{ Lieder der Vergänglichkeit }

Literatur von Martin Ganter

Inhalt

1. Wohin ist Rom, wohin Hellas gegangen?

2. Was glänzen noch Roms goldbedeckte Dächer

3. Sirenen

4. Trägt mich mein Esel noch ein Weilchen

5. Epitaph

 

1. Wohin ist Rom, wohin Hellas gegangen?

Wohin ist Rom, wohin Hellas gegangen?

Die Monumente ihrer Herrlichkeit,

wo sind sie, wo, dass sie als Wunder prangen,

bestaunt als höchstes Zeugnis ihrer Zeit?

 

Wie Babylon zuvor, wie all die Städte,

die einst am Euphrat und am Nil erblüht,

verbrannten sie, verdampften sie, als hätte

der Finger der Vernichtung sie durchglüht.

 

Ruinen nur mag noch dein Auge schauen,

Grabstätten ausgeplündert, goldene Pracht,

die einst bestimmt des Helios grünen Auen,

der Neugier feil zur Ausstellung gebracht.

 

Sokrates starb. Auch deine Zeit wird enden,

und nichts, was jetzt noch ist, wird dann mehr sein.

Keiner wird kommen, dein Geschick zu wenden.

Und jeder bleibt in seinem Tod allein.

2. Was glänzen noch Roms goldbedeckte Dächer

quid agam, magis utile nil est

artibus his, quae nil utilitatis habent. (Ex Ponto, 1.5.53f)

 

Was glänzen noch Roms goldbedeckte Dächer,

was noch der Plätze und Paläste Pracht,

was schöner Frauen Augen hinterm Fächer,

wo längst der Liebe Dichter sank in Nacht?

 

Auch ich, einst jung, mich selber zu erfassen,

ehrgeizig, tatendurstig, stolz und kühn,

jetzt zum Ruin Dämonen überlassen,

die zur Verwandlung mir den Leib durchziehn.

 

Was wär zu tun? Entwöhnt des Schicksals Gunst

treibt müde mich kein Ehrgeiz mehr nach Ruhm,

noch sehn ich mich nach des Parnasses Kunst,

nach Dichters Lorbeer, mir zum Eigentum.

 

Was ich auch war, wer ich noch immer bin:

Je mehr ich such, flieht mich des Lebens Sinn.

3. Sirenen

Ihr Frauen, Göttinnen im Glanz des Lichts,

das dunkle Nächte wundersam erhellt,

ihr Tänzerinnen zwischen Sein und Nichts,

uns zur Erprobung und Bewährung zugesellt.

 

Die ihr das Loblied singt dem großen Mann,

dem hochberühmten selbst am leeren Strand,

zu welchem kühnen Werk spornt ihr uns an,

zu welchem Werk erhebt ihr eure Hand?

 

Was regt ihr in uns auf für Gründe

und was für Aussichten stellt ihr bereit?

Ist es die Heiligkeit, ist es der Trieb-Lust Sünde?

Wie Wüstenland liegt das Gelände weit.

 

Die Heiligkeit scheint wie ein Weg zur Sünde

und Sünde wie ein Weg zur Heiligkeit.

4. Trägt mich mein Esel noch ein Weilchen

Trägt mich mein Esel noch ein Weilchen,

lass ich ihn traben, treib ihn nicht mehr an;

und kommt der Abend dann kriegt er zu fressen,

weil tadellose Arbeit er getan.

 

Will aber eines Tags er nicht mehr weiter,

weil er zu müd und alt geworden ist,

lässt seinen Kopf und seine Ohren hängen,

dass Fressen selbst und Saufen er vergisst:

 

Dann trag ich ihn behutsam, ohne Lärmen

die Treppe hoch, ins Bett zu mir hinauf,

dass er zufrieden, still, auf schöne Weise

beende seines Esel-Lebens Lauf.

5. Epitaph

Aus dem unendlichen Schlaf der Welt

wurden zum Leben wir erwählt,

bis uns der Ruf des Schicksals traf

und wir wieder versanken in Schlaf.