{ Leseprobe 145 }

Literatur von Martin Ganter

Aus dem Werk "Im schönen Nandertal"

Paulus: Nun sind doch schon über 2000 Jahre vergangen, und noch immer warten wir auf die Ankunft deines Reiches!

Johannes: Mein Bruder! Wie du nur zu reden anfängst!

Jesus: Lass ihn doch! Es stimmt ja, dass sich noch nichts bewahrheitet hat von dem, was mir am Herzen liegt und wovon ich euch verkündet habe. Sprich dich aus und sage mir, was dich quält. Noch leben wir ja nicht in jener Wirklichkeit, nach der uns so sehr verlangt. Ist es dies?

Paulus: O mein Meister, vergib mir, wenn ich mich erdreistet habe, dich zur Rede zu stellen.

Johannes: Das ist nur, weil es uns an Geduld fehlt. Weil wir nicht gelernt haben, geduldig zu warten.

Jesus: O ihr Lieben, die ihr glaubt, ich hätte schon alles gefunden: das Reich und den Vater und den Thron zu seiner Rechten. Und es läge nur an mir, zu sagen: kommt und nehmt in Besitz das Reich, das ich euch versprochen habe. Doch das ist nicht so. Noch immer bin ich auf der Suche. Damals, vor vielen Jahren, habe ich noch zu wissen geglaubt, wo ich unseren himmlischen Vater finde – seitdem ich mich aber auf die Suche gemacht habe und erfolglos geblieben bin, bin ich selber voller Zweifel. Nein, sagt nichts, meine Lieben. Ich weiß, dass ihr es gut mit mir meint und dass ihr mich darin bestärkt, der Messias zu sein. Und ich bin ja auch der Messias. Weil ich aber so fest davon überzeugt bin, deshalb sind es auch so schreckliche Bekümmernisse, die ich auszustehen habe, bis alles unangreifbar und für immer feststeht. Zwar bin ich auferstanden von den Toten, bin auch dem Grab entflohen, auch das ist gewiss, und habe mich erhoben hinauf in den Himmel. Dann bin ich aufgefahren in den Himmel, alles das ist gewiss. Als ihr mich aber nicht mehr sehen konntet, da war es nicht der Vater im Himmel, der mir entgegengekommen wäre und mich aufgenommen hätte. Da war es nur der unermessliche, ewig gleichgültige Raum, der mich umfing und der mich zu fragen schien: was willst du Mensch? Wohin ich auch schaute, nirgends war etwas anderes als die Unendlichkeit des Raumes, die jeden zermalmt.