sie, muss schon zu ihr kommen.

 

So geht er selbst, eröffnet es, liest alles,

was das Gerücht bereits verbreitet hat:

Antonius Forderung für den Fall des Falles,

sofern in Rom tödlich ihn träf Verrat:

 

Zum Forum, dass ihn der Senat geleite,

ihn schmücke dort mit königlicher Pracht,

zu segeln dann über des Meeres Weite,

bis zu Kleopatra man ihn gebracht.

 

Die Schande Roms, ruft er, bedrückt mich, Väter!

Und drängt zum Krieg gegen den Hochverräter.

 

9. Neubau

Sie weißeln noch die Wand mit leichtem Schwunge

Und eilen hurtig das Gerüst entlang,

wie Schatten gleitend bei der Kellen Klang.

Dann klettern sie hinab in raschem Sprunge.

 

Die Karren schieben sie den schmalen Pfad

Mit sich hinab, gebückt. Wind geht schon um.

Bisweilen sehn sie sich noch einmal um.

Die Wände schimmern weiß. Ein Wetter naht.

 

Da surrt umher in engbegrenztem Laufe

Papier und Laub, steigt auf, wirbelt vorbei.

Witterung zieht bedrohlich dunklen Kreis.

 

Bis hoch zum Giebel dringt ein Zittern leis.

Vom Dachstuhl knarrt herab die Regentraufe.

Und plötzlich reißt des Richtfests Fahn entzwei.

 

10. Angor

Zu schwer hängt der Berge lastendes Haupt

Unter des Mondes erdrückender Helle,

Die Kronen der Kiefern hat er der Kerzen beraubt

Und Stämme und Strunken umschleicht die knarrende Grelle.

 

Im Fernen zucken Lichter durchs bebende Blau,

Des Windes Sausen macht ruhlosen langen Ton,

Vereinzelt dringt ein Röhren durchs Dickicht grau,

Und unten schwimmt die Stadt im Dunkel davon.

 

11. Ländliche Bilder

Viel Wege laufen aus in schwarzem Dorn

Und Tage schwinden ungenau und Stunden,

Mit buntem Laub die Giebel rings umwunden,

in hohen Fächern duftet goldenes Korn.

 

Von frohen Gästen dröhnt die Schenke bald,

Jupiter hütet seine dunkle Bahn,

Manchmal ein Hund schlägt einen Fremden an,

des heißer Atem schwindet leer und kalt.

 

Ein voller Mond hängt über Hof und Tor,

der färbt die alten Mauern langsam grün,

am Weiher schwankt des dürren Schilfes Rohr.

 

Vom Kirchturm hallt die letzte Stunde hin,

Schatten an Häusern huschen scheu empor,

Vereinzelt leis noch Wölkchen aufwärts ziehn.

 

12. Herbstliches

Oft höre ich den Herbstwind an die Scheiben

Der Fenster um die dunklen Stunden pochen,

als dürft ich länger mehr nicht säumend bleiben,

als wär zum Gehen alles aufgebrochen.

 

Gewaltig sind und unbekannt die Pfade.

Die Bäume strecken die zerzausten Äste.

Der Menschen Schritte suchen Trost und Gnade

Und Linderung und Heilung von Gebresten.

 

Der Sturm reißt ab der letzten Blätter Kränze

Vom Haupt der Bäume auf die öden Fluren.

Noch höre ich des Herbstwinds wilde Tänze

Entlang des Sommerwagens schwarzen Spuren.

 

13. Ausklang (3./4.11.1964)

So ziehe hin du herber Tage Saum:

Die Weiden hangen weiß und langgebogen

Und abwärts zu den nächtlich glatten Wassern,

erhorchend unbekannter Stille Wogen.

 

Im Schatten bricht der Vögel letzter Odem

Geduldig hin und ferne aller Frage.

Die Dämmerung kommt purpurrot gezogen

Und auf dem Antlitz stirbt ganz leis die Klage.

 

Und die Novembernacht in Sternen offen

Geht unberührt, ein großes Haus der Trauer.

Beharrlich ist der Menschen stummes Hoffen,

wenn von den Hügeln wehn der Kühle Schauer.

 

14. Winterlicher Nachmittag

Der Tannen spitze Türme stehen verschneit

Aufragend in des Nachmittages Blau

Und schimmernd liegt der Schnee. Durch den Verhau

Ein schmaler Pfad schlängelt sich endlos weit.

 

In winterlicher Stille Einsamkeit

Hin zu der Berge dämmerlichtem Grau

Die Sonne eilt, gleich einem stolzen Pfau,

der schlägt sein Rad zur späten Mittagszeit,

 

Eintauchend tief in feuerrote Flammen.

Blassrosa Wölkchen ziehen auf im West.

Ein Wind zupft hin und wieder im Geäst.

 

Schnell flattern Krähen noch von Wald zu Wald.

Im dunklen Holz ein Echo sich verhallt.

Und ab und zu zwei Kiefern knarren zusammen.

 

15. Laios

Warte nur Laios, warte nur alter Tyrann,

wenn du von Daulis hinab zu Tale drängst,

peitschend die Tiere und Knechte, im breiten Gespann

wenn durch die winkligen Schluchten du wütend sie engst.

 

Warte nur Laios. Denn zu sicher im Hort

Wähnst du dem Schicksal trotzend dich blind im Wahn.

Was auch immer die delphischen Priester ersahn,

geht in Erfüllung alles dir Wort für Wort.

 

Drunten aber, wo sich die Wege drein,

kommt schon einer herauf in Bettlers Kleid.

Auf dem Wege mitten macht er sich breit.

Jupiters zukunfteräugende Vögel schrein.

 

Aber er hört mich nicht und er rast wie eh,

heute und morgen, so wie er es immer tat.

Ödipus kommt herauf den verwinkelten Pfad

Unheil kündet der Vögel böses Gekräh.

 

16. November

Kühl ist der Wind und die Wege gehen

Braun und rot durch die Wälder gebrannt.

Wolken kommen hintereinander und stehen

Wie von fremder Stimme gebannt.

 

Über den Wegen ist Laub gebreitet,

abends von wallenden Nebeln bedeckt,

wie blinde Hände, die weitergreifen,

furchtsam von dunkler Ahnung erschreckt.

 

Schatten ziehn viele und Vögel kreisen

plötzlich hinab auf ein kahles Feld.

Wasser hallen wie Worte, die werden vereisen,

wenn aus den Höhen der Winter fällt.

 

17. Aber durch dünne Finger ...

Aber durch dünne Finger gleitet

Immer der Tag und ein Regen schauert

Heftig herab und der Abend kauert

Kalt vor dem Licht, bis das Dunkel sich breitet

 

Über die Straßen und leeren Plätze,

Wo die Menschen standen mit wichtigen Mienen

Feuer schürend und neben ihnen

Hunde sprangen in wilden Sätzen.

 

Und der Rauch zieht nieder, hin an den Mauern

Und die Glocken schlagen die toten Zeiten

Hoch von den Türmen und Wolken schreiten

Wettergeschwärzt über Dächern zu lauern.

 

18. Vielleicht, dass dieser Luftstoß dich noch findet

Vielleicht, dass dieser Luftstoß dich noch findet,

dass dieser Abend, der ins Dunkel sinkt,

wie in die Knie ein Bettler, der erblindet,

hilflos noch lang mit seinen Armen winkt.

 

Dass dieser Abend, der voll Trauer schwäret,

weil nur so kurz sein Glanz verweilt

endlose Müdigkeiten dir zu kehret,

indes der im Stundenglas der Sand enteilt.

 

Hielt keiner Tür und Tor. Fuhr durch die Räume

Des Hauses steil andrängend Nacht und Wind

Hob dich ein Sturm hinaus, über die Bäume

Der Wälder weit, wo alle Zeit zerrinnt?

Und steigst du immer höher, durch die Wolken,

wo nur der Götter Füße sonst noch gehn

und unter dir des Nordens Zeichen folgen

der Täler Flüsse und der Berge Höhn?

 

Oder ruht schon dein Aug tief im Schlafe,

sich schlummern wendend nun ins Herz der Nacht

ruht eingeschwungen deiner Lider Waage,

die dieses Abend Schatten schwer gemacht?

 

Das Haus, das nie vorübergeht, es leuchtet.

Und ruhig stellst du deine Kerzen auf.

Der Nächte Tau, der deine Wangen feuchtet,

und langsam hinsinkt in der Stunden Lauf.

 

19. Tot bist du, tot

Tot bist du, tot, und dein Füllhorn ruht

Unter der Erde eingefroren tief,

unter des Eises Decke und unter der Wasserflut,

da gewaltig des Todes eisiger Atem dich rief.

 

Tot bist du und nimmer sehnt sich nach Licht

Deiner Augen Kammer und nimmer weint

Blutig Tränen dein Herz und es rührt nun nicht

Wütend mehr des Hauptes Gelock ein Sturmwind-Feind.

 

Schatten bist du und immer schreitest du fort

aufgescheucht durch die Nacht nach des Gottes Gebot

Ferne den Menschen und hörst sein mächtiges Wort,

das den frierenden Seelen wie Feuer loht.

 

Lichter flackern im Dunkel tief an der Wand.

Brausen hör ich die Orgel und laut tönt ein Lied.

Und ich schaue hinüber zu der Toten einsamem Land,

das der Wind unwillig umstreicht wie das welke Ried.

 

20. Winterwind

Winterwind, der überm Anger greint

Und des Schnees gehäufte weiße Streifen

Wolken auch, die ineinander reifen,

wenn des Mondes heller Glanz erscheint.

 

Und die Nacht, die durchs Dunkel fährt

Rauschend in den hartgefrorenen Zweigen.

Leise aber dämmert mildes Schweigen,

das allmählich allem Unheil wehrt.

 

Jahre, die in kurzer Zeit verwehen,

widerspiegeln sich und ziehen weiter.

Andre scheinen ferne schon und heiter

In den Bildern kann man Menschen sehen.

 

21. Zergehendes in morgendlicher Kühle

Zergehendes in morgendlicher Kühle.

Gewitternacht, die noch in Pfützen steht.

Der Amseln Antwort, Angst, Gewitterschwüle,

die aus dem engumbauten Gärtchen weht.

 

Und Sonnenglanz über dem alten Dach,

Und Sichelschlag, der unablässig sirrt,

Der weiten Felder grünendes Geviert,

und bei der Wiesen Ranft der junge Bach.

 

Und duftend wie ein Morgenduft voll Seide

Am alten Sandstein die Forsythien blühn,

wo Goldenes träufelt träumender Jasmin

Und gibt den frühen Tagen das Geleite.

 

22. Die Nacht geht lang noch fort

Die Nacht geht lang noch fort und dunkles Treiben

Ist unter Wolken viel und tiefen Wettern

Und die in dunklen Stunden wartend bleiben,

des Herbstes Bäume blassen und zerblättern.

 

Unkenntlich sind die Stege und zerfallen.

Und aus der Mauer laubbedeckten Stiegen

Wirft Wind noch manches auf, wirbelt, lässt allen,

bis es in langer Fäule bleibet liegen.

 

So geht nur Nacht, geschwind, doch ohne Eile

Und Herbst im Dunkel ruhelos, verworren.

Und die geknüpft an langgespannte Seile,

des Jahres Früchte faulen und verdorren.

 

23. Ich wär allein und du wärst nicht zu Haus?

Ich wär allein und du wärst nicht zu Haus?

Durch Regentore wär der Tag gegangen,

in tiefe Nacht hinab gegangen aus,

von dichten Wolken schwarz und schwer verhangen?

 

Ich wär allein und suchte dich nicht mehr?

Und hörte nichts als bloß den Stoß der Winde?

Und sähe nichts als Nacht nur um mich her?

Bückst du dich nicht schon still, dass ich dich finde?

 

24. Sind wir nicht auch voll tiefer Stimmen drinnen

Sind wir nicht auch voll tiefer Stimmen drinnen

Wie Königinnen herrlich an Gestalt

auf schwankendem Geländer um die Zinnen,

die fest sich anschauen und geben Halt?

 

25. Unter den vielen Menschen

Unter den vielen Menschen, die er traf,

war keiner so, wie er ihn sich gedacht,

mit ihm die Hand zu halten und das Mahl,

ob auch gekommen er lang vor der Nacht.

 

Zwar kannten sie des Tages Ringe gut

Und auch des reichbebauten Jahres Mitte

Und achteten des Herbstes Schattenfall

Und prüften sorgsam alle ihre Schritte.

 

Doch als sie ihre Stimmen dann erhoben,

sie auszuschicken in der Nacht Gelände,

drang kaum ein Laut noch leis als Widerruf

hin ins Gehör der Höhlung ihrer Hände.

 

26. Du vom Palast der Jahrmillionen

Du vom Palast der Jahrmillionen,

Du Herrscher hoch auf deinem Thron,

samt allen, die mit dir dort thronen

im Geist geheiligt und im Sohn!

 

Du Urquell, ständiger, den Dingen,

Du Überfluss an Wohlgestalt!

Zu deinen Pforten leih mir Schwingen

Zu deiner Tage Aufenthalt.

 

Lass deine Herrlichkeit mich schauen,

leuchtender Lichtquell fern dem Tod!

Und durch des Himmels grüne Auen

Fahr mich dahin in deinem Boot.

 

27. O Lider müde

O Lider müde, müde Lider:

Fallt ihr schon zu,

Wo ist der Engel, der herniederkommt,

Und wo bist du?

Wie hätt ich Lust, ganz leise zu verweilen,

grad wie ein Stern,

Die Stunden drunten sinken und enteilen,

Alles rückt fern.

 

28. Unglückliche Liebe

Wenn ich mein Schätzel tanzen seh,

Das raubt mir fast den Sinn,

Das zieht so hin, das zieht so her,

So hin und her und hin.

 

Das dreht so wirr im Kreis mich mit

Wohl an die hundert Mal,

Beim Gehn und Stehn, auf Schritt und Tritt

Hin durch den weiten Saal.

 

Hin durch die weite Welt, so weit,

Gar aus der Welt hinaus.

Ach wär sie doch an meiner Seit,

Ich hielt es ja gerne aus!

 

Hätt sie mich nur nicht weggeschickt,

Mich träf kein Ungemach,

Ständ nicht so abseits, so bedrückt!

Wär ja was, hätt ja was. Ach!

 

29. Was hab ich dir angetan

Was hab ich dir angetan,

dass du schaust so düster,

Und wir waren doch schon mal

Liebevoll Geschwister?

 

Dass du statt wie früher willst,

nimmer zu mir treten,

dass wir scherzend, lachend uns

aus der Seele reden?

 

Dass mich später dann im Bett

Nimmer Schlaf will wiegen!

Wenn ich doch nur etwas hätt,

ruhig mich zu kriegen!

 

Ja gewiss, das brächte schon

Linderung dem Herzen,

wüsst ich nur, du hättest auch

eben solche Schmerzen.

 

30. Don Quijote hatte ein Liebchen

Don Quijote hatte ein Liebchen,

doch das Liebchen kannt´ er nicht;

was er kannte, war ein Grübchen

im holdseligen Gesicht.

 

Und ein süßverschmitztes Lächeln

In dem Grübchen tief versteckt,

das ihn wonnevoll bewegte,

wenn er mal sich´s aufgedeckt.

 

Um das Lächeln wob ein Schweigen,

das ihm liebevoll gebot,

weiter sonst nichts zu verlangen,

weil die Lieb sonst litte Not.

 

Grübchen wurde nicht zur Grube

Und das Lächeln nicht zum Schrei,

Denn er achtete das Schweigen

In der Zeiten Einerlei.

 

31. Ach Mütterchen, du (Sappho, Buch 7)

Ach Mütterchen, du

Führ den Webkamm entlang,

ich kann ja nicht mehr!

Mir ist so elend ums Herz und bang,

so drückend und schwer!

 

Lass mich hinaus nur

Aufs freie Feld

Und fort in den Wald!

Wo manch ein Vöglein

Zu mir sich gesellt,

mir entgegenschallt.

 

Lass mich nur gehen

Und frag mich nicht,

was mich gehen macht.

Wenn die Wälder sich färben

im Abendlicht,

wird mir leichter zur Nacht.

 

Wenn die Welt sich weitet

Im Purpurglanz

Durch den engen Tag,

dann will ich schauen

und lauschen ganz,

dass ich aufschluchzen mag.

 

Und leg mich dann nieder

Ins taufrische Gras

Und schlummere ein,

ach Mütterchen, dass nicht

bekümmre dich das!

Ich bleibe ja dein!

 

32. Glockentönin Bim (Paul Klee)

So losgelöst

Glockentönin Bim

Bist du bim-unterwegs,

Bin-unterwegs,

Bin-Bim-Bin-unterwegs

Bist du Bin-Bim-Bin

wohin unterwegs?

Bist du bin-bim-bin

Zur Losigkeit unterwegs.

Bist du bin-bim-bin

in der Glockentöninnen

bin-bim-bin-Gebimmel

bin-unterwegs.

 

33. Rätselraten

Welches wilde Rätselraten

Seh ich Liebchen so allein

Und ich kann mir nicht ergründen,

wie sie mag zufrieden sein.

 

Woran sie nur jetzt mag denken,

wenn sie häkelt, strickt und näht

und bei all dem munteren Treiben,

das ihr leicht von Händen geht

 

Denk ich sie dann mir zur Seite,

wie sie nett im Garten sitzt,

plaudernd bei der Kaffeetasse,

rings von Blumen hübsch umschützt,

 

naht behagliches Vergnügen

stürmisch aufgewühltem Sinn,

und gedämpft, fast schon verwandelt,

schwindet aller Schmerz dahin.

 

34. Evelyn

Schau ich, gleich muss ich erspähen,

Hör ich, gleich muss ich gewahren,

wie mit schwanken Ruderschlägen

du den Fluss kommst abgefahren.

 

Kind, was fährst du so alleine,

so allein den Fluss hinab?

Hat das Kränzlein dir die Mutter

Jüngst nicht erst genommen ab?

 

Sieh am Damm die Uferpappeln

Schütteln ab ihr altes Laub,

Und die Eltern nach dir sehen,

ihren Bitten bleibst du taub?

 

Ein paar Krähen schreiend fliegen

Halten in den Wipfeln still,

Kind, du musst sie nicht betrüben,

wo das Herz doch lieben will.

 

Langsam ziehn die Wasser weiter

Und es rauscht noch durch die Luft,

Dünste steigen auf wie Reiter

Tief aus bodenloser Gruft.

 

Nur die Eltern stehn noch lange,

schmerzbedrängt in müder Brust,

und es lallt von ihren Lippen,

dass du wiederkommen musst.

 

35. Abschied

All die Sachen mein

Hab gepackt ich ein,

mein lieb Vaterhaus.

Zieh jetzt aus!

 

Gings auch oft recht toll,

anders als es soll,

und hab manche Nacht

trüb verbracht,

 

dass ich spät dann schlief

über Wunden tief,

die ich selber schlug

oder schlecht ertrug:

 

Mag bei Seite wehn,

als wär nichts geschehn,

keine Sorge schwer

drücken mehr

 

Nun schon steht die Tür

Aufgetan vor mir,

werf ich noch zurück

einen letzten Blick.

 

Hab doch gern verbracht

All die Tag und Nacht,

zieh ich jetzt auch aus

aus dem Haus.

 

All die Sachen mein

Hab gepackt ich ein.

Muss geschieden sein,

muss jetzt sein!

 

36. Das Kind und der Sensenmann

"O lass mich leben!" rief das Kind,

"du alter Sensenmann!

Vor mir viele geboren sind,

nimm diese erst mal dran!"

 

Doch als er nichts hörte und als er nichts sprach,

Rief es ein zweites Mal:

"Lass mich in Ruh doch! Geh mir nicht nach!

Erspar mir Angst und Qual!"

 

Indessen der Sensenmann näher herbei

Schwang seine Sense im Takt.

"Du lieber Sensenmann gib mich frei!"

Hat das Kind noch flehentlich gesagt.

 

Indes der Senser: "Was windest du dich

Und eilst nicht auf mich zu?

Wenn du mich liebhast, gleich findest du mich!"

Und senste das Seelchen zur Ruh.

 

37. Selig die Armen

Selig die Armen, ach nein,

die Armen sind selig ja nicht

dass sie´s vielleicht werden sein,

tröstet sie nicht.

Schrecklich drückt sie die Last,

haben, was nicht sollte sein,

haben die Armut zu Gast,

Krankheit und Not im Gebein.

 

Blumen nicht, Sonnenschein

Noch auch des Frühlings Licht

Lassen sie fröhlich sein,

sie vermögen es nicht.

Quälender, stachelt sie an,

Schmerz nimmt sie fest in die Pflicht.

Selig die Armen, sie sind

Leider ja selig nicht.

 

Selig die Armen. Der Geist,

wo weilt er, dass er sie schützt,

dass er den Weg ihnen weist,

der ihnen nützt?

Dunkel wie eine Grube

Eilt nur die Zukunft herauf,

schickt seiner Geister Schar,

grässlich zuhauf.

 

Fing nur der Himmel schon an,

gäb einen Vorgeschmack,

nutzlos scheint alles, vertan,

was keine Aussicht hat.

Was keine Aussicht mehr hat,

einsam, verlassen, allein,

kümmerlich müd wirds und matt.

Selig die Armen? Ach nein.

 

Selig die Armen? Ach nein.

Ihnen leuchtet nur grad

noch ein Sterbelichtschein

auf ihrem letzten Pfad.

Nichts hebt sie sorglos hinauf,

wiegt sie in Sicherheit ein,

mühsam verröchelnd im Lauf.

Selig die Armen? Ach nein.

 

38. Du bist das Tor

Du bist das Tor, das unbekannte, enge,

die Schwelle, die man nur gebückt durchsteigt

das Nadelör dem zappelnden Gedränge,

das Blut, das noch von alter Hoffnung zeugt.

 

Du bist der Baustein blutig wund gehauen,

das Antlitz ausgehauen aus Felsens Schacht,

einmal nur sanft getröstet von der Frauen

herzliebsten Haaren kurz vor Mitternacht.

 

Du bist im Dunkel in der Nacht der Kleinen

Das letzte Wetterleuchten überm Haus,

die letzte Angst der Armut und das Weinen,

die Hand, die drückt die matten Lichtlein aus.

 

39. Penelope

Gern bin ich am frühen Morgen,

dir gehört die späte Nacht.

Nur im abendlichen Dämmer,

wenn ein Lichtlein heller macht,

kreuzen sich manchmal die Wege

und ich sage zu dir Du.

Und dann eilst du in die Kammer

und ich lege mich zur Ruh.

 

Wenn die Weberschiffchen eilen

Hin und her dem Text entlang,

tausend Fäden schießend, schließend,

und dir klingt´s wie Zauberklang:

Bist Penelope du, weise

überdenkend Kett und Reim;

Und Odysseus denkst du leise,

wie er endlich dir kehrt heim.

 

Und du webst umsichtig weiter,

Deine Fäden durch die Nacht

Weben mit dein uralt Sehnen,

bis der Morgen früh erwacht.

Dann jedoch mit leichtem Finger

Hältst du an der Räder Lauf

Unbemerkt und dann noch ringer

Trennst das Webstück wieder auf.

 

40. Winter

Die Kunst, sich von der Erde zu erheben

Und immer ruhiger ihr zu entschweben,

macht, dass man immer sicherer und milder

erfasst des Lebens wechselvolle Bilder.

 

Was nahe noch den Atem uns bedrängte,

Sorgen uns schuf, die Blicke auf sich lenkte,

im Weiterziehn uns sah gepresst voll Trauer,

das alles scheint dann ruhiger, genauer.

 

So mag ein Maler mählich von sich lassen,

weiß er des Lebens Bilder recht zu fassen

dass er Verschiedenes zugleich begreife

und nimmer im Gesonderten umschweife.

 

Des Winters Flächen nutzen froh die Kinder,

Sie sind zufrieden mit dem Schnee im Winter,

Und eilt der Tag auch hin durch wenig Stunden,

genug an Freuden haben abends sie gefunden.

 

41. Spätjahr

Rot, Gelb und Braun: die Farben

Fließen in eins, ineinander.

Sonne dämmert am Wald

Am Spätnachmittag.

 

Zusammen in eins. Ineinander

Das lange Getrennte.

Jetzt ist die Zeit

Der verwandelnden Kammer.

 

Himmel und Erde

Nach uralter Weisung,

bis Stille ist,

Einklang.