{ Liederbuch für Jutta IV }

Literatur von Martin Ganter

Inhalt

1. Träumerei am Abend

2. Die Schönen

3. Die Sirenen

4. Dem neuen Liber-Lyaios

5. Halkyonische Tage

6. Des Lebens Schöpfer

7. Die Lieder der Bäche

8. Wie eine hängende Lampe im Blauen

9. Wie doch die Blumen so schön gedeihen

10. Narziss

11. Die Dichtkunst

12. Schönes Leben

13. Aufmunterung

14. Gott und Mensch

15. Goethesch

16. Ein Klagelied

17. Einfach bei dir sein!

18. A la musicienne de la silence

19. Ach, was zeigt das All für Risse

20. Dass wir für immer zusammengehören

21. Testament

22. Im Spätjahr

23. Ma Änosch!

24. Einzusenken ins Vergessen

25. Der Sänger

26. Cum subit illius tristissima noctis imago (Tristia I.3)

27. Sagt bitte unentwegt und immer wieder

28. Ein kleines Rinnsal pflegt schnell zu versiegen

29. Für Josephine, die Sängerin

30. Was glänzen noch Roms goldbedeckte Dächer

31. Anders nie als lebend

32. Was sitz ich, ach, hier so allein

33. Ich lausch auf meiner Liebsten Mund

34. Wir haben doch das Brot gebrochen

35. Epitaph

 

1. Träumerei am Abend

(vielleicht mit etwas Musik von Bach)

 

Abends sitz auf der Terrasse

sinnend ich, bevor es dunkelt,

ob das Rätsel ich noch fasse,

wozu Licht das All durchfunkelt.

 

Könnt ich Liebchen wiedersehen,

würd mit Liedern ich sie preisen,

doch seit ich allein muss gehen,

mir der Lieder Bäche eisen.

 

Nur ein Kindchen jauchzt, möcht´ singen,

als hätt alles es verstanden

und es könnt mir Hoffnung bringen,

Schönes käm nie mehr zu Schanden.

 

Würd mit mir gewiss sich freuen,

Mütterchen wär wieder hier;

doch dann hör mein Herz ich schreien

und verschlossen ist die Tür.

2. Die Schönen

Was nur lassen wir sie liegen,

gehn an ihnen rasch vorüber,

statt den Blicken zu genügen,

die sie uns erwidern, Lieber?

 

Nimm dir Zeit, sie hold zu schmücken,

dass sie gerne dich empfangen,

lern, dich artig fein zu bücken,

dass sie merken dein Verlangen.

 

Schön fürwahr, das sind sie alle,

eine jede ohnegleichen,

schön erblüht am hohen Himmel,

funkelnd schön, nie zu erreichen.

 

Ja, wenn wir die Schönen loben,

dass sie Allerschönstes leisten,

wenn wir sie so recht erhoben,

kitzelt sie´s am Allermeisten.

 

Lächelnd lesen sie die Grüße,

hold geschmeichelt ihrer Lust

und die lieblich kleinen Füße

drücken selig uns die Brust.

3. Die Sirenen

Nach des Tages Müh und Sehnen,

Liebster, lass ein Schiff uns heuern,

dass es aus dem Land der Tränen

zu der Liebsten uns mag steuern.

 

Wie vor Zeiten zum Geleite

Rhadamantys überm Kiele,

der hinüberfuhr ins Weite

zu des Weltalls fernstem Ziele,

 

Über aufgewühlten Pfaden,

über tiefstem Schlund der Meere,

ohne Fährnis, ohne Schaden,

nichts, was ihm kam in die Quere,

 

Herzenswünsche zu erfüllen,

ließ er oftmals Schiffe fahren,

Herzens Heimat zu enthüllen,

alles konnt er offenbaren.

 

Doch ist niemand mehr zu schauen,

der nach Haus uns könnte bringen,

ja dann lass ein Boot uns bauen,

dass wir selbst ins Weite dringen.

 

Mögen Stürme uns umtoben,

Wogen hoch und nieder reißen,

sehn wir auch den Himmel droben

leer; ohn´ einen Weg zu weisen:

 

Dennoch! Lass die Anker lichten,

uns hinaus aufs Meer dann fahren,

ob wir jene Heimat sichten

nach bestandenen Gefahren.

 

Sollten wir vom Kurs abkommen

Trotz der Segel fest und Spieren,

dass kein Gott uns mehr mag frommen,

so den Kompass wir verlieren:

 

Ja, wenn früh im Morgengrauen

Lieder wir von Ferne hören,

süß von grünen Uferauen,

die die Ohren uns betören:

 

Lass nicht in Verwirrung bringen

deine unbewachsten Ohren!

Sind´s Sirenen auch, die singen,

und wer ankommt ist verloren!

 

Mögen unaufhaltsam treiben

Wellen uns hin zu den Auen,

wo erschöpft wir liegen bleiben,

Beutefraß den Vogelfrauen:

 

Lass die Schönen nur gewähren,

ob sie uns auch bös bezwingen!

Nichts mehr werden wir entbehren,

wenn im Wind die Knöchlein klingen.

4. Dem neuen Liber-Lyaios

Zwar die Tage sind vorüber,

tritt hinaus nur und erfahr es!

Liebchen selbst, mein wunderbares,

suchst vergebens du, mein Liber.

 

Noch indes kannst du erwecken

Spuren unserer Lebensreise:

Liedanfänge, Lieb-Beweise

sind nicht schwierig zu entdecken.

 

All das kannst du ja auswendig,

kannst es leicht zur Leier singen.

Sing nur, Glück zurück zu bringen,

machst du sie dadurch lebendig.

 

Bist du aber nicht im Stande,

sie mit Leben zu umwerben,

Löser, du, im Schattenlande,

ja, dann lass uns ruhig sterben.

5. Halkyonische Tage

O halkyonische Tage

Nach des Spätjahres Kalm,

Tage, die wiederzuerwecken

Kein Gott mehr kommt!

 

Wie gern, Liebste,

wär ich noch für dich

der wundervolle Mann,

oder wollte doch lernen,

es immer noch besser zu machen!

 

O, dass als besorgtes Eisvogelmännchen

ans Nest ich geflogen käme,

mit einem Fischchen

frisch für dich und dein Junges.

O Alkyone, o Liebste!

6. Des Lebens Schöpfer

(nach einem Traum von Annette Z.)

 

Da stand er, tief in Trauer eingehüllt,

und hielt in seinen Mantel eingeschlossen

des toten Sohnes schreckerregend Bild,

aus dem des Lebens letztes Blut geflossen.

 

Und eine Frau, die tröstend ihm zur Seite

den Arm ihm auf die Schulter aufgelegt,

die auferweckt aus bitterem Todesleide

des toten Sohnes Los mit ihm bewegt.

 

Doch als ich abermals mich ihm zuwandte,

ich hielt mich an die Frau, sein Angesicht

aus einem Abgrund feuerlodernd brannte,

als spräch es noch einmal: es werde Licht.

 

Und auf die Zunge, wo das Wort will tagen,

ein Löwe trat, den Gottessohn zu tragen.

7. Die Lieder der Bäche

(zu etwas Bach-Musik)

 

Die Lieder der Bäche sind am Verrauschen,

die Lieder der Winde sind am Verwehn,

weil nimmer wir Hände und Blicke tauschen

und die weiten Wälder uns nimmermehr sehn.

 

Dein schneeweiß Kleidchen zieh einmal noch an,

dann hüll dich ein in der Schwärze Glanz,

und wie ein Flamingo komm leise heran,

dass ich erles´ deiner Botschaft Tanz!

 

Uns, die wir einst aus dem Schlafe erwacht

die Welt noch sahen im Tiefschlaf liegen,

schau ich mich um, ist schon wieder Nacht,

ob ein paar Lichter auch müd mich betrügen.

 

Die Lieder der Bäche sind am Verrauschen,

die Lieder der Winde sind am Verwehn,

weil nimmer wir Hände und Blicke tauschen

und die weiten Wälder uns nimmermehr sehn.

8. Wie eine hängende Lampe im Blauen

Wie eine hängende Lampe im Blauen

bin erfüllt ich von Strahlen des Lichts,

Liebster, stoß an! und du wirst erschauen,

wie sie sich auflöst in Dunkel und Nichts!

9. Wie doch die Blumen so schön gedeihen

Wie doch die Blumen so schön gedeihen

und sehen nicht, wer ihr Gärtner ist.

Sonst müssten sie ihm die Pflege verzeihen

über dem dunkel dampfenden Mist.

10. Narziss

Das Schöne kann sich schön nie sehn,

es trägt danach auch kein Verlangen.

Das Eitle nur will pfauenschön

Auch noch sein Spiegelbild empfangen.

11. Die Dichtkunst

Und ob wir uns auch leis einwiegen,

solang die Macht das Wortes bleibt:

in Liedern stiftet sie Genügen,

was liedlos nur zum Wahnsinn treibt.

12. Schönes Leben

Schönes Leben! Gräber graben

still für sich wie für sein Kind,

bis wir uns zu sagen haben,

dass wir nun gestorben sind!

13. Aufmunterung

O Dichter, lass dich nicht verdrießen,

was dich durchdrungen zu genießen!

Ist keiner auch bei dir zur Stelle,

denk dir die Menschheit in der Hölle.

Du aber ohne große Mühe

lass Beifall klatschen Ochs und Kühe.

14. Gott und Mensch

Das Gute musst du schon begreifen,

denn du bist Mensch, der sich bedenkt;

drum lässt auch Gott so lang dich reifen,

bis er, was du dir wünschst, dir schenkt.

15. Goethesch

Was schwer nur zu enträtseln ist,

wer du nun sein magst, wer du bist,

steht plötzlich vor dir sonnenklar:

Ergreif dich, du bist da, bist wahr!

16. Ein Klagelied

(Im Tod, Liebste, will ich lachen,

weil ich dann nimmer deinen elenden Tod beweinen muss.)

 

Erstaunt vernehm ich in mir ein Erklingen,

und Tränen drängen plötzlich aus den Augen:

Ein Klaglied ist´s, das will nach außen dringen,

und kein Beherrschen mehr kann etwas taugen.

 

Die Leiden, Liebste, sind´s, die du erlitten,

als dir das Aug brach, du nicht konntest bleiben;

und ich weil fern von dir, weil noch inmitten

einer mir fremden Welt und ihrem Treiben?

 

Dann hadr ich mit dem Gott, der nicht will enden

sinnlos gewordener Tage Pilgerschaft,

und fordr ihn auf, die Sintflut mir zu senden,

die aus der Welt hinaus zu dir mich schafft,

 

Dass ich, ob Tränen noch der Lider Rand bedachen,

eintauchend in dein Aug wieder kann lachen.

17. Einfach bei dir sein!

"Einfach bei dir sein! Diese Sehnsucht schweigt

nie, wo die Hände, sanft berührt, gefasst,

zu sich herangeholt den süßen Gast,

geheimnisvoll dem Leben zugeneigt."

 

So schriebst du, Liebste, einst,

als wir uns fanden, den Kranz des Lebens dauerhaft zu winden,

als wir der Liebe tausend Namen nannten,

um über alle Zeit ihr Reich zu gründen.

 

Nun, da du lange schon mir bist entrissen,

les wieder ich, was du zu mir gesprochen,

in allen Fährnissen, im Ungewissen,

als hätt ich das gegebene Wort gebrochen.

 

Die Sehnsucht, Liebste, die mich dir verbunden,

sie überdauert alle Zeit und alle Stunden.

18. A la musicienne de la silence

Noch säumt die Sonne auf des Herbsttags Fluren

die letzten Blumen auf des Lichtes Pfad,

und Blau und Rot vermischen ihre Spuren

im Gold des Abends, wenn die Dämmerung naht.

 

Doch wird es Nacht, schon Wintersterne kreisen

dem Ost entsteigend aus des Winters Tor.

Auf Lieber komm, komm, dass noch rasch entreißen

dem Land der Nacht wir uns, auf komm hervor!

 

Im Frühjahr aber ist es dann so weit,

das ist ja nicht mehr weit von hier,

da sind wir dann für alle Zeit,

Liebe, o Liebste du, sind ganz bei dir.

19. Ach, was zeigt das All für Risse

Ach, was zeigt das All für Risse,

die ich sonst doch nimmer sah.

Liebste du, die ich vermisse,

die so lang schon nimmer da.

 

Jahrlang konntest nimmer gehen,

und du liebtest doch so sehr

schön im Tanzschritt dich zu drehen

bald hinweg, bald wieder her.

 

Doch ich weiß, bald wird´s gelingen,

war dein Leid auch übergroß,

und dann plötzlich seh ich springen,

Kind, dich neu aus Gottes Schoß.

20. Dass wir für immer zusammengehören

Dass wir für immer zusammengehören, hab ich dir gesagt;

und du hast mir eine deiner lieben Haarlocken hinterlassen, Allerliebste du! (14.10.14)

 

Dass eins wir bleiben beieinander,

hab, Liebste, ich dir noch gesagt;

dran halt ich fest, solang ich wander´

mit dir durchs Dunkel, bis es tagt.

 

Du aber hast mir hinterlassen

aus deines Frühlings Blütezeit

ein Lockenangebind zum Fassen,

das gegen Winterschwermut feit.

 

Auf dieser Locke werd ich fliegen,

deckt mich mit Erde auch das Grab,

und nie dem Tod werd ich erliegen,

bis ich mich wieder bei dir hab.

21. Testament

In sich selber recht zu fassen,

sei nur niemandem verwehrt,

dass im rechten Geist gelassen

wird das Heiligste verehrt.

 

Wo indes nichts mehr zu greifen,

wo des Wissens Macht zerrinnt,

wo vergebens alles Schweifen,

was des Dichters Geist auch sinnt:

 

Er, der Namen stets gemieden,

nicht jedoch des Daseins Lust,

wird mir in der Liebsten Frieden

heilen die zerstörte Brust.

22. Im Spätjahr

Allein bin ich hinauf gestiegen

den Berg hinauf, den steilen Hang,

und sah tief unter mir die Stätten liegen,

von wo ich einst mit dir ins Leben drang.

 

Und über mir ins Blau des Himmels strebten

hinauf zur letzten Gipfelwand

die alten Felsen, die im Winde bebten,

die aus der Jugend Zeit uns schon gekannt.

 

Aus schmalen Felsenspalten aber blühten,

still sinnend wie am elterlichen Hag,

noch Margeriten, kaum dass sie sich mühten,

als wär noch immer unser Hochzeitstag.

23. Ma Änosch!

(Zu Mütterchens Lieblingspsalm)

 

Was ist der Mensch? So soll der Mensch sich fragen

in Gottes Angesicht, was er nun ist.

Und fragt er so, soll ihm ein Engel sagen,

dass er dabei des Anfangs nicht vergisst.

 

Des Säuglings Lallen und das Lied der Kleinen,

die er zum Lobgesang sich auserwählt,

wird mit dem Chor der Engel er vereinen,

dass herrlich neu sein Name wird erzählt.

 

Dem Anfang Gottes also einbeschrieben

Halt, Liebste, Ausschau ich und halte aus,

der Weg der Kindlein ist es, die sich lieben,

und der mich, Liebste, führt zu dir nach Haus.

24. Einzusenken ins Vergessen

Einzusenken ins Vergessen,

was mich so gewaltig quält,

schreib ich Lieder ungemessen,

was mir unermesslich fehlt.

 

Doch wie könnt ich je vergessen!

Kann´s ja so nur sagen mir,

dass mein Leid so ungemessen,

unermesslich fern von dir.

25. Der Sänger

"Mit deinen Liedern hast du mich gefangen,

Schlimmer, und ich, ich ging dir da ins Netz!"

So sprachst du, Liebste, stilltest mein Verlangen,

und ich ward Mann nach der Natur Gesetz.

 

Und würd ja wieder, Liebste, um dich freien

mit List und Liedern, wie einst Gott dich schuf,

und tausendmal müsstst wieder mir verzeihen,

denn auch Verzeihen wär ja dein Beruf.

 

Doch als der Feind uns wollte niederzwingen,

war´s da nicht ich, der frei den Weg uns schlug,

und der nur mehr für dich noch wollte singen,

die er auf seinem Rücken mit sich trug?

 

O könnten wir die Spielchen wieder spielen!

Ich säh schon zu, dass sie auch Gott gefielen!

26. Cum subit illius tristissima noctis imago (Tristia I.3)

Ich lebte einst in trautestem Verein

fern aller Welt in einem kleinen Tal

mit meiner Liebsten; nie war ich allein,

auch nicht in ihrer Krankheit herben Qual.

 

Doch als ich eines Nachts sie gehen ließ,

und sie stand auf und ging, ließ mich zurück:

in jener Nacht mich auch mein Glück verstieß,

mein krankes zwar, und doch mein einzig Glück.

 

Seitdem nun dringen Schergen bei mir ein,

wie einst als Judas seinen Herrn verriet;

ein Toter nur noch leb ich ganz allein

so vor mich hin, weiß nimmer, was geschieht.

 

Lacht, wenn mich bald das Todeslos erfasst,

der Liebsten nach eil ich, ein müder Gast.

27. Sagt bitte unentwegt und immer wieder

Sagt bitte unentwegt und immer wieder

Mütterchens Schätzchen, dass nur ich es bin:

Dass nicht versiegt der Quell tröstender Lieder,

der wunderbar zur Liebsten mich zieht hin.

 

Erwählt war einst ich, möcht ich gerne glauben,

doch jetzt, was ist es, was mich noch erwählt?

Hör Glocken ich, hör Botschaft ich für Tauben,

als wär die Welt dem Totengeist vermählt.

 

Was könnte auch die Welt mir noch darbieten,

dem nichts mehr Wünschenden, den nichts mehr hält?

So seien wir in Frieden denn geschieden:

der müde Wanderer vom Gang der Welt!

 

Kommt her und seht nur, ihr Dämonenhaufen:

Der Fuß ist wund, die Sohlen abgelaufen!

28. Ein kleines Rinnsal pflegt schnell zu versiegen

Ein kleines Rinnsal pflegt schnell zu versiegen,

ein kleiner Schmerz, wie schnell ist er vorbei!

Den Kindlein nur, den Wehlein zu erliegen,

tost aus dem Herz des Lebens Angstgeschrei.

 

Des Blutes Fluten aber werden breiter,

des Schmerzes Fluten wachsen mit der Zeit.

Einst ging die Zeit zusammen mit uns weiter,

jetzt schafft sie nur mehr noch der Trennung Leid.

 

O dass der Treidler Tod dich fortgetrieben,

und ich sah zu und setzt´ mich nicht zur Wehr

und bin noch da, bin noch zurückgeblieben,

wo deine lieben Blicke ich entbehr.

 

Wären ertrunken wir in Strömen Blut,

wir schwämmen still vereint jetzt in der Flut.

29. Für Josephine, die Sängerin

Mag euch des Lebens Traumbild noch umfangen,

worauf seit Alters ist das Aug gerichtet,

wann jugendkühn sich regt mächtig Verlangen,

dass ruhmvoll groß ein Name wird erdichtet.

 

Mir steht der Sinn nur noch, bis ich erkundet,

wohin die Liebste mir vorausgegangen,

als elend einst und auf den Tod verwundet

sie nimmer Halt und Heilung konnt´ erlangen.

 

Ein Land, wo keine Götterthrone offen

das Aug verlocken, keine Herrlichkeit,

wo nirgends sich ein Morgen mehr lässt hoffen,

ein Land, das heißt: "Fahrt hin, Träume der Zeit!"

 

Wo nur zum Trost dem Volk geschundener Mäuse

versucht zu singen Josefine leise.

30. Was glänzen noch Roms goldbedeckte Dächer

quid agam, magis utile nil est

artibus his, quae nil utilitatis habent. (Ex Ponto, 1.5.53f)

 

Was glänzen noch Roms goldbedeckte Dächer,

was noch der Plätze und Paläste Pracht,

was schöner Frauen Augen hinterm Fächer,

wo längst der Liebe Dichter sank in Nacht?

 

Auch ich, einst jung, mich selber zu erfassen,

ehrgeizig, tatendurstig, stolz und kühn,

jetzt zum Ruin Dämonen überlassen,

die zur Verwandlung mir den Leib durchziehn.

 

Was wär zu tun? Entwöhnt des Schicksals Gunst

treibt müde mich kein Ehrgeiz mehr nach Ruhm,

noch sehn ich mich nach des Parnasses Kunst,

nach Dichters Lorbeer, mir zum Eigentum.

 

Was ich auch war, wer ich noch immer bin:

Je mehr ich such, flieht mich des Lebens Sinn.

31. Anders nie als lebend

et extinctum vivere fingit amor (Ex Ponto, I.9.8)

 

Anders nie als lebend stellt

Liebe dich mir vor:

Liebste du, die mir erhellt

meiner Tage Flor.

 

Was auch immer noch geschieht,

was das All durchdringt,

was erhebt und trägt im Lied,

schwebend Kunde bringt:

 

Deine Liebe ist das Licht,

das den Tag gebar,

Liebste du, mein Angesicht,

meiner Wonne Jahr!

 

Dessen auch bin ich gewiss,

Liebste du, mein Licht:

Deine Liebe strahlt auch noch

durch die Finsternis.

32. Was sitz ich, ach, hier so allein

Was sitz ich, ach, hier so allein,

fernab und abgeschoben!

Könnt ich bei meinem Liebchen sein,

wie wollt ich noch das Dasein loben!

 

Fort ist die Lust, was zu studieren,

die Lust, die zu uns selbst uns führt.

Nur jene Türen drängt´s mich, zu passieren,

durch die mein Liebchen längst passiert.

33. Ich lausch auf meiner Liebsten Mund

Ich lausch auf meiner Liebsten Mund,

sie sucht nach mir aus Herzensgrund;

sie sucht nach mir, sie spricht zu mir

und ich, ich such und sprech zu ihr:

 

Wie sind die Tage doch so lang,

den Morgen schon erschau ich bang,

und in der Nacht, wache ich auf,

glänzt fremd des Lebensstromes Lauf.

 

Einst hielten wir uns bei der Hand,

da hatt ich noch ein Heimatland,

was sonst die Welt auch draußen bot,

kannt keinen Mangel, keine Not.

 

Jetzt steh ich da, warte auf dich,

komm Liebste her, lehn dich an mich

und reich mir deiner Küsse Mund,

dass ich mich satt trink und gesund!

34. Wir haben doch das Brot gebrochen

Wir haben doch das Brot gebrochen,

wir halten Mahl gegen den Tod,

als wir einander uns verspochen,

uns beizustehn durch alle Not.

 

Nun da der Tod Einzug gehalten,

der unerbittliche Vernichter Tod,

als Klagwerk nur noch lässt das Tagwerk sich gestalten,

wo rebumkränztem Schlund Feuer entloht.

 

Tut auf euch, ihr, uralten Pforten,

hebt hoch die Häupter, lasst mich nur herein,

im Geist längst bin ich arm und krank geworden,

unwissend und verstört, ein Kindlein klein.

 

Mich, der in Not und Leid, verstrickt, verfangen,

hebt hoch die Häupter, lasst mich nur herein,

dass mich die Liebste wieder mag umfangen,

Fleisch, das von meinem Fleisch, und Bein, von meinem Bein.

35. Epitaph

Aus dem unendlichen Schlaf der Welt

wurden zum Leben wir erwählt,

bis uns der Ruf des Schicksals traf

und wir wieder versanken in Schlaf.