{ Die Töpfe (Komödie mit Gesang) }

Literatur von Martin Ganter

 

 

 

Endfassung vom 10.5.12

 

 

 

Personen

Papatutu, Kaiser der Volksrepublik St. Anton

Kanzler, Baron von Schanzenberg.

Hering, Leiter der Hafenbehörde (identisch mit dem Kanzler)

Ho Gu, Koch, Kürschner und Wissenschaftsminister

Narr

Prinzessin Helena

Achmed aus St. Anton

Tuatutu, Thronfolger der Volksrepublik St.Valentin

Achmadin aus St. Valentin

Expräsident Dr. Wulpo Faust

Karst und Hans, Sekretäre von Faust

Europafunktionäre Bombatsch, Mauler, Breinlich und Frl. Großkatz

Die Gottheit Unesco mit den Göttern Papa und Tua

Ein Läufer

Ein Bittsteller

Leibwächter und Wächter und Beamte aller Art

 

Inhalt

1. Akt: Auf der Flucht durch den Stillen Ozean

1. Szene: Der Ex-Präsident Wulpo

2. Szene: Karst allein auf Deck

3. Szene: Karst, der erste Sekretär, entdeckt die Insel.

4. Szene: Die Einfahrt des Schiffes

2. Akt: Auf der Insel

1. Szene: Beim Hafen

2. Szene: Auf dem Platz des himmlischen Friedens.

3. Szene: Untersuchung der Gäste.

4. Szene: Wulpo geht auf das Portal zu.

3. Akt: Im Palast der Republik

1. Szene: Papatutu auf dem Thron vor dem Empfang.

2. Szene: Wulpo stellt sich vor

3. Szene: Die Welt der Töpfe

4. Szene: Die letzten Stadien der Menschheit.

5. Szene: Das Ziel der Weltherrschaft.

6. Szene: Wie die Prinzessin auftaucht

4. Akt: Wie Wulpo im Topf verschwindet.

1. Szene: Wie Wulpo die beiden verschlossenen Töpfe öffnet und wie er zwei der Missionare wiederfindet.

2. Szene: Helena wird gerufen und Wulpo verschwindet im Topf

3. Szene: Warten auf Tuatutu

5. Akt: Tuatutu von St. Valentin

1. Szene: Tuatutu wird gesichtet

2. Szene: Begrüßung des Tuatutu

3. Szene: Tuatutu verlangt den Staatsschatz Europas.

6. Akt: Die Europäer mischen sich ein.

1. Szene: Wie die Europäer kommen und nach dem Rechten sehen.

2. Szene: Wie die Prinzessin hinzukommt.

3. Szene: Wie Achmed die Bombe bringt.

4. Szene: Papatutu stellt Forderungen

7. Akt: Das Erbe der Menschheit

1. Szene: Wie der Gott Unesco erscheint.

2. Szene: Totengericht.

3. Szene: Der Narr sagt der Menschheit Gute Nacht.

 

1. Akt: Auf der Flucht durch den Stillen Ozean

1. Szene: Der Ex-Präsident Wulpo

(Wulpo, mit einem Köfferchen, während Karst, der erste Sekretär, auf dem Schiffsdeck mit navigatorischen Aufgaben beschäftigt abseits von ihm steht.)

Wulpo: Wie gespenstisch alles dahingleitet, fast wie von Geisterhänden geleitet! Wenn es sich auch nur um eine winzig kleine Insel handelt, die bei der anhaltenden Gletscherschmelze und den ansteigenden Weltmeerpegeln ohnedies bald ein Opfer des Neptun wird, so könnte sie doch vorübergehend zu einem Refugium werden für müd gewordene Weltabenteurer, item für ausrangierte Regenten und Präsidenten, insbesondere aber für alle die Regenten und Präsidenten und deren geheime Mitarbeiter, die Sekretäre, die sich auf der Flucht befinden. Dabei war es schon immer so, dass sich einer, wenn man ihm als Großer entgegenkam, revanchierte und erkenntlich zeigte, und sei es auch nur durch eine winzig kleine Gabe. War ein solches Zeremoniell nicht auch bei mir notwendig, denn um mehr handelte es sich ja nicht, wenn ich als Präsident kleinere Vergünstigungen gewährte? War es nicht so, dass ich nur zusagte, oftmals nur zu einem kleinen Vergnügen meiner Sekretäre, die dabei die Arbeit hatten, um zum allgemeinen Herzens- und Seelenfrieden beizutragen? Doch da drängte sich der Feind dazwischen mit all seinem Hass und seiner neidischen Nase und hörte nicht auf, seine ellenlangen Ohren in Windrichtung zu stellen und zu schnüffeln und zu stöbern, um dann Gerüchte in die Welt zu setzen, die mich nun endlich marode gemacht haben. Viele Menschen fühlen sich ja erst dann so recht wohl, wenn sie andere so recht ins Elend gestürzt haben. Adieu denn, du altvergangene Welt, oder, wenn du es noch genauer hören willst, zum Teufel mit dir! Hast mich lange genug getäuscht und gequält und betrogen mit deiner unliebsamen Gegenwart. Mögen alle die vielen enttäuschenden Hoffnungen, mögen alle die vielen nutzlosen Anstrengungen und Unternehmungen, mögen alle Erinnerungen getilgt sein auf der Tafel meines Gedächtnisses. Mag der große Traum vergessen sein, mit dem wir einmal in diese Welt hinausgestürmt sind. Mögen mir alle die vielen kleinen schmeichelhaften Erfolge nie mehr in den Sinn kommen, die mich verlockt haben, mich immer weiter nach oben durchzukämpfen. Sie ja sind es, die mich scheinbar bestätigt und mir eingegeben haben, mich an immer größere Aufgaben zu wagen, sie, die mir die Bestätigung suggeriert haben, auf dem rechten Weg zu sein, sie, die mich verlockten, von der höchsten Berufung und von einem goldenen Bild im Geschichtsbuch der Menschheit zu träumen. Und nun steh ich da und warte wie ein Robinson, dass es mich anschwemmt an diese letzte Insel am Rande der Welt. Weh dem, der sich mit dem Menschen befasst! Weh dem, der sich auf ihn einlässt, weh aber vor allem auch dem, der glaubt, ihn zum Wohl der Menschheit bessern zu sollen. Weh allen, die in politisch-erzieherischer Absicht dem Menschen nahen, machtlos und ahnungslos und ohne die nötige Vorsorge zu treffen! Hände weg, so rufen wir allen zu, die es in den kommenden Zeiten verlocken mag, das Gesicht dieser Erde zu verändern. Nur ein weltfremder Träumer kann sich hier noch etwas austräumen. Der Karren der Menschheit stürzt auch ohne dich in den Abgrund. Hände weg von den alten Weggenossen und Kampfgefährten, die dir ihre Judasgesichter enthüllt haben!

Karst: Hat Exzellenz nach mir gerufen?

Wulpo: Nicht dass ich wüsste. Oder ist unsere Insel schon in Sicht?

Karst: Noch nicht, aber bald werden wir dort sein.

Wulpo: Vielleicht wäre es besser gewesen, ein Zunami hätte uns erfasst.

Karst: Aber Exzellenz!

Wulpo: Wie heißt sie noch einmal, diese verfluchte Insel?

Karst: St. Anton, Exzellenz.

Wulpo: Der Name gefällt mir nicht.

Karst: Exzellenz sagte doch selber: nur weg aus diesem überzivilisierten, ziellos dahinschweifenden Europa, und sei es auch ans Ende der Welt.

Wulpo: Dabei dachte ich aber nicht an diese Insel. Überhaupt, wie kommt die Insel zu diesem Namen, wo sie noch unentdeckt ist? Das klingt wie eine Lüge, die Glück verheißen soll, die mich aber irritiert in meinen Hoffnungen. Jedermann kann doch hierher gelangen. Er muss ja nur die Koordinaten eingeben.

Karst: Warum aber sollte er auch? Je mehr Koordinaten es gibt, umso schwieriger ist es, einen einzelnen Koordinatensatz zu treffen.

Wulpo: Ah die Koordinaten! Was für ein hässliches Wort.

Karst: Europa wird sich kaum bemüßigt sehen, nach Exzellenz zu suchen. Ist man erst abgetreten, ist man auch schnell vergessen. Ihr Nachfolger ist ja schon im Amt. Alles ging ganz schnell und zügig. Europa, so sagte er bei seinem Antrittsbesuch in Brüssel, Europa müsse zusammenwachsen und mit einer Stimme reden, um überhaupt noch in der Welt gehört zu werden; und er hatte ja Recht: denn da man sich in Europa nichts mehr zu sagen hat, genügt es, dass einer es sagt. Was aber den Namen der Insel betrifft, so haben uns die Missionare noch den Namen über ihr Handy mitgeteilt.

Wulpo: Die Missionare! Sie nannten uns den Namen und dann hat man von ihnen nichts mehr gehört!

Karst: Nachdem sie dieses St. Anton betreten haben, gelten sie für verschollen. Das heißt, wir wissen, dass sie auf der Insel angekommen sind; nur wissen wir nicht, wie man sie aufgenommen und behandelt hat. Es steht allerdings zu vermuten, dass das Willkommenszeremoniell nicht gut ausgefallen ist. Das ist aber auch nicht verwunderlich bei dem gradlinigen undiplomatischen Eifer und der Kompromisslosigkeit der drei Gottesmänner.

Wulpo: Immerhin wollten sie eine Religion verkünden, in der sämtliche Weltreligionen sich wiederfänden. Aber wenn die Insel hier ihren Namen nach dem heiligen Antonius von Padua erhalten hat, der einem hilft, wenn man etwas verloren hat, so wird er uns auch die Missionare wiederfinden lassen. Sobald wir angekommen sind und der Augenblick günstig ist, erinnere mich dran, dass ich mich nach ihnen erkundige.

Karst: Das will ich gerne tun.

Wulpo: Wenn es einer verdient hat, unter die großen Reformatoren gezählt zu werden, so ist es unser großer Klüngler. Selbst die Heiden wollte er in seine Gemeinde aufnehmen. Nur dass die beiden anderen etwas dagegen hatten.

Karst: (halblaut) Offenbar aber haben die Insulaner sein ehrgeiziges Programm, als großer Religionsstifter in die Geschichtsbücher einzugehen, nicht gewürdigt.

Wulpo: Was sagt er?

Karst: Ich sage: der fromme Glaube, man sei unterwegs zu einem Paradies, ist nicht immer hilfreich. Eine Rousseau-Insel wird uns jedenfalls nicht erwarten. Und soll ich es noch etwas genauer sagen, so sag ich, dass es überall, wo es Menschen gibt, auch Verräter gibt, die Anwesenden selbstverständlich ausgenommen.

Wulpo: Und doch ist es eine Schande, wie gleichgültig die Menschheit zusieht, wie ihre besten Köpfe niedergemacht werden, während sich die Tröpfe unendlich wichtig machen. Aber ich bin müde, hundemüde.

Karst: Es wird Zeit, Exzellenz, dass Sie Ihre Krankheiten ablegen, ehe wir die Insel betreten. Denn vermutlich gibt es dort noch keine Krankanstalten und keine Kurpfuscher. Und gestehen Sie doch nur selber: Ein geruhsames gesundes Leben ist allemal besser als ein Leben in Elend und Krankheit.

Wulpo: Was kann ich dagegen tun?

Karst: Zuallererst sollten Sie sich dieses Köfferchens entledigen. (er nimmt ihm das Köfferchen weg und wirft es ins Meer) Wenn Exzellenz immer mit diesem Exzellenzköfferchen auftaucht, ist das nicht gut; das erweckt den Eindruck, als wären da wer weiß was für Schätze untergebracht, unlauter erworbene wohl noch gar. Auf jeden Fall vermutet man darin mehr als ein Paar alter Socken, nebst dem Schinken von Herrn Klüngler über die Weltreligionen und einem Stück Mailänder Salami, rasch noch eingepackt von seiner dritten Lebensgefährtin. Jawohl, so ein Köfferchen weckt Begehrlichkeiten und das wiederum hat Gefahren im Gefolge, denen man besser aus dem Weg geht. Und ich müsste mich gewaltig täuschen, wenn es auf der Insel nicht auch Naturschönheiten gäbe.

Wulpo: (er will dem Koffer nachspringen)

Karst: Mein Herr, bleib er nur schön hier. Eine Exzellenz, selbst wenn sie nur noch eine emeritierte Exzellenz ist, ist zu mehr wert, als nur zu Fischfutter. Gehen Sie hinunter in Ihre Kajüte und legen Sie sich zu Ihrem zweiten Mittagsschlaf aufs Ohr. Ich will derweil Wache stehen und Sie benachrichtigen, sobald es Zeit ist.

2. Szene: Karst allein auf Deck

Karst: Er hört mich nicht mehr. Hinunter in die Kajüte ist er, seinen zweiten Mittagsschlaf zu halten. Nun denn. Verrichte ein jeder, was ihm zur Verrichtung ansteht! Oder hab ich nicht dafür gesorgt, dass alles in Gang kommt, was seiner Exzellenz zum Heile dient. (ins Handy) Hier spricht Karst! - Jawohl, der Sekretär von Dr. Wulpo Faust. - Jawohl, er befindet sich bei uns.- Jawohl, gesund, wenn auch nicht sehr munter. - Wie? Beidrehen und umkehren? Das ist unmöglich. Die Küstenwache würde uns aufbringen; die hat uns längst entdeckt. - Jawohl, wir werden ihn hier zu halten wissen. Ganz unauffällig, das versteht sich von selbst. Vergessen Sie aber auch bitte nicht, uns ein Hilfscorps zu entsenden. Schließlich wird es kaum anders abgehen, als dass man uns Hilfe von außen bringt. - Tuatutu? - Ja, der Monarch der Nachbarinsel. - Und wenn wir wieder in der alten Heimat sind, fallen wir unter den Paragraf des Kronzeugen. Davon dürfen wir doch ausgehen. - Jawohl, Karst ist mein Name, gewesener Sekretär des gewesenen Präsidenten. (Schluss des Telefonats)

Dr. Wulpo Faust heißt übrigens unsere gewesene Exzellenz mit vollem Namen. Doch wir nannten ihn stets einfach nur unseren Wulpo und nennen ihn auch jetzt noch so. Bis vor kurzem war er noch Präsident von Europa. In der Tat hatte er auch die allerschönsten Talente zu einem solchen Amt. Im Großen und Ganzen jedenfalls. Im Mittelalter hätte man ihn vermutlich mit dem Teufel im Pakt als Dr. Faust herumspringen sehen. Auch im Zeitalter des Absolutismus hätte er sich als absolutistischer Herrscher von Gottes Gnaden gewiss ganz vorzüglich ausgenommen. Nur schade, dass ihn die falschen Eltern zur falschen Zeit gebastelt haben. Das Spiel mit dem Teufel erfreut sich heute kaum mehr einer Beliebtheit. Abgesehen vom Entjungfern von Jungfrauen, wozu man keinen Teufel mehr braucht, weil es erlaubt ist, ist mit dem Teufel ansonsten auch nichts mehr auszurichten. Hier etwas verschwinden zu lassen und dort etwas zu unterschlagen, eine kleine Schönheitskorrektur vorzunehmen an Bilanzen oder sonst eine Kleinigkeit anzustellen, das kann man heute, wo man schon in Hunderten von Milliarden Euros die Schulden Europas berechnet, nicht einmal mehr mit Hilfe des Teufels fertig bringen. Selbst wenn man einem als amtierender Präsident etwas hat zukommen lassen - von diesem eine Gegengabe anzunehmen, was früher einmal eine Selbstverständlichkeit war, ist in unseren Zeiten mehr als riskant. Nachdem man nun aber unseren Wulpo solch feiner Delikte beschuldigt hatte - Vorteilsannahmen, wie es so schön heißt, waren es, die zur Auflösung seiner Immunität und zur Einleitung der strafrechtlichen Ermittlung geführt haben -, schleppte er sich nur noch müde und schwerfällig dahin, bis er uns endlich anheuerte, ihm auf der Suche nach einem Stück unbeschädigter Natur behilflich zu sein, ob er vielleicht doch noch einmal den früher einmal so robusten Glauben an sich zurückfindet. Besieht man ihn sich aber jetzt, so schleicht er herum, als wollte er, wie man ein Stück Müll irgendwo liegen lässt, ohne sich um die Entsorgungsgebühren zu bekümmern, seinen Körper irgendwo clam heimlich deponieren . Oder als ging es in die Unterwelt, um dort von der lieben langen Ewigkeit entsorgt zu werden. Solange er es noch nicht fertig gebracht hat, alle Spuren zu verwischen, wird er nicht umhin können, immer wieder die Gespenster der Angst in seiner Gefolgschaft zu erblicken. Immer wieder sieht er, wie Presseleute ihm nachschleichen, um ihn auf frischer Tat zu ertappen. Dabei habe ich oft gedacht, damals als ich ihn noch sah, wie er sich über alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe hinweg setzte, als gälte es, ein paar Stubenfliegen zu verscheuchen. So ein Fell möchte ich auch haben. Solange sie ihn noch nicht mit dem Gericht zu belangen vermochten, ging ja auch noch alles ganz gut. Erst wie sie ihm dann mit der Staatsanwaltschaft auf den Leib rückten, war es vorbei. Dann endlich nahm er seinen Hut; und seitdem sind wir auf der Flucht.- Was mich angeht, so bin oder war ich der eine seiner beiden Sekretäre, genannt Karst, der Sekretär fürs Grobe, der Mann zum Feuern. Wiewohl nun aber das Feuern bei ihm durchaus zur Praxis gehörte, traf es mich doch nie. Wenn ich gefeuert werde, das hatte mir Wulpo bei meiner Einstellung versichert, würde ich nur aufwärts fallen. Ob diese Zusage aber auch noch gilt, wo er selber nur mehr noch als ein gefeuerter Präsident und, wie ich meine, etwas halsstarrig durch die Welt reist, bliebe abzuwarten. Vermutlich kann ein gefeuerter Präsident gar nicht mehr feuern. Wenn er aber noch feuern kann, wohin geht dann der Schuss? Bei aller Liebe zu Wulpo ist da etwas Skepsis angebracht. Nun muss ich mich freilich auch nicht mehr von einem gefeuerten Präsidenten abfeuern lassen. Doch, meine Damen und Herren, haben Sie keine Angst um uns, wir haben vorgesorgt. Schließlich ist einem das eigene Hemd am nächsten. Und Sie dürfen mir glauben, wenn wir, seine beiden Sekretäre, nicht auch selber das dringliche Bedürfnis verspürt hätten, zu verschwinden, dann befänden wir uns jetzt auch nicht auf diesem Schiff. Was meinen Kameraden, den Hans, angeht, so ist er der Sekretär fürs Feine, der Schöngeist und Denker, der für die Ausarbeitung der Reden und Ähnliches zuständig ist; er sitzt oben im Mars und hält Ausschau, wann die Insel St. Anton auftaucht.

Wenn ich nun aber auch kein Kenner bin in Geografie, so glaube ich doch nicht, dass die letzte noch unentdeckte Insel auf Erden nur das Paradies sein kann. Davor bewahrt mich der gesunde Menschenverstand, dass ich mir solche aberwitzigen Märchen ausmale, nicht nur der drei vermissten Missionare wegen, die eigentlich in diplomatischem Dienst geschickt waren und uns den Empfang in St. Anton erleichtern sollten. Auch wenn Politiker gerne zum Glauben greifen, wo ihnen das Wissen fehlt, und das kommt leider viel zu oft vor, so weiß ich doch, dass eine unentdeckte Insel, wenn sie denn bewohnt ist, nur von Wilden bewohnt sein kann. Wie wild diese Wilden sind, das weiß freilich keiner, der noch nicht mit ihnen zu tun gehabt hat. Solange man nun aber über diese Dinge nicht Bescheid weiß, heißt es Acht geben. Lieber sich die Wilden, zumal die wilden Männer, etwas wilder vorstellen, als sie sind, und dann angenehm enttäuscht werden, als zur Erkenntnis gelangen, wenn es zu spät ist. Was dagegen die Frauen angeht, so bin ich durchaus kein Kostverächter und finde es hin und wieder auch mal amüsant, wenn eine Frau neben ihrer Schönheit auch etwas Wildheit mitbringt. Das wäre das Salz in der Suppe. Ich würde ansonsten gewaltig darunter leiden, wenn ich auf galante Abenteuer verzichten müsste.

3. Szene: Karst, der erste Sekretär, entdeckt die Insel.

Karst: Doch da kommt ja das Ufer schon auf uns zu, ohne Bretterzaun, wie es sich für das Ende der Welt ziemte. Hallo, Hans! Bist noch immer am Lesen oder schläfst du?

Hans: Hallo Karst! Ist alles in Ordnung?

Karst: Alles!- Und du? Was treibst du denn nur so still da droben?

Hans: Ich muss wohl ein wenig geträumt haben. Von meinem Bruder; der ist Geschichtslehrer; der hat mir erzählt, wie wenig den jungen Leuten ein Verständnis für die Geschichte beizubringen ist. Und nun sah ich ihn im Traum, wie er einem dieser jungen Leute nachsetzte. Der junge Mann, ein renitenter, in seiner Einfältigkeit Neonazi-spielender Schüler, musste etwas Schreckliches angestellt haben und befand sich auf der Flucht. Meinem Bruder aber begegneten nun allerlei wilde Gesellen und Radau machende Eltern; später dann, mein Bruder hatte den Schüler längst schon aus den Augen verloren, traf er auf ein paar um den Oberstudiendirektor versammelte, würdige Kollegen, die er befragte. Der Weg, den diese ihm wiesen, führte dann zu ein paar Häuptlingen von Eingeborenen, die in Riesenkochtöpfen irgendwelches Menschenfleisch herrichteten. Dort war dann auch Friedrich Schiller, der verkündete, dass die Weltgeschichte das Weltgericht sei und dass nun die Historie zu Ende gehe. Daraufhin durften alle Anwesenden einen der Deckel heben und in einen der Töpfe schauen. In dem Topf aber, in den mein Bruder schaute, saß Adolf Hitler, ganz verkrampft und in sich gekauert und würgte eben den schwer verdaulichen Nazi-schüler herunter. Um mich darüber zu beruhigen, hab ich dann ein wenig zu lesen begonnen. Die Stelle war recht spannend und passte fast ein wenig zu meinem Traum. Nur hochorganisierte Individuen merken, so stand da, dass die Zeit etwas sehr Kostbares ist. Darüber hab ich nachgedacht.

Karst: Und was war der Ertrag?

Hans: Entweder du machst dir die Zeit untertan oder die Zeit macht sich dich untertan.

Karst: (für sich) Er philosophiert und destilliert die feinsten Philosopheme heraus und ich besorge das Grobe, damit sich seine Sprüche erfüllen! (laut) Dabei kann sich das Individuum dann und nur dann hoch organisieren, wenn es genug Freiheit dazu hat.

Hans: Dabei hat sich noch nie ein Politiker die Freiheit der Individuen gewünscht. Von der Freiheit der inneren Harmonie hat er vermutlich überhaupt noch nie etwas gehört. Was ihm am Herzen liegt, das sind die Privilegien seiner Immunität. Dafür hat auch unser Wulpo bis zum Schluss gekämpft. Wer von uns hätte das fertig gebracht, so lange dem Widerstand der ganzen Welt zu trotzen und die Stirn zu bieten. Ja, aus solchem Schrot und Korn muss man sein, wenn man hoch hinaus will. Da darf man sich nicht gleich wegen jeder kleinen Blessur nach Mamas Schürze umsehen. Und auch nicht so wie wir, darf man es da treiben, die immer in der zweiten oder dritten Reihe laufen und selbst jetzt noch so um ihn herum scharwenzeln. Auch wir sollten einmal mündig werden.

Karst: Immerhin hat er der Demokratie einen großen Dienst erwiesen. Nun nämlich darf man endlich frei und unbefangen auch über das höchste Staatsamt vom Leder ziehen. - Doch dass wir jetzt nur nicht das Ziel verpassen bei all den hohen Gedanken.

Hans: Wieso?

Karst: Ja sieh dich doch nur um!

Hans: O ja doch, freilich. Wenn du das meinst! Fast hätte ich es noch übersehen. (er ruft laut) Land in Sicht!

Karst: (in die Kajüte rufend) Exzellenz! Land ist in Sicht!

Hans: Man sieht schon seine Majestät, den Kaiser Papatutu von St. Anton, wie er mitsamt seiner achtunggebietenden Erscheinung zum Hafen hinab kommt.

Karst: (in die Kajüte rufend) Man sieht schon seine Majestät, den Kaiser Papatutu von St. Anton, wie er mitsamt seiner achtunggebietenden Erscheinung zum Hafen hinab kommt.

Hans: Auch seine Höflinge stehen um ihn zum Empfang.

Karst: (in die Kajüte rufend) Auch seine Höflinge stehen um ihn zum Empfang.

4. Szene: Die Einfahrt des Schiffes

(Während das Porträt von Papatutu auf einem Segel des Schiffes auftaucht, erscheint auch Wulpo.)

Wulpo: Was schreit ihr so heillos? Oder posaunen schon die vier Engel das Ende der Welt!

Hans: (herabsteigend, mit Buch und Stift in der Hand) Ganz so spektakulär apokalyptisch geht es hier wohl noch nicht zu. Immerhin aber sind wir angekommen am Ende der Welt! Die Insel kann man schon mit bloßem Auge sehen.

Wulpo: Macht mit mir, was ihr wollt. Wenn ihr mich nur in Ruhe lasst, so soll es mir Recht sein.

Karst: Exzellenz war es doch, die wollte, dass wir ihn in ein kleines Refugium bringen am Ende der Welt.

Wulpo: Mir wär lieber, ich könnte mir meine Insel noch lang idyllisch austräumen und müsste sie noch nicht sehen.

Hans: Refugien sind meist keine Millionärsvillen oder Herrenschlösser, zumal wenn man nicht das nötige Kleingeld mitbringt.

Wulpo: Mir geht alles zu schnell. Ich bin noch nicht genügend vorbereitet.

Hans: Waren wir nicht lang genug unterwegs?

Wulpo: Ich werde den Gedanken nicht los, als ob das ganze Leben nichts anderes gewesen wäre als eine Unsumme verpasster Gelegenheiten, auf die es nun auch nicht mehr ankommt.

Karst: Dabei haben Exzellenz eben erst die 50 überschritten.

Wulpo: Wenn du nun fast dein gesamtes Leben an deinem Lebenswerk zugebracht hast und du immer deutlicher erkennst, dass alles nichts war - was bleibt da anderes übrig, als sich zum Selbstschutz darüber hinweg zu lügen, indem man sich bei Tag und bei Nacht einhämmert, dass man das Beste aller Menschenwerke geschaffen hat?

Hans: Ein Faust lässt sich immer sehen. Im schlimmsten Fall besteht man darauf, dass jeder nur dem Geist gleicht, den er begreift.

Wulpo: Wenn ich etwas ahne, so dies, dass die Zeit des großen Genies endgültig vorbei ist.

Karst: Auf jeden Fall ist es jetzt zu spät umzukehren. Man hat uns bereits im Visier.

Papatutus Stimme: (man sieht nur sein Bild auf dem Segel, aber die Stimme tönt laut auf dem Schiff) Meine Damen und Herren. Ladies and Gentlemen, ich, Kaiser Papatutu der Große, oberste Majestät und alleiniger Parteivorsitzender der Volksrepublik St. Anton mache Sie darauf aufmerksam, dass sie unsere Staatsgrenze passiert haben und sich in unseren Hoheitsgewässern befinden.

Karst: Da hören wir ihn, den Herrn vom Ende der Welt.

Hans: Und da ist er zu sehen. (während sie in den Hafen einlaufen, sieht man den Leiter der Hafenbehörde mit drei seiner Beamten, den Hans mit der Majestät verwechselt) Exzellenz, sollte sich jetzt nicht mehr länger bei den trüben Erinnerungen aus der vergangenen Welt aufhalten. Oder ist es nicht so, Karst?

Karst: O ja, so ist es. Ein neues Land, ein neuer Beginn!

2. Akt: Auf der Insel

1. Szene: Beim Hafen

(Dort steht der Leiter der Hafenbehörde, ausgerüstet mit modernem techn. Gerät, mitsamt dreien seiner Beamten. Dahinter der Platz des himmlischen Friedens, wo sich eine Kolossalstatue seiner Majestät befindet; noch weiter dahinter der Palast des Kaisers. Der Leiter sollte vom Kanzler gespielt werden, der es in dieser Verkleidung auf Verwirrung abgesehen hat.)

Leiter: Meine Herren!?

Wulpo: Majestät!

Leiter: Ihre Namen?

Wulpo: Wulpo Faust ist mein Name.

Hans: Und ich heiße Hans, wie man es spricht.

Karst: Und ich Karst.

Wulpo: Ich dachte, wir kämen als bekannte, gerne erwartete Staatsgäste.

Leiter: Denken Sie nicht zu viel.

Karst: Entschuldigen Majestät!

Leiter: Dort (er zeigt auf die Statue), dort steht der Kaiser! - Was mich betrifft, so bin ich der Leiter der Hafenbehörde, einer der höchsten und wichtigsten Beamten seiner Majestät, und diese drei Leute sind Leute der mir unterstellten Hafenbehörde.

Wulpo: Wie dürfen wir Sie anreden?

Leiter: Nennen Sie mich Hering, Leiter der Hafenbehörde.

Hans: Das ist aber kein Witz und keine Falle?!

Leiter: Ich habe sie im Namen seiner Majestät zu empfangen. - Sie kommen aus Europa, wie ihre Sprache verrät?

Wulpo: Aus dem Herzen Europas.

Karst: Falls Majestät auf uns hat warten müssen, so tut es uns leid. Wir haben alles getan, aber die Entfernung von der entdeckten zur unentdeckten Welt ist sehr groß; da stößt auch die modernste Technik rasch an ihre Grenzen.

Leiter: Mag es die Herren beruhigen, dass Majestät nicht auf Sie gewartet hat. - (auf Wulpo weisend) Und er nennt sich Exzellenz?

Hans: Woher wissen Sie das? - So nannte man ihn bislang. - Das heißt, dass er genau genommen nur noch eine gewesene Exzellenz ist, dass es sich bei ihm also nur noch um eine Scheinexzellenz oder um eine Ex-Exzellenz handelt.

Leiter: Man hat ihn also aus dem Amt gejagt?

Karst: Kürzer und treffender kann man es nicht sagen.

Leiter: Und was hat ihn aus dem Amt gebracht?

Karst: Lügen und Verleumdungen waren es und vor allem ein unergründlich böser Wille.

Leiter: Und eine solche Exzellenz schickt uns Europa?

Hans: Europa schickt uns nicht, Kanzler Hering. Wir befinden uns auf der Flucht. Was aber nicht heißt, dass wir verfolgt würden.

Leiter: Flüchtlinge aus Europa, um die sich niemand mehr auch nur noch ein Haar ausreißt? Und wie steht es mit der Mitgift?

Wulpo: Mitgift?

Ein Beamter: Man versteht uns nicht? Wir fragen, was die Herren zu verzollen haben.

Wulpo: Bringt man eine Mitgift hierher, die man auch noch zu verzollen hat?

Leiter: Wir reden von den Milliarden, die seine Exzellenz im Gepäck hat für seine Majestät und die wir als Hafenbehörde zu verzollen haben.

Wulpo: Ich fürchte, wir sind am falschen Ort angelangt.

Leiter: Wer unsere Weisungen pünktlich beachtet, hat nichts zu befürchten.

Narr: (der inzwischen herbei gesprungen ist) Am rechten Ort, zur rechten Zeit, mit recht viel Geld: nenn ich gescheit!

Hans: Exzellenz aber befindet sich auf der Flucht, will heißen, er ist froh, seine nackte Haut über das Meer gerettet zu haben.

Leiter: So haben die Herren kein Präsent mitgebracht?

Narr: Nicht einmal etwas Kleines?

Hans: (für sich) Nicht einen einzigen Hering haben wir dabei.

Karst: Wie gesagt, es ging alles sehr schnell.

Beamter: Wer nichts mitbringt, ist auch selber nichts wert.

Wulpo: Sollen wir wieder gehen?

Narr: Gehen? Wer zu uns kommt, geht nicht mehr; er wird gegangen.

Leiter: Er hat also in Europa ausgedient und wünscht nun, hier einen Neuanfang zu machen?

Wulpo: Man wird sehen, wie die Verhandlungen laufen.

Leiter: O täuschen Sie sich nicht, Mister ?

Karst: Wulpo Faust, heißt seine Exzellenz noch immer, Kanzler Hering.

Leiter: Nicht jedermann gewähren wir politisches Asyl. Als noch unentdecktes Land haben wir Verpflichtungen in aller Welt. Vor allem wünschen wir uns keine Scherereien mit kommenden Freunden. Dies aber wird vollends klar, wenn ich hinzufüge, dass wir kurz davor stehen, als Supermacht die erste Geige auf der weiten Welt zu spielen. Alles, was bislang war und geschah, war nur dazu da, den Aufstieg von St. Anton vorzubereiten.

Wulpo: Gleichwohl möchte ich betonen, dass ich mich noch immer als einen freien Mann erachte.

Leiter: Achte er sich, wie er will. Achte er aber noch mehr darauf, was man von ihm will.

Wulpo: Wir werden uns an die allgemein anerkannten Spielregeln halten.

Leiter: Und in diesen beiden Leuten da hat er treue Gesellen?

Wulpo: Das will ich hoffen. Nicht wahr, Hans? Nicht wahr Karst?

Hans und Karst: Das wollen wir allerdings hoffen.

2. Szene: Auf dem Platz des himmlischen Friedens.

Leiter: Kommen Sie, meine Herren! Betreten Sie mit mir den Platz des himmlischen Friedens. Ist er nicht ein Prachtstück moderner Städtearchitektur? Und hier hinten, gegen Osten, sehen Sie die Halle des Volkes, den Palast der Republik, das Schloss unseres Kaisers, des Kaisers Papatutu, Sohn seiner Majestät, des Kaisers Papatutu, Souverän der Volksrepublik St. Anton, vorherbestimmt vom Schicksal zum Kaiser der vier Weltenden.

(Ein Bittsteller kommt herbei und stürzt vor dem Leiter nieder, den er als Kaiser anspricht.)

Bittsteller: Majestät, Gnade!

Leiter: Was ist mit diesem Kerl? Was will er hier? Haben wir nicht strengstens untersagt, dass einer seinen Topf verlässt?

Bittsteller: Ich bitte um die Vergünstigung, den fremden Gästen eine Bitte vortragen zu dürfen.

Leiter: Warum hat er uns nicht um Erlaubnis gefragt, seinen Topf verlassen zu dürfen?

Bittsteller: Das hätte man mir niemals erlaubt.

Leiter: Und daraus folgert er, dass er ohne Erlaubnis abdampfen muss? Ist das nicht eine reizende Logik, meine Herren?

Wulpo: Mein Herr! Sie haben eine Bitte?

Bittsteller: Die Volksrepublik ist ein Gefängnis.

Leiter: Genug mit dem närrischen Zeug.

Narr: Schon Dänemark war ein Gefängnis. Und Europa ist ein Gefängnis. Ja, die ganze Welt ist ein Gefängnis, wenn man es nicht besser versteht.

Bittsteller: Darf ich nun meine Bitte vortragen?

Leiter: Und dann will dieses perverse Subjekt bei einem Mann bitten, der selber als Bittsteller zu uns kommt!

Wulpo: Lassen Sie doch den Mann sagen, was er glaubt sagen zu müssen! Wenn er mir etwas zu sagen hat, so sag er es mir!

Leiter: Wir sind hier nicht in Europa, wo jeder Wünsche äußern darf, ohne dass irgendeiner sie erfüllt.

Wulpo: Mein Herr, Sie irren, wenn Sie sagen, ich wäre als Bittsteller gekommen.

Leiter: Als Leiter seiner Majestät irre ich nie. Doch fürchte ich, wenn ich Sie mir ansehe, mein Herr, dass man, auch wenn Europa bald schon von der Erdkarte verschwunden und in eine Provinz der Volksrepublik St. Anton umgewandelt ist, dass man dann noch immer den Geist des Widerspruchs und des pöbelhaften Aufruhrs an seinen Insassen wahrnimmt.

Narr: Das ist die zweite Natur eines lang arretierten Gefängnisinsassen.

Bittsteller: Darf ich noch etwas sagen?

Leiter: Kein Wort mehr!

Bittsteller: O ich kann auch mit ganz wenig Worten etwas sagen: Dass wir nämlich arbeiten müssen wie die Tiere, nichts als arbeiten. Dass unser ganzes Leben aus nichts besteht als aus stumpfsinnigem Arbeiten. Ich z.B. mach jetzt schon seit über 10 Jahren nichts als Pfännchen, die wir in alle Welt exportieren, die aber allesamt nichts wert sind. Die benutzt man zweimal, dann sind sie kaputt. Zwar habe ich schon oft die Produktion moniert, aber man will es nicht anders. Man hat es durchkalkuliert und erzielt mittels einer minimalen Staatssubvention den maximalen Gewinn. Europa kauft das Zeug, weil es nur die Hälfte kostet. Aber das ist nicht befriedigend, mit Pfuscharbeit Geld in die Staatskasse einzuschaufeln.

Leiter: Sehen Sie, meine Herren. Solche Subjekte gibt es leider auch bei uns. Statt dass sie still arbeiten und tun, was wir von ihnen verlangen, begehren sie auf. Glauben, wegen einer lächerlichen Beschichtung mit Teflon den Teufel in Bewegung setzen zu sollen. Was will er denn?

Bittsteller: In summa will ich dem fremden Gast sagen, dass das Volk in der Volksrepublik St. Anton unterdrückt wird, und will ihn bitten, etwas gegen diese Unterdrückung in Gang zu bringen.

Leiter: Da wird zuerst etwas ganz anderes in Gang gebracht.

Bittsteller: Auch wenn ich dafür als Organspender für die oberen Zehntausend zerlegt und filetiert werde, so sage ich dennoch: Wenn man unsere Leute frei laufen ließe, und sie kämen hierher auf den Platz des himmlischen Friedens, so würden sie Dinge erzählen, dass sich die Haare der Welt bis zum Mond sträubten.

Leiter: Ein Erzählertalent, meine Herren, finden Sie nicht auch?

Bittsteller: Die gesamte entdeckte Welt würde dann entdecken, wie unerträglich und menschenunwürdig man in der unentdeckten Welt haust.

Leiter: Jetzt ist aber genug. (zur Wache) Nehmt ihn und führt ihn ab und setzt ihm den Kopf zurecht!

Bittsteller: (während er abgeführt wird) Meine Herren! An der Grenze nach Westen verbrennen sich Leute! Mönche! Aus Protest, weil man ihre Landsleute bei der Ausübung ihrer religiösen Pflichten abschlachtet!

Leiter: Was für absurde Behauptungen, und das nur, weil sie unsere Religionsfreiheit nicht mögen! O, die Herren werden erstaunt sein, wenn sie erst einmal erkannt haben, wie herrlich es bei uns ist. Freilich, dass überall auf der weiten Welt immer wieder einen der Wahnsinn überfällt, dass er sich als großer Freiheitsheld einen Namen zu machen sucht, verwundert nicht. Aber diese Leute sind keine Menschen, das sind Kannibalen, die der Feind zu Aufruhr anstiftet. Nur in ihnen tobt und rumort es so abscheulich. (man hört einen Schuss) Unser Volk aber ist still und zufrieden.

(ein Läufer kommt herbei.)

Läufer: Majestät! Melde gehorsam, die Volksrepublik St. Anton ist bis auf den Augenblick noch unentdeckt.

Leiter: Idiot! Schau er sich erst um, ehe er gackert! (weist auf das angekommene Schiff)

Läufer: (will gehen)

Leiter: Wart er! (auf den Läufer zeigend) Er geht anderswohin!

Hans: Wohin kommt der jetzt?

Leiter: Dorthin, wo er lernt, Dienst nach Vorschrift zu absolvieren.

Hans: Und wo ist das?

Narr: Er kommt in den Topf für Kopflose. Dort wird sich dann zeigen, ob ihm ein Kopf nachwächst oder nicht.

Läufer: Weshalb? Was hab ich getan? Nur weil ich das Schiff da übersehen habe?

Leiter: Selbst wenn er alles der Wahrheit gemäß gesagt hätte, dulden wir nicht, dass man uns schlechte Nachrichten bringt! (er pfeift, dann kommen vier Männer) Weg mit dem Kerl!

Läufer: Gnade! Erbarmen! Wenigstens zu den Schwererziehbaren würde ich gerne kommen! (während auch er weggeführt wird) St. Anton ist ein Gefängnis, wie es kein zweites gibt!

Leiter: Meine Herren, Sie wissen doch, warum einer, der nach Freiheit verlangt, ein Schädling ist?

Wulpo: Wir dachten, die Menschheit hätte aus den vielfältigen Revolutionen der letzten 200 Jahre ihre Lektionen gelernt.

Leiter: Wer nach Freiheit verlangt, bekundet damit, dass er sich unwohl fühlt. Das aber ist Störung der öffentlichen Ordnung, das ist Aufruhr, in summa unerträglich.

Wulpo: (für sich) Mir ist, als ging es in eine Mäusefalle.

Leiter: Was meint seine Exzellenz?

Wulpo: Mir ist schlecht geworden.

Leiter: Was sagt er?

Wulpo: Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach nicht lange hier bleiben.

Narr: Da würde ich vorsichtig sein, my lord. Auch die Maus, als sie in die Mäusefalle getappt war, wollte nur noch kurz den Speck wegstibitzen, ehe sie den Tatsachen ins Auge schaute.

Leiter: Meine Herren! Machen sie sich an die Arbeit! Sehen Sie nach, was unsere Gäste zu verzollen haben und dass sie tip top in Stand sind, ehe sie den Thronsaal seiner Majestät betreten! (er geht seitwärts ab)

3. Szene: Untersuchung der Gäste.

Beamter: Ich darf Sie jetzt also bitten, sich zum Empfang bereit zu machen.

Wulpo: Was soll das heißen?

Narr: Dass Sie zur Visitation den Körper frei machen.

Hans: Zu was für einer Visitation?

Narr: Wie viele Visitationen gibt es denn?

Beamter: Zuerst legen Sie alle Wertgegenstände hierhin! Sodann knöpfen Sie sich das Hemd auf und die Hose, damit die Beamten gleich mit der Durchleuchtung beginnen können!

Anderer Beamter: Sollten Sie aber Waffen bei sich haben, so legen Sie diese hierhin! Ich sage das als Ihr Freund. Sie ersparen sich eine Menge Unannehmlichkeiten!

Wulpo: Das verlangt man von uns? (zu den Beamten) Meine Herren, haben Sie bitte die Gewogenheit, sich noch ein Weilchen zu gedulden, bis ich mich mit meinen Leuten besprochen habe. Vermutlich ziehen wir es vor, uns wieder zurückzuziehen, statt uns auszuziehen.

Der andere Beamte: Rücken Sie mit allen Waffen heraus, die Sie unter dem Hemd oder in der Hose tragen, mit allen Schusswaffen wie Pistolen und Pistölchen, des weiteren mit zugespitzten Gegenständen wie Taschenmessern und Dolchen, aber auch mit Nagelfeilen und Stecknadeln und Reißzwecken und Büroklammern und dergleichen mehr.

Wulpo: Was für ein Theater.

Narr: Beim Besuch von Monarchen gehört das zum fundamentalen Hofzeremoniell.

Wulpo: Das ist noch schlimmer als die Zurschaustellung auf dem Fastnachtskarren.

Beamter: Also marsch. Jetzt keine Faxen mehr!

Wulpo: Sagte ich nicht, dass wir uns geirrt haben und dass wir niemanden hier zu besuchen wünschen?

Narr: Irren Sie sich jetzt am besten nicht mehr. Es war schon immer unklug, etwas gegen die Übermacht durchsetzen zu wollen.

Karst: Mich könnt ihr einstweilen schon mal durchforsten. Ich brauche keine Bedenkzeit mehr!

Narr: Brav, mein Sohn. Wenn ihm dabei einer zusehen würde, so könnte er sich dazu denken: Das bin ich ja gar nicht, den ihr da seht. Das ist nur ein Schiffbrüchiger, den es ans Ende der Welt verschlug. Wenn ihm das aber als Selbstverleugnung noch zu wenig ist, so mag er sich damit vor sich selber entschuldigen, dass sich die anderen an seiner Stelle auch nicht anders verhalten würden. Mein Sohn, nur indem man mit den Wölfen heult, arrangiert man sich mit der Notwendigkeit.

Hans: Ich brauch auch keine Bedenkzeit. Wenn der Wille des Herrn geschehen muss, so mag er geschehen.

Beamter: Und du?

Wulpo: Macht, was ihr wollt!

Beamter: Und wo habt ihr eure Geschenke?

Wulpo: Was für Geschenke?

Beamter: Die Geschenke, die hier auf diesen Platz sollten, der immer noch leer ist.

Dritter Beamter: (hinzukommend) Wie steht es mit der Ausbeute?

Der andere Beamte: Weder Wertgegenstände noch Geschenke haben sie dabei.

Wulpo: Wir haben doch gesagt, dass wir mittellos sind.

Dritter Beamter: Wollen als Gäste kommen und haben kein Gastgeschenk bei sich? Keinen goldenen Becher für seine Majestät? Keinen Goldreif und kein Perlenkollier für die Prinzessin? Nichts? - Habt ihr noch was gefunden?

Anderer Beamter: Nichts, keinen Yen und keinen Penny.

Dritter Beamter: Dann durchsucht noch das Schiff! - Und ihr marschiert vor zur Wache des Tors und bittet um Einlass!

Wulpo: (zum Narr) Guter Freund, kann er uns nicht sagen, wie wir das anstellen müssen, dass wir von den Türwächtern keine Eintrittserlaubnis bekommen?

Narr: Guter Freund, wenn er wüsste, was er da fragt! Mach er nur nicht so weiter mit seinen Späßen! Auf zur Wache, und ehrfürchtig um Einlass gebeten!

4. Szene: Wulpo geht auf das Portal zu.

(Er wird von einem Beamten und dem Narren begleitet)

Wulpo: So hatte ich mir das allerdings nicht vorgestellt. Das ist ja noch schlimmer als im schlimmsten Traum. Würde ich wenigstens nur träumen, ein Gefangener zu sein, so könnte ich darauf hoffen, bald wieder als freier Mann zu erwachen.

Narr: Das Leben, mein Herr, ist ein Traum, der mit dem Nie-mehr-Erwachen endet.

Beamter: Hier bringen wir drei Leute aus Europa, die bei seiner Majestät, unserem Kaiser Papatutu um einen Audienz ersuchen.

Wächter: Mein Herren! Was begehren Sie?

Narr: "Eine Audienz beim Kaiser" muss er jetzt sagen.

Wulpo: Muss ich das?

Narr: Los, dann helft ihr ihm aus!

Karst und Hans: Unser Herr, Präsident Wulpo ist so überwältigt von der Pracht und der Herrlichkeit des Palasts der Republik, dass es ihm rein die Sprache verschlagen hat. Lassen Sie uns an seiner Statt die Antwort geben, dass wir eine Audienz beim Kaiser Papatutu begehren.

Narr: Aber auch er muss sagen, dass er eine Audienz begehrt; so verlangt es das Protokoll.

Karst: Exzellenz wird gut beraten sein, zu begehren, was er begehren soll, auch wenn ihm nicht nach Begehren zu Mute ist.

Wulpo: So hätte ich meine Freiheit nur noch dazu, um meine Unfreiheit zu begehren?

Hans: Immerhin sieht uns niemand.

Wulpo: Genug, dass ich mich sehe.

Wächter: Also los! Was begehrt er?

Wulpo: (mehr für sich) Am liebsten hätte ich, er würde diese Türe so versiegeln, dass sie auch nicht mit dem besten Zauberspruch mehr geöffnet werden könnte bis ans Ende der Welt. Aber soweit ist es nun schon gekommen, dass ich begehren muss, eingelassen zu werden in dieses Gefängnis.

Wächter: Er sieht nicht gut aus. Mitgenommen, verängstigt, ramponiert, ruiniert beinahe. Das sieht seine Majestät nicht gern.

Karst: Der Präsident hat viel auszustehen gehabt.

Narr: Nur aufgeschaut! Dann erblickt er die Braut.

Hans: Mit der Braut ist das so eine Sache; die hat er zuhause zurückgelassen; nach all den Turbulenzen hat die nun die Scheidung eingereicht und Nr. 4 oder 5 steht bevor.

2. Wächter: Und was für Geschenke haben die Herren für unseren Kaiser mit dabei?

Wulpo: Wie oft sollen wir das eigentlich noch sagen, dass wir nichts dabei haben?

Karst: In Europa spricht sich so etwas rasant herum.

2. Wächter: Kein Geschenk!

1. Wächter: Das ist nicht gut!

Hans: Wir bringen unseren guten Willen mit zu guter Zusammenarbeit und wir bringen Erfahrung mit; dazu aber auch noch Treue und Zuverlässigkeit.

2. Wächter: Einen guten Willen zu guter Zusammenarbeit? Das ist nicht viel. Und Erfahrung? Auf welchem Gebiet? Auf dem Gebiet der Technik und des Fortschritts?

Hans: In Naturwissenschaften und Technik war unser Herr noch nie ein Ass.

2. Wächter: Was dann?

Hans: Allgemeine Erfahrung im Umgang mit Menschen, ihr Sinnen, ihr Trachten, ihr Verhalten und Benehmen.

1. Wächter: Das ist auch nicht viel, ganz davon abgesehen, dass davon bis jetzt noch nicht viel zu bemerken war.

2. Wächter: Fehlen nur noch die Erfahrungen mit den Menschenrechten. Auf Hungerkünstler pflegen wir nämlich ganz besonders zu warten. Kommen ohne Geld und reden uns mit Märchen über die Menschenrechte die Ohren voll.

Hans: Nur keine Sorge. Weltverbesserer sind wir gewiss nicht. Dafür können wir bürgen. Oder nicht Karst?

Karst: So ist es.

Hans: Wo immer seine Exzellenz ist, versteht er, sich bestens den Gegebenheiten anzupassen. Dafür können wir bürgen.

Beide Wächter: Also dann! Klopft an und versucht euer Glück!

Wulpo: (klopft leise an)

Beide Wächter: War das angeklopft? Noch einmal, aber jetzt herzhaft und richtig!

Wulpo: (zu Karst und Hans) Klopft ihr an!

Hans: Wenn Exzellenz befehlen. (er will klopfen)

Beide Wächter: Meine Herren, so geht das nicht. So halbherzig, hasenherzig, sklavenhaft. Passen Sie einmal auf!

3. Akt: Im Palast der Republik

1. Szene: Papatutu auf dem Thron vor dem Empfang.

(Papatutu auf seinem Thron. Neben ihm ein mannshoher ausgestopfter Bär. An der Türe steht der Kanzler, der noch im Umkleiden begriffen ist, und späht durchs Schlüsselloch nach draußen. Ferner sind im Thronsaal Ho Gu und Leibwächter, nebst einigen anderen Wächtern. Die Sicht auf den Hintergrund ist durch einen weiten Vorhang versperrt.)

Papatutu: Stellt die beiden Töpfe hierher! Wir werden sie noch gebrauchen.

Kanzler: (lässt zwei mannshohe verschlossene Töpfe hinter dem Vorhang hervorholen und sie seitwärts in den Vordergrund stellen)

Papatutu: Und die Technik hat funktioniert?

Kanzler: Wie am Schnürchen. Bei der Einfahrt in den Hafen haben wir das Bild Ihrer Majestät ehrfurchtgebietend und groß aufs Bramsegel geblendet, als wär das Schiff bereits beschlagnahmt. - Wulpo Faust heißt übrigens der Anführer. Ein kleiner Gerne-Groß, vermutlich aus der europäischen Kleinbürgerschicht, der in der Politik eine steile Karriere zu machen hoffte.

Papatutu: Ist sonst noch etwas an ihm aufgefallen?

Kanzler: Er scheint nicht recht zu wissen, wo er ist, und scheint auch nicht über das Talent zu verfügen, etwas energisch anzupacken und durchzuführen. Sein Charakter ist wie sein Klopfen: halbherzig, ängstlich, ohne Selbstvertrauen und ohne Durchsetzungsvermögen, ein Wunder, wie er überhaupt hat Präsident werden können. Vor allem aber beherrscht ihn ein ewiger Widerspruchsgeist. Empfindlich reagiert er vor allem, was seine vermeintliche Größe angeht. Ein hochsensibles Pflänzchen.

Papatutu: Damit kommt er bei mir nicht weit.

Kanzler: In Europa scheint die These zu gelten, dass der Mensch sich so weit von der Natur entfernt habe, dass er, selbst wenn er wollte, nicht mehr zu ihr zurückfände.

Papatutu: Und weiß er dann nicht mehr aus noch ein, fährt er zu uns, in unsere heile Welt, als wären wir vom Himmel auserkorene Therapeuten.

Kanzler: Sie halten sich gerne für zahm gewordene Wilde.

Papatutu: Doch mag er zu uns in Therapie kommen, so wird er schon bald merken, dass wir nicht deshalb unentdecktes Land geblieben sind, damit sich die Lebensmüden bei uns absetzen und einen billigen Lebensabend genießen. Wir haben genug Aufgaben, wo er uns zu beweisen hat, wie er es mit der Natur hält. Meinst du, wir können ihn so weit bringen, dass wir ihn bei unserem Militär einsetzen können?

Kanzler: Ob wir das vermögen, bezweifle ich zwar. Doch sind solche Leute aus Europa immer der Beachtung wert. Allein schon wegen des allgemeinen Marktwertes. Im schlimmsten Fall stopfen wir ihn aus und verkaufen ihn. Ein ausgestopfter Präsident aus Europa ist unter Brüdern schon immer ein gutes Scheinchen wert. Man muss den Artikel nur ins rechte Licht halten; dann findet sich schon jemand. Und ist es kein Nationalmuseum, dann ist es ein betuchter Liebhaber, der nicht weiß, wohin er sonst mit seinem Geld soll.

Papatutu: Wenn er aber glaubt, uns wie seine Missionare von Nächstenliebe und Menschrecht die Ohren vollblasen zu sollen, hört der Spaß auf. - Hat er wenigstens ein fettes Geschenk für uns im Gepäck?

Kanzler: Nicht ein Yen ist bei ihm gefunden worden, weder im Hosensack noch auch in seinem Schiff. Aber wenn es Not tut, werden wir ihn zu Gold verwandeln.

Papatutu: Zum Teufel auch! Mir rauscht und rogelts ganz fürchterlich im Leib.

Kanzler: Majestät!

Papatutu: Warum hat sie die Küstenwache nicht versenkt? Sind wir ein Land für Seestreicher und Schmarotzer? O, ich habe jetzt eine außerordentliche Lust zum Tyrannen. Ich spüre ein unsagbares Verlangen, zum Wüterich zu entarten. Ist wenigstens unsere Wunderwaffe fertig?

Kanzler: Der Techniker Achmed will in einem knappen Stündchen so weit sein.

Papatutu: Was? In einem knappen Stündchen! Hier sollte sie sein, wenn ich nach ihr verlange!

Kanzler: Der Fahrplan, Majestät, ist unverrückbar!

Papatutu: Was für ein Fahrplan?

Kanzler: Gegen Sonnenuntergang wird seine Majestät zum Weltenkaiser ausgerufen. - (zu Ho Gu) Sie haben doch den Kriegsminister Assad informiert.

Ho Gu: Er ist unterrichtet und lässt auf alles schießen, was sich seiner Majestät in den Weg stellt.

Papatutu: Wo ist Assad?

Ho Gu: Er exerziert noch mit den Elitetruppen im Schlosshof.

Papatutu: Und Tuatutu?

Kanzler: In 2 Stunden spätestens wird er da sein. Bis dahin wissen wir auch, was wir mit den Fremden anfangen. Wenn dieser Wulpo sich als brauchbar erweist, ist gut, wenn nicht, ist auch gut.

(es klopft an die Türe)

Kanzler: Da ist es wieder, dieses halbherzige Klopfen der Fremden.

Papatutu: (er brüllt) Herein! - Fangen wir an!

2. Szene: Wulpo stellt sich vor

Kanzler: (Während die Wache die Türe öffnet, geht er Wulpo entgegen und führt ihn dann zum Thron des Papatutu) Treten Sie ein, meine Herren, und bemühen Sie sich um die Ihnen geziemende Haltung. Sie befinden sich jetzt im Palais seiner Majestät, unseres Kaisers, das auch die Halle des Volks genannt wird. Hier pflegt seine Majestät seine Gäste zu empfangen: Kaiser Papatutu, Sohn seiner Majestät, des Kaisers Papatutu, Souverän der Volksrepublik St. Anton, vorherbestimmt vom Schicksal als Kaiser der vier Weltenden. - Meine Herren, ich bitte um strengstes Stillschweigen! Seine Majestät!

Papatutu: Meine Herren!

Kanzler: Hoch lebe Kaiser Papatutu, Souverän der Volksrepublik St. Anton!

Die Sekretäre: Hoch lebe Kaiser Papatutu, Souverän der Volksrepublik St. Anton!

Papatutu: Und er? Hat er Angst?

Kanzler: Geb er nur zu, wenn er ein wenig Angst hat!

Wulpo: Auch ich lasse den Kaiser hochleben, (für sich) wenn das wirklich der echte Kaiser ist.

Papatutu: Meine Herren, seien Sie uns gegrüßt! Ich hoffe, wir werden uns bald schon kennen und noch besser zusammen arbeiten.

Hans: Den Herrn da kennen wir doch schon. Das ist doch Herr von Hering von der Hafenbehörde.

Papatutu: Da täuscht sich der Herr. Heringe gibt es im Meer. Hier vor Ihnen aber steht mein Kanzler, Baron von Schanzenberg.

Kanzler: Und dies hier ist Ex-Präsident Wulpo. Nach kleinen Scheißereien in der europäischen Politik kommt er als Asylant aus Europa und bittet seine Majestät um Aufnahme und Schutz in der Volksrepublik St. Anton. Kaum dass er von unserem wundervollen Staatswesen gehört hat, hat er sich entschlossen, zu uns zu kommen. Europa ist nämlich abgewirtschaftet und steht am Rande des Ruins und bedarf dringend der Erneuerung, nicht nur was die erneuerbaren Energien und das Geld angeht; es bedarf einer grundsätzlichen Neuorientierung, deren er hier teilhaft zu werden hofft an den Quellen der Natur.

Papatutu: Wir haben schon von ihm gehört und hoffen, dass er sich als unser Schüler brauchbar erweist.

Wulpo: Ich komme nicht ?

Kanzler: Schon gut. Es bedarf da keiner Entschuldigung. Wir wissen, dass er nicht als Spion oder als Feind kommt, sondern ausschließlich als unser Freund.

Wulpo: Noch habe ich mich zu nichts entschieden. Ich behalte mir deshalb die Freiheit vor ?

Kanzler: Wer auch dürfte ihm etwas anderes unterstellen, als dass er Willens ist, in der Befolgung der kaiserlichen Anordnungen das Beste aus sich zu machen.

Wulpo: Zwar bin ich gegen jede Art von Willkür, doch ?

Kanzler: Wir sind uns ganz sicher, dass er seine Hausaufgaben pünktlich und sorgfältig macht.

Wulpo: Wenn das Gute, das ich jemals getan habe ?

Kanzler: Ja gewiss, wenn einmal bekannt werden wird, was er für seine Majestät, den Kaiser, getan hat, so wird niemand auf der weiten Welt mehr zaudern, ihn für einen der ganz Großen und Auserwählten zu halten.

Wulpo: Betrüblich ist nur ?

Papatutu: Dass es außerhalb unseres Reichs so betrüblich zugeht.

Kanzler: Majestät will damit sagen, dass man in Europa zu wenig Wert legt auf gutes Benehmen. Wenn jeder auf eigene Faust Schindluder treibt und wie Piraten über das Land herfällt, das werden wir nicht dulden. Und hat nicht auch er gegen die Willkür der Medien und besonders gegen die Infamie der Boulevardpresse angekämpft! Mag auch der Einzelne wegen Verleumdung und Ehrabschneidung vor Gericht zitiert werden, wenn er nur den Mund aufmacht in gewissen Sachen, der Journalismus darf sichs herausnehmen, wenn nur der Wind entsprechend bläst. Dann ist plötzlich aus einem Staatspräsidenten ein Diktator geworden oder ein menschenrechtsverachtender, blutrünstiger Tyrann.

Wulpo: Meine Herren, ich danke Ihnen für Ihr Verständnis.

Kanzler: O, die Wahrheit muss heraus, sobald wir sie gefunden haben. Mit Mücken und Schnaken sollte man die dortige Presse nicht vergleichen.

Wulpo: Nur wer lieb Kind bei Ihnen ist, kann leben.

Kanzler: Sobald aber die Presse die Masse gegen einen aufhetzt, ist man verloren. Gerechtigkeit ist da nimmer in Sicht.

Wulpo: Die Presse bestimmt die Meinung der Masse und die Masse die Richtung der öffentlichen Organe.

Kanzler: Und das nennt sich das freie und aufgeklärte Europa?

Karst: Natürlich ist das alles bekannt. Deshalb gehen auch nur noch kleine Schlucker in die große Politik. Wer etwas auf sich hält, wird Vorstand in einer großen Bank oder bei der Großindustrie oder er wird ein Anwalt, der sich um Objekte bekümmert, deren Streitwert nicht unter einer Million liegt. Früher, als die Politik bei uns noch allmächtig war und als man noch wusste, dass man ihr Achtung schuldete, da herrschte das peinsame Gericht der Zensur, heute, wo die Presse, und das heißt die Masse, die Kontrolle über die Politik hat und wo selbst ein Präsident seines Lebens nicht mehr sicher ist, heute gibt es nur noch das peinliche Gericht unserer Presse bzw. der Masse.

Kanzler: An unserer guten Absicht müssen die Herren nicht zweifeln.- Übrigens ist das da Ho Gu. Früher war er ausschließlich auf die Zubereitung von Fleischgerichten und insbesondere auf die Bearbeitung von Köpfen spezialisiert. Im Fortgang der Evolution begnügt er sich damit, nur noch einmal im Jahr eine Delikatesse zuzubereiten.

Ho Gu: Den Tuatutu würd ich aber gern einmal rösten.

Kanzler: Du sollst ihn bekommen. Darüber werden wir uns noch zu besprechen haben. - Und doch schätzen wir seine neue Berufung noch mehr. Jetzt nämlich hat er sich über das Amt des Chefkochs hinaus zu unserem Obertechniker und Ingenieur gemausert. Es ist eine Freude, zuzusehen, wie schnell er, kaum dass er mit der Technik Kontakt aufgenommen, seine Kunst ausgebaut und verfeinert hat.

Narr: Beinahe sind wir schon ein wenig stolz auf ihn.

Kanzler: Und das hier ist der Narr, den Sie bereits kennen. Da er schon früh einige schöne Talente gezeigt hat, hat ihn seine Majestät in Europa studieren lassen. Manchmal, wie eben jetzt, ist er zwar etwas vorlaut, aber dafür haben wir ja die Peitsche.

Wulpo: Der Kaiser hat ihn in Europa studieren lassen?

Papatutu: Ist das etwas Besonderes?

Narr: In Oxford hat er mich studieren lassen, dear mister, um es ganz genau zu sagen.

Papatutu: Doch das war wohl ein Fehler. Leute, die sich um Bildung bemühen, verlieren den unmittelbaren Kontakt mit der Natur und werden ihr fremd. Und so hat er uns denn einiges überflüssiges, ja schädliches Wissen mitgebracht, das wir ihm noch immer nicht ganz ausgetrieben haben. - Merken Sie sich, meine Herren! Nur für den allerletzten Notfall, wenn Zahmheit zu nichts mehr führt, behalten wir uns das Recht vor, wild zu werden. Im Übrigen aber bevorzugen wir die Kunst der geheimen Listen. Sich ganz klein zu machen und sich zu überwinden, diese Kunst wird bei uns besonders geschätzt.

Narr: In der Tat kann kein Professor von Cambridge oder Oxford leugnen, dass es Freiheit nur zusammen mit Entbehrungen gibt.

Papatutu: Doch kommen wir nun zur Sache! Einiges ist mir über Sie schon zu Ohren gekommen, wie Sie den Worten unseres Kanzlers entnommen haben, einiges auch durch Ihr jetziges Benehmen. Doch würden Sie uns durchaus einen großen Gefallen tun, wenn Sie uns einen kleinen Einblick in Ihr vergangenes Leben gäben, woraus wir ersehen könnten, dass wirklich kein kleiner abgeschlagener Mann zu uns gekommen ist, sondern ein Kämpfer, den auch ein Weltreich wie unsere Volksrepublik noch gebrauchen kann.

Wulpo: Wenn ich auch schon als Kind ein großer Mann hab werden wollen, so ist doch ganz gewiss kein Gigant zu Ihnen gekommen. Wenn ich noch zu etwas gut bin, so hab ich einige Erfahrungen gesammelt, was es mit der Größe so auf sich hat in der heutigen Zeit und wie man sich verhalten muss, um sich in der Welt ganz oben zu halten. Dass ich aber ein großer Mann werden wollte, das hab ich vermutlich nur meinem Vater zu verdanken; der war nämlich nur ein armer Schlucker und litt darunter, weiter nichts zu tun zu haben, als von exquisiten Dummköpfen Befehle zu empfangen. Und so schien es ihm vollauf genug zu sein, wenn ich auf die Welt gekommen wäre, um zu beweisen, dass er Recht hatte, als er seinem Schwager allen Ernstes prophezeite, ich würde einmal ein bedeutender Politiker werden. Was blieb mir da anderes übrig, als mein Leben zur Erfüllung seiner Prophetie einzurichten! Allen meinen Lehrern zum Trotz, die vornehmlich ihre Aufgabe darin sahen, mir früh genug einzureden, dass aus mir nichts werden könnte, und die mich ermahnten, mir nur ja nichts einzubilden, ließ ich nicht ab, von Fürsten und Königen zu träumen, die einst in der Geschichte der Menschheit durch eine rigorose Expansionspolitik auf sich aufmerksam gemacht und die Welt erschreckt haben, bezeichnete auf dem Globus die von mir einmal zu erobernden Kontinente, als hätt ichs schon getan und ließ mich, wohin ich auch immer kam, auf den prächtigsten Thronen nieder und ließ mich als Alexander den ganz Großen verehren. Versteht sich, dass in einer so prächtigen Traumwelt niemand damals in der Lage gewesen wäre, mir den Beweis zu führen, dass ich nicht das ganz großes Zeug in mir hatte. Später dann, nach der Schule, hab ich alles, was nur im Leben eine Rolle spielen mag wie Freundschaft und Liebe strikt meinem ehrgeizigen Ziel hintangestellt. Meine erste Ehe ging in die Brüche: es ließ mich kalt. Meine zweite Ehe ging gleichfalls in die Brüche: auch dies ließ mich kalt. Mich deswegen für gescheitert zu halten wäre mir nie in den Sinn gekommen. Zumal da ich Stufe um Stufe im Parteiapparat emporstieg, wusste ich, dass ich in meiner Profession auf dem rechten Weg war. Ja, dass ein Herz aus Eisen und ein rigoroser Wille selbst auch bei mittelmäßigen Talenten etwas ausrichtet und dass einer damit Karriere zu machen vermag, wird keiner mehr bezweifeln. Leider aber sind meine Träume dennoch nicht so in Erfüllung gegangen, wie ich es mir ausgemalt hatte. Gerade die Geschichten und Berichte früherer Fürsten und Könige waren es wohl, die mich auf die falsche Fährte brachten. Ein junger Mann, der heute in die Politik geht, sollte viel mehr wissen, wie es um die Natur des Menschen bestellt ist. Er sollte nicht im Unklaren sein, dass er auf Menschen als Mitarbeiter angewiesen ist, dass aber aus fast jedem Freund von heute morgen schon ein bitterböser Feind geworden sein kann; er sollte wissen, dass jede Art von Verrat an der Tagesordnung ist, wenn er vom Gesetz nicht geahndet wird, vor allem aber auch, wenn es viele sind, die sich zum Verrat zusammenfinden. Überhaupt den Umgang mit den vielen, mit der Masse muss er beherrschen. Höchste Priorität kommt dabei der Kunst zu, dem Volk nach dem Maul zu reden. Hinzu kommt dabei dann noch, dass er sich bald als Taschenspieler zeigt, der durch seine Tricks zu unterhalten und abzulenken versteht, bald als Beutelschneider, den keiner bemerkt, wenn z.B. er oder der Fiskus Geld braucht, bald ein salbungsvoller Redner, der mit seinen herzerschütternden Predigten den Leuten Tränen zu entlocken versteht, wenn es einmal ganz dicke kommen sollte. Und sieht er die Zukunft auch schwarz vernagelt auf uns zukommen, so weiß er doch Zuversicht zu predigen und trostvoll zu jauchzen, als sähe er das himmlische Jerusalem.

Die Kunst des Regierens ist in vieler Leute Mund,

wird uns oft auch nur wenig Weisheit draus kund.

Was die Alten taten in uralter Zeit,

das hört man zwar viel, doch bringt wenig es heut,

Wohl dem, der früher in Gottes Namen

Seinen Abschied nahm und das Volk sprach das Amen.

Wenn heut einer geht, ists meist, dass er entflieht,

da weiß man inzwischen schon, was dann geschieht.

Für gewöhnlich werfen sie hinterdrein

noch Steine wie der Kyklop ins Boot ihm hinein;

dann versuchen sie den guten Ruf ihm zu nehmen,

das kann noch den Tugendsamsten vergrämen.

Willst heut du regieren smart und gewandt,

regier mit beiden Händen, doch zeig stets nur die rechte Hand.

Sei geschickt, erschein edel, sei hilfreich, sei so gut,

dass die Linke nicht sieht, was die Rechte tut.

 

Doch willst du die Materie noch tiefer kapieren:

So sag ich: die Komödie gehört mit zum Regieren.

Was immer man hören will, musst du bekennen.

Musst keinen Prophet, keine Weisen dazu nennen,

selbst das Gottlehrbüchlein, so dus durchstudiert

auf erbauliche Sätze, keinen Mensch interessiert.

Darüber hinaus aber musst du immerfort repetieren,

dass allein die Gesetze du sorgsam willst respektieren,

dass Gesetze missachten ist strengstens verboten,

nur als Geißlein, nicht als Wolf, zeig bitte deine Pfoten.

Ein Esel, wer dem Esel den Esel zeigt.

Doch ob Ochs oder Esel, vor dem Geld man sich verneigt.

Willst heut du regieren smart und gewandt,

regier mit beiden Händen, doch zeig stets nur die rechte Hand.

Sei geschickt, erschein edel, sei hilfreich, sei so gut,

dass die Linke nicht sieht, was die Rechte tut.

 

Und geht?s auch nur um einen Pfennig Geld,

Nichts über den Mammon geht doch in der Welt.

Gut ist es, man lässt den Geldkarren laufen,

hinterm Mond, wenn er futsch ist, gibts einen neuen zu kaufen.

Was interessieren mich auch die Damen und Herrn,

die mich von Herzen haben so gern,

die nur von Gerechtigkeit und Himmel träumen?

Auch ich will gern meine Schäfchen umzäunen,

Ich sorg schon allein für mich väterlich klug,

Ich nenn es Providenz, doch sie nennen es Betrug

Und fragt man mich aus, soll ich Rechenschaft geben,

so hab ich geführt ein vorbildliches Leben.

Willst heut du regieren smart und gewandt,

regier mit beiden Händen, doch zeig stets nur die rechte Hand.

Sei geschickt, erschein edel, sei hilfreich, sei so gut,

dass die Linke nicht sieht, was die Rechte tut.

 

Von nichts hab ich was gewusst, wenn es wo klemmt, anders kann ich nicht sagen,

mögen die Gerechten auch drüber sich bitter beklagen.

Ich halte mir eigens zwei Top-Sekretäre,

zwei menschliche Bestien, durchaus aber wert der Ehre.

Den einen zum Behalten, den andern zum Entlassen,

die wissen alles, wie es zu fassen ist und was man nicht kann fassen.

Den ich entlass, entlass ich freilich nicht als Feind,

er geht nur, damit alles in Ordnung zu sein scheint,

und ich kann behaupten mit großmächtiger Brust:

mein Sekretär bleibt mir treu und nichts hab ich gewusst,

Wer immer auch bleibt, wer auch immer mag gehn,

in meiner Gunst soll sich alles drehn.

Willst heut du regieren smart und gewandt,

regier mit beiden Händen, doch zeig stets nur die rechte Hand.

Sei geschickt, erschein edel, sei hilfreich, sei so gut,

dass die Linke nicht sieht, was die Rechte tut.

 

Am liebsten freilich wär mir eine Welt,

in der ich könnt machen, was mir gefällt,

ohne alle die verbiesterte Fasenacht,

wo man nicht mal mehr über ein Pfürzlein lacht.

Eine Welt, wo man nicht mehr müsst Rücksicht nehmen,

auf die Dummköpfe all, sich ihnen anzubequemen,

Wo man nicht "es tut mir leid" jeden Tag müsst repetieren,

weil die Richter so schwerfällig sind beim Kapieren.

Wär ich das Gesetz, da könnte man sehn,

die Schar der Beamten zum Teufel gehn.

Ich schickte sie ins Museum oder auf den Sklavenmarkt zum Verkauf,

dann ging meiner Herrlichkeit Sonne auf.

Willst heut du regieren smart und gewandt,

regier mit beiden Händen, doch zeig stets nur die rechte Hand.

Sei geschickt, erschein edel, sei hilfreich, sei so gut,

dass die Linke nicht sieht, was die Rechte tut.

Papatutu: Bravo! So habe ich mir Europa vorgestellt. Doch wie heißt man so ein Liedchen?

Wulpo: Der Form nach ist es ein Couplet, Majestät, weil die Endzeilen die Strophen miteinander verknüpfen. Dem Inhalt nach ist es ein Metierlied, weil es vom Handwerk des Sängers seinen Ausgang nimmt.

Papatutu: Schön, schön! (zum Narr) Und du? Hast du uns zur Antwort auch so ein Metierlied verkuppelt?

Narr: Majestät hat nicht den Wunsch dazu geäußert.

Papatutu: Da sehen Sie, meine Herren, was wir für Hofdiener haben. Ist das nicht ungeheuerlich? An was muss ein Fastnachtsnarr von seiner Expansion sonst noch denken als an ein Fastnachtslied? Aber selbst das ist ihm inzwischen zu viel geworden. (zu den Bodyguards) Dafür kriegt er nachher zwei Salbungen. Eine, weil er die Dreistigkeit besessen hat, mir zu widersprechen, sodann aber auch, weil er es an weiser Voraussicht hat mangeln lassen und kein Couplet hergestellt hat.

Narr: Majestät sollte bedenken, dass ich als Hofnarr nicht wissen konnte, dass ich mit einem derartigen Gesang aufzuwarten habe, zumal der Vortragende sein Metierlied nicht mehr wie früher aus heiterer Brust und überzeugender Weltsicht vorgetragen hat.

Wulpo: In der Tat, die Welt wandelt sich und wir uns mit ihr.

Papatutu: Ganz Recht. Ich hab ja auch nur gescherzt. Das war das Stichwort, das wir brauchten.

Krieg ich dann gleichwohl eine Salbung?

Papatutu: Zwei Salbungen bekommt er, eine als Extrazulage, weil es ihm zu Wohl zu Mut ist, was sich daran erkennen lässt, dass er die Frechheit hat, nachzufragen. - Kanzler, und nun beginnen Sie, den Herren das Wesen unserer Staatskunst zu erhellen, damit sie zu verstehen beginnen, wie sich unsere Welt heute zu entfalten hat und was dabei zu tun ist! Zeigen Sie den Fremden unser Volk, damit sie die Arbeiten sehen, die zur Verrichtung anstehen.

Kanzler: Sehr wohl, Majestät! - Als Erstes, meine Herren, darf ich Sie daran erinnern, dass Sie sich hier auf streng geheimem Gebiet befinden. Alles, was Sie hier hören und sehen, unterliegt strengster Geheimhaltung, wo immer auch Sie ihr späterer Lebensweg hinführen sollte. Doch nun öffnen Sie Ihre Augen und testen Sie Ihre Blicke!

Wulpo: So steht uns jetzt also ein Eignungstest bevor.

Hans und Karst: Wir haben nichts gegen eine Überprüfung unsrer Eignungen, wenn sonst weiter nichts auf dem Spiel steht, als dass wir nach oben fallen.

Narr: Versteht sich, dass man sich bei einem Eignungstest bemühen muss, gut abzuschneiden, damit man nicht selber abgeschnitten wird.

Kanzler: Sei still!

Narr: (für sich) Ich sage ja nur die Wahrheit, wie sie den Kindern und den Narren zugestanden wird.

3. Szene: Die Welt der Töpfe

Kanzler: (er hat jetzt den Vorhang aufgezogen; man sieht Töpfe, reihenweis, wie eine Stadt; dazwischen sind immer wieder kleinere Hügel mit einem einzelnen Topf zu sehen. Es herrscht dort eine unheimliche Stille) Meine Herren, hier ist unser Volk! Was sehen Sie?

Wulpo: Ich sehe ein Meer von Töpfen.

Kanzler: Das Volk schläft noch, wie es Majestät angeordnet hat.

Wulpo: Schläft darin das Volk, das Sie uns zeigen wollten?

Kanzler: Darin schläft und schlummert es!

Wulpo: Immerhin ist es mitten am Tag?

Kanzler: Es schläft und arbeitet, wie es seiner Majestät gut dünkt.

Karst: Wie im Paradies, im Schlaraffenland?

Kanzler: Glauben Sie nur nicht, dass man hier auf der faulen Haut liegt. Nirgends auf der Welt wird so viel gearbeitet wie hier. Vor einer Stunde hat es gerade seine Arbeitsschicht von 12 Stunden beendet und nimmt in wenigen Minuten erneut seine Arbeit auf. Und Ferien mit fauler Haut kennt man schon gleich gar nicht bei uns.

Karst: Dann sieht die Sache allerdings anders aus.

Wulpo: Gespenstisch, das sich anzusehen. Da ist ja noch weniger Raum für einen als bei unseren engumhegten Legehennen.

Hans: Dann sind die Arbeitslöhne vermutlich sehr gering und die Produkte billig. Das ist freilich ein unschätzbarer Vorteil, sobald sie auf den Weltmarkt drängen.

Kanzler: Was haben Sie denn, meine Herren?

Wulpo: Mir ist, als wollte sich da etwas freimachen vor Empörung und losschlagen, wären wir nur nicht bei unseren Freunden auf St. Anton.

Kanzler: Pass er nur gut auf sich auf, Freund! In St. Anton pflegt man nicht durch Losschlagen und Revoluzzern auf sich aufmerksam zu machen.

Karst: Und diese einsamen Töpfe auf den Hügeln. Deren Bewohner haben es ja auch nicht viel besser. Was auch nützt die schönste Aussicht, wenn man nicht hinausschauen kann?

Narr: Das sind die Töpfe auf den sieben Hügeln der Volksrepublik von St. Anton. Hier wohnen die Aufsichtskräfte und Ordnungshüter über jedes Quartier und über jeden Stadtteil. Sie irren sich, wenn sie meinen, dass die nicht aus den Töpfen schauen dürften; eben das ist ihr Geschäft. Ich verspreche Ihnen: Sie werden sie nicht nur aus den Töpfen schauen, sondern auch aus- und eingehen sehen.

Wulpo: Dann können die also ihren Topf verlassen?

Kanzler: Es ist eine Freude, ihnen bei der Arbeit zuzuschauen. Sie sind so frei wie der Fisch im Wasser. Oder meinen Sie, wir hätten Appetit auf eine Revolution?

Ho Gu: Gerade diese Töpfe sind die idealen Behälter, die wahre Freiheit vor jedem Geist des Aufruhrs zu bewahren.

Wulpo: Und wann erhalten wir die versprochenen Lebenszeichen?

Kanzler: Jetzt gleich, wenn Sie wollen! Daran soll es nicht fehlen.

Karst: O ja, bitte!

Hans: Wir sind alle gespannt.

Kanzler: Müssen die Leute eben etwas auf ihren Schlaf verzichten. Aber das sind sie gewohnt. (Er pfeift; darauf tritt aus jedem Topf eines Hügels ein bewaffneter Soldat und tritt im Stechschritt nach vorn)

Kanzler: Meine Herren, wir haben Gäste. Drum rührt euch und singt!

Soldaten: (singen)

Das Militär ist hochzufrieden,

es hält die Hand stets am Gewehr,

es weiß, auf Erden gibt es niemals Frieden,

drum liebt es auch den Krieg so sehr.

Kanzler: Und nun ans Werk! An die Arbeit! Tut eure Pflicht!

(Jetzt hört man Lärm von Arbeitenden. Gerätesausen, Maschinendröhnen, menschliche Stimmen. Die Wächtersoldaten kommen und gehen immer im Stechschritt, holen Leute aus den Töpfen und setzen sie in andere Töpfe, nach oben wie auch nach unten.)

Kanzler: Nun, meine Freunde aus Europa. Verstehen sie jetzt, warum Europa längst abgewirtschaftet hat?

Wulpo: So hätte es abgewirtschaftet, weil man es an Töpfen hat fehlen lassen?

Kanzler: Zuerst einmal weiß man dort noch überhaupt nichts von der tieferen Bedeutung dieser Töpfe.

Wulpo: Und diese Wächter da! Diese Militärs oder Polizeispitzel! Warum eilen sie in so merkwürdigem Stechschritt hin und her? Wollen sie sich dahinter verstecken? Nötig könnte es ja schon sein. Oder kann ein solcher Job, wo man im Kadavergehorsam, ohne mit der Wimper zu zucken, tun muss, was man gesagt bekommt, und wenn man auch einen Menschen nach dem anderen abknipsen muss, kann ein solcher Job, ja kann ein solches Leben einen vergnüglich und zufrieden stimmen?

Kanzler: O, mein Herr!

Wulpo: Und dass da Leute aus den Töpfen geholt und in andere verfrachtet werden: was hat es damit auf sich? Nicht alle Insassen haben ihre Freude daran!

Kanzler: Was hat er für Probleme! Wer sich bewährt, wird geehrt. Wer sich nicht bewährt, versehrt.

Wulpo: Muss das sein?

Kanzler: So minimiert und unterminiert man jeden Widerstand.

Wulpo: Auch wir in Europa hatten schon solche Topfgefängnisse. Überhaupt in den absolutistischen und terroristischen Regierungssystemen von Friedrich dem Preußen bis in unsere Tage hinein war das so.

Ho Gu: Wer nicht in einen Topf passt, passt auch nicht in die Welt von Morgen.

Wulpo: Das sagten die damals auch.

Karst: Da wird schon wieder einer aus einem Topf geholt.

Hans: Und da auch!

Karst: Der Mann scheint sich zu wehren.

Der Mann: Wir sitzen hier und schuften, den lieben langen Tag. Und dann wird man dafür degradiert und massakriert.

Karst: Wer nach unten kommt, wird degradiert und massakriert?

Ho Gu: Degradiert und massakriert! Was für ein Ausdruck! Und wenn wir ihn massakrieren. Als Machthaber wirst du nur bestraft, wenn es dir nicht gelingt, jeden Aufstand gleich im Keim zu ersticken.

Kanzler: Aber vielleicht denken Sie, diese Leute hier entbehrten die Freiheit? Oder gar, wir sperrten sie ein. Als ob man nicht auch eingesperrt sein könnte beim größten Überfluss an Geld und Luxus. Oder springen nicht immer wieder die reichsten Leute aus Europa vor einen Zug oder stürzen sich von Türmen herunter? Manch einer besitzt einen größeren Reichtum an Freiheit, auch wenn er gegen viel Armut und Krankheit anzukämpfen hat, als einer, der alles hat und dem nichts fehlt, der aber ein Leben lebt, ohne noch etwas echt zu erleben.

Narr: Das sagte ich auch schon oft. Ohne dass einer gelernt hat zu entbehren, wird er niemals frei sein. Ohne Entbehrung keine Freiheit. Hat aber einer gelernt, zu entbehren und sich zu beherrschen, so kann er auch stolz in einem dieser Töpfe sitzen. In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Man könnte auch sagen in der Beschränktheit.

Kanzler: Das Prinzip der Freiheit hat man bei Ihnen zu Tode geritten. Wer nicht mehr weiß, wo er ist und nur noch vor einem Überangebot von Wahlmöglichkeiten steht und dahinrennt, ohne zu wissen, wo ihm der Kopf steht: ist der nicht tausendmal unglücklicher als einer, der sich dafür entschieden hat, auf jede weitere Entscheidung zu verzichten? Majestät, nachdem sie lange darüber nachgedacht hat, hat die für den Menschen einzig mögliche Daseinsform entwickelt, die ihm die mögliche Freiheit gibt, die er braucht, und die ihn zugleich so weit begrenzt, dass er produktiv tätig werden kann; das aber ist die Daseinsform des Topfs. Da ist der Mensch für sich und mit sich und mit der ihm betrauten Aufgabe. Ganz ungestört, ohne sich sonst um etwas bekümmern zu müssen, kann er da arbeiten und forschen und konstruieren und sich spezialisieren. Zumal wenn man sich wie bei uns um sein leibliches Wohlergehen bemüht. Was immer er braucht zur Stillung seiner leiblichen Bedürfnisse wird ihm gebracht; er wird versorgt rund um die Uhr. Ja er hat sogar das Privileg, dass er weiß, dass er ganz in der Nähe und im Schutz seiner Majestät sein Leben verbringen darf. Bedenkt man dies nur sehr genau, so wird man zu dem Ergebnis geführt, dass einer, der nicht in einen Topf passt, auch nicht in die Welt passt.

Wulpo: Da würden zum Schluss 5 Milliarden Töpfe nebeneinander stehen. Einer neben dem andern. Wäre solch eine Welt ein Glück?

Kanzler: Nur nicht so hochmütig, Freund aus Europa! Es geht nicht zuerst um das Glück des Einzelnen, sondern um eine Organisation der Gesellschaft, die das Überleben aller im Auge hat.

Wulpo: Wenn es erlaubt ist, so lassen Sie uns die Töpfe genauer ansehen.

Papatutu: Schau er sich nur um!

Kanzler: Und vergess er auch nicht, seine beiden Sekretäre mit hinzu zu ziehen! Hier ganz vorn links, in der nächsten Nähe seiner Majestät, gleichsam unter seiner väterlichen Fürsorge finden Sie sämtliche Handwerker. Und dort, noch weiter hinten, weilt der Nährstand, dann hier vorn rechts beginnt die Klasse der Techniker und Naturwissenschaftler, der Mathematiker und der Denker.

(während Wulpo auf die Töpfe zugeht und dann den einen und anderen Deckel hebt und hineinschaut, hört man: Was sucht er da? Mach er, dass er davon kommt! - Geb er nur Acht, dass er nicht auch bald in einem solchen Topf sitzt!)

Narr: Man könnte meinen, wir unterhielten hier ein märchenhaftes Topfgeschäft oder wir befänden uns auf einem Topfbasar oder Topfmarkt. Wohl gar noch, um in den Töpfen Menschenfleisch zu kochen. Aber meine Damen und Herren, sind wir etwa Menschenfresser? Sehen wir aus wie Menschenfresser? Freilich werden Sie sagen, das kann man niemandem ansehen; und da mögen Sie auch Recht haben; da bin ich mir ganz sicher, dass in ihrem alten Europa, das kennen zu lernen ich das Vergnügen hatte, manch ein alter Menschenfresser resp. Menschenfresserin auf den Straßen und Plätzen herumwandelt, die noch ihr altes Handwerk beherrschen. Aber bei uns, meine Damen und Herren ist das ein Ding der Unmöglichkeit. Nur wo die Natur ihr unbedingtes Recht beansprucht, sind auch wir so honett, ihr das Recht zu lassen. Im Übrigen aber liegt das schon sehr weit zurück, ja da müssen wir bis auf unsere Ahnen zurückschauen, die Menschengerichte nicht verschmäht haben. Aber das ist schon lange her.

Wulpo: Meine Herren, was geht hier vor sich?

Kanzler: Haben Sie etwas entdeckt, was Ihnen missfällt?

Wulpo: O, sehr viel. Nicht wahr, meine Herren?

Hans: Ich bin noch nicht so weit mit meinem Urteil.

Karst: Auch ich bitte, mir die Dinge zu erklären, auf dass ich sie verstehe.

Wulpo: Mit meinen Vorstellungen von einer humanen Welt sind diese Dinge da unvereinbar.

Kanzler: Er meint, weil er in den Töpfen Menschen aufgefunden hat?

Wulpo: Wir suchten Individuen und fanden nur in Töpfe gestopfte Menschen.

Ho Gu: Wo immer Menschen etwas zu arbeiten haben, gibt es solche, die es nur unter Zwang und widerwillig tun; aber diese hier gehören gewiss nicht dazu.

Wulpo: Hier wird das eigene Volk versklavt!

Kanzler: Aber mein Herr. Was für ein Wort!

Wulpo: Nehmen wir z.B. diesen Topf! (Ein Wächter holt eben eine Frau unsanft heraus)

Die Frau: (schreiend) Ich kleistere, ich kleistere, ich kleistere.

Männerstimme: Komm, sei still und reiz nicht den Riesen! Der Riese ist ein gemeiner Zwerg, der brüllt und beißt.

Die Frau: (immer noch schreiend) Ich kleistere, ich kleistere, ich kleistere.

Ho Gu: (den Deckel verschließend) Sie kleistert, gehört also dem Gewerk der Tapezierer an. Ist dagegen etwas einzuwenden?

Hans: Allerdings nicht, wenn auch ihr Schreien nicht eben auf große Lust zum Kleistern hinzuweisen scheint.

Ho Gu: Diese Leute kann man gut brauchen. Zum Verstopfen von Ritzen und Spalten. Zumal im Winter, dass die Kälte nicht in die Häuser eindringt. Sie kleistert. Das ist gut so, sehr gut sogar. Alles kleistert sie zu, nicht nur die Ritzen und Spalten in den Wohnungen der Häuser, auch die Ohren, um nichts mehr zu hören, und die Augen, um nichts mehr zu sehen und dann auch die Nase und den Mund, auf dass weder mehr etwas von draußen hereindringt, noch von drinnen nach draußen. Bravo Kleisterfrau, im engen Kreis des Kleistertopfs zu Haus: so überwindet man die Welt, indem man sich selbst überwindet. Für das morsche Haus Europa könnte man ganz sicher ein paar Kleisterfrauen brauchen.

Wulpo: Und weshalb wird sie malträtiert? - Was hat sie getan?

Kanzler: Nichts.

Wulpo: Und der da? Warum wird der geprügelt? Er hat doch auch nichts getan?

Kanzler: Wenn die Herren glauben, die einfache und einfältige Gerechtigkeit schaffe Ordnung, so haben sie weder die Verhaltensweise des einzelnen Menschen, noch die Dynamik der Masse verstanden. Mit der Bruchrechnung hat man das Wesen der Gerechtigkeit, die Selbstbeherrschung, noch lange nicht erfasst, wenn auch viele Richter diesen Eindruck erwecken mögen. Das Höchste, meine Herren, wird erreicht durch das Zusammenspiel zweier Antagonismen, durch Rücksichtnahme auf das Schwache und durch Demonstration von Stärke. Wir sind auf dem rechten Weg, haben aber das Ziel noch nicht erreicht. Hin und wieder ein kleines Exempel kann deshalb nichts schaden, das die Aufmerksamkeit der Schläfer weckt. Denn die Masse, und die umfasst bei uns ein paar Milliarden, besteht aus mehr oder minder wachen und verführbaren Träumern: aus aufgebrachten Habenichtsen und Neidhammeln unter dem Banner mit Hammer und Sichel bei Protestkundgebungen, die sich durch die Flaniermeilen der Einkaufszentren hinziehen bis hin zu den Wolkenkratzern der Gold und Geld hortenden Bänker, aus notorischen Krach- und Krawallmachern in den Stadien des Fußballs und um die Stadien herum, aus Love-Paradisten und Bordellwirten mit ihren preiswerten Schönen auf riesigen Partyplätzen, aus Utopisten, Nihilisten und Anarchisten bei Aufmärschen an öffentlichen Plätzen und Siegesdenkmälern, nicht zuletzt dann aber auch aus den vielen Dummköpfen, die sich Abend für Abend stets von neuem vor der Glotze niederlassen, um sich bis zum Zu-Bett-Gehen davor zu langweilen: kurz aus allen den Unzufriedenen und Zu-kurz-Gekommenen, die dafür sind, dass sie dagegen sind, weil sie nirgends zu Hause sind. Das sind die Tröpfe. Ein Tropf neben dem andern, so dass man wohl sagen kann: jedem Tropf seinen Topf!

Wulpo: (öffnet auch einen Topf; ein Mann kommt zum Vorschein) Und was tust du?

Der Mann: (nachdem er sich umgeblickt und den Kanzler gesehen hat) Ich verfertige Sandalen der Schuhgröße 40. Doch lass er mich weiterarbeiten. Ich möchte das doppelte Soll schaffen. (verschwindet wieder im Topf)

Kanzler: Ist das nicht wacker geantwortet?

Wulpo: Er hatte Angst, als er Sie sah.

Kanzler: Das sehen Sie falsch, mein Herr. Die Sprache dieses Mannes war die Sprache der Dankbarkeit. Er weiß, dass er verhungern müsste, wenn wir ihm keine Arbeit mehr gäben, dass er sich aber empor arbeiten kann, wenn er das gesetzte Soll übertrifft.

Karst: (zu einer Frau) Und du? Was tust du?

Die Frau (sich umschauend): Ich kehre den Dreck weg.

Karst: Ist das ein schöner Job?

Die Frau: Ich kehre den Dreck weg.

Karst: Gnädige Frau, ich habe Sie gefragt, ob das ein schöner Job ist.

Die Frau: Ich kehre den Dreck weg.

Karst: Sie versteht mich nicht.

Kanzler: Weil die Frage dumm gestellt ist, mein Herr. Denn Dreck ist nun einmal nichts Schönes. Wer aber so fragt wie Sie, macht doch darauf aufmerksam, dass das eine unschöne Arbeit sein muss. Das aber geht entschieden in die verkehrte Richtung. Der Vorgesetzte muss darauf achten, dass die Arbeit gefällt. Sehen Sie, das geht so! (nimmt die Frau nochmals aus dem Topf) Meine liebe Frau, sagen Sie dem Herrn da, der nicht weiß, dass Arbeiten-dürfen eine Auszeichnung ist, dass Ihnen die Arbeit Spaß macht.

Die Frau: O ja, die Arbeit ist sehr schön und beglückend.

Karst: Und was bekommt sie für diese Arbeit? Wie hoch ist der Mindestlohn?

Kanzler: Genug jetzt, mein Herr.

Wulpo: (der selber inzwischen recherchiert hat) Einer sagte zu mir: wehe, wenn du die Wahrheit sagst. Ich fragte ihn, was er damit meine. Drauf er: sagst du, es geht mir schlecht, dann geht es dir gleich noch schlechter.

Kanzler: Wer war das? Wer hat das gesagt? (alle ducken sich in ihre Töpfe)

Wulpo: Wir leiden alle, sagte mir ein anderer; aber das dürfen wir uns nicht anmerken lassen. Immer müssen unsere Gesichter strahlen. Deshalb cremen wir sie auch ein mit Strahlcreme.

Kanzler: Und was sagen die Herren da? Haben Sie auch solche Verleumdungen gehört?

Karst: Wir waren doch gar nicht dabei.

Hans: Aber wenn wir dabei gewesen wären, hätten wir das gewiss nicht gehört.

Kanzler: Der Dumme hat das Privileg, sich nie in die Enge der Argumente führen lassen zu müssen, weil ihm die Weite des Denkens fehlt. Um ihm etwas verständlich zu machen, müssen wir es tun durch Verengung des Raumes.

Wulpo: Nun denn, nehmen wir doch diesen Topf da! (er öffnet ihn) Mein Herr, bleiben Sie nur drunten bei Ihrer Arbeit. Sagen Sie uns nur, was Sie da machen!

Der Mann: Wir backen den Tyrannen das Brot, wir backen und backen

und leiden unablässige Not, gekrümmt sind die Nacken.

Wulpo: Haben Sie das gehört?

Kanzler: Das war selbst für einen Chinesen zu viel Chinesisch.

Wulpo: Das ist der Topf der Bäcker.

Kanzler: Das wollen wir uns merken. (er pfeift; die Ordnungskräfte kommen herbei und treten an) Sie hätten wohl lieber, sie lebten in Europa wie Sie, mein Herr, wo es als Ideal gilt, nichts zu tun und sich verpflegen und gängeln zu lassen, ohne dass man merkt, dass es einen noch gibt. - Heraus mit euch!

die Bäcker: (während sie ängstlich aus den Töpfen schauen, plötzlich zu Wulpo) Du Verräter!

Kanzler: Dieser Topf ist zu vermerken.

Wächter: Sehr wohl, Majestät.

Kanzler: Abtauchen und an die Arbeit! Dalli, dalli!

Karst: Werden die Bäcker jetzt degradiert, weil Wulpo sie verraten hat?

Kanzler: Vorerst werden sie mit der Angst bestraft, degradiert zu werden. Doch gehen wir doch lieber hierher, auf die rechte Seite. Hier ist die höchste Intelligenz am Werk, wie ich schon gesagt habe.

Wulpo: Bei Staatsgeschäften?

Kanzler: Was denken Sie auch! Die höchste Intelligenz taugt nicht für Staatsgeschäfte. Die höchste Intelligenz ist zu skrupulös, zu genau, zu zweiflerisch, absolut ungeeignet für die Praxis des Staates. Das alles hier sind hochspezialisierte Spezialisten, die rund um die Uhr an ihren Aufgaben sitzen und kein Auge zu tun. Hier sind die Mathematiker, genauer gesagt, nur die Exoten unter ihnen, die also, die uns augenblicklich keinen Gewinn erbringen.

Wulpo: Wie in einem Konzentrationslager stehen die Töpfe da: nebeneinander und hintereinander und übereinander sortiert, im Unterschied zu den vorigen Töpfen sind die hier alle mit einer Nummer versehen.

Kanzler: Hier beginnt die Problematik der Individualität. Der Einzelne wird sich seiner Nummer, und damit auch seines Ranges bewusst.

Wulpo: Die großen und schweren Töpfe, man könnte sie schon Kessel nennen, ganz hier vorn.

Ho Gu: Jawohl, mein Herr. Im allerbesten Sinn hochkonzentriert ist man bei der Arbeit. (öffnet Nr. 600) Da sehen Sie doch in diesem Kessel Nr. 600, da haben wir einen ganz besonders exotischen Braten!

Narr: (auch in den Topf schauend)

Kleine feine Nabelschau

man bei Mädchen gern genießt,

doch bei Männern alt und grau

manch ein Nabel arg verdrießt.

Ho Gu: (er holt einen stämmigen Mathematiker heraus) Schon in jungen Jahren hat er seine Frau in die Wüste geschickt, weil er lieber ausschließlich mit der Mathematik verheiratet sein wollte. Seit dem, und das sind nun schon bald 30 Jahre, bastelte und bosselte er am Beweis des großen Satzes von Fermat. Jetzt aber ist ihm der Beweis geglückt. Wiewohl wir nichts mit seinem Beweis anfangen können, ja wiewohl er uns wie eine Kinderei vorkommt im Gegensatz zu den vielen Problemen, die uns unter den Nägeln brennen, von denen er nichts zu wissen scheint, ist er zutiefst glücklich mit sich und kehrt stets nur den strahlenden Sieger nach außen, als wollte er sagen: das muss mir erst mal einer nachmachen. Auch wir sind ja glücklich darüber, wenigstens dass wir ihn in seiner Eitelkeit so unter Kontrolle haben.

Wulpo: Und die kleinen Töpfe da vor ihm?

Ho Gu: Das sind die sogenannten wachsenden Töpfe, die Töpfe für seine Schüler; aber sie sind alle leer; und wenn einmal ein Schüler darin Platz gefunden hatte, so konnte er doch nicht wachsen, weil sein Töpfchen stets im Schatten stand.

Wulpo: So ist niemand etwas bei ihm geworden?

Kanzler: Neben ihm war einfach kein Platz.

Mathematiker: Was ich geschafft habe, das schafft sonst kein Mensch.

Kanzler: Na und? Dürfen wir nicht stolz darauf sein, nicht zu verstehen, was wir nicht verstehen, als dass wir uns abhärmen? (zum Mathematiker) Aber er war gleichwohl der Beste! Steckt die anderen in den Sack als wären es Kasperlefiguren. Brav so, mein Junge. Mach nur so weiter! Verborgen im Topf jagst du anderen zumindest keine Minderwertigkeitsgefühle ein. (wieder den Deckel schließend) Immerhin sind wir zufrieden, dass wir diese Leute bei einer Arbeit wissen, wo sie nie in Gefahr geraten, sich selber zu begegnen. Warum auch muss sich jeder Mensch begegnen? Für die Kleinen und Dummen und das heißt für die Mehrzahl wäre das ohnehin ein absurder Befehl. Wie das liebe Vieh sind sie zufrieden, wenn sie für das Bisschen, was sie arbeiten, was zu fressen kriegen und sich fortpflanzen und pennen dürfen.

Karst: Darf ich auch mal mein Glück versuchen?

Ho Gu: Bitte. Hier sind allerdings nur die extravaganten Mathematiker. Wenn Sie mal zu den Technikern und Ingenieuren wollen?

Karst: O, machen Sie nur keine Umstände. Hier Nr. 601 und Nr.602. Darf ich mal nachsehen?

Ho Gu: Öffnen Sie nur die Töpfe!

Karst: Hallo, mein Herr?

Ho Gu: Das ist ein theoretischer Physiker.

Theoretischer Physiker: Ein Topf, mein Herr, ist eine geschlossene zweidimensionale Fläche im dreidimensionalen Raum. Nun müssen wir aber ganz allgemein alle Hyperräume im n-dimensionalen Raum betrachten. Wenn wir nun aber den dreidimensionalen Raum im Raum-Zeit-Kontinuum betrachten, können wir ihn als eine Begrenzung betrachten, als Wand des expandierenden Alls.

Ho Gu: Er versucht, das Ende des Weltalles in Erfahrung zu bringen. Doch das ist eine unnütze und einfältige Neugierde!

Narr: Wenn das Weltall sich zu nichts aufgelöst hat, passt es bequem in die Hosentasche des lieben Gottes. Und holt er es von dort wieder heraus, dann beginnt das Spielchen von Neuem.

Karst: Nett, nett! (den Deckel zuklappend und in den nächsten Topf schauend) Und wen haben wir denn da?

Ho Gu: Diese Leute nennt man reine Mathematiker.

Mathematiker: Zu jedem Epsilon gibt es ein groß N von Epsilon, derart dass für alle klein n und klein m, die größer sind als groß N gilt: dass der Absolutbetrag ihrer Differenz kleiner ist als Epsilon.

Karst: Mein Herr! Könnten Sie mal innehalten? - Kann ich mit Ihnen ein Wort wechseln?

Mathematiker: Zu jedem Epsilon gibt es ein groß N von Epsilon, derart dass für alle klein n und klein m, die größer sind als groß N gilt: dass der Absolutbetrag ihrer Differenz kleiner ist als Epsilon.

Karst: Der scheint auch nicht sehr gesprächig zu sein. (schließt den Topf wieder)

Ho Gu: Das ist eben ihre Welt. Wohl uns, wenn der Absolutbetrag der Gefahr, die von ihnen ausgeht, gegen Null geht. Anders klappt unsere Welt nicht mehr.

Wulpo: Und weil Majestät mit seinem Volk unzufrieden ist, wünschen Sie sich Ordner und Erzieher?

Kanzler: O, Majestät ist mit seinem Volk nicht unzufrieden. Majestät weiß, dass sein Volk gut ist. Es ist ein fleißiges und genügsames Volk. Um nur keine Zeit zu versäumen, arbeitet es, isst es, schläft es und pflanzt es sich fort, wie es sein muss. Aber es braucht eine Hand, die es hegt und pflegt und ihm sagt, was zu tun ist.

Wulpo: Und damit ist es zufrieden?

Narr: Nicht nur zufrieden, sogar glücklich.

Kanzler: Das rührt freilich davon her, dass es so dicht, gleichsam Wand an Wand mit seinem Herrscher lebt. Wie auch könnte sonst ein Einzelner, einer unter 5 Milliarden zu leben wagen? Ja, er ist ein gütiger Vater. Wie er sich seines Volkes annimmt, das muss man erlebt haben. Wand an Wand atmet er mit ihm. Jeden Atemzug belauscht unser Herrscher; ja, jeder Bruchteil eines Atemzugs wird von ihm auf die Goldwaage gelegt, so groß ist die Besorgnis, dass ihm nur ja nichts fehlt. Wer auf der weiten Welt könnte sich rühmen, so liebevoll umsorgt zu werden, wie unser Volk? Alle hier leben wir unter der Decke seiner Huld. Was kann man sich Schöneres wünschen?

Wulpo: Ist das auf die Dauer nicht ebenso eng und eintönig, dieses Eintopfleben, wie wenn man jeden Tag Eintopfsuppe essen müsste?

Kanzler: Ein Glückspilz, wer auserwählt ist für ein solches Eintopfglücksleben.

Papatutu: Meine Herren. Es schmerzt mich, Sie so reden zu hören. - Seien Sie so gut, Kanzler, und zeigen Sie unseren Gästen, was unser Volk selber dazu zu sagen hat.

Kanzler: Auch auf die Gefahr, dass wir es noch einmal aus seinem gewohnten Rhythmus bringen?

Papatutu: Auch auf die Gefahr!

Kanzler: (pfeift so, dass alle innehalten und aus ihren Töpfen schauen) Ihr Kinder unseres Landes! Lasst euch erinnern an jenen alten Propheten, der im Blick auf unseren Herrscher, unseren Vater Papatutu einst bereits ausgerufen hat: "Ich geh dem Volk voran auf Heil bedacht, und also weicht es nicht von seinem Weg!" So wollen denn auch wir jetzt ein Loblied singen auf die Liebe und Güte unseres Vaters, seiner Majestät, des Kaisers Papatutu, Sohn seiner Majestät, des Kaisers Papatutu, Souverän der Volksrepublik St. Anton, vorherbestimmt vom Schicksal als Kaiser der vier Weltenden. - Meine Damen und Herren, ich bitte um strengstes Stillschweigen, wenn das Volk jetzt die Liebe zu seinem Kaiser zum Ausdruck bringt! Rührt euch und singt!

Volk:

Glückliches Leben, das wir führen,

das Majestät uns zugedacht.

Wir sagen es, ohne Genieren,

ob auch der Tor uns blöd verlacht.

 

Die Kleinen lernen von den Großen,

der Kaiser macht uns alle groß.

Wohl denen, die das Los erlosen,

zu leben froh in seinem Schoß.

 

Du Sonnenschein auf unsren Wegen

Du sicherer Halt selbst in der Nacht

Dein Volk genießt des Himmels Segen

Weil über uns dein Auge wacht.

Kanzler: Es ist gut. Ihr könnt wieder an eure Arbeit!

(Wieder kommen und gehen die Aufsichtskräfte, Arbeitslärm etc. )

4. Szene: Die letzten Stadien der Menschheit.

Kanzler: Fremdling, was er uns bislang mitgeteilt hat, hat uns nicht imponiert. Das war dürftig und jämmerlich und zeigt uns, dass bislang alle unsere Bemühungen, ihn in unsere Welt einzuweihen, rein für die Katz waren.

Wulpo: Hab ich etwas Dummes von mir gegeben, so mögen Sie es mir verzeihen. Noch steckt mir die Reise in den Knochen.

Kanzler: Nicht dass wir hier für ein Musterland zu gelten hätten. Er hat ja gesehen, wie viele Sorten an Ordnungskräften wir brauchen, statt dass alles von alleine sich abwickelt: Kräfte, die die Arbeiten kontrollieren, andere die sie entgegennehmen, dann welche, die einen aus einem Topf herausnehmen und in einen anderen hineintun, sei es als Lob und Belohnung, sei es zur Strafe. Sodann brauchen wir Extrapersonal, das einen zum Verhör herausholt, wieder andere die zur Bestrafung oder zur Hinrichtung zum Einsatz kommen. Doch genau hier liegt der entscheidende Unterschied zu Europa. Weil wir ein genaues Bild haben von der Zukunft, die wir erreichen wollen, so wissen wir auch um die Mängel Bescheid, die wir zu beheben haben. Nur dass das Ganze sehr teuer ist. Wer auch kann sich auf die Dauer eine solche Betreuung leisten? Was seine Majestät betrifft, so hat sie indessen sehr detaillierte Pläne.

Wulpo: Aber er ist doch zufrieden mit seinem Volk, sagten Sie!

Kanzler: Wenn er mit seinem Volk Zufriedenheit äußert, so geschieht es nur aus der Weisheit seines Herzens. Weil er nämlich sein Volk liebt und weil er weiß, dass es sich nur so zu noch weiteren und größeren Taten anspornen lässt. Mit dem Volk ist es wie mit einem Kind: stets muss man es seine Liebe und Güte spüren lassen, ohne dabei zu vergessen, dass noch eine riesige Entwicklung vor ihm liegt. Aber die Zeit eilt. Es ist keine Gelegenheit mehr, sich in prunkvollen Reden zu ergehen. Die Zeichen der Zeit sind unübersehbar. Als Erstes haben Sie, meine Herren, ja selber gesehen, dass wir bei den vielen Leuten mit unserem Personal kaum nachkommen, überall Recht und Ordnung zu schaffen. Auch ist Ihnen nicht entgangen, dass unsere Leute mit einem besonderen Schritt ihren Aufgaben nachkommen. Das bedeutet, dass wir daran denken, alle diese Arbeiten sehr bald schon durch Roboter vornehmen zu lassen. Roboter statt Aufseher: so heißt die Devise.

Wulpo: Wenn der Mensch durch Maschinen kontrolliert wird, dann gute Nacht du Menschheit!

Narr: Wird der Mensch nicht schon längst durch Maschinen kontrolliert, z.B. in der Medizin? Und kein Mensch hat etwas dagegen.

Wulpo: Ist das nicht etwas anderes?

Ho Gu: O, mein Herr! Was sehen Sie uns so befremdet an, wenn Sie von Robotern hören? Was sind denn wir in Bezug auf unseren Körper und was ist unser Körper in Bezug auf uns? Alles klappt für gewöhnlich, wenn wir essen und trinken und wenn wir die Nahrung ausscheiden; oder wenn wir uns fortpflanzen, wenn wir ein Kind zur Welt bringen: was tun wir da? Wissen wir es denn? Und wenn wir uns wieder von der Welt verabschieden, ist uns mehr gewiss, als dass wir den uns unbekannten Handgriff finden und dass wir es schaffen werden, wie es auch schon die Menschen vor uns geschafft haben? Ist es nicht schon immer so gewesen, dass wir nur wie ein Maschinenführer ein paar äußere Handgriffe ausüben, wobei wir noch nicht einmal wissen, wie wir das tun, wenn wir bremsen oder beschleunigen; ja wobei wir noch nicht einmal wissen, ob wir nicht selber von dieser, ans Unheimliche grenzenden, Maschine mit gesteuert werden. Natur, das ist eine komplexe Maschine, die wir zugleich bedienen und in deren Dienst wir stehen. Natur, das ist ein Roboter, nur dass er undurchschaubar bis in die tiefsten Tiefen der Evolution hinabreicht. Und alles, was wir sehen und erleben, wenn wir auf uns und auf unser Verhältnis zu unseren Körpern achten, sind nichts als kleinere Spielchen, wie Wellengekräusel auf der Oberfläche einer wilden See. Von hier aus betrachtet, erscheint mir auch jedes Fehlverhalten, ja jedes Verhalten, das nicht optimal ist, wie eine Art Krankheit.

Papatutu: Genug jetzt!

Narr: (zu Wulpo) Hat er gehört? Genug jetzt hat Majestät gesagt; das heißt, dass man sich gewaltig täuscht, wenn man noch länger meint, auf diese Weise seine Majestät amüsieren zu sollen. Drum geb er sich Mühe, dass Majestät möglichst bald schon einen besseren Eindruck von ihm gewinnt. Sonst (mit Gesten, die das Halsabschneiden bedeuten) ist es um ihn geschehen.

Papatutu: Meine Herren! Ich denke, wir sollten mehr Ordnung in unser Gespräch bringen. Zuerst sollten wir dem Fremdling die Gelegenheit geben, sich auszusprechen, ehe wir in unseren Darlegungen fortfahren.

Narr: Was für eine Milde und Langmut unseres Herrschers. (zu Wulpo) Da kann er von Glück reden!

Papatutu: (zum Narr) Und du, geh mit den beiden Herren an die frische Luft und unterhalte sie mit deinen Kaspereien! Und wenn wir so weit sind, kommst du mit ihnen zurück!

Narr:

"Kommt ihr Herren, lasst euch führen

Abwärts in den Zaubergarten,

wo euch Paradieses Früchte

zur Entzauberung erwarten!"

(der Narr mit den beiden Sekretären geht)

Papatutu: Und nun, Fremdling, nun sag uns, was du gesehen und gelernt hast!

Wulpo: Auch ich glaubte einmal, auf dem Weg zu sein, zur bestmöglichen aller Gesellschaften, ja zum Glück der Welt beizutragen. Zumal als man mich zum Präsidenten von Europa gewählt hatte, war ich glücklich und glaubte alles erreicht zu haben, was man nur im Menschenleben erreichen kann. Natürlich wird bei uns keiner gewählt wider seinen Willen. Bei allen hohen Ämtern in unseren Demokratien muss man schon etwas tun. Ohne kleinere Geschenke, ohne großzügige Zusagen und Versprechungen an die Massen und ohne feinere Ellbogenarbeit gegen Mitbewerber und Rivalen wirst du nichts. Versteht sich, dass es da ein Mann sehr schwer hat, den die Natur zwar mit Herrschergaben, nicht aber mit einer reichen Verwandtschaft begabt hat. Der Aufstieg in die höchsten Ämter in unseren westlich demokratisch ausgerichteten Gesellschaften, das sollte ich lernen, war für mich der Eingang in eine Arena, wo hungrige Schakale und Hyänen auf mich warteten, für die ich stets zu wenig Futter bei mir hatte.

Narr: (an der Türe hereinschauend) Und auch jetzt ist er zu uns ohne Futter gekommen.

Wulpo: Anfangs wusste ich davon noch nichts. Da dachte ich nur an große Worte und schön klingende Sätze und Beifall eintragende Reden. Ja, da schwamm ich im Rausch des Glücks wie meine Vorgänger alle. Je länger es aber dauerte, umso mehr stellte es sich heraus, dass ich wie in einem goldenen Bauer gefangen saß. Sobald ich aus dem Regierungsschloss heraustrat, wurden die Geier auf mich aufmerksam. Anfangs, wie gesagt, merkte ich noch nichts davon. Gefangen genommen von meinen großen und wundervollen Aufgaben sah ich diese Aasfresser überhaupt noch nicht. Und meine Leibwächter, die mich auf Schritt und Tritt umgaben und mich hätten beschützen sollen, schienen auch nichts zu bemerken; jedenfalls sagten sie mir nichts und taten auch nichts. Als ich dann aber darauf aufmerksam wurde und merkte, dass sie stets nur zur Seite schauten, war es bereits zu spät. Was immer ich an Schönem und Gutem hatte, neidete man mir: vor allem aber um meine reichen Freunde, die mich öfters einluden und bewirteten, wurde ich verhasst und beneidet.

Narr: (wieder an der Türe hereinschauend) Schon immer war´s so in der Welt,

man neidet einem nichts so sehr wie Weiber, Gut und Geld.

Wulpo: Gewiss, ein paar kleinere Fehler habe ich auch gemacht; aber doch nur, weil ich nicht selber als Millionär auf die Welt gekommen bin. Einem Mann von Talent sollte man, wenn man ihn nicht sich Besitz und Geld zusammenrauben lässt wie einen Odysseus, als Startkapital stets ein paar Millionen in die Wiege mit hinzulegen. Aber es kam ja alles nur noch schlimmer. Denn während ich anderen großzügige Kredite gewährte, hatte ich keinen zu dem ich gehen konnte. Mir selber durfte ich ja keinen Kredit gewähren; das wäre ja als unlautere und unrechtmäßige Bereicherung verurteilt worden. Mir aber warf man ein gestörtes Verhältnis zum Geld vor.

Kanzler: Aus alledem bestätigt sich uns, dass da hinten in Europa zu viel im Argen liegt. Das aber ist wohl auch einer der Gründe, weshalb er nicht in der Lage ist, die Neuordnung der Welt, wie sie uns vorschwebt, zu begreifen. Der Wert muss als Wert, der Unwert aber als Unwert anerkannt werden. Damit das aber möglich ist ohne alle die vielen menschlichen Rücksichten und Absichten und Bevorzugungen und Hintanstellungen, die Korruptionen und Vetternwirtschaften, muss die Beurteilung der Arbeiten von einer objektiven Messinstanz durchgeführt werden. Wir denken da an Überwachungsanlagen in Form von Robotern.

Wulpo: Roboter?

Kanzler: Ja, mein Herr, Sie haben Recht gehört. Ich habe von Robotern gesprochen und denke da an eine ganze Klasse verschiedenster Roboter, die uns bei unseren Staatsgeschäften helfen, ohne auch nur einen Hauch von Parteilichkeit aufkommen zu lassen. Ja mehr noch: ich denke an eine Klasse von Robotern, die endlich auch dem Trauerspiel von Herrschaft und Knechtschaft ein Ende setzen. Und ob Sie auch insgeheim den Kopf darüber schütteln mögen, dass wir, die wir zur letzten Bastion der noch unentdeckten Erde gehören, über solche technischen Geräte nachdenken, so werden Sie sich schon bald daran zu gewöhnen haben.

Ho Gu: Und jetzt sind wir schon sehr nahe dabei, den uralten Traum der Menschheit zu verwirklichen, die Welt durch bloße Gedankenübertragung zu regeln. Durchs Denken allein bewegt man freilich noch nichts; durchs Denken allein bestimmt man noch nicht einmal den Kurs eines Schiffs oder Flugzeugs. Und kein Fernrohr zeigt uns den Gegenstand unserer Wünsche, wenn wir nicht eben diesen Gegenstand durch entsprechende Signale in unseren Bereich bringen. Sobald wir aber die Signale, die durch das Denken gegeben werden, umzusetzen und weiterzuleiten verstehen, bis sie dahin gelangen, wo wir sie haben wollen um sie dann, nachdem sie auf die von uns gewünschte Weise gearbeitet haben, wieder zu uns zurück zu holen, haben wir das Ziel erreicht. Die Signale des Gehirns als Zeichen verstehen und lesen und weiterleiten, um sie an dem entsprechenden Ort dann in Befehle umzusetzen, wie auch umgekehrt: Befehle auf widerspruchsfreie Weise von außen ins Gehirn zu bringen: das ist unserer bedeutsamstes Projekt. Hätten wir mehr Zeit, so erzählte ich Ihnen im Einzelnen, wie alles bei uns begonnen hat und was für einen atemberaubenden und rasanten Verlauf die Entwicklung bei uns nimmt. Es ist nämlich noch gar nicht so lange her, dass alles begonnen hat. Ich denke aber, Sie werden damit zufrieden sein, wenn ich kurz und summarisch zusammenfassend sage, dass alles mit einem Handy begonnen hat.

Wulpo: Mit einem Handy?

Kanzler: Was haben Sie, mein Herr? Wissen Sie nicht, was ein Handy ist?

Wulpo: Entschuldigen Sie, meine Herren! Aber die Sache mit dem Handy ließ mich aufhorchen und lenkte mich ab. Wären meine beiden Sekretäre bei uns, so hätten sie mich spätestens an dieser Stelle daran erinnert, dass ich mich dringend nach unseren Missionaren erkundigen soll. So nämlich hatten sie es mit mir ausgemacht, sobald sich der geeignete Augenblick dazu fände.

Kanzler: Was haben Missionare mit Robotern zu tun?

Wulpo: Mit dem Handy haben unsere Missionare etwas zu tun. - Meine Herren, wir hatten doch Missionare zu Ihnen vorausgeschickt. Wissen Sie davon nichts?

Kanzler: Finden Sie, dass das eben jetzt, wo wir Ihnen schildern, wie unser Aufstieg zur technischen Macht, ja zur Weltmacht Gestalt annimmt, ein geeigneter Augenblick ist, auf irgendwelche Missionare zu sprechen zu kommen?

Papatutu (wie im Erwachen): Von wem ist die Rede?

Kanzler: Von den Missonieren, Majestät.

Wulpo: Den Missionaren, Majestät.

Kanzler: Den Missonieren habe ich gesagt!

Papatutu: Den Missionaren, die nicht meine Missoniere werden wollten.

Wulpo: Missoniere? Reimt sich auf Tiere.

Kanzler: Und Missionare? Auf Dummköpfe und Dromedare?

Wulpo: Missoniere, Kanoniere, wilde Tiere.

Papatutu: Beruhigen Sie sich, meine Herren. Wir werden nachher noch auf ihre Missionare zu sprechen kommen. Dort, wo sie sind, sind sie gut aufgehoben und werden sich ganz gewiss solange noch gedulden.

Kanzler: In Anbetracht der kurzen Zeitspanne unseres Aufstiegs zu einer technischen Weltmacht sind wir nun aber auch in der Lage, das Dilemma Mensch zu begreifen. Einerseits ist es ja noch nicht lange her, dass wir nichts anderes merkten, als wie jene uralten Instinkte in uns rodelten und brodelten und unser Handeln bestimmten; andererseits aber verstehen wir auch, dass es unmöglich angeht, dass jeder Mensch macht, was er will. Zumal in einer hochkomplexen bevölkerungsreichen Welt, in die wir durch die Technik eingetreten sind, müssen wir darauf achten, was getan werden kann und was nicht. Mit der Nachbarinsel und den Leuten auf dem angrenzenden Festland sind wir 3 Milliarden Menschen. Hier aber scheint uns, dass es zwischen der Welt jener uralten Instinkte und der Welt des modernen Weltbürgers nur noch einen genau kontrollierten Austausch geben kann. Ein Dummkopf, wer glaubt, mit Wörtern wie Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit alles überschwatzen zu sollen. Aber auch mit dem Zauberwort "Verantwortung" ist nicht viel erreicht, sofern diese Verantwortung im Belieben des Einzelnen bleibt. Von Staats wegen hieße das nur, dass wir die unverantwortbare Entwicklung des Staats und seine Auflösung in einen aufs Faustrecht gegründeten Räuberstaat und mithin den Abstieg ins Chaos verantworteten.

Wulpo: Der Mensch soll als Mensch leben. Ist es nicht so?

Kanzler: Mitunter, zumal wenn es sich um Personen wie unsere durchlauchtigste Prinzessin handelt, erlauben wir auch noch, ein paar Urtriebe auszuleben.

Ho Gu: Oder wenn der Zweck das Mittel heiligt.

Papatutu: Auch er selber darf sich hin und wieder eine kleine Auszeit gönnen. Denk er nur an die Metzelsuppe einmal im Jahr. Oder auch an seine Vorliebe, sich als Präparator zu betätigen und Tiere und Menschen auszustopfen.

Ho Gu: Im Übrigen aber bin ich hauptamtlich der Leiter der technischen Abteilung, vornehmlich der Atombehörde und der Roboterentwicklung, und kann als solcher jeden Mitarbeiter dringend brauchen.

Wulpo: Dann wird bald auch kommen der Tag, wo der Mensch insgesamt überflüssig geworden ist; sobald nämlich der defekte Naturmensch dem perfekten Kunstmensch in Gestalt eines Roboters begegnet.

Kanzler: Sie dürfen versichert sein, mein Herr, dass wir uns schon lange Zeit sehr gründlich damit befassen, wo hinaus es mit der Menschheit geht.

Wulpo: Wer von uns hätte sich nicht schon solche Gedanken gemacht! Doch sie führen zu nichts. Bestenfalls zu der Einsicht, dass von der Intelligenz zum Schluss nur noch der Narr übrig ist. Und das trifft dann den Nagel auf den Kopf: ist doch die Intelligenz der leichteste Weg zur perfekten Narrheit.

Kanzler: Wenn er glaubt, dass wir alle an unserer Selbstvernichtung arbeiten, so irrt er. Die Kommunisten brachten die Leute um, die Geld hatten. Aber das war der falsche Weg; so geht das nicht. Auch die Bänker umzubringen wäre der falsche Weg. Jeder, der Geld hat, ist ja ein Bänker.

Wulpo: Und wie geht es dann?

Kanzler: Wir müssten das Geld umbringen; doch das Geld ist unverwüstlich und unsterblich, solange der Mensch so bleibt, wie er noch immer ist und solange wir nicht den Roboter als ordnende Macht auf Erden installiert haben. Der Mensch ist unfähig, aus eigener Kraft sein Heil zu verwirklichen; nur verwirken kann er es.

Wulpo: Sich einen Chip ins Hirn nageln lassen; das ist ja noch schlimmer, als sich ans Kreuz nageln zu lassen.

Kanzler: Man mag es drehen und wenden, wie man will, um den Roboter und um das Steuerchip für Hirn und Hormonhaushalt führt kein Weg herum. Doch wir werden es so anstellen, dass keiner gefragt wird und keiner etwas von der Prozedur merkt.

Wulpo: Mitinbegriffen den Preis, dass es dann auch nichts mehr zu lachen gibt?

Kanzler: Wenn es nichts mehr zu lachen gibt, was soll uns dann noch das Lachen? Not tut, dass der Mensch nur noch tut, wie wir ihn steuern. Erst dann wird Friede einkehren auf Erden. Das aber ist nur mittels eines Mikrochip, das wir ihm ins Hirn einbauen, möglich. Ob ihn dann wir, oder später der Zuchtmeister Roboter, einschaltet oder ausschaltet: immer ist dann der Mensch damit einverstanden. Von da an gibt es keine Unordnung mehr in der Menschheit, weder Überordnung noch Unterordnung. Selbst zu denken wird sich der Mensch dann nur noch erlauben, wenn es seiner Majestät gefällt. Dann brauchen wir auch keine öffentlichen Befehle mehr zu erteilen und keine Gesetze mehr zu erlassen; dann dirigieren wir einen jeden höchst diskret und direkt von höchster Warte aus und alles geschieht wie am Schnürchen. Dann haben wir nur noch den wohlanständigen, wohlfunktionierenden, absoluten Menschen. Einer ist dann wie der andere. Dann haben wir eine Gesellschaft in Freiheit und Gleichheit, ohne Außenseiter.

Wulpo: Daran sollen ihn wohl auch die Wächter erinnern, die jetzt schon im Stechschritt des Roboters marschieren? Ein Mensch, ein Problem. Ein Roboter, kein Problem. - Das alles hört sich ja ganz schön an, und doch will mir ein Jahrhundert ohne das uns so wohlvertraute Waffengeklirr und Säbelgerassel, so dass man das Gras wachsen und die Mäuse pfeifen hört, ziemlich langweilig erscheinen. Wäre es dann nicht besser, wenn es überhaupt keine Menschen mehr gäbe?

Kanzler: O, mein Freund. Er glaubt da, einen Spaß gemacht zu haben. Aber wenn es der Menschheit nicht gelingt, sich in einen Roboterstaat umzuwandeln, ist die Aussicht sehr düster.

Narr: ( an der Türe hereinschauend)

Vergebens sucht man dann den Mandarin,

den Mann zum Schinden und zum Quälen,

und während über uns Schönwetterwölkchen ziehn,

wird uns der Traum der Jugend neu beseelen.

Kanzler: Sollte er nicht draußen sein, bei den Gästen?

Narr: Majestät, alles ist im schönsten Fluss. Die Gäste schwimmen im Fluss der höchsten Wonnen, d.h. sie treiben Kurzweil mit der Prinzessin, wobei ich sie nicht stören wollte. Aber ich gehe ja schon wieder, geht doch nichts über eine Aufsicht der obersten Aufsichtsbeamten durch einen Narren. (doch er bleibt da)

5. Szene: Das Ziel der Weltherrschaft.

Papatutu: Und nun, mein Herr! Nun sag er, ob er Willens ist, uns zu helfen bei der Wiedergewinnung des goldenen Zeitalters.

Wulpo: Gutes zu erringen war schon immer mein Bestreben.

Kanzler: Indem wir alles Schlechte bei Seite schaffen, kann uns nichts misslingen.

Wulpo: Was aber macht man dann mit all dem vielen Ordnungspersonal und Militär, wenn man es durch Roboter ersetzt hat?

Kanzler: (indem er den Vorhang zuzieht): O mein Herr! Über alles das haben wir bereits sehr gründlich nachgedacht. Voraussetzung für eine Welt in Frieden ist, dass alle in der jetzigen Übergangszeit lernen, dass nicht jeder seine Meinung kundtut und meint, so müsste es gemacht werden, sondern dass alle mit einer Stimme sprechen und zwar nicht mit der Stimme der verführten Masse, sondern mit der Stimme dessen, der um das Beste Bescheid weiß. So geht es nicht an wie bei Ihnen zu Haus, wo keiner mehr Getreide anbaut, weil man für Spritpflanzen mehr Geld einfährt, und wo flugs auch noch der letzte Urwald gerodet und zu Geld gemacht wird. Die Folge einer solchen freien Wirtschaft wäre, dass Luft und Wasser ungenießbar und das Brot unerschwinglich teuer werden. Dem zu entrinnen ist nur möglich, wenn wir nicht länger die Habsucht dulden, dergestalt dass jeder glaubt, auf eigene Faust tun und lassen zu sollen, was ihm beliebt, sondern wenn nur noch einer spricht und wenn dieser Stimme Gehör geschenkt wird. Das aber ist nur möglich, wenn wir die Weltherrschaft errungen haben und niemand sonst mehr auf der Welt etwas zu sagen hat als wir.

Wulpo: Und wann soll das geschehen?

Kanzler: Je früher, desto besser. Am besten wäre es, wenn es schon geschehen wäre. Doch das hängt ganz von ihm ab, von seinem Mut und von seiner Tapferkeit.

Wulpo: Sie spaßen, wenn Sie so groß von mir denken. Ich bin kein Weltbeweger. Wo ich mich schon in Europa nicht habe durchsetzen können.

Kanzler: Wer nicht groß von sich denkt, wenn es um das Beste geht, was ist der wert? Wenn nicht jeder fest davon überzeugt ist, dass von ihm Wohl oder Weh des Staates abhängen, kann kein großes Ziel erreicht werden.

Wulpo: Das sind allerdings bedeutende Worte.

Papatutu: Als erstes muss die Macht Tuatutus beseitigt werden.

Wulpo: Ist das möglich auf schickliche Weise?

Kanzler: Ein einziges Mal müssen wir noch durch, bis wir es geschafft haben. Tuatutu von der Nachbarinsel St. Valentin gilt als uralter Landesfeind, der noch nie einen anderen Wunsch gehabt hat als genau das zu tun, was uns missfällt. Sobald aber Tutatutu aus dem Weg geräumt und die Nachbarinsel unserem Reich einverleibt ist, wird der weiteren Welteroberung nichts mehr im Weg stehen. Alsbald schon wird man erkennen, dass eine friedvolle Welt nur mehr noch durch uns und mit uns erreicht werden kann. Oder ist nicht die gesamte Weltgeschichte ein einziger hässlicher Weg, gepflastert mit Monumenten der Feindseligkeit und der Grausamkeit und der Brutalität? Muss nicht endlich der Tag kommen, wo kein Mensch mehr die Freiheit hat, einen anderen Menschen einzusperren und zu foltern, zu erschießen oder aufzuhängen?

Wulpo: Das wär der jüngste Tag.

Kanzler: Wenn nur wir allein noch die Welt beherrschen, gibt es keinen Feind mehr. Fürs erste freilich ist es so, dass wir noch nicht so weit sind. Noch sind wir von der Weltherrschaft ein gutes Stück entfernt. Noch haben wir sie uns nicht erkämpft. Noch brauchen wir Waffenträger und eine Menge anderer Spezialisten, die begierig darauf warten, dass wir sie ins Feld schicken. Ist uns aber durch unseren Endsieg der endgültige Ausstieg aus dem Krieg gelungen, dann hat auch der Mensch mit der Geschichte, wie wir sie bislang wahrgenommen haben, nichts mehr zu tun. - Doch nun hör er zu, damit er weiß, wo sein Part beginnt! Wie schon gesagt, ist Tuatutu das nächst liegende Hindernis auf dem Weg zur Macht. Nun aber kommt er zu uns als Brautwerber und wird auch als solcher empfangen. Wir sagen es im Voraus, damit Sie wissen, was gespielt wird. Was diesen Tuatutu betrifft, so ist das ein ganz abgefeimtes Bürschchen. Keiner in der weiten Welt zeigt ein derartiges gespreiztes und arrogantes Äußeres wie dieses Bürschchen. Dabei ist er ein Angsthase und Feigling, ein Springinsfeld, wie es in den Weiten des Stillen Ozeans keinen Zweiten gibt. Hier aber liegt auch der Punkt, bei dem wir ansetzen. Seine Eitelkeit machen wir ihm zur Falle.

Ho Gu: Man darf gespannt sein, in was für einem Galafrack der Geck erscheint.

Kanzler: Für gewöhnlich kommt dann die Prinzessin mit vier Flötenspielerinnen, mit denen sie das Vorspiel beginnt. Dieser Brauch des Vorspiels, bei dem sich dann die Prinzessin ihrem Partner immer mehr nähert, ist übrigens schon sehr alt und soll sich auch schon vor tausend Jahren großer Beliebtheit erfreut haben. Es erinnert an den Balztanz hochexotischer, eleganter Vögel. Oftmals trägt sie auch ein entsprechend bezaubernd buntes Vogelkleid zur Schau. Die vielen geheimnisvollen, mit magischen Kräften ausgestatteten Namen dieser Kleidchen sind: Prinzesskleid, Fabelröckchen, blauer Schwalbenschwanz, Blume der untergehenden Sonne, blasses Mondfräulein, Barke des Himmels, Juwel der Nacht. Ich kann sie unmöglich alle nennen. Da muss man sich schon von der Prinzessin einweihen lassen. Versteht sich fast von selbst, dass sich nun auch der Partner beim Fortgang des Spiels von ihr etwas anziehen lässt, damit die Anziehungskraft beidseitig wirkt. Sind die Vorbereitungen erst mal so weit gediehen, beginnt sie zu singen, so wunderbar und bezaubernd schön, dass keiner mehr sich ihrem Bann zu entziehen vermag. Dabei öffnet sie sacht einen Thronsitz mit zwei Sitzen, einen für ihn und einen für sie, und lockt und führt ihren Buhlen, bis sie ihn endlich auf seinem Sitz hat. Sorgfältig, damit auch nicht das Mindeste dazwischen kommen kann, schnallt sie ihn auf dem Thronsitz fest.

Wulpo: Und dann?

Kanzler: Dann schließt sie die Türe des Topfs gut zu.

Narr:

Am Valentinstag, am Valentinstag,

da klopft er an die Tür,

auf macht die Maid zu seiner Freud

er kehrt nie mehr herfür.

Wulpo: Und dann?

Kanzler: Dann kommt seine Exzellenz ins Spiel. Ist der Feind erst im Topf, dann bedarf es nur noch eines beherzten Stichs. Versteht sich, dass das in höchster Kunstfertigkeit zu geschehen hat.

Wulpo: Und mir obliegt dann der beherzte Stich?

Kanzler: Sich auf diese Weise auszuzeichnen haben wir ihm zugedacht und zwar mit diesem Gerät. Zum Zeichen, dass er als Teilhaber von höchstem Geheimwissen sowie als Anwärter auf die Hand der Prinzessin in die Familie aufgenommen werden will, gewähren wir ihm die Möglichkeit, sich mit diesem edlen Gerät auszeichnen. - (Wulpo einen Dolch reichend) Nimm also hin, du edler Krieger, die Waffe für deinen Herrn!

Wulpo: Diesen Fleischerdolch?

Kanzler: Diese edle Waffe!

(man schiebt zwei Töpfe herein.)

Kanzler: Zeig er uns, dass er in der Lage ist, seiner Majestät zu dienen! Beachte er hier die feinen kleinen Löcher zum Einstechen!

Wulpo: Zwar habe ich mich in meiner Jugend eine Zeit lang geübt in der Kunst des Degens. Aber ein Degen ist doch ein anderes Gerät. Ist das nicht ein Rückfall in barbarische Zeiten?

Kanzler: Was sagt er da, wo wir ihn in unsere Runde aufgenommen und ihn zum Teilhaber höchster Geheimnisse gemacht haben? Nichts weniger steht auf dem Spiel, als dass er mithilft, die Welt in Ordnung zu bringen.

Wulpo: Noch nie habe ich einen Konkurrenten mit dem Dolch bei Seite geschafft.

Kanzler: Ein- oder zweimal nur muss er für seine Majestät zustechen, dann herrscht ewiger Friede.

Wulpo: (er untersucht den Topf) Hier und jetzt soll ich zustechen?

Papatutu: Freund, merkt er nicht, wie er anfängt, lästig zu werden?

Wulpo: Wie kann ich auf einen Gegner einstechen, den ich nicht sehe? Ich weiß ja nicht, wen ich treffe, wenn ich da zusteche.

Kanzler: Jede Handlung ist ein blindes Zustechen, wenn man nicht in der Lage ist, das Ziel fest im Auge zu behalten. Aber er muss ja gar nicht alles wissen. Ihm darf die Zuversicht genügen, dass seine Majestät weiß und sieht und dass sich seine Majestät in der Welt so gut auskennt, dass sie auch noch ins Verborgene sieht.

Wulpo: Lass er mich hineinschauen; dann will ich zustechen.

Kanzler: Blind muss er es tun; um zu bezeugen, dass er sich gern dem Willen seiner Majestät gefügig zeigt.

Narr: Im Übrigen kann er sich ja etwas Lustiges dabei denken; er kann sich z.B. einbilden, er wäre betrunken und der Topf da wäre ein Ziegenschlauch, gefüllt mit einem köstlichen Rotwein, den er anzapfen darf.

Wulpo: Ich weiß nicht.

Kanzler: In aller Offenheit sagen wir es ihm denn noch ein letztes Mal, dass Tuatutu erlegt werden muss. Jetzt, wo er als Anwärter auf die Hand der Prinzessin in die Familie aufgenommen werden soll, sollte er aber keinen Augenblick mehr zögern!

Wulpo: Könnte man nicht versuchen, Tuatutu als Mitarbeiter für die eigenen Pläne zu gewinnen?

Narr: Verehrter Dr. Faust! Er redet wie ein Ritter mit Bibeleskäse im Gehirn. Oder weiß er nicht, dass man nicht mit einem Mann, einen Pakt schließen kann, der es sich zur Ehre anrechnet, uns zu verraten?

Wulpo: (probiert kurz, dann den Dolch in die Höhe haltend) Ich war noch nie ein Schweineabstecher.

Narr: Begriffsstutziger Mensch! Rotwein, nicht Schweineblut soll er abzapfen! - Aber auch Schweineblut ist nicht zu verachten, zumal wenn man vom Schweinebraten schwärmt! - So wird das gemacht: von der Prim ausgehend, die völlig harmlos ausschaut, kommt man zur Sekund; spätestens aber bei der Terz, wenn die innere Blöße unseres Gegners vor unserem Instrument offen da liegt, wird es ernst. Hat er dann erfolgreich eine Quart gesetzt, was bedarf es dann noch mehr? (er persifliert die verschiedenen Klingenlagen). Bald weicht man aus, dann wieder nähert man sich, bis man den Augenblick erreicht, wo der Siegtreffer unausweichlich ist: dann wird zugestoßen, unbarmherzig und gnadenlos.

Wulpo: (am Topf rüttelnd, um zu sehen, ob jemand drin ist; für sich) Tuatutu ist ja wohl nicht da drin, wenn man noch auf ihn wartet. Aber etwas ist drin. Das sagt mir die Schwere des Topfes. Und wenn ich auch nichts höre, so heißt das nicht, dass da drin kein Lebenshauch ist. - Selbst wenn es keinen Gott mehr gibt, da stoß ich nicht zu. Ich bin kein Henker. - Überhaupt fällt mir ein, dass wir drei Missionare vorausgeschickt hatten, von denen uns jede Spur fehlt. Sie müssen hier sein.

Papatutu: (zum Kanzler) Wenn ihn auch unser Narr nicht für uns zu gewinnen mag, dann sind Hopfen und Malz verloren.

Wulpo: Mir ist, als hätte ich sie abgestochen.

Kanzler: Wovon redet er eigentlich?

Wulpo: Von meinen drei Missionaren.

Kanzler: Wie will er seine Sache gut erledigen, wenn er nicht bei der Sache ist?

Narr: (öffnet die Türe) Mehr Luft!

6. Szene: Wie die Prinzessin auftaucht

Narr: (während die Prinzessin im Triumphwagen hereingefahren kommt, den die beiden Sekretäre ziehen) Möge mir Majestät diesen Auftritt verzeihen, falls er zur Unzeit statthat, zumal er wider meinen Willen stattfindet. Als ich aber mit den beiden, mir anvertrauten, Herren durch den Garten ging, kam uns die Prinzessin entgegen. Die beiden Herren waren sogleich von ihrem Anblick so überwältigt, dass jedes weitere Wort von mir nur noch taube Ohren erreichte. Neben der Tatsache, dass sie mich los sein wollten, stand ihnen nach nichts mehr der Sinn, als der Prinzessin zu Diensten zu sein. Jetzt aber scheinen auch noch ihre allerletzten Wünsche in Erfüllung gegangen zu sein. Oder ist man nicht im siebten Himmel, wenn man wie ein Esel vor den Triumphwagen ihrer kaiserlichen Hoheit gespannt einhergeht? Wohin wir auch spazieren, uns kann nichts mehr passieren. Ewig bleiben wir die Esel Ihrer Majestät! So sangen sie unterwegs. Einer Dame wie dieser Prinzessin zu Diensten zu sein, das ist das höchste Glück auf Erden, so sagten sie. Den Stolz, der Prinzessin dienen zu dürfen, sehen Sie noch auf ihren Gesichtern.

(er singt)

Zwei Narren wurden eingesponnen,

ins Spinnennetz der Liebelei,

sie schwebten in den höchsten Wonnen,

bis dass ihr Hirnlein sprang entzwei.

Kanzler: Dass die Prinzessin über gewaltige Begabungen verfügt, mit Männern umzugehen, ist schon lang kein Geheimnis mehr. Es ist aber gewiss nicht zu viel gesagt, wenn ich hinzufüge, dass sie hiermit erst einen ganz kleinen Teil ihrer Kunst zum Besten gegeben hat. Bei unserem Feind Tuatutu, da bin ich mir ganz sicher, wird sie noch viel Vorzüglicheres leisten. Dagegen ist das Kunststück hier nur ein kleiner Vorgeschmack.

Wulpo: Meine Herren, was tun Sie da?

Prinzessin: Das sehen Sie doch! - Meine Herren, kommen Sie! Hier ist der Stall. (sie öffnet je einen Topf und zieht die Herren Karst und Hans an den Ohren je in einen Topf, den sie dann wieder verschließt;) Und nun marsch, da hinein! (nur noch die Köpfe schauen jetzt heraus; dann verschwindet sie wieder.)

Kanzler: Was für eine Frau! Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass Prinzessin Helena die Wahrheit erforscht wie niemand sonst. Die beiden Kanaillen hat sie nun in den Kindergarten gebracht. Nur schade, dass den Herren noch die Delikatesse gefehlt hat, sich dafür hübsch ordentlich zu bedanken. Aber vielleicht kommt das noch, wenn sie erst "frisiert" sind.

Karst: Wo sind wir, Hans?

Hans: Man hat uns eingesperrt.

Karst: Ja, man hat uns eingesperrt.

Beide: (rütteln) Aufmachen! Aufmachen!

Papatutu: Was haben die Leute?

Kanzler: Man sagt, die Herren hätten mit der Prinzessin unerlaubt Kurzweil getrieben. Drauf hat sie die Prinzessin eingesperrt.

Hans und Karst: Aufmachen! Aufmachen!

Kanzler: Ist das nicht ein interessanter Fall, mein Herr?

Wulpo: Ich verstehe Sie nicht.

Kanzler: Nun, hier hätten wir doch eine klassische Demonstration, die uns zeigt, wie notwendig die Roboter für uns sind! Jetzt haben wir noch alle diese Kalamität. Später aber werden Roboter diese Arbeit übernehmen, ganz diskret und ohne alles menschliche Mitwissen.

Karst: Befreiung, Exzellenz.

Karst und Hans: Aufmachen! Aufmachen!

Wulpo: Lassen Sie meine Männer frei, Majestät. Ich bitte Sie darum. Ich bitte um die Befreiung meiner Männer!

Papatutu: Aber Sie wissen doch gar nicht, ob ihre Männer befreit werden wollen.

Karst: Befreiung, Exzellenz.

Karst und Hans: Aufmachen! Aufmachen!

Wulpo: Ja schreien sie es denn nicht in alle Welt hinaus?

Narr: Seien wir froh, dass sie arretiert sind; so können sie schon nicht mehr Hand an sich legen.

Wulpo: Gnade, Majestät, Gnade!

Kanzler: (die beiden Töpfe ganz verschließend) Wenn Exzellenz seine Mutprobe hinter sich gebracht hat, wollen wir zusehen, was sich auf dem Feld der Gnade machen lässt! Doch es wird höchste Zeit. Denn wenn Tuatutu von St. Valentin kommt, und er kommt bald, so lässt sich nichts mehr machen. Stech er also zu. Entzaubere er einen der Töpfe! Töpfe gibt es jetzt genug. (er stellt einen der Töpfe mit einem Sekretär vor ihn) Stech er endlich zu. Jetzt weiß er ja, was drin ist!

Wulpo: Aber ich kann doch nicht meine Leute abstechen.

Kanzler: Ich fürchte, die Uhr läuft ab, wenn Sie jetzt nicht rasch Fakten schaffen.

Ho Gu: Muss aber einer der Not gehorchen, so sag er sich, dass man mit Lust tun muss, was immer man tun muss. Drum kommen Sie also mit Lust und mit Vergnügen Ihre Aufgabe nach, Exzellenz!

Kanzler: Üben Sie keinen Verrat an sich, indem sie Verräter schonen! Dann ist alles die Sache eines Augenblicks.

Ho Gu: Das nächste Mal dann geht alles wie geschmiert.

Wulpo: Verräter soll ich schonen?

Kanzler: (den Deckel von Karsts Topf lüftend) Gib zu, dass du deinen Herrn und Meister, den Präsidenten Dr. Wulpo Faust verraten hast!

Karst: Wie käm ich dazu? Das könnte nur einem närrischen Hirn einfallen. Wenn ich etwas getan habe, so geschah es immer nur zu seinem Wohl.

Kanzler: Auch der Verrat geschah zu seinem Wohl!

Wulpo: Mein Herr, das ist Nötigung!

Kanzler: Nichts als die Wahrheit ist das! (auch Hansens Deckel lüftend) Einer von euch hat ihn verraten.

Wulpo: Das ist Nötigung!

Ho Gu: Wer nicht zugibt, dass er seinen Herrn verraten hat, wird in meiner Werkstatt als Verräter ausgestopft.

Karst: Ich hab ihn nicht verraten.

Hans: Ich auch nicht.

Karst: O, das kann man nicht wissen. Wenn einer von uns ihn verraten hat und ich habe ihn nicht verraten, so hast du ihn verraten.

Hans: Gib nur zu, dass du ihn verraten hast. Dann ergibt sich sofort, dass man mich freilassen muss.

Karst: Das würde dir so gefallen.

Hans: Du warst es doch, der nach Europa telefonieren wollte wegen einer Auslieferung, um dich mit der Kronzeugenregel in Sicherheit zu bringen.

Karst: Aber das war doch nur, weil du mir damit andauernd in den Ohren gelegen bist. Gib nur zu, dass es dir nicht schwer fiel, ein Verräter zu sein.

Kanzler: Was sagt Exzellenz dazu?

Wulpo: Sie kämpfen um ihr Leben. Um am Leben zu bleiben, flüchten sie sich in Lügen.

Kanzler: Das hört sich nicht nach Lügen an. Das sind kaltblütige Egoisten von Kopf bis Fuß. Sie verraten einen schon wegen eines winzig kleinen Vorteils, zumal wenn sie sicher sind, dass du nichts davon erfährst.

Wulpo: Wendet euch doch nicht gegeneinander. Bittet seine Majestät, dass sie euch zu Hilfe kommt!

Karst und Hans: Gewiss, das ist besser.

Hans: Majestät! Helfen Sie uns!

Karst: Mögen Sie nie vergessen, dass wir es waren, die Ihnen diesen dicken Fisch an Land geschwemmt haben, ohne dass er davon wusste. Oder wären wir hergekommen, wo wir doch wussten, wie es den Missionaren ergangen ist? Haben wir uns nicht ausschließlich für Ihre Interessen verwandt, dass St. Anton Weltmacht werde, allen Protestlern zum Trotz? Denken Sie daran, wenn Sie vielleicht schon heute damit beginnen, Ihre Welteroberung durchzuführen, was für ein Pfand wir Ihnen geliefert haben? Schließlich ist Dr. Wulpo Faust einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt, mithin ein unschätzbares Pfand.

Wulpo: Wer kann das nur verstehen?

Kanzler: Fort mit ihnen!

Hans und Karst: Wo kommen wir jetzt hin?

Kanzler: Wo ihr eurem Herrn nichts mehr anhaben könnt, ihr Schwerverbrecher!

Wulpo: (irritiert, während der Kanzler die Töpfe von Karst und Hans schließen und wegbringen lässt) So wäre ihr Verhalten nie etwas anderes gewesen als glatte Rede, Lüge, Liebedienerei, Vorteilsnahme? Und ich meinte immer, auf sie könnte ich mich verlassen. Das trifft mich allerdings recht hart. Ja schlimmer noch, als damals, als man mich aus dem Amt verjagt. Auf wen kann man noch bauen, wem vertrauen, wem ins Auge schauen, wenn man überall nur von Verrätern umgeben ist? Muss man da nicht zum Menschenverächter und Menschenfeind werden? Was ist dagegen die Vorteilsnahme, die man mir zur Last legt, selbst wenn sie zutreffen sollte! Hab ich jemals einen Menschen verraten? Hab ich einem seine Hoffnung auf den Himmel zerstört? Wenn mich noch etwas bewegt, so ist es die Frage, wie der Verrat in die Welt gekommen ist oder ob er schon am Anfang da war.

Narr: So wird es wohl gewesen sein, dass alles mit einem Verrat begonnen hat. Dann kam die Erfindung der Rede, die sehr nützlich war, weil man Gras über diese scheußliche Tatsache wachsen lassen konnte.

Wulpo: Früher musste man noch tapfer sein in Europa, wollte man etwas gelten; heute genügt schon ein geläufiges Mundwerk. Das ist allerdings wahr. Gleichberechtigung und Menschenrechte haben das möglich gemacht. Schließlich muss man ja auch keiner Herzensdame mehr gefallen.

Narr: Die Damen, auch wenn sie die Blütezeit der Jugend längst hinter sich gebracht haben, gefallen sich noch selber ganz außerordentlich. Und kommt es einmal vor, dass ein Männlein und ein Weiblein vor den Traualtar treten, so sind sie fast ebenso schnell wieder beim Scheidungsgericht. Ohne rot zu werden lässt man sich dort scheiden, damit man mehr Zeit hat, für Toleranz und Integration zu werben. (zu Wulpo) Oder ist es nicht so?

Wulpo: Mein Herr, und dennoch!

Kanzler: Kein Dennoch.

Wulpo: Dennoch sind das meine Leute. Selbst wenn sie sich etwas zu Schulden haben kommen lassen, gestatte ich nicht, dass man sie als Gefangene abführt. Sagen Sie mir wenigstens, dass meinen Sekretären nichts Böses widerfährt!

4. Akt: Wie Wulpo im Topf verschwindet.

1. Szene: Wie Wulpo die beiden verschlossenen Töpfe öffnet und wie er zwei der Missionare wiederfindet.

Papatutu: Armseliges Europa! Hat kein Geschenk für die Volksrepublik dabei; begehrt man aber eine winzige Aufmerksamkeit, dann kommt man uns mit großmauligen Bedenken und Belehrungen. Mein Herr! Er hat uns gewaltig enttäuscht. Sag er doch selber: was kann man mit einem Mann noch anfangen, den man sich zu besonderen Diensten auserkor und den man dazu bestimmte, mit einem zusammen die Weltherrschaft zu teilen, was kann man mit einem solchen Mann noch anfangen, wenn dieser Mann Vorbehalte äußert, ja endlich gar noch gegen uns aufbegehrt? Wär es nicht besser gewesen, ein solcher Mann wäre nicht zu uns gekommen?

Wulpo: Geben Sie mir meine Männer heraus und ich gehe wieder.

Kanzler: Sie sollen sie wiedersehen.

Narr: (für sich) Und wär es auch erst im siebten Himmel!

Wulpo: Wenn Sie aber die Güte voll machen wollen, so zeigen Sie mir auch noch meine Missionare, damit ich sehe, dass sie wohlauf sind.

Kanzler: Hier, mein Herr! (er reicht ihm einen Schlüssel)

Wulpo: Sie gestatten, dass ich die Töpfe öffne?

Kanzler: Überzeugen Sie sich selbst!

Wulpo: Auf Ihre Verantwortung! (Er öffnet die beiden Töpfe. Es erscheinen fratzenhaft lachend die präparierten Köpfe von zwei der drei Missionare) Mein Gott, aber was ist das? Klaubermann und Klauck! Beide tot? Und ich war drauf und dran, auf sie einzustechen. Zwei meiner besten Männer tot. Und ihr habt sie umgebracht, weil sie euch keine Geschenke mitgebracht haben?

Kanzler: Ausgestopft haben wir sie, mein Herr. Mithin schöner und besser konserviert als jeden der alten Pharaonen aus Ägypten.

Wulpo: Ausgestopft, einen redlich denkenden Menschen?

Kanzler: Wenn er es aber noch genauer wissen will, so soll er erfahren, dass es nicht auszuhalten war mit diesen Herren. Kultur und feines Verhalten uns als Geschenk zu bringen waren sie gekommen, wie sie sagten, und traten doch jeden Anstand mit Füßen.

Wulpo: Was haben sie denn getan?

Kanzler: Was sie getan haben? Jeder von ihnen wollte der Papst sein. So nennt man doch in Europa die Religiösen, die unbedingt immer das erste und das letzte Wort haben müssen, weil sie sich für unfehlbar halten. Kaum dass wir ihnen die Hand zum Gruß gereicht und sie sich uns als Friedensboten vorgestellt hatten, fingen sie auch schon an, sich zu streiten. Über alles und jedes haben sie sich gestritten, vornehmlich aber darüber, ob Europa im Islam seine Wurzeln hat oder im Judentum oder im Christentum, statt uns frank und frei zu sagen, dass eine jede Religion ein Riegel ist, der uns schon von frühester Kindheit an daran hindert, in die Räume dahinter zu schauen. Jawohl, leider hat es nichts gegeben, weshalb sie sich nicht in den Haaren gelegen hätten und nun schauen sie so friedfertig drein, als wäre stets eitel Sonnenschein gewesen.

Narr: Man muss eben gestorben sein, um die letzte anhaltende Genügsamkeit zu finden. (zu den Ausgestopften) Nicht wahr, meine Herren!

Kanzler: Dabei hatte es seine Majestät so gut mit ihnen gemeint. Nachdem sie ihm gesagt hatten, dass sie als Missionare zu ihm gekommen seien, erklärte er ihnen, dass er sie als Missoniere gebrauchen könne. Er erklärte ihnen in aller Ruhe und sehr schön, dass er damit eine neue Kriegerkaste zu schaffen gedächte. Neben seinen Füsilieren, Kanonieren, Grenadieren, Spionieren und Offizieren sollte es von nun an auch noch die Spezialeinheit von Missonieren geben. Wir waren freilich nicht schlecht erstaunt, als sie das kaiserliche Angebot ablehnten. Und als dann seine kaiserliche Majestät noch einmal einen Versuch machte, sie für sich zu gewinnen, und sie bat, ihm ihre Geschicklichkeit unter Beweis zu stellen, versagten sie abermals jämmerlich. Ja, sie hatten gar noch die Kaltschnäuzigkeit, seine Majestät davon überzeugen zu wollen, dass Messerstecherei kein sauberes Handwerk sei und in unsere Welt längst nicht mehr passe.

Wulpo: Wie bei mir.

Kanzler: Immer wieder versuchten sie Geschichten zu erzählen, die davon berichteten, dass schon das Tragen eines Messers des Teufels sei und dass man alles Mordwerkzeug zerstören müsse, um überleben zu können. Einige von uns fragten sie, wer sie autorisiert hätte zu solchen Erzählungen. Doch da fingen sie an zu streiten. Jeder wollte der Erste sein und sie nannten ihre Fitzlibutzligottheiten als ihre Autoritäten. Da sagten wir: wenn ihr eurem Gott wohlgefällig seid, so wird er euch helfen in eurer Not und nicht zulassen, dass euch etwas Böses widerfährt. Da fragten wir sie, ob sie wünschten, ausgebalgt- und ausgestopft zu werden. Drauf ließen wir die Prinzessin kommen. Welches Mannsbild sie auch verführen will, das verführt sie. Jeden macht sie gefügig, wenn sie ihn erst mit ihrer Sirenenstimme zu umschleichen beginnt. Dann öffnet sie einen der leerstehenden Töpfe und bittet ihren Liebling einzusteigen. Kaum dass sie den Topf geöffnet hat, sie muss ihm dabei gar nicht helfen, zieht ihn auch schon ihre Stimme herein. Und während sie das Feuer der Liebe entzündet und die Flammen den Bauch des Kessels lecken, klappt die Falle für immer zu.

Narr: Und dann stopfen wir den Liebling aus und verkaufen ihn auf unserem Großmarkt; und kein Hahn kräht danach. Das ist nämlich schon eine uralte Tradition. Kurz nach der Menschenfresserei wurde sie eingeführt. Das war unter dem Urgroßvater der jetzigen Majestät. Damals zog man das erste Mal den Balg ab und stopfte ihn aus für den Inselgott Papa; neben den Menschen übrigens auch die verschiedensten wilden Tiere. Auch auf St. Valentin pflegte man dieses Geschäft für ihren Gott Tua. Aber seit wir an keinen Gott mehr glauben, sind solche Ausstopfprodukte nur noch zu Verkaufszwecken da; sie haben sich aber immerhin als Exportschlager erwiesen und gelangen in alle naturkundlichen Museen der Welt.

Wulpo: Und mein guter Klüngler aus Klübingen? Wo ist der? Ist der auch tot?

Kanzler: Pfui, wenn er noch einmal sagt, dass diese Männer tot seien.

Ho Gu: Was man hier erblickt, ist die schönste und bestgelungene Präparation, die ein Menschenauge jemals geschaut hat. Diese Männer sind zu neuem Leben erweckt worden durch unsre Künstlerhand. Oder haben wir ihnen nicht das allerschönste Lächeln ins Gesicht gezaubert, das sie nun tragen durch alle Zeiten? Nein, schauen Sie doch nur ganz unvoreingenommen hin! Sieht man ihnen nicht das Lächeln des Friedens an? Sehen sie nicht friedlich drein, diese stoischen Verfechter der Seelenruhe? Kann einer verlangen, noch schöner hergerichtet zu werden? Als wunderten sie sich, dass man noch lachen kann, wenn es nichts mehr zu lachen gibt.

Wulpo: Wie abscheulich! Wie ekelhaft! Dieses Lächeln fröstelt mich an.

Narrr: Ich finde dieses Lächeln durchaus reizvoll. Da hätten Sie das Gesicht sehen sollen, als man einen von ihnen fragte, es war der Christ, ob er daran glaube, dass ihr Religionsstifter morgen auf die Erde zurückkommen und das Reich Gottes ausrufen könne. Wenn du das glaubst, so sagte ich zu ihm, noch ehe er zu einer ins Ferne schweifenden Antwort ausholte, bist du verrückt; und wenn du es nicht glaubst, dann bist du nur gekommen, uns hinter das Licht zu führen. Ja, so war das. Nur der Narr kommt ohne Glaubenszeugnis ins Himmelreich. Der schaut den lieben Gott so an - und dann lässt er ihn durch.

Wulpo: Das war mein Klüngler. Wo ist er?

Kanzler: Momentan befindet er sich im Frieden der Gemächer ihrer Majestät, der Prinzessin Helena. Um es noch etwas genauer und prosaischer zu sagen: auch er hat mit ihr angebändelt. Und jetzt möchte sie aus ihm etwas ganz Besonderes machen.

Narr: Sehen Sie, das wäre nie passiert, wenn wir bereits die richtigen Chips hätten. Dann hätten wir das gar nicht zugelassen. Dann würden sich diese uralten Instinkte nicht mehr unterstehen, den gesamten Körper eines so wacker gebauten, längst volljährig gewordenen Mannes zu durchwuseln.

Wulpo: Und das soll ich glauben?

Papatutu: Nicht glauben, sehen soll er es. Der Beweis liegt auf der Hand. Rufen wir doch unsere Schöne, rufen wir die Prinzessin Helena herbei! Lenchen, wo bist du? Lenchen, wo bist du denn? Komm schnell herbei!

2. Szene: Helena wird gerufen und Wulpo verschwindet im Topf

Prinzessin: (herbeieilend) Kann man nicht einmal ein kleines Stündchen ruhig für sich studieren. Muss man immer in seiner Forschung gestört werden?

Papatutu: Lenchen, mein Kind!

Narr:

Kommt sie nicht in wiegendem Schritt gegangen

Und hält aller Männer Blicke durch ihre Reize gefangen?

Prinzessin: Ich bin es leid, immer wieder zur Besichtigung in eure Männerwirtschaft gerufen zu werden, als wär ich eine reife Birne in einem Fruchtkorb und stünde als Dessert zum Verkauf.

Papatutu: Hier unser Gast glaubt nicht, dass du so schön singen kannst wie eine Sirene.

Prinzessin: Was interessiert das mich? Mag er glauben, was er will.

Papatutu: Hast du dir kein Orakel eingeholt, wen du heute heiraten wirst, Lenchen?

Prinzessin: Das geht niemand etwas an.

Papatutu: (zu Wulpo) Ein resolutes Persönchen, finden Sie nicht auch?

Wulpo: Ich pflege Frauen nicht ins Gesicht zu schauen.

Prinzessin: Dann kann ich jetzt wieder gehen?!

Papatutu: Halt, Lenchen. Sag uns doch noch, ob nicht dieser Mann da der Auserwählte sein könnte? Sieh ihn dir doch an!

Prinzessin: Der da mit seinem Hungergesicht?

Papatutu: Immerhin kommt er aus dem aufgeklärten Europa.

Prinzessin: Aber doch wohl nicht zu mir.

Papatutu: Gibt es etwas Schöneres, als wenn ein Mann der Aufklärung eine so holde Abgeklärte wie dich in der Ehe verklärt? Verrat es uns? - Gewiss hat seine Exzellenz, Herr Dr. Faust, schon große Lust, der Prinzessin selber seine Liebe zu gestehen, geniert sich aber noch!

Prinzessin: Er sieht eher aus wie ein Angsthase, der noch nie zu einer schönen Frau jemals gesagt hat: verweile doch, du bist so schön! Ein Bewerber aber, dem es nicht Ernst ist mit der Bewerbung, was soll mir der?

Papatutu: O, es ist ihm ernst; er ist nur schüchtern.

Kanzler: Zeig es ihr, beweis es ihr, Fremdling, wie ernst es dir ist! Küss sie mit gewaltigen Küssen!

Prinzessin: Bleibt mir vom Leib mit Küssen voller Vergewaltigung und Verrat! Wenn aber echte Liebe küsst, will sie damit sagen: ich bin kein Verräter. Denn ob auch Verrat in meinem Herzen wohnen mag, so will ich doch nie an dir zum Verräter werden. Liebe ist auch einem Darlehen vergleichbar, das einem genommen werden muss, wenn man es nicht gut gebraucht. Ein Verräter aber verspricht und bricht sein Versprechen.

Papatutu: Los jetzt, Fremdling! Zeig, dass du kein Verräter bist! Küss sie!

Wulpo: Ich bin nicht zum Küssen gekommen; ich wollte nur wissen, wo mein lieber Klüngler sich aufhält und wie es ihm geht.

Papatutu: Ach ja, ganz Recht! Dieser prosaische Inspektor Faust will nicht glauben, dass sich Monsignore Klüngler bei dir aufhält.

Prinzessin: Was geht das ihn an?

Wulpo: Ich hörte, gnädiges Fräulein, dass einer meiner drei Missionare sich bei Ihnen befinden soll. Und das geht mich etwas an. Für deren Wohlergehen trage ich Sorge.

Prinzessin: Nur keine Sorge. Herrn Klüngler geht es gut. Er studiert jetzt zwar nicht mehr im großen Buch der Weltreligionen, dafür aber schaut er tagsüber ganz entspannt aus dem Fenster.

Papatutu: Ich habe Herrn Faust schon gesagt, dass Monsignore so gezähmt ist, dass er dir aus der Hand frisst. Aber Herr Faust wünscht sich mehr. Er möchte, dass Du ihn in deine Gemächer mithinauf nimmst. Dann kann er seinen Klüngler von Angesicht zu Angesicht sehen. Da allerdings, das habe ich ihm schon gesagt, muss er erst das Lied der Huldigung auf die Prinzessin gesungen haben. Das verlangt das Zeremoniell.

Wulpo: Ich bin kein Hofmann; ich weiß kein solches Lied.

Kanzler: Niemand darf mit dem Fahrstuhl hinauf in die Gemächer, der nicht das Lied gesungen hat oder für den nicht jemand das Lied gesungen hat.

Wulpo: Mir wäre auch geholfen, wenn man meinen Klüngler herabkommen ließe.

Kanzler: Herab? Das ist unmöglich.

Prinzessin: Dann kann ich jetzt wieder gehen.

Papatutu: Bleib, meine Liebe.

Prinzessin: Und wozu, wenn ich fragen darf?

Papatutu: Könntest du nicht so gut sein und für ihn das Lied singen?

Prinzessin: Das Lied der Huldigung auf mich?

Narr: Das wäre allerdings närrisch.

Papatutu: Dann sing uns das Lied der Gottesanbeterin!

Prinzessin: Dazu müsste der Fremde erst verwandelt werden.

Papatutu: Nur zu! Verwandeln wir ihn!

Wulpo: Was hat das zu bedeuten?

Kanzler: Das wird er gleich sehen! Das da! Zieh er es nur schnell an!

Wulpo: Das ist ja ein Sträflingsanzug.

Kanzler: O, es liegt immer griffbereit da, und ich darf sagen, es hat uns schon viele gute Dienste getan.

Wulpo: Da steht Gefangener drauf.

Kanzler: Das kann nicht sein. Hier versteht keine Menschenseele auch nur ein Wort Europäisch!

Ho Gu: Aber selbst wenn Gefangener drauf stünde: ist es nicht die höchste Wonne, der Gefangene einer solchen Schönheit zu sein?

Papatutu: Und wenn das alles noch immer nicht überzeugend genug ist, so betrachte er nur diesen wundervollen Topf aus purem Gold, würdig eines Kaisersohnes, in welchem er dann Platz nehmen und nach oben fahren darf.

Wulpo: Ein goldener Bauer? Ich danke ergebenst.

Kanzler: Was heißt da Bauer? Sind wir Spatzen oder Kanari? Also los jetzt! Es wäre wirklich unklug, sich jetzt noch zu wehren.

Ho Gu: (während er dem Wulpo mit dem Kanzler das Sträflingsgewand anzieht) Du kannst als Mann von noch so hochstehender Kultur sein, eine Frau regt als Frau grundsätzlich immer erst einmal deine Natur an, ehe du überhaupt merkst, dass du angesprochen bist.

Narr:

Des Vogels Lust vergisst des Netzes Falle.

Des Fisches Lust des Köders krummen Haken.

Und suchen wir nicht lebenslänglich alle

mit großer Lust Entledigung von Plagen?

Kanzler: Nun, wie fühlt man sich? Warum sagt er nichts? Muss Undank immer das letzte Wort haben?

Narr:

Komm doch, so turteln die Spätzinnen wie verrückt,

ob dem Spatz nicht noch ein Begatten glückt!

Ho Gu: Überhaupt steht ihm das Kleidungsstück ganz ausgezeichnet.

Papatutu: Und wenn er einen eisernen Ring um in der Nase trüge: alles steht ihm wie angegossen.

Wulpo: Ich mag das nicht.

Prinzessin: (während sie Wulpo das Kleid zuschnürt) Aber lass dich doch mit meinen Rosenfesseln umschnüren! Was zauderst du? Schon Achill ließ das gelten, als Penthesilea ihn umschlang.

Narr: Nur dass die damals alles todernst taten und starben, während man hier einen lustigen Tod geboten bekommt.

Prinzessin: Wenn ihr ihn so verängstigt, müsst ihr euch nicht wundern, wenn er am Ende nur noch verschreckter dasteht als ein ausgerupfter Hühnermann.

Narr: Das wäre allerdings eine Schande, wenn ihn einer verängstigte. Bei der Komödie darf man nämlich auch über das Tragische lachen; nur bei der Tragödie ist es Pflicht, darüber zu weinen.

Prinzessin: Für meine Zwecke ist er jetzt sehr artig abgerichtet. Hier, sieht er, diesen goldenen Stern? Der bedeutet, dass keiner außer ihm das Recht hat, den goldenen Topf zu betreten. Und nun kommt das Lied. Papatutu hat dir, als seinem künftigen Schwiegersohn, doch sicher schon alles verraten. Nur keine Sorgen. Du denkst an die harten Schläge des Schicksals. Als Sängerin bevorzuge ich die weichen Molltonarten, die Lieder der leisen Trauer. Das aber möchte ich vorweg schon sagen, damit niemand bestürzt ist, wenn er mich die Tonleiter hinauf und hinab schweben sieht: hier geht alles ganz natürlich zu.

Papatutu: Ja wir Naturmenschen sind eben von Natur auf ganz elementare Erfahrungen aus. Was wir einmal für schön erkannt haben, daran halten wir ein Leben lang fest. Zumal wenn wir sehen, dass sich Schwierigkeiten unserem Glück in den Weg stellen, setzen wir auf das Alte, Bewährte. Was immer wir in Besitz genommen haben, wünschen wir weiter in Besitz zu behalten. Fast will mir scheinen, als hätte mein Freund Angst. Mögen sich aber auch die Zeiten noch so sehr ändern, das Spiel der Liebe bleibt sich doch allemal gleich.

Prinzessin: (Sie beginnt zu singen, indem sie einen goldenen, leerstehenden Topf öffnet, dann umtanzt sie Wulpo, prostet ihm zu, schiebt ihn und drückt ihn auf den Sitz und bindet ihn fest)

Ich öffne den Kochtopf und du steigst ein

Gebunden von meiner Fessel.

Denn gefesselt mein Liebling musst du schon sein

In meinem Zauberkessel.

Sehr gut nur liegt mir mein Liebling im Magen,

der gewagt hat, gefesselt den Einstieg zu wagen.

 

Dann zünde ich das Feuer der Liebe an,

das dringt uns in alle Poren,

das versetzt noch in Gluten den ältesten Mann,

hell leuchten die Augen, die Ohren.

Sehr gut nur liegt mir mein Liebling im Magen,

der gewagt hat, gefesselt den Einstieg zu wagen.

 

Hui wie es prasselt unter dem Topf

Wie den Topfbauch die Flammen lecken

Das Wasser wird warm, ein armseliger Tropf,

wer nicht von der Liebe mag schlecken.

Sehr gut nur liegt mir mein Liebling im Magen,

der gewagt hat, gefesselt den Einstieg zu wagen.

 

Und mag auch draußen am Wintertag

der Winterwind heulen und pfeifen:

Was im Topf der Liebe gegart sein mag,

Kann bald mit dem Löffel man greifen.

Sehr gut nur liegt mir mein Liebling im Magen,

der gewagt hat, den Einstieg gefesselt zu wagen.

 

Und hab ich dich endlich mit Haut und Haar

mit den Zähnen gegriffen, gewendet

und zerhackt und klein gemacht ganz und gar

und gefressen zum Orkus gesendet,

dann liegt mir sehr gut mein Liebling im Magen,

der gewagt hat, den Einstieg gefesselt zu wagen.

Nun aber muss ich schnell zu Hochwürden. Er wartet schon auf mich. Und den da, den Faust, nehme ich mit. Nicht wahr, Papa, du schenkst ihn mir. Dann werde ich mir beide neben mein Bett stellen, den Klüngler zur Rechten und den Faust zur Linken und dann werden sie mir alles offenbaren, was immer ich verlange, und ich werde sie streiten lassen, wen ich jeweils zu meinem Schutzengel ernenne. Findest du das nicht auch wunderbar?

Wulpo: Weiche, Sirene, Bestie.

Prinzessin: Aber, mein Süßer. Du enttäuschst mich. Das ist schwarze Magie. Und ist denn nicht herrlich, mein Kopf zu sein? Ich brauche ja nur deinen Kopf. Den Rest schmeißen wir weg. Den Kopf aber schneiden wir ab und stecken ihn in einen mit Wasser gefüllten Topf. Wenn ich dich dann vonnöten habe, lüfte ich den Deckel und erhitze das Wasser. Und waren zuvor noch deine Augen leer und schwarz, wie dunkle Rohre, die nirgends ein Ende haben, und dein Mund schlaff und verschlossen: so kehrt, sobald ich das Wasser erwärmt habe, Leben in dein Haupt zurück. Dann tun sich deine Augenlider auf und dein Mund kündet mir prophetisch die Zukunft. Und immer, wenn du mir etwas Gutes geweissagt hast, darfst du zur Belohnung neben meinem Bett von einer vergoldeten Spitze aus, über der dein Haupt thront, auf mich warten und mir dann zuschauen, wenn ich mich zu Bett begebe. (Helena geht mit dem Topf davon)

Papatutu: Den wären wir los.

Kanzler: In der Grande Reserve wird Dr. Faust jetzt sein Leben einrichten.

Narr: Immerhin hat alles ohne Mitwirken eines Teufels geklappt.

Ho Gu: Und dann ist seine Exzellenz auch mit einem Segelschiff zu uns gekommen und nicht als Energieverschwender mit dem Flugzeug.

Kanzler: Wenn das Geld für ein Ticket nicht mehr gereicht hat, was blieb ihm da anderes übrig?

Papatutu: Und nun zu Tuatutu. Wo ist er?

Kanzler: Ich werde nachsehen.

Papatutu: Warum ist er noch nicht da?

Narr: Wenn Majestät ihn zur Stelle wünscht, hat er da zu sein.

Papatutu: Und du, Ho Gu, siehst nach, was die Bombe macht.

Ho Gu: Wie ich hörte, muss Achmed jeden Augenblick fertig sein.

Papatutu: Und du unterhältst mich in der Zwischenzeit! Jetzt, wo es einmal darauf ankommt, kannst du zeigen, was du kannst.

Narr: Ich will versuchen, mein Bestes zu geben.

Papatutu: Wenn ich es wünsche, hast du da zu sein!

Narr: Sollte mein Bestes für seine Majestät nicht gut genug sein, so bitte ich um eine gelinde Strafe.

Papatutu: Los jetzt, hab ich gesagt, ohne langes Präludieren.

3. Szene: Warten auf Tuatutu

Narr: Ein großer Dichter hat einmal das geflügelte Wort ausgebracht, dass ein roher Mann, wenn er auch noch sehr so am Feuer der Liebe gebraten wird, nie etwas Genießbares ergibt.

Papatutu: Und was will er mir damit sagen?

Narr: Die Prinzessin Tochter hat doch seine Exzellenz am Feuer der Liebe gebraten.

Papatutu: Soll ich darüber jetzt lachen?

Narr: Man könnte es ja einmal versuchen. Etwa so. Oder so. - Zurzeit unterhält seine Majestät nicht viel?

Majestät: Merkt er nicht, wie mir seine Gegenwart immer lästiger wird?

Narr: (für sich) Das hab ich schon bemerkt. - Probier ich etwas anderes! (singt mit Gitarre)

Wenn einmal die Sonne verbrannt ist, und nimmer wird sein

Wenn die Erde mit ihren Ländern und Meeren voll liegt von Menschengebein,

wenn die Völker nimmer toben, das Leben schweigt still,

blüht wie ein Veilchen die Nacht, die leis träumen will.

Papatutu: Defätist! Meint er, das baue auf?

Narr: Gestatten, Majestät, dass ich es sage: aber es stimmt mich traurig, wenn ich bedenke, dass der Mensch ohne diesen Gehirnchip nicht in der Lage sein sollte, sein Heil zu wirken. Wenn wir zwar wissen, was zu tun ist, um es dann aber nicht zu tun, wenn wir nicht anders in der Lage sein sollten, als durch ein technisches Wunderwerk unser Schicksal zu meistern, wird dann nicht auf einmal das Mittel zum Zweck und wär es dann nicht besser, wir besäßen überhaupt kein Wissen? Ist das nicht überaus traurig?

Papatutu: Phrasen voll wertloser Philosophie, ohne eine einzige praktikable Botschaft.

Narr: Wie an Schnüren gehaltene Marionetten tauchen wir auf, tanzen über die Bühne und verschwinden dann wieder.

Papatutu: Das gilt nur für die Narren.

Narr: Wenn sich wenigstens einer über das Schauspiel amüsierte. Aber mir schwant, dass sich außer mir überhaupt niemand amüsiert.

Papatutu: Und dieses Amüsement hält sich in schlichten Grenzen.

Narr: Man müsste die Augen fest verschließen. Denn hält man sie offen, so sieht man nur Dokumente der Ratlosigkeit.

Papatutu: Ich möchte wetten, sein Hintern gehört wieder einmal frisch versohlt.

Narr: Die ganze Welt ist eine Rüstkammer voller Waffen der Ratlosigkeit, unseren Untergang heraufzubeschwören.

Papatutu: Will er mir jetzt auch noch den Oberlehrer vorspielen? Merk er sich, das Schauspiel eines Oberlehrers hat noch nie jemanden amüsiert.

Narr: Dabei ist mir heute Morgen ein Orakel geweissagt worden, und zwar beim Rollladenhochziehen.

Papatutu: Es kann dir nur einen blauen Hintern geweissagt haben.

Narr: Es lieferte mir ein stärkendes Heilmittel.

Papatutu: Ich sagte es doch: einen frisch versohlten, blauen Hintern. Also los!

Narr: "Komm schon mit! Komm schon mit!" orakelte der Laden auf Schritt und Tritt, derweil ich die Kurbel bediente, den Tag ließ ein und nachsann, was mit dem Spruch gemeint mag sein.

Papatutu: Und wie lautete des Rätsels Lösung, weiser Thebaner?

Narr:

Verfehlten Hoffnungen sinn nur nicht nach, dass dir gelingt

der Tag, der Festigkeit und Ruhe bringt!

Das Gute nur such auf, lass dich nur nie im Stich,

dann bist zu Haus du, wo du bist, ganz sicherlich!

Papatutu: Wenn er glaubt, dass davon auch nur die zahmste aller Sphingen zugrunde geht, täuscht er sich. Oder sieht er nicht, wie alle Schulkinder gähnen und auf die Pause warten?

Narr: Wenn mir die Bemerkung gestattet ist, so behaupte ich, dass die Schulstunden für die Kinder vornehmlich dazu da sind, dass sie lernen, dass es im Leben immer wieder Zeiten gibt, die zu nichts anderem taugen, als dass man sie hinter sich bringt. Kommen Tage des Glücks, so wollen wir mit ihnen schon fertig werden, auch ohne vorbereitenden Unterricht.

Papatutu: Bravo! Was auch eignete sich besser, sich auf die Tristesse des Lebens einzuüben als die Tristesse der Schule?

Narr: Wiewohl des Menschen Tage gezählt sind, scheint es immer wieder Tage der Trübsal zu geben. Darüber habe ich schon öfters nachgedacht. Es müsste Uhren geben wie Riesenvögel, die uns mit ihren Flügeln schnell über diese gefährlichen, uns im Weg stehenden Berge hinwegtrügen. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein, dass sie nur noch langsamer laufen, je schneller man sie sich hinweg wünscht.

Papatutu: Genug jetzt. Wenn ein Narr zu nichts anderem mehr fähig ist, als die Welt melancholisch anzufärben, dann ist es höchste Zeit, ihm allen Ballast von Philosophie aus dem Leib zu klopfen. Auf, weg mit ihm! (man bringt ihn weg)

Narr: Dabei wäre nichts schöner als eine Weltherrschaft über nichts als Narren. Aber der Wille des Herrn geschehe! Und ich komm ja bald wieder!

Ein Narr zu sein, ihr lieben Leut,

das ist halt die größte und schönste Freud,

Für nichts muss man sich sorgen, für nichts trifft einen Leid.

Wer nicht als Narr auf die Welt kommt, der ist nicht gescheit.

5. Akt: Tuatutu von St. Valentin

1. Szene: Tuatutu wird gesichtet

Wächter: (hereinstürzend) Seine Majestät, der Prinz Tuatutu ist eben in den Hafen eingefahren.

Papatutu: Es wird höchste Zeit.

Wächter: Ein Kriegsschiff ist in seinem Gefolge.

Papatutu: Ein einziges Kriegsschiff! Wenn es weiter nichts ist!

Wächter: Eine Peitsche hat er in der Hand.

Papatutu: Im schwarzen Festtagsanzug mit einer Peitsche?

Wächter: Er kommt nur in Jeans.

Papatutu: Ach so. Als Zähmer einer Widerspenstigen. - Kommt er allein?

Wächter: Achmadin ist bei ihm mit einem riesengroßen Koffer.

Papatutu: Hat man den Koffer untersucht?

Wächter: Das wäre ein Verstoß gewesen gegen das kaiserliche Protokoll. Kaiserliche Majestät hat uns ja doch sagen lassen, Tuatutu komme als Bewerber der schönen Helena.

Papatutu: Vielleicht will er mein Lenchen drin verstauen und entführen. - Warum lacht er nicht? Lach, du Schuft, oder du bist ein Verräter!

Wächter: Ziemlich großspurig kommt Tuatutu allerdings daher, falls mir das noch zu sagen erlaubt ist.

Papatutu: Du sollst lachen, hab ich gesagt. - Ist das alles? - Schau er her! So muss er lachen! Hat er verstanden.

Wächter: Das ist das beste Lachen, das ich eben aus mir herausholen kann. Es sei denn, dass ich mir vorstelle, Tuatutu wäre in einer Nussschale zu uns gekommen und hielte sich am Bord fest, um nicht ins Wasser zu fallen.

Papatutu: Mag er sich mit uns messen, wenn er Lust hat. Dann werden wir sehen, ob er als Oberkommandant mit seinem Kriegsschiff Bestand hat gegen unsere 1000 Kriegsschiffe.

Wächter: Ja, mag er zusehen, ob er Bestand hat!

Papatutu: (winkt dem Wächter zu gehen) Wie man nur so dumm sein kann, so ahnungslos blind in die Falle zu rennen. Als ob wir je daran gedacht hätten, unser Land unserem Erzfeind zu übermachen.

Kanzler: Sollen wir ihm entgegengehen? Damit er uns nicht die Türen einschlägt, weil der Bursche bekannt ist als gewalttätig und unberechenbar?

Papatutu: Gewiss hat es mit dem Koffer nichts weiter auf sich.

Kanzler: Ein bedeutungsloses Nichts, was der Bursche dabei hat, um uns ein wenig Angst zu machen. Ausgelassen und grün wie er, hat er sich den Scherz erlaubt am letzten Tag seiner Unabhängigkeit.

Papatutu: Und doch brauchen wir Gewissheit. Nur wenn wir unserer Sache gewiss sind, machen wir unseren Weg. - So geh denn, Kanzler, und sorg mir dafür, dass Tuatutu anständig bei uns einkehrt!

Kanzler: (geht)

Papatutu: (für sich) Wenn ich auch nicht tollkühn bin, bei Leibe nicht, aber etwas Wagemut gehört wohl mit zu unserem Geschäft. Und doch. Gesetzt St. Valentin ist uns zuvorgekommen und Tuatutu hat eine Bombe im Koffer! Dann werden wir ganz anders vorgehen müssen, als wenn wir wissen, dass er wehrlos zu uns kommt.

2. Szene: Begrüßung des Tuatutu

(Tuatutu hält eine Peitsche in der Hand und Achmadin trägt den Koffer.).

Kanzler: Majestät, hier bring ich Ihnen Tuatutu, königliche Hoheit und Thronfolger von St. Valentin.

Papatutu: Willkommen Tuatutu, willkommen mein verehrter Herr Schwiegersohn. Wie lang schon haben wir uns nicht mehr gesehen!

Tuatutu: Ich hatte viel zu tun, Schwiegerpapa. Oder ist es nicht so, Achmadin?

Achmadin: (mit dem Koffer spielend) O ja, wir lagen wahrlich nicht auf der Bärenhaut.

Tuatutu: Jetzt aber sind große Dinge im Anzug.

Papatutu: Große Dinge? Danach siehst du gar nicht aus.

Tuatutu: Was hast du an meinem Aussehen auszusetzen?

Papatutu: So ohne Festtagsgewand, ohne Schmuck und ohne leuchtendes Auge?

Tuatutu: Ach so! Ich verstehe! Weil ich mir keine Maiglöckchen ans Revers gesteckt und kein Vergissmeinnicht durchs Knopfloch gezogen habe. Du bist ja eben auch nicht im Schmuck deines Hofstaats. Oder macht dir meine kühne Aufmachung Angst?

Kanzler: Wie lustig er scherzt!

Achmadin: Mein Herr meint, dass wir nicht mehr zu den Gestrigen gehören, weshalb wir nicht mehr den altmodischen Kram mitmachen.

Papatutu: Nicht jeden Tag findet in meinem kaiserlichen Palais eine Hochzeit statt.

Tuatutu: Seine Majestät sagte, ich solle zum großen Tag meines Lebens schlicht und ohne großes Gefolge erscheinen. Da wollte mir mein schwarzer Anzug nicht recht behagen. Und was die leuchtenden Augen angeht, die Majestät vermissen, so liegt das nur daran, dass mich noch kein Strahl Ihres erhabenen Götterglanzes erleuchtet hat.

Papatutu: Nun, dann setzt dich hierher! Und pass auf, dass ich dich nicht blende.

Tuatutu: Da es zwischen uns keinen Rangunterschied gibt, so gebe ich die Empfehlung zurück.

Papatutu: Und die Fahrt ging reibungslos?

Tuatutu: Mit unserem guten alten Zweierkajak sind wir reibungslos angekommen, ich und mein guter, alter Achmadin, der mir stets als Steuermann und Motor dient.

Kanzler: In Begleitung eines Kriegsbootes sind sie angekommen. Das ist das ganze Aufgebot für die Hochzeit.

Achmadin: Ein Kriegsboot musste sein. Als sein Leibwächter kann ich nicht zulassen, dass sich seine Hoheit schutzlos auf Reisen begibt.

Tuatutu: Auch könnte ja sein, dass uns unterwegs ein Fang in den Weg läuft. Im Übrigen ist kein Grund zu irgendeiner Besorgnis vorhanden.

Kanzler: Nur keine Sorge. Unsere Kriegsflotte ist hundertfach überlegen.

Tuatutu: O wir sind in Bombenstimmung.

Papatutu: In Bombenstimmung? Das freut uns. - Und wo ist das Geschenk?

Tuatutu: Welches Geschenk?

Papatutu: Nun, das Hochzeitsgeschenk.

Tuatutu: Das Wetter war zwar gut, aber es schien mir ein wenig zu gut, so dass ich sagen möchte, dass es mir verdächtig gut schien. Drum sagte ich mir: das muss nicht sein, dass du ein großes Geschenk mitnimmst.

Papatutu: Aber es regnete doch nicht.

Tuatutu: Noch regnete es nicht. Das stimmt wohl. Noch herrschte das schönste Frühlingssonnenwetter. Doch sage selbst, ob nicht mitunter ein Umschlag ganz plötzlich und wie aus heiterem Himmel erfolgt! Hätte mich nun aber solch ein Unwetterchen überfallen und ich hätte meine Kostbarkeit über Bord werfen müssen, das wär doch wohl katastrophal gewesen.

Papatutu: Gewiss, gewiss. An deiner Stelle hätte ich auch keine Bombe mitgenommen. Eine Bombe wirft man nicht ins Wasser.

Tuatutu: Sondern aufs Haupt des Feindes, zumal wenn es einem so glatt und hell entgegenleuchtet wie deines, Papatutu.

Papatutu: Kleiner Frechdachs!

Tuatutu: Nur das Peitschchen habe ich mitgenommen. Da der Griff aus gutem Eichenholz ist, so sagte ich mir, dass es selbst im ärgsten Sturm nicht untergeht.

Kanzler: Darüber geht allerdings nichts.

Tuatutu: O ja, über ein sturm- und regenfestes Peitschen geht nichts. Hätte uns selbst der Meeresgott mit seinen Wogen überfallen, er hätte das Nachsehen gehabt; hätt ich mich doch daran festgehalten und wäre wie ein Biber an Land geschwommen.

Papatutu: Und das da ist das kostbare Stück?

Tuatutu: Jawohl das ist es; noch immer trage ich es allezeit bei mir, wie es unsere Altvordern noch gemacht haben, ehe sie eine Frau zu sich ins Bett genommen haben. Da haben sie sie erst mal tüchtig eingebläut; wenn dann aber die Widerspenstige den Widerstandstest gut bestanden hatte, dann haben sie sie am anderen Tag zum Brautamt in die Kirche geführt und sie gefragt, ob sie Willens wäre, also gezähmt auf das Band der heiligen Ehe zu achten. Und so will es denn auch ich halten. Selbst wenn das Fräulein Prinzessin die Göttin der Liebe wäre und die Hochzeit die Traumhochzeit des Jahres, so würde ich das Hürlein erst mal tüchtig verwixen.

Papatutu: Gewiss, die Prinzessin in ihrer vollen Unschuld und Unberührtheit gehört nur Tuatutu, nur ihm ganz allein.

Tuatutu: Einen Europäer mag sie hinters Licht führen und bezirzen, nicht aber einen Naturburschen wie mich.

Kanzler: Ein echter Naturbursche!

Papatutu: Und in dem Koffer, da hat der Naturbursche nicht ?

Tuatutu: Was hat der Naturbursche da nicht?

Papatutu: Eine Bombe?

Tuatutu: Was für eine Bombe?

Papatutu: Na klar. Was für ein Bömbchen auch?

Kanzler: Ein Bömbchen mit Sprengstoff, zum Entladen, wie es Brauch ist seit Alters bei den jungen Männern, passend zum Peitschen, fürs Bett der Geliebten.

Tuatutu: Ach so. Ich verstehe. Eine kleine Überraschung ist da allerdings drin. Doch halten wir die Überraschung noch ein wenig geheim! Man muss ja nicht immer gleich alles verraten. Wir kommen noch darauf zurück. Ich denke, du kannst deine Neugier solange noch zügeln.

Kanzler: Majestät pflegt keine Neugier zu zügeln, da man ihm alles mitteilt, was er zu wissen wünscht.

Tuatutu: Dann machen wir drei diesmal eben eine kleine Ausnahme, nicht wahr Achmadin!

Papatutu: Wir drei?

Tuatutu: Ich, mein Achmadin und die Bombe im Koffer.

Papatutu: Wo nur unsere Helene bleibt?

Tuatutu: Gemach, nur gemach! Nur keine Umstände.

Papatutu: Ich dachte, damit er gleich mal sein Peitschchen ausprobieren kann.

Tuatutu: Nur keine Umstände, damit wir nicht zu schnell in andere Umstände geraten. Bleib sie nur hübsch dort, wo sie ist. Sie wird dort schon nicht allzu viel Böses anstellen.

Kanzler: Sicher macht man sie noch schön für ihn. Ihre Zofen stehen ihr bei.

Tuatutu: Was aber noch lange nicht heißt, dass die Hochzeitsköche nicht längst schon bei ihren Töpfen bei der Arbeit stehen.

Papatutu: Wie?

Tuatutu: Sie rühren und rühren, bis sie ganz gerührt sind vom vielen Rühren.

Kanzler: Gut, gut. Ihm ist heute zum Scherzen zu Mut; er ist eben immer noch der Alte.

Tuatutu: Wohl dem, der stets der Alte bleibt. Man weiß dann zumindest Bescheid, wen man vor sich hat.

Kanzler: Wie wahr gesprochen. Schöner und sorgfältiger kann man sich überhaupt nicht um die Wahrheit herum winden.

Papatutu: O ja; fast hätt ich es vergessen vor lauter Angst vor ungebärdigen und widerspenstigen Schwiegersöhnen, vor denen man nicht genug auf der Hut sein kann.

Tuatutu: Wie war das?

Kanzler: Mein Herr, freuen Sie sich nicht zu früh!

Tuatutu: Was immer hier gespielt werden mag, wir sind gewappnet.

Papatutu: Wenn man eine Tochter im Haus hat, die beginnt, einen eigenen Kopf zu bekommen, dann bleibt einem nichts anderes übrig, als sich entsprechend einzustellen.

Kanzler: Hinter manch einem Menschenantlitz scheint ein tiefes Geheimnis zu schlummern; vor allem, wenn der Besitzer eine Besitzerin ist und jung ist und schön und weiß, dass sie bezaubernd schön ist.

Tuatutu: Wackerer Philosoph! Als ob wir nicht wüssten, dass hinter manch einer Fassade nichts als eine gähnende Leere fuselt und wuselt.

Kanzler: O, eine Hochzeit bringt durchaus manch eine Änderung hervor. In den kaiserlichen Küchen herrscht bereits höchster Hochbetrieb. Da werden jetzt die Hochzeitsspeisen gesichtet und gerichtet. Die Küchen- und Kellermeister haben da jetzt alle Hände voll zu tun.

Tuatutu: Zuerst gibt es die seit Alters berühmte Metzelsuppe, unsagbar gut allein schon durch ihren unwiderstehlichen Duft und Blutgeruch.

Kanzler: Eine Bouillon, in der die Köpfe von allerlei Wild schwimmen, von wilden Ebern und Tigern, von Krokodilen und Schlangen und da und dort ist auch ein Menschenkopf zu sehen, der einem die Zunge herausstreckt, wenn man ihm nicht die Klappe verschließt.

Tuatutu: Da kann man leicht ungewiss werden, wer auf wen schaut: der Esser auf das Wild oder das Wild auf die Esser.

Papatutu: Dann aber kommt das Heer der Köche in schneeweiße reine Schürzen gekleidet, mit gigantisch weiß aufgetürmten Hüten, in ihren fleischzarten Riesenhänden ein Gericht nach dem anderen zu servieren.

Tuatutu: Wer auch hätte die Zunge, alle die vielen Gänge und Gerichte genau zu beschreiben und würdig zu preisen. Selbst ein Fachmann und Feinschmecker wie Peter Onius stieße da rasch an seine Grenzen.

Papatutu: Endlich aber kommt der Nachtisch, hereingetragen von der Schönheit selbst, der wunder- und hoheitsvollen Prinzessin, die die Sahnetörtchen auf den Tisch stellt.

Tuatutu: Dabei aber hat sie es auf Ihren Liebsten, den Bräutigam abgesehen. Nachdem sie ihm die Augen verbunden hat, muss er den Mund weit aufsperren; dann schiebt sie ihm ein ganzes Törtchen, ohne jeden Abstrich in den Mund, das er dann blind herunterschluckt.

Papatutu: Nach dem Dinner aber kommt der Tanz. Da kommt es dann drauf an, sich ganz der Zauberstimmung zu überlassen.

Tuatutu: Vor allem, wenn die holde Prinzessin so verführerisch sirenenhaft zu singen beginnt:

Willst du mein einziger Liebling sein,

so steig nur rasch hier ins Töpfchen hinein.

Hier hinein nur in den goldenen Topf,

dann erniedrig ich dich zum schlappen Tropf!

Doch nein, so geht das Lied nicht los. Es geht so los!

Ich öffne den Kochtopf und du steigst ein

Gebunden von meiner Fessel.

Denn gefesselt mein Liebling musst du schon sein

In meinem Zauberkessel.

Sehr gut nur liegt mir mein Liebling im Magen,

der gewagt hat, gefesselt den Einstieg zu wagen.

Papatutu: Ganz Recht. Er ist doch ein wackerer Kerl. Hat überall seine Spione.

Tuatutu: Hast du etwas dagegen, Schwiegerväterchen?

Papatutu: Mitnichten, Schwiegersöhnchen. Aus allem etwas zu machen, das gehört zur Lebenskunst.

3. Szene: Tuatutu verlangt den Staatsschatz Europas.

Tuatutu: Doch genug jetzt des bezaubernden Vorspiels. Kommen wir jetzt endlich zu Sache!

Papatutu: Ganz Recht! Kommen wir jetzt endlich zu Sache! In der Tat haben wir, kurz bevor du zu uns gekommen bist, einem Mörder das Handwerk gelegt. Kaum dass er, aus Europa eingetroffen, die Prinzessin Helena gesehen, fing er gleich Feuer. Geil wie nun einmal die Freiheit liebenden Europäer sind, war unmöglich, ihn davon abzubringen. Dabei hatte er noch nicht einmal ein kleines Geschenk zur Hand, das er mich in meiner Huld als Zugabe zum Brautschatz anzunehmen gebeten hätte. Wie ein brünstiger Hund lief er einfach drauf los. Da wir uns dir gegenüber aber verpflichtet fühlten, die Prinzessin als schneeweiße und blütenreine Jungfrau in die Ehe zu führen, so blieb uns nichts anderes übrig, als den alten Bock in Gewahrsam zu nehmen.

Tuatutu: Dass eine Prinzessin vergeben ist, stört doch keinen Europäer. Dann nimmt er sie eben wild, in wilder Ehe.

Achmadin: Das scheint das Vorrecht des Kultivierten zu sein, dass er sich immer mal wieder so einen atavistischen Anachronismus leisten darf. Besinnt sich nicht lange und brüllt auf und treibt irgendeinen Unfug, als wär er noch immer ein Wilder.

Tuatutu: Die Gesetzgebung in Europa scheint dieses Verhalten zu unterstützen.

Achmadin: Jawohl, so ist es.

Tuatutu: Aber nicht wahr, Papatutu! Wie dir der Europäer da so kommt, wendest du ein, dass er deinen Schwiegersohn in spe schlecht kennt. Wenn der erst mal in Eifersucht gerät, sagst du ihm, dann gibt es nichts mehr zu lachen. - Doch das stimmt nur im Allgemeinen. Hier aber sind die Bedingungen zur Eifersucht nicht ganz erfüllt.

Papatutu: Etwa, weil er sich in der Gewalt hat und stets zu beherrschen weiß?

Tuatutu: Ich weiß doch, wie sie es macht. Ich kenne doch ihre Tricks. Wie sie ihre Liebhaber verführt und in den Topf tanzt. Ich aber bin nicht so naiv wie die überzüchteten und verbildeten Europäer. Der Verlockung kann ich widerstehen.

Papatutu: Wollten wir jetzt nicht das Scherzen lassen?

Tuatutu: Fehlte nur, dass man mir das Märchen auftischte von der schlafenden Prinzessin. Wie der Prinz kommt, führen ihn die besorgten Königseltern ins Schlafgemach ihrer Tochter, wo eine rosenwangige Jungfrau in ihrem Bettchen schlummert. Eigentlich, so lassen sie den Prinzen wissen, wollte sie dem Herzliebsten entgegengehen, aber dann war ihr plötzlich so angst und bange zumut, dass sie sich niederlegen musste. Der Prinz, so sagten sie, sollte sie nun aufwecken.

Papatutu: Und nun? Gehen wir nicht länger um den heißen Brei herum!

Tuatutu: Abgemacht! Gehen wir nicht länger um den heißen Brei herum!

Papatutu: Wir denken da doch wohl an denselben heißen Brei!

Tuatutu: Was sonst. Heißer Brei ist heißer Brei!

Papatutu: Dieser heiße Brei aber ?

Tuatutu: das ist der, der in deinen Töpfen vor sich hin brodelt.

Papatutu: Vor sich hin brodelt?

Tuatutu: Du musst ja nur den Deckel lüften.

Papatutu: Welchen Deckel?

Tuatutu: Aber das weißt du doch, Papatutu. Das ist der Deckel, der noch verbirgt, dass du den Fremdling aus Europa ausgeraubt und dann mit Hilfe deiner Prinzessin Tochter in den Topf gesperrt hast.

Kanzler: Was für Worte! Sperrt man hier Menschen ein?

Tuatutu: Damit einem keiner lästig wird.

Papatutu: Ist das der Dank für meine historische Rettungstat, dich vor dem Abgrund gerettet zu haben, vor welchem du dich befindest.

Tuatutu: Ja hast du erwartet, ich lasse mich zum Dank dafür einsperren und niederstechen?

Papatutu: Sieh dich doch nur um! - Aber wenn du lieber nicht gerettet werden willst. Bitte. Meine Leute warten ja nur darauf, dir jeden Wunsch von den Lippen zu lesen.

Tuatutu: Bring den Brautschatz, bring das Geld; dass du selber dem Abgrund entgehst!

Papatutu: Was für einen Brautschatz, was für Geld?

Tuatutu: Das von den Europäern.

Papatutu: Wie drollig er sich gebärdet, fast als würde ich ihm schon bald das Vergnügen verdanken, mir selber zusehen zu dürfen, wie ich mich aufesse?

Tuatutu: Warten wir es ab.

Papatutu: Pass nur auf, dass du nicht gleich den Anfang machst, dich selber aufzufressen! Oder siehst du nicht, wie meine Männer nur auf den Schlag meiner Wimpern warten, aus dir Hackfleisch zu machen. O, manch einer hat schon wider Willen ins Gras gebissen.

Tuatutu: Genug jetzt mit dem Palaver! Was immer du an Besitz hast, alle Ländereien, vor allem aber den Staatsschatz, den dir der Fremde aus Europa mitgebracht hat: rück sie heraus! Sag es deinem Schatzmeister, dass er mir sofort alles herbeischafft. Oder mein Koffer!

Achmadin: Hier ist er!

Papatutu: Ach so ist das! Nicht genug, dass wir ihn als unseren Schwiegersohn zum Nachfolger und Erben unseres schönen großen Reichs bestimmt haben!

Tuatutu: Als ob ich euch nicht längst durchschaut hätte

Kanzler: Den Edlen zu verkennen zeugt von unedlem Charakter!

Tuatutu: Den Unedlen aber zeitig zu erkennen von praktischem Lebenssinn.

Achmadin: Als ob man nicht wüsste, weshalb Fürst Tutatutu hergekommen ist. Meint man hier noch immer, er wär so harmlos naiv, das schnippische Fräulein Tochter heiraten zu wollen?

Tuatutu: Meine Herren, wir sind nicht gekommen, Komödie zu spielen. Wir sind gekommen, um endlich unsere Herrschaft über St. Anton auszudehnen.

Papatutu: So ganz allein?

Tuatutu: Hier, dieser Koffer hier wird es bestätigen. Wir von St. Valentin wissen, was wir wollen und wir wissen auch, wann die Stunde gekommen ist. Glaubt nur nicht, dass ich tollkühn wäre; Gott bewahre; in einer Welt von Verrätern gilt es, ganz genau auf der Hut zu sein. Lass deine Hunde auf mich los. Probier es! Und stünden mir 1000 gegenüber, so wollte ich ihnen zeigen, dass ich für 10000 gelte. Unverwundbar und unbesiegbar musst du dich ihnen zeigen, das überzeugt sie und demütigt sie und unterwirft sie dir. Aber zu alledem gibt es ja noch ein paar Bundesgenossen und Hilfsvölker, die mir zur Seite stehen.

Papatutu: Dann ist wohl das Beste, wir legen jetzt alle Karten auf den Tisch.

Tuatutu: Ich bin dabei! Spielen wir mit offenen Karten!

Papatutu: (auf die Bewaffneten zeigend) Hier, das sind meine Männer!

Tuatutu: (auf den Koffer weisend) Und hier drin sind meine Männer!

Papatutu: Lass sie heraus, damit wir sie taxieren können!

Tuatutu: Hier gibt es nichts herauszulassen.

Kanzler: Junge, Junge! In dieses Köfferchen will er den Staatsschatz Europas einpacken? Beim Gott unserer Väter, bei Papa und Tua: das Geld des Fremden will er in diesem Koffer mit sich nehmen?

Achmadin: Jawohl, deswegen sind wir da.

Kanzler: Um Europa zu kaufen? Was will er mit diesem maroden Europa anfangen?

Tuatutu: Nur Geduld! Er wird alles mit eigenen Augen erleben, wenn er sie nicht zuvor verschließt.

Kanzler: Da passen ja noch nicht einmal die Milliardenscheine hinein, geschweige denn die Schmucksachen und die Wertpapiere.

Achmadin: O täuscht euch nicht. Dieser Koffer hat es in sich.

Tuatutu: Da seht doch, diese gefräßige Leere für alles was nach Gold und Geld riecht.

Kanzler: Das ist ja kaum zu fassen. Der Koffer ist leer?

Tuatutu: Füllt ihn jetzt ganz schnell mit dem Gold!

Kanzler: Der Koffer ist leer? Das ist ja unfassbar!

Papatutu: Hurra, er ist leer. Jetzt wissen wir es. (zu den Wächtern) Dann auf! Nehmt ihn fest. Dann kann er aus der sicheren Burg eines Topfs heraus den weiteren Verlauf der Weltgeschichte verfolgen.

Tuatutu: (Die Wächter wollen Tuatututu ergreifen; der aber warnt sie) Keinen Schritt weiter oder ich pfeife.

Papatutu: Ja dann pfeif doch, du billiger Jakob!

Kanzler: Nur bitte nicht aus dem letzten Loch!

Tuatutu: Schaut nach draußen, dass euch die Augen aufgehen! Dann wisst ihr, was im Anzug ist.

Kanzler: Die paar Vagabunden da! Hat er die mitgebracht? Als ob wir mit denen nicht fertig würden. Los, was wartet ihr noch? Ergreift die beiden Herren und topft sie ein. Mit dem bleichhäutigen Gesindel da draußen werden wir dann schon auch noch fertig. Sie sollen es wagen, sich in die Höhle des Löwen zu begeben!

Tuatutu: (er pfeift; sogleich strömen Europäer in den Saal, mit geschulterten Gewehren)

Soldaten des Papatutu: (singen)

Das Militär ist hochzufrieden,

es hält die Hand stets am Gewehr,

es weiß, auf Erden gibt es niemals Frieden,

drum liebt es auch den Krieg so sehr.

6. Akt: Die Europäer mischen sich ein.

1. Szene: Wie die Europäer kommen und nach dem Rechten sehen.

Papatutu: Meine Damen und Herren, nur hereinspaziert! Ihr Besuch als Botschafter des Friedens entzückt uns. Vielleicht sagen Sie uns noch, wo Sie her kommen, (leise) ehe wir Sie in Handschellen abführen!

Bombatsch: (mit einem Koffer) Von Europa.

Mauler: Eingeflogen mit dem Hubschrauber in die Volksrepublik St. Anton.

Breinlich: Gelandet auf dem Platz des himmlischen Friedens.

Kanzler: Um uns armen Schluckern Befehle zu erteilen?

Bombatsch: Um hier nach dem Rechten zu sehen.

Fr. Großkatz: Um für Ordnung und Frieden auch noch in der hintersten Ecke der Welt zu sorgen.

Breinlich: Unsere Mission ist schnell erledigt, wenn Sie, meine Herren, alle mithelfen.

Tuatutu: Jawohl, mein lieber Schwiegervater! Jetzt sollst du mal sehen, wie das ist, sich den falschen Schwiegersohn erkoren zu haben. Sag doch nur einer, ich hätte die Prüfung meines Lebens nicht bestanden! Nun geht nämlich diese stolze Insel, von der du immer behauptet hast, sie gehöre dir, in meine Hand über, und zwar ohne Fräulein Tochter und ohne Erbschein. Oder ist es nicht so, meine Damen und Herren?

Bombatsch: Noch sind wir nicht so weit.

Tuatutu: Immerhin dauert es nicht mehr lange.

Kanzler: Großmaul!

Tuatutu: Und sei versichert, es wird mir gelingen, wenn du nicht mehr bist, mich zutiefst davon zu überzeugen, dass mir nichts fehlt, wann immer ich bemerken sollte, dass du fehlst.

Kanzler: Meine Damen und Herren, achten Sie bitte nicht auf diesen Schwätzer, damit Sie sich nicht seinetwegen zu entschuldigen haben! Sie wissen ja doch, dass die Volksrepublik St. Anton ein souveräner Staat ist. Und dass sie eine Verletzung ihrer Souveränität nicht ungestraft hinnimmt.

Bombatsch: Ich bitte um Ruhe!

Papatutu: Wenn hier einer sich Ruhe ausbittet, so bin es noch immer ich!

Tuatutu: Sagt doch endlich, dass ihr eine Bombe in der Tasche habt; sonst richtet ihr bei dem Kerl nichts aus!

Kanzler: Ladies and Gentlemen! Sie glauben, ohne unser Wissen hier eingeflogen zu sein? Was für ein Irrtum. Wie hätten Sie zu uns fliegen können, wenn unsere Landesverteidigung Sie nicht mit unsrer ausdrücklichen Genehmigung zu uns gelassen hätte? Wenn Sie genau Acht gegeben haben, so haben Sie gewiss seine Majestät gehört, als er sagte: Meine Damen und Herren, Ladies and Gentlemen, ich, Kaiser Papatutu der Große, oberste Majestät und alleiniger Parteivorsitzender der Volksrepublik St. Anton mache Sie darauf aufmerksam, dass sie unsere Staatsgrenze passiert haben und dass sie sich in unseren Hoheitslüften befinden. Damit wollte seine Majestät andeuten, dass es von nun an nur von seiner Gnade abhinge, ob er Sie aus der Luft herunterholte oder ob er Sie bis hierher zu uns fliegen ließe. (zu Papatutu leis) Mach ich das nicht gut? Ich versuche, das Gespräch in die Länge zu ziehen und Zeit zu gewinnen, bis Ho Gu und Achmed mit der Kugel erscheinen.

Bombatsch: Häuptling von St. Anton, vernimm den Grund unserer Mission.

Papatutu: Gestatte, Häuptling aus Europa, dass ich, noch bevor du gesprochen hast, dir zu verstehen gebe, dass ich nichts verstehe.

Mauler: Wart ab, bis er gesprochen hat. Verstanden, Häuptling!

Bombatsch: Tatsache ist, dass ein gewisser Herr Dr. Wulpo Faust unter euch weilt, der in dringendem Verdacht steht, den Staatsschatz Europas bei Seite geschafft und hierher gebracht zu haben.

Tuatutu: Das habe ich denen schon gesagt. Doch man zeigt sich begriffsstutzig. (auf den Koffer schauend, den die Europäer mitgebracht haben) Ohne Mithilfe von etwas Gewalt spaltet man diese Holzklötze nicht.

Breinlich: Wie lange sollen wir eigentlich noch warten?

Kanzler: Worauf warten?

Mauler: Auf das Geld, du Nichtsnutz!

Papatutu: Jetzt nur bitte nicht die Etikette der Diplomaten missachten!

Tuatutu: Lasst nach dem Fremden rufen. Er soll euch sagen, wo der Staatsschatz ist. Und wenn der nicht kommt, weil man ihn schon beiseite geschafft und beseitigt hat, so lasst das Fräulein Tochter bitten, diese Viper mit dem Schlangenkopf!

Frl. Großkatz: O ja, das Fräulein Tochter zu sehen würde mich auch freuen.

Kanzler: Sie soll eine ganz raffinierte, weibliche Schönheit sein, die zu allem gut ist! Wenn gnädiges Fräulein sie sieht, wird sie entzückt sein.

Bombatsch: Meine Herren! Liefern Sie uns den Wulpo aus mitsamt der von ihm gestohlenen Beute und dem Fräulein Tochter und wir werden Sie nicht weiter behelligen in Ihrem Idyll.

Kanzler: (zu Papatutu) Das ist ja zum Lachen. Finden Sie nicht auch, Majestät?

Papatutu: O ja, das ist wirklich zum Lachen.

Kanzler: Ein himmelblaueres Märchen ist mir noch nie ins Ohr gedrungen.

Mauler: Häuptling aus St. Anton, mach jetzt nur nicht länger noch Zicken! Reize nicht den letzten Rest unsrer Geduld, sondern gib den Europäer Dr. Wulpo Faust schnurstracks heraus, der bei dir Unterschlupf gefunden hat, nebst der Morgengabe, die er dir gebracht hat, nämlich dem Staatsschatz aus Europa.

Frl. Großkatz: Also los! Er hat doch gehört! Dalli, dalli! Sonst müsst ihr euch auch nicht wundern, wenn wir des weiteren auf die feingeschliffene Sprache der Diplomaten verzichten.

Papatutu: Wenn Gott Papa uns hilft, schleif ich das Messer und opfere ihm dieses arrogante Europäerpack!

Kanzler: Ho Gu wird sich freuen, wenn er mal wieder das Fleisch des weißen Mannes in seinen Topf bekommt. (zu den Soldaten) Ihr aber haltet eure Gewehre noch schön in Anschlag!

Tuatutu: Meine Herren, wie lange soll ich noch mit besorgtem Blick diesem Schauspiel zuschauen? Meine Leistung war es, wehrlos in die Burg des Feindes einzudringen und hier für Schrecken zu sorgen. Ja, paralysiert habe ich sie, indem ich ihnen weismachte, ich hätte die Bombe bei mir. Ihre Leistung aber, meine Herren, besteht in der Ausübung souveräner Herrschaft. Schonung denen zu gewähren, die vor euch den Boden küssen und euch die Schulsohlen lecken, oder den Feind zu Brei zu zerstampfen. Drum fackelt jetzt nicht länger! Drum heraus mit dem Staatsschatz!

Bombatsch: Er hat es gehört. Heraus mit dem Staatsschatz! Und mit Dr. Wulpo Faust!

Kanzler: Einen Staatsschatz gibt es hier nicht. Das habt ihr doch gehört. Zumindest ist noch keiner gefunden worden.

Tuatutu: Was tut er so scheinheilig, als wüsste er von keinem Staatsschatz? Erst vorhin noch hat man zu mir gesagt, dass unser Koffer nicht in der Lage ist, allein die Milliardenscheine zu beherbergen, geschweige denn die Schmucksachen und die Wertpapiere. Über 3000 Milliarden Euro sollen es sein. Und jetzt leugnet man alles ab.

Bombatsch: Ein letztes Mal! Den Staatsschatz heraus und den Dr. Faust!

Kanzler: Den Faust könnt ihr haben; der ist ohnedies nicht mehr zeitgemäß; dann haben wir schon einen Fresser weniger. Aber etwas, was es nicht gibt, gibt es nicht, auch nicht für euch Europäer.

Bombatsch: Dann holt sofort den Faust her!

Papatutu: (zum Kanzler) Geh und hol ihn.

Tuatutu: Ihr werdet doch den Fuchs nicht gehen lassen! Wer weiß, ob er vor die Tür pinkelt!

Bombatsch: Du hast Recht. - Halt! - Hier geblieben, habe ich gesagt.

Kanzler: Wie soll dann der Faust wissen, dass er erscheinen soll?

Bombatsch: Ruf ihm!

Kanzler: Exzellenz Dr. Wulpo Faust! Kommen Sie! Man sucht nach Ihnen!

Mauler: Was für eine Mäusestimme! Das geht so: Wulpo Faust! Kommen Sie! Man sucht nach Ihnen!

Stimme von Wulpo: Ich komme ja schon!

Bombatsch: Das wäre gelacht, wenn wir die Sache jetzt nicht schnellstens ins Reine brächten.

Tuatutu: Mögen die Herren von Europa nur auch nie vergessen, was für eine riskante Vorarbeit ich geleistet habe. Bei der Morgenröte der Gerechtigkeit ?

Kanzler: (für sich) die am Nimmerleinstag anbricht

Breinlich: Man wird ihn bei der Endabrechnung nicht vergessen.

Tuatutu: Schließlich habe ich alles ganz wehrlos und so unauffällig wie nur möglich in die Wege geleitet. Ja, um Ihre Wünsche zu erfüllen, meine werten Damen und Herren, war mir auch mein Leben nicht zu wertvoll. Nur in Begleitung mit meinem allezeit von Verfall bedrohtem Leben bin ich hinab in die Höhle des Löwen gestiegen.

Kanzler: Sieht seine Majestät auch, wie sein Ex-Schwiegersohn auf den Koffer der Europäer schielt, als schlummerte dort drin die Geheimwaffe, die ihn so dreist macht?

Papatutu: Ich bin nur gespannt, ob Lenchen auch erscheint.

Kanzler: Jämmerlicher geldgieriger Haufen von Opportunisten, vermutlich mit einer desaströsen Haushaltspolitik. Kommen und erdreisten sich, uns zu kommandieren, um im Gegenzug dafür aus dem Nichts Geld zu zaubern. Ich wollte das einen Banküberfall nennen, wenn wir sie nicht gleich Mores lehrten!

Tuatutu: Lacht nur! Aber nicht wahr, ihr Herren und Damen aus Europa: denen wird schnell das Lachen vergehen. Du musst nämlich wissen, Väterchen Papatutu, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Und das bin ich, weil mir die Damen und Herren versprochen haben, dass sie mir, wenn ich dich ?

Kanzler: "Dass sie mir, wenn ich dich!" Du alter "Dass sie mir, wenn ich dich!"

Tuatutu: dass sie mir, wenn ich dich an Sie ausliefere ?

Kanzler: Wenn, wenn, wenn!

Tuatutu: St. Anton übermachen.

Kanzler: St. Valentin meinst du vielleicht!

Tuatutu: Deshalb habe ich auch gleich bei meinem Kommen zu dir gesagt, du sollst dein Testament machen.

2. Szene: Wie die Prinzessin hinzukommt.

(Ein Diener schiebt den Topf mit Wulpo herein, daneben schreitet die Prinzessin)

Bombatsch: Kommt nun endlich der Herr Wulpo?

Mauler: Eingesperrt in einen Topf, wie es sich gehört für einen Ex-Kapitän aus Europa.

Frl. Großkatz: Aber immerhin in Begleitung der mit Spannung erwarteten wilden Schönen!

Bombatsch: Bist du das, Faust!

Wulpo: Was von mir noch übrig ist.

Frl. Großkatz: Lass ihn heraus, Wilde! Damit wir ihn zusammen mit dir bewundern!

Diener: Das geht nicht

Frl. Großkatz: Warum nicht?

Diener: Wer einmal in einem dieser Töpfe landet, der sitzt erst einmal drin.

Narr: Verloren ist das Schlüsselein, und du musst immer drinnen sein

Mauler: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

Bombatsch: Lass sie! Wir kommen auch so weiter. - Warum bist du uns entflohen, Wulpo? Warum hast du dich nicht der Justiz gestellt?

Mauler: Gesteh, dass es dir um den Staatsschatz zu tun war, den du uns geklaut hast, um ihn in Sicherheit zu bringen.

Bombatsch: Halt jetzt einmal wenigstens das Maul, Mauler. Er soll reden! - Wohin hast du den Staatsschatz gebracht?

Wulpo: Ich weiß von keinem Staatsschatz etwas.

Bombatsch: Ach! Wie reizend!

Breinlich: Ja glaubt er denn, das nehmen wir ihm ab? Wir haben ihn doch gesehen, wie er mit seinem Aktenkoffer Reiß-aus genommen hat. Heimlich, still und leise, damit ihn nur ja niemand dabei sieht!

Frl. Großkatz: So ist es. Wir haben dich doch mit einem Koffer weggehen sehen.

Wulpo: Alles das beweist nichts.

Frl. Großkatz: O das beweist sogar sehr viel.

Wulpo: Ja bin ich denn der Kasper von der Komödie? Nur ein paar Socken waren im Koffer drin und eine Salami. Fragt doch nach bei der Redaktion der Bildzeitung! Karst warf die Sachen über die Reling.

Bombatsch: Nichts als Lüge.

Mauler: Lügen sind das Schlechteste, was dir einfallen kann. Das erschwert nur noch deine Lage.

Frl. Großkatz: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er die Wahrheit spricht.

Breinlich: Aber auch ein Black-out nützt ihm jetzt nichts mehr.

Narr: Was man ansonsten Narrenfreiheit nennt, das heißt bei den höchsten Staatsdienern dort Immunität. Und die ist jetzt aufgehoben, Freund Wulpo. Denn du bist außer Amtes.

Wulpo: Dann fragt mich am besten nichts mehr. Gebt Befehl, dass man den Deckel über meinem Topf schließt und lasst mich in Ruhe.

Bombatsch: O nein, Freund. So schnell entkommst du uns nicht.

Mauler: Sich unter einem Topfdeckel zu verstecken, das könnte ihm so gefallen. Aber ein Topfdeckel ist noch kein Grabdeckel.

Wulpo: Ganz Recht! Vom Monsignore Klüngler war noch sein Hauptwerk über die Weltreligionen mit dabei.

Breinlich: Na also. Und weiter?

Frl. Großkatz: Und Karst warf den Koffer über die Reling?

Wulpo: Ja

Frl. Großkatz: Auf Befehl von Dr. Faust?

Wulpo: Wider meinen Willen.

Frl. Großkatz: Und aus welchem Grund? Was für ein Motiv hatte er?

Wulpo: Er sagte, man würde Geld drin vermuten und das brächte mir Unannehmlichkeiten.

Bombatsch: Was für eine bombastische, absurde Idee.

Breinlich: Und dann hat er das Geld ins Meer geschmissen?

Wulpo: Was für Geld?

Breinlich: Den Staatsschatz.

Wulpo: Da war kein Staatsschatz drin; wie oft soll ich das noch sagen?

Mauler: Vielleicht wollten Sie sagen, dass kein Staatsschatz mehr im Koffer war? Denn er hatte ihn zuvor anderswohin versteckt?

Wulpo: Wer?

Mauler: Das wollen wir wissen.

Breinlich: Vielleicht wissen Karst und Hans mehr davon. Sollen wir sie holen?

Bombatsch: Nein, sie sollen vorerst noch bleiben, wo sie sind.

Kanzler: (für sich) Vermutlich sind sie auch schon verarbeitet.

Tuatutu: Meine Herren! Hier sind die Löcher zum Einstechen. Darf ich ihn abschlachten?

Bombatsch: Wo denkt er hin? Wir pflegen kein Standrecht.

Tuatutu: Dann brauchen Sie auch keine Bange mehr zu haben, ob ich der Mann bin, diesen Papatutu da abzustechen. Jeder Zweifel wäre erledigt. Das Thema in actis! Auf mein Wort. Ich bin keine zarte Pflanze. Ich habe scharfe Zähne. Nach spätestens drei Stichen soll er mir mausetot sein.

Frl. Großkatz: Pfui, was für ein widerliches Ansinnen!

Tuatutu: Auch mich wollten sie so meucheln. Und wenn das Gesetz, Auge um Auge, Zahn um Zahn Gültigkeit hat, dann bin ich verpflichtet, ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen! Das sagen die Menschenrechte.

Mauler: Kein Menschenrecht sagt das.

Tuatutu: Vergessen Majestäten nicht, dass ich alles so unauffällig in die Wege geleitet habe, wie nur möglich. Ja, um Ihre Wünsche zu erfüllen, war mir auch mein Leben nicht zu wertvoll. Allein, nur in Begleitung mit meinem Leben bin ich hinab in die Höhle des Löwen gestiegen.

Bombatsch: Nehm er endlich zur Kenntnis, dass sich seine Verdienste in engem Rahmen halten. Schließlich hatten wir auch noch die beiden Sekretäre Karst und Hans. Die waren es ja, die uns auf den Weg hierher gebracht haben. Er aber hätte uns das Geld ausfindig machen sollen. Käme er jetzt und sagte: Meine Herren, hier ist das Geld und nun vernehmen Sie, wie ich dazu gekommen bin, unsere Ohren gehörten ihm!

Tuatutu: Immerhin war ich es, mit dessen Spezialwissen alles einen so genialen Gang nahm.

Bombatsch: Genug jetzt! Ab, ins Flugzeug mit ihm. Nach Den Haag.

Wulpo: O Weg voll Schmach und Schande!

Mauler: Nur das Geld hätte ihm mildernde Umstände eingetragen.

Wulpo: Klappt doch bitte endlich den Deckel zu! Es ist mein letzter Wunsch.

Mauler: Der bleibt offen. Keine mildernden Umstände!

Mauler: Und die Dame da geht mit!

Prinzessin: Hände weg, mein Herr.

Mauler: Immerhin steht sie im Verdacht der Komplizenschaft.

Prinzessin: Weg mit den schmutzigen Griffeln!

Narr: Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten.

Frl. Großkatz: Wartet noch einen Augenblick, bis ich mich satt gesehen habe. Das also ist das klassische Vorbild für eine wilde Schönheit der Südsee? So also sieht auf der Südsee eine weibliche Schönheit aus! Die hab ich mir ganz anders vorgestellt. Man könnte meinen, dahinter steckte etwas Außergewöhnliches, Zauberhaftes. Dabei ist es nur etwas ganz Stinknormales, normal Stinkendes. Die Südsee sucht ihren Superstar. Fräulein, kommen Sie nach Europa und lassen Sie sich dort ausbilden. Ich kann zwar nicht garantieren, dass sie als Miss Europa meine Nachfolge antreten. Aber schon wenn Sie eine kleine Ausbildung hinter sich gebracht haben, können Sie, bei ihrer ausdrucksvollen Gestalt und Stimme, zumindest als sexuelle Stimulationssängerin Furore machen. Glauben Sie nur nicht, dass man solche Leute in Europa nicht brauchte. Sie sind noch wichtiger als jeder Politiker. Und wenn es Ihnen vielleicht auch nicht gelingt, einen europäischen Fußballermillionär zu angeln, einen aus Amerika oder aus Australien werden Sie sich schon erkapern.

Bombatsch: Und jetzt machen wir noch einen letzten Versuch. Und sollte der misslingen, dann geht es unwiderruflich nach Den Haag.

Frl. Großkatz: O wir können auch schön wild werden, das soll man sehen. Wenn man meint, man könnte mit uns Katz und Maus spielen, ist das ein Irrtum, der nicht ohne Folgen bleibt.

Bombatsch: Das Geld jetzt her oder es rauscht!

Papatutu: Das wollen wir doch sehen. Auch meine Geduld ist erlahmt. Meine Herren Soldaten und Offiziere! Schaffen Sie klare Verhältnisse!

Bombatsch: Keine Bewegung, wem das Leben lieb ist! (er holt eine Bombe aus dem Koffer) Sie wissen, dass das eine Atombombe ist! Sie ist scharf geladen und wartet nur noch auf die Zündung.

Kanzler: Ach so ist das? Er glaubt wegen seiner lächerlichen Atombombe uns eine Verhaltensweise aufzwingen zu können?

Mauler: Wir Europäer als Nachfahren der römischen Kaiser und als Nachfahren der osmanischen Herrscher, denn schließlich leben bei uns in Europa 10 Millionen Türken, wir sind dazu bestimmt, Ordnung und Frieden auf Erden zu schaffen. Wer aber unseren Anordnungen nicht Folge leistet, den kartätschen wir zusammen. Und nun, heraus mit dem Geld! Bis auf den letzten Cent. Oder ihr paddelt alle wie die Biber nach dem Winter nach Den Haag, wo man euch für den Rest der Tage bei Wasser und Brot hält. (zu Bombatsch) Ich durfte es ihnen doch verraten?!

Papatutu: Und weswegen paddeln wir nach Den Haag, wenn man fragen darf?

Mauler: Wegen Missachtung der Menschenrechte.

Papatutu: Was soll das heißen?

Mauler: Das wird man euch dort sagen.

Tuatutu: Und ich bekomme nun endlich St. Anton?

Bombatsch: Ohne Geld bekommt er überhaupt nichts.

Tuatutu: Allein und wehrlos, nur in Begleitung mit meinem Leben bin ich hinab in die Höhle des Löwen gestiegen.

Mauler: Hat man jemals etwas bekommen ohne Geld?

Tuatutu: Das war aber so ausgemacht. Meine Herren, pacta servanda! Meine Herren, man muss ihm Dampf machen! Dann kommt das Geld herbei. Lassen Sie ihn mich auf die Folter legen. Ich will ihn solange bearbeiten, bis das Geld da und St. Anton mein ist.

Bombatsch: Finsterstes Mittelalter!

Tuatutu: Dann drohen Sie ihm wenigstens! Sagen Sie, dass ansonsten sein Haupthaar die Bombe auf seinen Schädel herabsausen sieht. Das zeitigt eine Wirkung.

Frl. Großkatz: Allenfalls sind wir bereit, auf den Faust zu verzichten. Auf Geld niemals!

Tuatutu: Das Geld her! Oder die Bombe geht los!

Kanzler: Gut, gut! Wir rufen ja schon! Dann sollt ihr das Geld bekommen. Ho Gu, komm! Und bring den Achmed mit und sag ihm, dass er unseren Schatz mitbringen soll!

Tuatutu: Unseren Schatz. Endlich!

Ho Gus Stimme: Wir sind eben fertig. Wir kommen.

Frl. Großkatz: Endlich!

Mauler: Ich frage mich, warum man immer so viel Theater machen muss, bis endlich etwas klappt.

Ho Gus Stimme: Majestät wird mit uns hochzufrieden sein.

Bombatsch: Was sagt der Kerl?

Kanzler: Er ist eben fertig geworden mit dem Registrieren. Er wird sich beeilen, den Schatz, wie gewünscht, herbeizuschaffen. Es scheint sogar noch etwas mehr zu sein als 3000 Milliarden Euro.

Bombatsch: Gut!

Tuatutu: Und dann krieg ich mein St. Anton, wie ausgemacht. Schließlich habe ich auch Kopf und Kragen riskiert.

Bombatsch: Sobald das Geld da ist, sehen wir weiter.

3. Szene: Wie Achmed die Bombe bringt.

Ho Gu: (Tritt zusammen mit Achmed herein, der einen Koffer mit einer Atombombe bei sich hat) Majestät!

Kanzler: Nur keine langatmigen Formalitäten. Nur her mit dem Koffer.

Papatutu: (nimmt ihn und schaut hinein und nickt befriedigt) Sie ist es.

Kanzler: Haben Sie gehört, meine Herren! Sie ist es. Schreien Sie Triumph, meine Herren.

Bombatsch: Was hat er? Ist er übergeschnappt?

Kanzler: Die Herren warten schon auf unsre Post.

Bombatsch: Also, wo ist das Geld?

Papatutu: Hier! (er zeigt die Bombe)

Mauler: Was soll das heißen?

Kanzler: (die Bombe ergreifend und schwenkend) Dass ihr euch fertig machen könnt, mit der Extrapost zum Teufel zu reisen. Hier ist der Flugplatz, der euch billig und preiswert zum Teufel bringt, sofern ihr nicht alles tut, was wir euch befehlen.

Tuatutu: Das darf doch nicht wahr sein. Das wäre ungeheuerlich.

Kanzler: Komm her, ungläubiger Thomas, wenn du Lust hast, und beriech die Kost! Jawohl, meine Damen und Herren, Nun wendet sich das Blatt!

Tuatutu: Hab ich es euch nicht gesagt, Europäer, dass man diesen Hunden zuvorkommen muss? Nun spätestens müsst ihr aufbegehren. Jawohl, lasst euch nur ja nichts mehr gefallen! Oder ihr müsst euch nicht wundern, wenn ihr das Nachsehen habt.

Bombatsch: Man wird schon nichts gegen unseren Willen tun. Auch wir haben eine Bombe zur Hand. (er zeigt sie)

Kanzler: Nur dass ihr hinreichend bewiesen habt, dass ihr nicht mit ihr umzugehen versteht!

Mauler: Täusch dich nicht, Kanzler! Wer uns reizt, soll uns kennen lernen!

Kanzler: Genug der Schnurren und Sackpfeifereien! Was immer wir euch befehlen, habt ihr zu tun, und zwar augenblicklich, ohne zu murren, vielmehr freudig bewegt, seiner Majestät einen Gefallen tun zu können. Denn dies ist der Sinn jeder Vorschrift und jedes Gesetzes, seiner Majestät zu gefallen.

Tuatutu: Das ist ein Freischein, zu tun und zu lassen, was sie wollen.

Bombatsch: Solche Ermächtigungsgesetze kennen wir. Sie sind uns noch in guter Erinnerung.

Kanzler: Gut, wenn ihr verstanden habt. Dann will ich euch jetzt sagen, was ihr jetzt zu tun habt. Und zwar will ich es euch in der Sprache der Diplomatie sagen. Um den lästigen A loszuwerden erlaubt der mächtige B dem C zu sagen, A habe C an den B verraten, worauf C den A ins Gefängnis sperrt. Capito?

Breinlich: Wir haben nichts verstanden, vermutlich zu unserem Glück.

Tuatutu: O doch, das hab ich verstanden. Drum beschwöre ich euch: lasst nicht zu, dass er sich an mir vergreift!

Frl. Großkatz: Aber von ihm war doch noch gar nicht die Rede!

Tuatutu: Habt ihr es denn nicht begriffen! Der lästige A, das bin ich! Der mächtige B, das ist er selber, Papatutu. Denn nur als der mächtigste Mann der Welt vermag er sich irgend zu begreifen. Bleibt für euch Europäer nur noch das C übrig.

Breinlich: Und was soll uns dann das Rätselwort bedeuten?

Tuatutu: Ich werde mich hüten, mich Ihnen auszuliefern.

Frl. Großkatz: Lösen wir das Sprachspiel. Tuatutu hat die Europäer an Papatutu verraten. So die Lösung.

Tuatutu: Das ist aber nicht wahr. Was auch für einen Sinn sollte ein solcher Verrat haben? Die Wahrheit ist, dass Papatutu mich verraten hat.

Kanzler: Aber doch wohl nicht an die Europäer.

Tuatutu: Verräter verraten jeden an jeden.

Kanzler: Etwas könnte aber schon dran sein. Denn wie kommt sonst in Papatutus Hand diese gefährliche Waffe? Wir haben dich an Europa verraten, weil du ein Verräter bist. Weil du jeden an jeden verrätst. Und darum nun weiter keine Zeit verloren. Europäer!

Frl. Großkatz: Was sollen wir tun?

Kanzler: Habt ihr nicht gehört, dass C den A ins Gefängnis wirft? Das Gefängnis, das sind die Töpfe. Also auf. Den Tuatutu in den Topf gebracht!

Tuatutu: Das darf doch nicht wahr sein. Mein Achmadin.

Achmadin: Wenn du fallen musst, Tuatutu, so fall wenigstens nobel, wie die alten Römer.

Tuatutu: Das war doch nur ein Sprachspiel.

Bombatsch: Meine Herren, was soll das? Haben die Scharmützel etwas mit uns zu tun?

Kanzler: Schafft ihn in den Topf da! Damit er sicher ist vor euch. Sonst sagt er noch, ihr wolltet ihn abstechen.

Tuatutu: Wie infam. Er will mich abstechen.

Bombatsch: Er wird dich schon nicht abstechen, solange wir da sind.

Tuatutu: Ich wäre nicht der Erste.

Papatutu: Und nun an die Arbeit! In den Topf mit ihm!

Tuatutu: Was hab ich getan?

Kanzler: Nichts

Tuatutu: Und deshalb wollt ihr mich umbringen? Das ist gegen die Menschenrechte.

Kanzler: Nichts ist gegen die Menschenrechte. Das können alle hier bestätigen.

Papatutu: Ist er aber im Topf, so geschieht dies zum Schutz unseres Landes.

Tuatutu: Niemals geh ich in den Topf.

Breinlich: Nur für ein kleines Weilchen. Das ist doch harmlos. Tu ihm den kleinen Gefallen. Denk daran, dass er es noch nicht gewohnt ist, unter den Großmächten der Erde seine Rolle zu spielen.

Mauler: Wir schwören dir, dass er dir nichts tut.

Tuatutu: Man schlachtet mich ab!

Bombatsch: Geh da herein; wir sorgen dann dafür dass du wieder herauskommst.

Tuatutu: Niemals sorgt ihr mir dafür.

Bombatsch: Freund, das ist aber nicht schön von dir, unsere Fürsorge so zu missachten.

Kanzler: So stellt sich die miese Kreatur immer an.

Tuatutu: Man darf mich nicht festnehmen.

(die Europäer erfassen Tuatutu und bringen ihn in einen Topf)

Bombatsch: Es ist nur eine Untersuchungshaft.

Breinlich: Sollte das aber ein Unrecht sein, dass sie ihn in einen Topf einsperren, so können wir immer noch sagen: wir haben nur zugeschaut.

Tuatutu: Ihr werdet es noch sehen: das gibt eine Untersuchungshaft, aus der ich nicht mehr herauskomme.

Frl. Großkatz: Du musst es eben erdulden!

Tuatutu: Was Recht ist, ist recht; und was Unrecht ist, muss man nicht erdulden. Drum werft die Bombe!

Mauler: Dann gehen wir alle drauf.

Tuatutu: Was tuts? Gehen wir eben alle drauf; das ist noch besser, als dass Papatutu triumphiert.

Frl. Großkatz: Das Leben ist zu schön, um es in den Wind zu blasen.

Tuatutu: Gemeinsam sind wir stark.

Frl. Großkatz: Allenfalls, dass dich das Gericht für Menschenrechte einmal rehabilitiert.

Tuatutu: Was nützt mir das, wenn ich bis dorthin dahin bin?

Kanzler: Endlich sitzt er fest! Ein hartes Stück Arbeit.

Tuatutu: Das Weilchen ist vorbei! Holt mich jetzt wieder heraus. Ihr habt gesagt, dass ihr kein Unrecht duldet, zumal da ich an eurer Seite für die gute Sache gekämpft habe.

Kanzler: Wenn er jetzt nicht ganz still ist, stechen wir ihn ab!

Tuatutu: Habt ihr das gehört?

Bombatsch: Hier wird niemand abgestochen.

Tuatutu: Gewiss, weil noch Zuhörer und Zuschauer da sind. Sobald die aber weg sind, benehmen sie sich zwanglos brutal.

Kanzler: (indem er den Topf des Tuatutu verschließt) Edel sei der Mensch, anständig und gut. Und so wollen wir ihn auch ausstopfen lassen.

Bombatsch: Wir warnen St. Anton davor, unsere Güte zu missbrauchen. Das Gericht von Den Haag gelangt überallhin!

Kanzler: Wollen doch sehen, vor was für ein Gericht wir kommen, wenn wir tun, was wir für wichtig und richtig halten! So wahr es keinen Gott in Den Haag gibt: Noch nie ist einer von der Volksrepublik wegen Verletzung der Menschenrechte vor Gericht gekommen und es soll auch nie einer von uns dorthin gelangen. - Ihr aber macht euch fertig. Und dann marschieren wir hübsch artig, wie Gänse zu Martini, einer nach dem anderen in den Topf. Dann kann euch Ho Gu schon mal zur Ausstopfung vermessen, ehe er euch endgültig fertig macht. Von nun an wird man zu uns kommen und vor unserem Tribunal erörtern müssen, wenn etwas in der Welt geändert werden soll, ob bei den Parthern oder den Medern, den Syrern oder den Afghanen. Kusch! Alle auf die Knie mit euch Oppositionellen! Auf die Knie vor seiner Majestät, oder wir machen aus euch Kalbfleisch.

Bombatsch: (er gehorcht) Das geht zu weit. Ehe wir uns das gefallen lassen, werfen wir unsere Bombe.

Breinlich: Auch kommen wir nicht als Oppositionelle hierher, sondern im Dienst des europäischen Vaterlandes.

Narr: Das muss ein interessantes Vaterland sein.

Mauler: (auch auf den Knien) Überhaupt haben wir uns den Erstschlag vorbehalten.

Tuatutu: (wieder aus dem Topf schauend) Waschlappen!

Kanzler: Und nun aufstehen!

Tuatutu: Waschlappen!

Kanzler: Und nochmals auf die Knie! Das geht doch für den Anfang schon ganz gut.

Tuatutu: Waschlappen!

Kanzler: Und jetzt um Gnade gewinselt!

Bombatsch: Nein, das machen wir nicht länger mit. Mag er demütigen, wen er will, wenn er sein narzisstisches Unterstübchen nicht besser bewirtschaften kann!

Mauler: Wenn er es nicht anders will, dann mag er sein Maul auftun und unsere Bombe schmecken.

Kanzler: Ja, dann wirf doch, wenn du die Courage hast.

Frl. Großkatz: Das Werfen von Atombomben ist gegen die Genfer Konvention.

Kanzler: Für euch, Europäer, vielleicht. Aber nicht für uns, die wir noch immer zur unentdeckten Welt gehören.

Breinlich: Wer in der Lage ist, eine Atombombe abzuwerfen, gehört nimmer zur unentdeckten Welt, sondern in den Kreis der gefährlichen Weltmächte.

Kanzler: Überhaupt haben Bittsteller wie ihr kein Recht, uns weise Mahnungen zu erteilen.

Bombatsch: Wir sind nicht als Bittsteller gekommen. Wir haben nichts getan, als das Unsere zurückzuverlangen.

Frl. Großkatz: Drum gebt uns jetzt unseren Staatsschatz zurück. Dann reisen wir nach Haus und das Stück ist aus.

4. Szene: Papatutu stellt Forderungen

Kanzler: Den Staatsschatz sollt ihr bekommen.

Papatutu: Doch verlangen wir im Gegenzug noch ein paar Gefälligkeiten.

Mauler: Genügt nicht, dass ihr den Fuchs da gefangen habt?

Kanzler: Ho Gu, geh und hol uns den Staatsschatz, nach dem sie so hungrig sind! Dann wollen wir sehen, was noch geht.

Breinlich: Sprich, weiser Kaiser, was du begehrst!

Tuatutu: Lasst mich heraus, ehe er mit seinen dreckigen Pfoten mein sauberes St. Valentin antastet!

Papatutu: Als Erstes verlangen wir, dass Tuatutu gepfählt wird, und zwar auf die Weise, wie die alten Ägypter die Grabräuber gepfählt haben.

Tuatutu: Was hab ich getan? Weil ich den Europäern geholfen habe, will er mich pfählen lassen?

Breinlich: Aber Majestät! Ist das nicht etwas hart?

Papatutu: Ja habt ihr nicht gehört, wie er immer herumnörgelt an unserer weisen Entscheidung? Statt zufrieden zu sein, bläst er uns die Ohren voll, heraus zu wollen aus dem Topf. Mag er denn seinen Willen erfüllt bekommen. Es soll uns eine Wonne sein, ihn so zu pfählen.

Tuatutu: Weil ich den Europäern geholfen habe?

Papatutu: Hättest du dich einverstanden erklärt, im Topf zu bleiben; aber du wolltest ja doch wieder heraus!

Tuatutu: Ja ist das vielleicht spaßig, wenn man einen Mann von Verdienst eintopft?

Papatutu: An die frische Luft sollst du kommen.

Tuatutu: Ist es schon so weit gekommen? Das könnt ihr nicht zulassen. Ihr könnt mich nicht diesem Sadisten übergeben.

Bombatsch: Sprich, Majestät, was er getan hat, damit wir erwägen, ob das Maß der Bestrafung seiner Missetat entspricht!

Papatutu: Was er getan hat? Schon dieses Aufbegehren ist eine Gotteslästerung. Im Übrigen ist er es, der sich nun schon über 50 Jahre gewehrt hat, St. Valentin der Volksrepublik St. Anton anzuschließen, trotz unserer freundlichen Angebote. Erst wenn er gepfählt ist, wissen wir, dass er sich nicht mehr wehrt. Das leuchtet wohl ein. Aber ihr könnt euch entscheiden, wie ihr wollt. Wenn ihr etwas dagegen habt, werfen wir die Bombe.

Tuatutu: Das ist ungeheuerlich.

Breinlich: Bevor einer eine Bombe wirft, das musst du verstehen, Freund aus St. Valentin, müssen wir dich opfern.

Tuatutu: Das könnt ihr nicht machen. Mich pfählen lassen, der sich in seinen Verdiensten um Europa so ausgezeichnet hat! Ich war es doch, der euch zu diesem Räubernest geführt hat. Ohne mich wärt ihr überhaupt nicht zu dieser menschenverachtenden Insel vorgedrungen. Ohne meinen Schleichweg hätten sie euch zuvor ergriffen und ausgestopft.

Kanzler: Meine Herren, wir bestehen darauf. Pfählen oder no money!

Tuatutu: Das geht doch nicht.

Frl. Großkatz: O, mein Herr, für tausend Milliarden, da macht man schon so manches.

Tuatutu: Ich war in so einer Bombenstimmung, als ich allein und wehrlos hierher kam. Und nun soll ich die Welt verlassen? (zu Achmadin) O wir Dummköpfe!

Achmadin: Ja, ein Dummkopf ist, wer keine Atombombe mit sich trägt. Selbst in den Handtaschen der Damen sollte sie nicht fehlen.

Tuatutu: (zu Bombatsch) Ist keiner da, der seine Bombe wirft? Dann bliebe mir die Pfählung erspart.

Breinlich: Freund, der Klügere gibt nach. Das ist ein altes kluges Wort.

Tuatutu: Wer nicht die Zeche zahlt, hat leicht klug sein.

Papatutu: Des Weiteren verlangen wir, dass uns St. Valentin mitsamt dem Areal rund um St. Valentin urkundlich und notariell beglaubigt übermacht wird und zwar für ewige Zeiten.

Tuatutu: O du heiliger Gott Tua, du uralter ewiger Gott aus St. Valentin. Hörst du dir das an, ohne mit Blitz und Donnerwetter drein zu schlagen?

Bombatsch: Was sein muss, muss sein.

Papatutu: Ferner, dass Europa uns weisungspflichtig wird.

Bombatsch: Was soll das heißen?

Papatutu: Das lassen wir noch unsere Juristen ausarbeiten. Nicht wahr, Kanzler!

Kanzler: Sehr wohl, Majestät.

Papatutu: Aber ein paar Milliarden fließen von nun an auf jeden Fall jährlich in die Kasse unserer Volksrepublik.

Mauler: Das geht zu weit. Über Geld non est disputandum. Als ehemaliger alter Bänker erhebe ich Einspruch.

Frl. Großkatz: Das hieße ja, die Katze im Sack kaufen!

Mauler: Außerdem haben wir noch keinen einzigen Euro gesehen von unserem eigenen Geld. Erst muss der Staatsschatz her.

Bombatsch: Mit eigenen Augen wollen wir ihn sehen und mit eigenen Händen greifen, ehe wir auch nur ein Jota zugeben.

Kanzler: Aber da kommt ja doch der Staatsschatz. Ho Gu!

Ho Gu: (er kommt mit einem Koffer) Hier ist der Staatsschatz!

Breinlich: In dem kleinen Koffer soll unser Staatsschatz sein?

Ho Gu: (er öffnet den leeren Koffer) Da ist er!

Frl. Großkatz: Das ist ja nichts!

Kanzler: Das ist der Inhalt.

Breinlich: Das ist Betrug! Das lassen wir uns nicht gefallen.

Mauler: Elendes Fac-totum! Zieh er an der Nase herum, wen er will, aber nicht uns!

Frl. Großkatz: Wir verbieten uns jegliches Katz-und-Maus-Spiel.

Kanzler: Was den sagenhaften Staatsschatz angeht, so wird er ebenso wenig gefunden wie das Rheingold oder der Schatz der Nibelungen.

Bombatsch: Und jetzt werden sie auch noch frech!

Papatutu: Man muss nur eben alles richtig deuten. Wer die Vorkommnisse und die Vorgänge in der Welt nicht richtig deutet, muss sich nicht wundern, wenn er am Schluss sich selber nicht mehr versteht.

Tuatutu: Nur weiter so. Dass wir das Menschengeschlecht endlich mit der Atombombe vom mühsamen Kampf ums Überleben erlösen.

Bombatsch: Heraus mit der Sprache. Wo ist das Geld?

Papatutu: Es handelt sich um eine Summe von 3000 Milliarden Euros, aber nicht im Bereich des Guthabens, sondern der Schulden.

Breinlich: Ja dann - ja dann - was warten wir noch?

Tuatutu: Werft!

Mauler: Dann hat man uns getäuscht!

Tuatutu: Werft!

Kanzler: Man hat euch nicht getäuscht. Sondern ihr habt geschlafen und nicht gemerkt, wie ihr über eure Verhältnisse gelebt habt.

Mauler: Dann werfen wir eben die Bombe.

Tuatutu: Ja werft endlich!

Mauler: Mit so horrenden Schulden bleibt einem ja nichts mehr übrig, als die ganze Welt in die Luft zu jagen!

Tuatutu: Werft!

Kanzler: Wenn es euch zum Aufwachen dient! Na dann gute Nacht!

Breinlich: Gut, jagen wir die Welt in die Luft! Wo sich kein Lichtblick mehr zeigt, machen wir ein Ende.

Tuatutu: Werft!

Frl. Großkatz: Jagen wir eben die Welt in die Luft. Wenn nur wir verschont bleiben.

Duett

Papatutu: (mit der Bombe schwingend)

Komm her, getrau dich, du Milchgesicht,

der du meinst, das wär schwer und das könnten wir nicht

dir auszubomben den Hartmannsschädel,

und zur Hexe dich schicken zu Hänsel und Gretel.

Nun also, was zaudern wir, fangen wir an!

Das Werk ist ja schnell, ist ja schnell schon getan!

Bombatsch: (zusammen mit Papatutu singend und die Bombe schwingend)

Komm her, getrau dich, du Matrosengesicht,

du Südseeeintopf, du Dickwanstgewicht

Du bombastischer Wicht, du Gespenst von Kaiser,

Du Unverschämter, du Bombenscheißer!

Nun also, was zaudern wir, fangen wir an!

Das Werk ist ja schnell, ist ja schnell schon getan!

Papatutu:

Komm her, nur nicht mehr länger gesäumt,

im Abgrund des Weltalls man herrlich träumt,

vielleicht dass dich einer noch absolviert,

bevor du verdonnert und massakriert

Nun also, was zaudern wir, fangen wir an!

Das Werk ist schnelle, ja schnelle getan!

Bombatsch:

Wenn dich die Bombe in Stücke gehaun,

kannst du verjüngt dich im Spiegel beschaun!

Dann sagst du all deiner Kaiserpracht

und den Weltherrschaftsplänen gute Nacht.

Nun also, was zaudern wir, fangen wir an!

Das Werk ist schnelle, ja schnelle getan!

Beide:

Nun also, was zaudern wir, fangen wir an!

Das Werk ist schnelle, ja schnelle getan!

Und magst du auch wimmernd um Hilfe schrein:

Ich schlag dir dennoch den Schädel ein.

7. Akt: Das Erbe der Menschheit

1. Szene: Wie der Gott Unesco erscheint.

(Er ist in Begleitung der Götter Papa und Tua, den vergessenen Landesgottheiten von St. Anton und St. Valentin)

Unesco: Meine Damen und Herren. Wir gebieten Einhalt. Das ist nicht die rechte Weise, miteinander umzugehen und schon gar nicht die feine Art, sich von der Bühne der Welt zu verabschieden. Auch wenn wir schon lange nichts mehr gesagt haben, dass viele bereits sich die Ansicht zu eigen gemacht haben, als gäbe es uns nicht oder wir hätten zumindest nichts zu sagen, so werden wir einen solchen Abgang nicht hinnehmen. Also weg mit den Atombomben. Und zwar sofort.

Frl. Großkatz: Was ist das? Ich kann nicht mehr gehen

Breinlich: Ich komm auch nicht mehr vom Fleck

Mauler: Wir sind verhext

Bombatsch: Das hat der Gott da gemacht

Breinlich: Das glaubst du doch selber nicht. Was nicht kausal erklärbar ist, das gibt es auch nicht

Bombatsch: Umgekehrt, Freund, musst du vorgehen. Was es gibt, das hat auch einen Grund

Breinlich: Aber keinen göttlichen

Bombatsch: Was für einen auch immer

Unesco: Ich heiße Unesco. Und diese beiden Götter sind die uralten Landesgottheiten Papa und Tua, die man zwar längst für Humbug hält und nicht mehr verehrt, die aber gleichwohl, wie man sehen kann, noch existieren. Auch wenn es uns nach menschlichem Ermessen nicht gibt oder gar nicht geben kann, so entschlossen wir uns gleichwohl, angesichts des Ernstes der Lage, aus unserer Inexistenz für diese paar Augenblicke aufzutauchen, um das Spiel zu einem halbwegs vernünftigen Ende zu bringen. Jawohl, es war höchste Zeit, euch und eurer Unvernunft einen Riegel vorzuschieben und euch das Handwerk zu legen. Wie ihr bereits bemerkt habt, könnt ihr euch nicht mehr von der Stelle regen; kein Glied, bis auf die Zunge, sollt ihr mehr bewegen können, bis wir hier Ordnung geschaffen und euch versorgt haben. Als erstes nun haben die Gottheiten Papa und Tua die Freundlichkeit, euch dieses irre gefährliche Spielzeug wegzunehmen

(während die beiden Götter die beiden Bomben wegnehmen)

Papatutu: Das werden wir ja sehen! Jawohl, das lassen wir uns nicht gefallen. Lasst uns zusammenhalten, Brüder, gegen diesen übermächtigen Feind. Wenn wir ihn besiegt haben, können wir uns nach Herzenslust weiterhin die Schädel einschlagen.

(Es erfolgt eine Riesendetonation.)

Viele: Da hat einer eine Atombombe gezündet.

Papatutu: Das war nicht ich.

Tuatutu: Ich auch nicht.

Europäer: Wir bitten um eine milde Strafe; aber wir waren es auch nicht.

Narr: Keiner war es. So war es schon immer. Darum blieb ja nie was anderes übrig, als dass alles so blieb, wie es war.

Unesco: Meine Damen und Herren, das war ich, der die Bombe geworfen hat.

Frl. Großkatz: Mein Gott! Geht jetzt die ganze Welt unter mitsamt dem Weltall?

(es wird totenstill)

Unesco: Beruhigen Sie sich, meine Damen und Herren. Denn was geschehen soll, das wird geschehen, ob sie ruhig bleiben oder in unruhiger Erwartung sind. Wenn Sie den Eindruck haben, noch zu leben, so verdanken Sie es nur unserer Omnipotenz und unsrer Lust, uns eine Komödie anzusehen. Im Übrigen aber werden auch Sie alle bald erkennen, dass sie mitgestorben sind. Sie leben nur noch in einem Zustand der Leblosigkeit. Damit es Ihnen aber nicht schwerfällt, uns Glauben zu schenken, werden Sie die Güte haben, nun alles so zu tun, wie wir es Ihnen auftragen.

Viele: Wir können uns ja nicht mehr bewegen.

Unesco: Das alles wird sich geben. Wir werden es so einrichten, dass einer, selbst wenn er uns nicht gehorsam sein will, uns gehorsam sein muss, weil wir ihn gleichsam wie durch einen Gehirnchip kommandieren.

Mauler: Ein Gott aus St. Anton, aus der Südsee, ein Gott, den es nie gegeben hat und nie geben wird, hält uns fest? Das ist unerhört.

Frl. Großkatz: O ja, den Götter ist manches möglich. Und das Unerwartete erfüllt sich, so heißt es.

2. Szene: Totengericht.

Unesco: So vernehmt denn jetzt das Urteil, das wir uns für euch, die letzten Vertreter des homo sapiens, als eure Totenrichter ausgedacht haben. Tatsache ist, dass Sie wussten, wie man die Menschheit vor dem Untergang hätte retten können, dass Sie aber machtlos waren, ihr Wissen in die Tat umzusetzen, sowohl jeder für sich als auch alle miteinander. Deshalb haben wir uns entschlossen, diese beiden Inseln nicht länger so bestehen zu lassen. Wir haben vor, sie zum Kulturerbe der Menschheit zu erklären, dann vom Erdboden abzuschneiden und ins Museum bringen lassen.

Papatutu: Das lass ich nicht zu. Ich bleibe wilder, unentdeckter Erdteil.

Tuatutu: Auch ich werde alles dagegen tun.

Papatutu und Tuatutu: Nur über meine Leiche.

Unesco: Zuerst wären da Papatutu, der Herrscher von St. Anton und Tuatutu, der Thronfolger von St. Valentin zu nennen. Wo sind sie?

Papatutu und Tuatutu: Wo sollen wir sein, wenn wir nicht hier sind und protestieren!

Unesco: Papatutu und Tuatutu sollen beide ausgestopft werden. Und zwar ähnlich wie die alten Pharaonen, nur ohne Aussicht, in der Barke des Sonnengottes durch die Jahrmillionen zu fahren. Statt dessen sollen sie hinter Vitrinen aufgestellt werden.

Papatutu und Tuatutu: Das ist ein Skandal. Das lassen wir uns nicht gefallen.

Unesco: Wartet nur ab; ich verrate euch gleich alles.

Papatutu: Warum sagst du nichts, Kanzler? Das ist gegen jedes Menschrecht.

Tuatutu: Das sag ich auch.

Kanzler: Was interessiert einen Gott ein Menschenrecht. Er urteilt nach dem Gottesrecht. Das ist ihm genug.

Papatutu: Wenn es keinen Gott mehr gibt, so ist es die verdammte Pflicht aller Götter, sich an das Menschenrecht zu halten! Und nicht umgekehrt. Wo kämen wir da auch hin ?

Kanzler: Freund, da täuscht er sich. Dass uns die Götter in Menschengestalt erscheinen, hat nicht viel zu bedeuten. Wenn nach uns wieder die Dinos die Erde besiedeln und sie ein Fünkchen Vernunft hinzugewonnen haben, werden sie ihnen als Dinos erscheinen.

Mauler: Das beleidigt mich.

Frl. Großkatz: Mich auch.

Tuatutu: (während ihn Tua abführt) Vor allem auf dich, Gott Tua, hatte ich mein Vertrauen gesetzt. Du hast mich mächtig enttäuscht. Mag seine Herrlichkeit, der Obergott Unesco, doch auch den Gott Tua ausstopfen lassen!

Unesco: Auch Wulpo, der Europäer, soll ausgestopft und den Vitrinen des Weltkulturerbes hinzugefügt werden! - Hat der Angeklagte etwas dagegen zu erwidern?

Breinlich: Er ist nicht da. Man brachte ihn zum Helikopter.

Unesco: Dann holt ihn.

Frl. Großkatz: Hier, erlauchteste Gottheit, bringt man ihn schon wieder zurück.

Unesco: Er hat schon gehört, er soll ausgestopft werden. Hat er etwas dagegen zu erwidern?

Wulpo: Ausgestopft? An so etwas habe ich noch nie gedacht.

Papa und Tua: Gar vieles erfüllt unerwartet ein Gott. Doch was wir gewähnt, vollendet sich nicht.

Wulpo: Ich versuche, mit dem Urteil einverstanden zu sein, indem ich mir vorstelle, dass es im Nirwana angenehmer ist als in Den Haag. Immerhin war ich kein gutes Vorbild, auch wenn ich nicht weiß, wie man das schaffen soll, wenn einem aus jedem Menschengesicht der potentielle Verräter anblitzt. Wüssten wir zumindest, in was für einer kleinen und erbärmlichen Welt wir uns verschanzt und verbarrikadiert haben, so würden wir Abstand davon nehmen, sie anderen zur Vorschrift zu machen. Und doch scheint es mir schon Verrat zu sein an der Menschheit, diese Wahrheit wahrzunehmen.

Unesco: Wars das?

Wulpo: Im Topf des Lebens bin ich gar gekocht worden. Weiter habe ich nichts mehr zu sagen und habe auch kein Bedürfnis mehr, etwas zu vernehmen. Macht mit mir, was ihr wollt!

Unesco: Auch die beiden Sekretäre sollen ausgestopft werden. Desgleichen sollen ausgestopft werden: Miss Europa und das Hurenkind.

Frl. Großkatz: Ich soll ins Naturkundemuseum? Zu den Schlangen und Krokodilen? Ja, wo kommen wir denn da hin? Hat mich die wilde Natur erschaffen? Das lass ich mir nicht gefallen. Ich lege Berufung ein. Erstens, weil ich es mir verbitte, mit einem Hurenkind von der Südsee in einem Atemzug genannt zu werden; und zweitens, weil wir uns hier in einem rechtsfreien Raum aufhalten. (sie kann nicht mehr weiterreden)

Unesco: Und Sie?

Prinzessin: Zu Befehl, Herr Totenrichter! Tun Sie, was Sie tun zu sollen vermeinen. Ich bin die Magd des Herrn. Doch achten Sie darauf, falls es sich machen lässt, dass Sie mir nicht zu viel von meiner natürlichen Schönheit verderben.

Papatutu: So billig gibt sie sich geschlagen?

Prinzessin: Was hilft es darüber zu klagen, dass ich den Abgang traurig finde und dass ich nicht mehr weiß, weshalb wir gelebt haben?

Tuatutu: Was will sie denn, die Sirene, die Schlange? Hat sie nicht selber genug Unheil gestiftet?

Prinzessin: Wäre einer da gekommen, der mit mir das Lied gesungen hätte von Liebe und Tod, ich wär jetzt woanders. Aber niemand ist gekommen und niemand hat es mit mir gesungen. Zum Teufel mit euch. Ruhmlos ist die Rolle, die ihr gespielt habt. Vor allem aber, dass ihr euch auf nichts anderes versteht, als die Unschuld ruhmlos zugrunde gehen zu lassen.

Papatutu: Behalt es schön für dich, mein Kind. Keiner weiß es ja, weshalb er überhaupt da war und wozu er gelebt hat.

Prinzessin: Verräter seid ihr gewesen, nichts als Verräter.

Papatutu: Auch du hattest Teil am Verrat.

Prinzessin: Der Vater missbraucht die Tochter und bestraft sie dann dafür.

Unsesco: Das ist das Verhaltensmuster, um dessentwillen Gesetz und Moral erfunden worden, wenn auch vergebens. Denn nicht der Mörder wird bestraft, sondern sein Opfer. Jawohl, auch noch verflucht werden die Opfer, so dass sie nicht nur im Diesseits in der untersten Hölle schmachten, sondern auch noch im Jenseits.

Kanzler: (für sich) Vielleicht war er auch deshalb so begeistert von seinem Roboterprojekt.

Frl. Großkatz: Und was ist mit uns?

Mauler: Sei doch still! Renne nicht zum Fürst, solang du nicht gerufen wirst!

Unesco: Des weiteren werden alle hier Anwesenden, ob Europäer oder Nichteuropäer ausgestopft.

Mauler: Da hast du die Bescherung, dumme Großkatz!

Frl. Großkatz: Ohne alle Ausnahme, göttlicher Richter?

Unesco: Das wird sich zeigen.

Frl. Großkatz: Immerhin bin ich eine total integre Person und habe es für eine Frau sehr weit nach oben gebracht.

Unesco: Das wird sich zeigen.

Frl. Großkatz: Und weshalb sollte ich ausgestopft werden? Wird sich das auch zeigen?

Unesco: Weil ihr das Heilige habt gemein werden lassen, das Gemeine käuflich, das Käufliche aber des Verderbens voll.

Frl. Großkatz: Aber doch nicht ich!

Unesco: Genug davon. Kommen wir noch zum Narren. Wo ist er?

Narr: (unter einem Stuhl hervorkriechend) Hier, Majestät! - Ich bin nicht so tapfer, wie ich aussehe. Ich hatte mich unter einem Stuhl verkrochen, in der Hoffnung, das Jüngste Gericht ungeschoren zu überstehen. Doch jetzt bitte ich inständig um ein mildes Urteil.

Unseco: Komm her!

Narr: Hier bin ich! Wird mir nun auch eine Ausstopfung zuteil?

Unesco: Sag, was der Mensch ist!

Narr: Ausgerechnet ich soll das sagen?

Unesco: Jawohl du!

Narr: Was wir alle sind, einschließlich meiner werten Narrenperson? Vermutlich nichts als stinkgemeine Hunde, die verdammt sind, Tag für Tag in eine der vielen Sackgassen auszulaufen, um nach Hundsgemeinem Ausschau zu halten! - Werd ich jetzt ausgestopft?

Unesco: Wacker, mein Freund, hast du gesprochen. Deshalb lassen wir dich wie du bist und bestellen dich zum Museumsdirektor des Ping-Pong-Museums von Kingpeng. Dazu befehlen wir dir, aufzuschreiben, was du hier gesehen und erlebt hast, damit spätere Geschlechter vernunftbegabter Dinosaurier, wenn sie in ein paar Hundert Millionen Jahren die Erde zurückbesiedeln, das Spektakel vom Menschen lesen und sich daran erfreuen können.

Narr: Das übertrifft aber selbst die kühnste meiner Erwartungen! Ob mir das ohne Roboteroberaufsicht gelingt?

Unesco: Du selber sollst deine Roboteroberaufsicht sein.

Narr: Mein Gott! Das kann ja was werden, wenn ich mir andauernd als närrischer Oberlehrer ins Wort falle. Wie mag mir da nur etwas gelingen?

Unesco: Beschreibe, was du erlebt hast.

Narr: Da muss man allerdings auf vieles viel Essig der Satire gießen und darf auch das Öl der feinen Ironie nicht vergessen. Dabei dachte ich immer, die allerletzte Heiterkeit bliebe einem souveränen Geist vorbehalten. Wer, außer dem großen Gott Unesco, hätte sich jemals das Ende der großen Menschheitsgeschichte so ausdenken können!

Kanzler: Ja und ich?

Unesco: Alle sonst werden ausgestopft, habe ich gesagt. Also auch Du.

Kanzler: Also auch ich? Ist das der Dank, den man mir, dem Bismarck des Stillen Ozeans, schuldet?

Narr: Im Leben ist es wie beim Militär. Am Schluss heißt es abtreten!

Unesco: An die Arbeit jetzt und nicht weiter räsoniert! (während auf der "Bühne" aufgeräumt wird, fällt der Vorhang)

3. Szene: Der Narr sagt der Menschheit Gute Nacht.

Narr: (vor dem Vorhang)

Wer hätte das gedacht, dass am Schluss ich als Einziger noch dastünde und der Ausstopfung entginge? Dass ausgerechnet der Narr, der sich seiner Profession nach ja nicht allzu ernst zu nehmen hat, dass ausgerechnet er privilegiert wäre, dem traurigen Ende zu entkommen? Wäre es da nicht ratsam, dass Sie sich alle möglichst rasch nach einem Narrenposten umsehen? Wir sind zwar, wie wir sind, wie ein jeder, der uns zugeschaut hat, zugeben wird. Wir sind aber nicht die, die wir sind. Wir sind nur eine Realisation aus einer schier unabzählbaren Menge von Realisationen, einmal aufgrund unserer Anlagen, sodann aber auch aufgrund der uns zur Entwicklung bringenden Umwelt; und dies von der allerfrühesten Kindheit an bis hinauf ins höchste Alter. Freilich, bis die ersten Dinos zurückkehren, werde ich mich wohl kaum als Museumsdirektor fortentwickeln. Soll ich mich aber nun noch als Schriftsteller betätigen und aufschreiben, was alles passiert ist, so denk ich, wäre die Komödie eine passende Form, wenn wir auch einige hässliche Passagen durchgemacht haben. Überstanden haben wir jetzt doch wenigstens alles. Man mag es mir indessen als einem ein wenig kultivierten Narren verzeihen, wenn ich so übermütig bin und behaupte, dass man sich menschliches Verhalten nie anders ansehen sollte als durch die Brille der Komödie. Was sonst auch käme in Frage, wenn man restlos desillusioniert ist? Man hört und sieht und lächelt und vergisst dann auch alles gleich wieder. Mir aber bleibt darüber hinaus die tröstliche Gewissheit, dass ich mir herausnehmen kann, was immer ich will, weil keiner mehr da ist, der einen verhaftet. Am besten wär dann wohl, ich könnte mich dazu in einen der freiwerdenden Diogenestöpfe zurückziehen. Denn ein Schriftsteller, hab ich sagen hören, braucht viel Stille und Ungestörtheit um sich herum. Mal sehen, ob ich die Erfüllung dieser kleinen Bitte dem Gott Unesco noch abmarkten kann. Jetzt indessen will ich noch ein kleines Liedchen zum Besten geben, damit Sie, meine Damen und Herren, nicht voller Zweifel nach Hause zurückkehren und damit Ihnen der Wein zuhause, auch wenn er ein wenig sauer sein mag, doch noch trefflich mundet!

Der Narr: (singt)

Früher, da hieß es, gegen das Schicksal rebellieren

kann zu nichts anderem als zum Gotteszorn führen,

wer heut mit dem Kopf gegen das Schicksal läuft Sturm,

bekommt ärztlich bescheinigt den Narrenturm.

Heut wissen wir, dass uns kein Schicksal erschreckt,

das im Verborgenen sich räkelt und reckt.

Heut bepflanzt man nimmer mit Kartoffeln das Feld,

heut pflanzt man sich lieber wildwucherndes Geld,

rodet einen Urwald und bepflanzt ihn mit Benzinpflanzen ganz und gar,

dann trägt das viele Millionen Profit jedes Jahr.

Da kann man nur lachen, wenn der Bänker ein Schnäppchen das nennt,

wenn bei ihm einer anlegt für ein halbes Prozent.

Ja, vieles wär machbar, doch nur wenig wird gemacht.

Drum sag ich der Menschheit schon jetzt gute Nacht.

 

Wer krank ist, geht zum Doktor und sagt, mach mich gesund,

der Doktor nickt lächelnd, es erwidert sein Mund:

Ich weiß diese Krankheit aus dem FF zu kurieren,

Doch als erstes, das verstehen Sie, muss mein Honorar ich kassieren.

Dann unterschreibst du, dass du alles fein sauber wirst bezahlen,

bleibst du auch behaftet mit Krankheit und Qualen.

Mancher, ist er tot und er könnte noch leben,

würde schnurstracks sich zum Gericht begeben:

Die Werte, ihr Herzschlag, alles stimmt wunderschön,

so sagte der Doktor, eh zum Teufel ich musst gehn.

Ja der pries sich mir als ein Fachmann an,

Doch jetzt weiß ich, das war nur ein Scharlatan.

Ja, vieles wär machbar, doch nur wenig wird gemacht.

Drum sag ich der Menschheit schon jetzt gute Nacht.

 

Beliebt ist auch der Herr Rechtsanwalt,

den das Recht hinterm Berg des Profits lässt kalt,

der kämpft für nichts als für seinen Gewinn;

ruiniert er das Recht, gelassen nimmt ers hin.

Dabei könnten wir die Maschine der Gerechtigkeit bauen,

die bei Auskunft nicht auf Abkunft noch auf Einkunft würde schauen,

nur auf die Zukunft. Das wär möglich wie noch nie,

doch die meisten setzen lieber auf die Vogel-Strauß-Diplomatie.

Behaglich läuft man mit, doch ohne was zu sagen.

Denn müsst man was sagen, dann spürte man der Verantwortung Unbehagen:

Und so wälzt sich auf uns alles Unheil wälzt heran,

bis dass man kein Stück Brot mehr bezahlen kann.

Ja, vieles wär machbar, doch nur wenig wird gemacht.

Drum sag ich der Menschheit schon jetzt gute Nacht.