{ Liederbuch für Jutta IV }

Literatur von Martin Ganter

Inhalt

1. Lieder, wie sie noch keiner gesungen

2. Nach einer 30-jährigen Krankheit

3. Abends sitz auf der Terrasse sinnend ich

4. Odysseus auf Ogygia

5. Erstaunt vernehm ich in mir ein Erklingen

6. Für Mama

7. Einfach bei dir sein!

8. Die Liebste spricht

9. Ach, was zeigt das All für Risse

10. Dass eins wir bleiben beieinander

11. In sich selbst, sich recht fassen

12. Allein bin ich hinauf gestiegen

13. Was ist der Mensch?

14. Fernzuhalten vom Vergessen

15. Mit deinen Liedern hast du mich gefangen

16. Ich lebte einst in trautestem Verein

17. Sagt bitte unentwegt und immer wieder

18. Ein kleines Rinnsal pflegt schnell zu versiegen

19. Vergebliche Bitte um ein Zeichen

20. Anlässlich eines Traumes

21. Kennt ihr mich nicht mehr?

22. Ach dass ich verschliefe des Winters Zeit

23. Wer immer mir von ihrem Tod erzählte

24. Auf dem Friedhof

25. Vollkommene Schönheit

26. Anders nie als lebend

27. Was sitz ich, ach, hier so allein

28. Ich sitz im Zimmer vor dem Winterfenster

29. Wir haben doch das Brot gebrochen

30. Ich lausch auf meiner Liebsten Mund

31. In den Augen der Liebsten

32. Muss ich nicht glauben

33. Als ich die Wälder durchstreifte

34. Im Wald

35. Aufruf zur Heiligen Hochzeit

 

1. Lieder, wie sie noch keiner gesungen

Lieder, wie sie noch keiner gesungen,

würd ich, Liebste, dir gerne noch weihn,

von deiner Liebe noch einmal durchdrungen,

eh mich der Tod ins Schweigen hüllt ein.

 

Eh mir der Tod den Mund wird verschließen,

der ich so lange um dich geklagt,

und die Augen, die überfließen,

sooft ich bedenk, wie sehr ich versagt.

 

Nichts mehr gibt es für mich zu verrichten,

dieses Land ist längst nicht mehr mein,

dir nur gilt noch mein Trachten und Dichten,

dir ganz nahe wieder zu sein.

 

Dir zu klagen die Leiden der Liebe,

und dass ich gerne dein Liebster bliebe!

2. Nach einer 30-jährigen Krankheit

Lang merkt ich nichts von deiner Not,

im Gegenteil, ich ließ dich gern gewähren,

war´s doch der Liebe wundervolles Brot,

das fortan uns als Manna sollt ernähren.

 

Da saßen wir beim Mahle dicht beisammen,

tranken vom Felsen, den die Liebe bot,

und aßen über ginsterhellen Flammen

der Wüste frisch gebackenes Himmelsbrot.

 

Doch als kein Unterhalt mehr ward genommen,

da gingen plötzlich mir die Augen auf:

Fort war das Brot, fort war des Lebens Bronnen;

und gegen dich nahm das Geschick den Lauf.

 

Für mich nur hattest du verzehrt dich und vernichtet,

und ich, Hans Träumer, hatte süß für dich gedichtet!

3. Abends sitz auf der Terrasse sinnend ich

 

Abends sitz auf der Terrasse

sinnend ich, bevor es dunkelt,

wie das Rätsel ich noch fasse,

dass bald Licht die Nacht durchfunkelt.

 

Könnt ich Liebchen wiedersehen,

wollt in Liedern ich sie preisen,

doch seit ich allein muss gehen,

mir der Lieder Bäche eisen.

 

Wie ein Kind wollte ich singen,

alles hätt ich ja verstanden,

Hoffnung würde wieder bringen,

was gekommen nie zu Schanden.

 

Wüsste fest, ich könnt mich freuen,

Liebchen wär bald wieder hier;

doch dann hör das Herz ich schreien

und versperrt ist jede Tür.

4. Odysseus auf Ogygia

Er saß am Meer und schaute in die Ferne

am Morgen früh bis in die späte Nacht.

Über dem Meer kannte er all die Sterne,

die ihn gewiss nach Haus hätten gebracht.

 

Doch fehlt es ihm an Schiffen, an Gefährten;

dass eine Frist vom Schicksal ihm gesetzt,

er weiß es nicht; müde aller Beschwerden

nach Heimatrauch und Tod verlangt ihn jetzt.

 

Indessen Göttermacht, die ihn begleitet,

der Not gebietend schreitet ein zum Heil:

Hoch vom Olymp über das Meer hin gleitet

Hermes, der Gott der Müden, treibt zur Eil.

 

O dass auch mich ein Gott nach all den vielen Jahren

triebe zur Eil, zur Liebsten heim zu fahren!

5. Erstaunt vernehm ich in mir ein Erklingen

 

Erstaunt vernehm ich in mir ein Erklingen

und Tränen drängen plötzlich aus den Augen:

Ein Klaglied ist´s, das will nach außen dringen,

und kein Beherrschen kann mehr etwas taugen.

 

Die Leiden, Liebste, sind´s, die du erlitten,

als du im Licht bei uns nicht konntest bleiben,

und ich weil´ fern von dir, weil´ noch inmitten

einer mir fremd gewordenen Welt und ihrem Treiben?

 

Dann hadr´ ich mit dem Gott, der nicht will enden

sinnlos gewordener Tage Pilgerschaft,

und fordr´ ihn auf, den Boten mir zu senden,

der aus der Welt hinaus zu dir mich schafft:

 

Dass, ob auch Tränen noch den Sinn bedachen,

bei deinem Anblick wieder ich kann lachen.

6. Für Mama

(nach einem Traum von Annette Z.)

 

Da stand der Vater, das Gesicht verhüllt,

und hielt in seinen Mantel eingeschlossen

den toten Sohn, ein schreckerregend Bild,

aus dem des Lebens letztes Blut geflossen.

 

Und eine Frau stand fragend ihm zur Seite,

den Arm ihm auf die Schulter aufgelegt,

befangen selber noch in schwerem Leide,

wohin des Schicksals Zünglein sich bewegt.

 

Doch als sie sich erneut dem Sohn zuwandte,

nach Lebenszeichen suchend im Gesicht,

die Augen auf wie lodernd Feuer brannten,

als würd zum zweiten Mal es wieder Licht.

 

Und auf die Zunge, wo das Wort will tagen,

ein Löwe trat, den Gottessohn zu tragen.

7. Einfach bei dir sein!

"Einfach bei dir sein! Diese Sehnsucht schweigt

nie, wo die Hände, sanft berührt, gefasst,

zu sich herangeholt den süßen Gast,

geheimnisvoll dem Leben zugeneigt."

 

So sprachst du, Liebste, einst, als wir uns fanden,

in neuem Leben fest uns zu verbinden,

als wir der Liebe tausend Namen nannten,

um über alle Zeit ihr Reich zu gründen.

 

Nun, da du lange schon mir bist entrissen,

denk wieder ich, was du zu mir gesprochen,

so fern von dir, ratlos, im Ungewissen,

als hätt ich das gegebene Wort gebrochen.

 

Die Sehnsucht, Liebste, die mich dir verbunden,

sie überdauert alle Zeit und alle Stunden.

8. Die Liebste spricht

Noch hebt die Sonne über Feld und Fluren

die letzten Blumen auf des Lichtes Pfad,

und Rot und Blau vermischen ihre Spuren

im Gold des Abends, wenn die Dämmerung naht.

 

Doch bald ist Nacht. Und Wintersterne kreisen

dem Ost entsteigend aus des Winters Tor.

Auf, Lieber, komm, dass wir noch rasch verreisen,

eh uns des Winters Elend kommt zuvor!

 

Im Frühjahr aber ist es dann so weit,

das ist ja nicht mehr fern von hier,

da bin ich dann für alle Zeit,

Liebster, o Liebster du, bin ganz bei dir!

9. Ach, was zeigt das All für Risse

Ach, was zeigt das All für Risse,

die ich sonst doch nie so sah.

Liebste du, die ich vermisse,

die so lang schon nimmer da.

 

Jahrlang konntst du nimmer gehen

und du liebtest doch so sehr,

dich im Reigentanz zu drehen

schön gewandet hin und her.

 

Doch ich weiß, bald wird´s gelingen,

war dein Leid auch übergroß,

und dann seh ich neu dich springen,

Kind, aus deines Vaters Schoß.

10. Dass eins wir bleiben beieinander

Dass eins wir bleiben beieinander,

hab, Liebste, ich dir noch gesagt;

dran halt ich fest, solang ich wander´

durchs Tal des Todes, bis es tagt.

 

Du aber hast mir hinterlassen

aus deines Frühlings Blütezeit

dein goldenes Haar, ich kann es fassen,

wenn Winterschwermut mich umschneit.

 

Auf diesem Vlies hin will fliegen,

brüllt auch der Sturm ins offenene Grab,

und nie dem Tod werd ich erliegen,

bis ich dich, Liebste, wieder bei mir hab.

11. In sich selbst, sich recht fassen

In sich selbst, sich recht fassen,

sei nur niemandem verwehrt,

dass er ruhig und gelassen

seines Lebens Grund erfährt.

 

Wo indes fern dem Begreifen

alles Wissens Macht zerrinnt,

wo selbst kühnsten Geistes Schweifen

keinen Ausweg mehr ersinnt,

 

mag, der Namen stets gemieden,

nicht jedoch des Daseins Lust,

mir in meiner Liebsten Frieden

heilen die zerstörte Brust.

12. Allein bin ich hinauf gestiegen

Allein bin ich hinauf gestiegen

den Berg hinauf, den steilen Hang,

tief unter mir sah ich die Stätten liegen,

von wo ich einst mit dir ins Leben drang.

 

Und mit mir hoch zum Blau des Himmels strebten,

hinauf die letzte Gipfelwand,

die alten Felsen, die im Winde bebten,

die in der Jugend Zeit uns schon gekannt.

 

Aus schmalen Felsenspalten aber blühten

still sinnend wie am elterlichen Hag

noch Margeriten, kaum dass sie sich mühten,

als wär noch immer unser Hochzeitstag.

13. Was ist der Mensch?

(Zu Mütterchens Lieblingspsalm)

 

Was ist der Mensch? So soll der Mensch sich fragen

vor Gottes Angesicht, was er nun ist.

Und fragt er so, soll ihm ein Engel sagen,

dass er den Weg zum Anfang nicht vergisst.

 

Des Säuglings Lallen und das Lied der Kleinen,

die er zum Lobgesang sich auserwählt,

will mit dem Chor der Engel er vereinen,

dass herrlich neu sein Name wird erzählt.

 

Dem Anfang Gottes also einbeschrieben

halt, Liebste, Ausschau ich und halte aus:

Der Weg der Kindlein ist es, die sich lieben,

und der mich, Liebste, führt zu dir nach Haus.

14. Fernzuhalten vom Vergessen

Fernzuhalten vom Vergessen,

das mich so gewaltig quält,

schreib ich Lieder ungemessen,

was mir unermesslich fehlt.

 

Doch wie könnt ich je vergessen!

Muss ich stets doch sagen mir,

dass mein Leid so ungemessen,

unermesslich fern von dir.

15. Mit deinen Liedern hast du mich gefangen

"Mit deinen Liedern hast du mich gefangen,

Schlimmer, und ich, ich ging dir da ins Netz!"

So sprachst du, Liebste, stilltest mein Verlangen,

und ich ward Mann nach der Natur Gesetz.

 

Und würd ja wieder, Liebste, um dich freien

mit List und Liedern, wie einst Gott dich schuf,

und tausendmal müsstst wieder du verzeihen,

denn auch Verzeihen wär ja dein Beruf.

 

Doch als der Feind uns wollte niederzwingen,

war´s da nicht ich, der frei den Weg uns schlug,

und der nur mehr für dich noch wollte singen,

die er auf seinem Rücken mit sich trug?

 

O könnten wir die Spielchen wieder spielen!

Ich säh schon zu, dass sie auch Gott gefielen!

16. Ich lebte einst in trautestem Verein

Cum subit illius tristissima noctis imago (Tristia I.3)

 

Ich lebte einst in trautestem Verein

fern aller Welt in einem kleinen Tal

mit meiner Liebsten; nie war ich allein,

auch nicht in ihrer Krankheit herben Qual.

 

Doch als ich eines Nachts sie gehen ließ,

da musst sie gehn und ging, ich blieb zurück,

in jener Nacht mich auch mein Glück verstieß,

mein krankes zwar, und doch mein einzig Glück.

 

Seitdem nun dringen Schergen bei mir ein,

wie einst als Judas seinen Herrn verriet;

den Toten gleich leb ich seitdem allein,

fern aller Welt, weiß nimmer, was geschieht.

 

Lacht, wenn mich bald des Todes Los erfasst,

der Liebsten nach eil ich, ein müder Gast.

17. Sagt bitte unentwegt und immer wieder

Sagt bitte unentwegt und immer wieder

Mütterchens Schätzchen, dass nur ich es bin:

Dass nicht versiegt der Quell tröstender Lieder,

der wunderbar zur Liebsten mich zieht hin.

 

Erwählt war einst ich, möcht ich gerne glauben,

doch jetzt, was ist, dass es mich noch erwählt?

Hör Glocken ich, hör Botschaft ich den Tauben,

als wär die Welt dem Totengeist vermählt.

 

Was könnte auch die Welt mir noch darbieten,

dem nichts mehr Wünschenden, den nichts mehr hält?

So seien wir in Frieden denn geschieden:

der müde Wanderer vom Gang der Welt!

 

Kommt her und seht nur, ihr Dämonenhaufen:

Wund ist der Fuß, die Sohlen abgelaufen!

18. Ein kleines Rinnsal pflegt schnell zu versiegen

Ein kleines Rinnsal pflegt schnell zu versiegen,

ein kleiner Schmerz, wie schnell ist er vorbei!

Ein Kindlein nur, schreit, um nicht zu erliegen,

umtost von Hilferuf und Angstgeschrei.

 

Des Blutes Fluten aber werden breiter,

am Fels der Schmerzen brandet an die Zeit:

Einst ging die Zeit zusammen mit uns weiter,

jetzt schafft sie nur mehr noch der Trennung Leid.

 

O dass der Treidler Tod dich fortgetrieben,

und ich sah zu und setzt´ mich nicht zur Wehr

und bin noch da, allein, zurückgeblieben,

wo deiner Blicke Sanftmut ich entbehr.

 

Wär ich mit dir ertrunken tief im Blut,

wir schwämmen still vereint jetzt in der Flut.

19. Vergebliche Bitte um ein Zeichen

Sie liebten sich. Unendlich sich zu lieben

wiegten sie schon ins Jenseits sich hinein.

Der Liebe hatten sie sich fest verschrieben,

für immer füreinander da zu sein.

 

Da kam der Tod, der ihm die Liebste raubte,

und plötzlich stand er nur mehr noch allein.

Doch da er an ein Weiterleben glaubte,

glaubt´ mächtiger noch als der Tod zu sein.

 

Ein Wort der Liebsten, so war es beschlossen,

als sie noch lebte, sollte ihm ergehn,

dass er, ob auch von Finsternis umflossen,

ins Reich des ewigen Lebens könnte sehn.

 

Doch ob auch Nachts er um ein Zeichen flehte,

nur kalt des Weltalls Schweigen ihn umwehte.

20. Anlässlich eines Traumes

Früher, da hatten wir Lieder gesungen,

wohlklingend, auf Instrumente verteilt,

im Sommer, da war es, dass sie erklungen,

wenn die Sonne abwärts der Nacht zu geeilt.

 

Früher, da passten Singen und Sagen

so recht zu den Tagen, wie wir sie erlebt,

beseligend war da selbst noch das Klagen

um der Liebe Leid, das das Herz erhebt.

 

Alle im Umkreis mit uns sangen,

bis Stern auf Stern am Himmel erstrahlt;

und die kreisenden Sphären zum Lied erklangen

und wir sahen den Himmel von Noten bemalt.

 

Heute aber, wenn ich zu spielen gedächte,

und sei´s nur im Traum, wie in jüngster Zeit,

ich keine Saite zum Tönen mehr brächte,

kein Finger ist mehr zum Einsatz bereit.

 

Kaum einen Griff mehr versteh ich zu setzen,

kaum einen Ton mehr bring ich heraus

wie früher einst. Mich packt das Entsetzen,

fremd bin ich geworden im eigenen Haus.

 

Du aber spielst noch, du spielst noch wie immer,

wie es sich schickt und zu dir gehört,

nichts ahnend spielst du in unserem Zimmer,

doch das Zimmer ist fern und das Haus ist zerstört.

 

Beschämt steh ich da und sehe dich spielen,

wenn auch kein Ton mein Ohr mehr erreicht.

Und die Lieder der Liebe, die einst uns gefielen,

nur noch ein mattes Verstummen umschleicht.

 

Sag an, wie konnte nur über uns kommen,

dass beide wir fern voneinander stehn?

Haben wir nicht das Wort vernommen,

dass die Liebe niemals wird untergehn?

 

Einstmals da hatten wir uns doch gefunden

und uns in diese Liebe getraut!

Nun aber, hat uns der Tod überwunden

und ewiges Schweigen wird um uns laut?

 

O weh, wenn der Tod uns der Liebe entbunden

und ewiges Schweigen um uns wird laut!

21. Kennt ihr mich nicht mehr?

Kennt ihr mich nicht mehr? O ich weiß es nicht;

ich weiß nur, dass ich selbst mich kaum mehr kenne,

und schäme mich, wenn ich den Namen nenne

der Liebsten in des Todes Angesicht.

 

Ein Wunder unerhört müsste geschehn:

Ins Zimmer nachts zu mir müsste die Liebste treten,

sodann, wie früher, zwanglos mit mir reden

und mich den Himmel offen lassen sehn.

 

Doch morgens beim Erwachen, wenn ich sinne,

was mir für Botschaft hat die Nacht beschert,

find meist ich nur, was mir das Herz beschwert:

kaum, dass aus einem Traum ich Trost gewinne.

 

Fest halt die Liebste ich nur noch im Hoffen.

Und nirgends steht für uns ein Tor mehr offen.

22. Ach dass ich verschliefe des Winters Zeit

"Möchte ich verschlafen des Winters Zit"

(Walther von der Vogelweide)

 

Mir hat der Tod die Liebste entwand,

die in den Tagen der Jugend ich fand.

Mit ihr wär ich wohl Hand in Hand

noch bis zum fernst entlegenen Land

gegangen. Ach dass die Liebste entschwand!

 

Dahin sind Lust und Seligkeit,

die mir der Tod erwürgt, entweiht.

Nur noch der Seele Müdigkeit

regt mit dem Körper sich im Streit.

Nichts ist mehr, was das Herz erfreut.

 

Tagaus, tagein geht um das Haus

nur mehr noch summendes Gebraus;

aus Stöcken des einst stolzen Baus

Hornissen schaffen den Honig heraus.

Wahrlich, ich kenn mich nicht mehr aus.

 

Mir ist, als läge weit und breit,

selbst in des Frühlings Herrlichkeit

das Land erstarrt und tief verschneit.

Ach dass ich verschliefe des Winters Zeit,

dann wär zu Ende alles Leid!

23. Wer immer mir von ihrem Tod erzählte

Wer immer mir von ihrem Tod erzählte,

als ich die Liebste einst zu Grabe trug,

ich hasste ihn, weil mich sein Reden quälte,

das rücksichtslos gegen das Herz mir schlug.

 

Sie nur war ja als Leben mir geblieben,

aus ihr nur konnte Leben mir erstehn,

wenn einen Schacht ins Erdreich sie auch trieben

und einen Schragen dort mich ließen sehn.

 

Morgen, so dacht ich, oder übermorgen

würd kommen ich, die Liebste zu befrein

aus dem Betrug des Tods und meinen Sorgen;

und Götter würden mir behilflich sein.

 

Der Morgen kam. Doch keine Götter kamen

zu Hilfe mir. Jahre nur flossen hin,

die allesamt ein trübes Ende nahmen:

Nichts deutete auf einen Neubeginn.

 

Die Jahre flossen hin, vom Leben mich zu trennen,

bis ich die Macht des Tods müsst anerkennen.

24. Auf dem Friedhof

Zu den Blümlein sag ich: Lasst euch nicht stören!

Niemand soll mich weder sehen noch hören!

Blüht nur weiter, weil sonst nichts geschieht,

als dass ich Rast mach! Mir ist etwas müd.

Ja, müd und alt sind mir worden die Glieder.

Seht nur, zwischen euch leg ich mich nieder.

Nur für ein Weilchen noch leg ich mich hin,

wo ich ganz nah bei der Liebsten bin.

 

Ade, ade! Nur fort mit den Sorgen!

Für morgen hab ich nichts mehr zu borgen.

Hier wird mir heut noch das Bette gemacht

neben der Liebsten. Habt nur Acht!

Sagt ihr, eh man mich niederlegt,

dass ich nie einen Zweifel gehegt

an ihrer Güte und ihrer Liebe,

und dass ich gerne ihr Liebster bliebe!

25. Vollkommene Schönheit

Vollkommene Schönheit, wo magst du sie finden:

In Griechenland, Mykene, in der Parmenie,

auf Gottfrieds Irland oder unter deutschen Linden,

wo Walther einstmals fand die holde Sie?

 

Lasst mich nur hier. Ich muss nicht mehr verreisen.

Die unvergleichlich Schöne fand ich hier

am Fuß der Berge, den sie Schwarzwald heißen,

wo sich die Dreisam drängt durchs Talrevier.

 

Hier hab die blaue Blume ich gefunden,

hier hab ich sie ganz fest ans Herz gedrückt,

hier im Geheimnis mich mit ihr verbunden,

das uns einst auch im Himmel noch beglückt.

 

Hier fand die Schönheit ich von solcher Art,

die selbst noch durch den Tod ihr Licht bewahrt.

26. Anders nie als lebend

et extinctum vivere fingit amor (Ovid, Ex Ponto)

 

Anders nie als lebend stellt

Liebe dich mir vor:

Liebste du, die mir erhellt

meiner Tage Flor.

 

Was auch immer noch geschieht,

was das All durchdringt,

was erhebt und trägt im Lied,

fernher Kunde bringt:

 

Deine Liebe ist das Licht,

das den Tag gebar,

Liebste du, mein Angesicht,

meiner Wonne Jahr!

 

Dessen auch bin ich gewiss,

Liebste du, mein Licht:

Deine Liebe strahlt auch noch

durch die Finsternis.

27. Was sitz ich, ach, hier so allein

Was sitz ich, ach, hier so allein,

fernab und abgeschoben!

Könnt ich bei meinem Liebchen sein,

das Dasein wollt ich loben!

 

Fort ist die Lust, die mich geführt,

die Lust, was zu studieren,

die Tür, die Liebchen längst passiert,

nur noch drängt´s zu passieren.

28. Ich sitz im Zimmer vor dem Winterfenster

Ich sitz im Zimmer vor dem Winterfenster

und warte still,

wann sich das Meer der Nachtgespenster

verziehen will.

 

Es ist nicht gut, der Fragen viel zu stellen,

in trüber Zeit.

Genug, das Feld sorgfältig zu bestellen,

dass Brot gedeiht.

 

Und drängt auch schon, als hätte mich gerufen,

ich weiß nicht was,

zehr ich noch auf den Rest vom Hochzeitskuchen

und leer das Glas.

 

Und lass der Zeiten Spindel sich entwinden

und bind die Schuh,

und eil durch Not und Tod, sie aufzufinden,

Feinsliebchen zu.

29. Wir haben doch das Brot gebrochen

Wir haben doch das Brot gebrochen,

gehalten Mahl gegen den Tod,

als wir einander uns verspochen,

uns beizustehen in der Not.

 

Nun da der Tod Einzug gehalten,

der unerbittliche Vernichter Tod,

lässt sich das Tagwerk nur als Klagwerk noch gestalten,

wo rebumkränztem Schlund Feuer entloht.

 

Tut auf euch, ihr, uralten Pforten,

hebt hoch die Häupter, lasst mich nur herein,

im Geist längst bin ich arm und krank geworden,

unwissend und verstört, ein Kindlein klein.

 

Mich, der in Todesnot verstrickt, gefangen,

hebt hoch die Häupter, lasst mich nur herein,

dass mich die Liebste wieder mag umfangen,

Fleisch, das von meinem Fleisch, und Bein, von meinem Bein.

30. Ich lausch auf meiner Liebsten Mund

Ich lausch auf meiner Liebsten Mund,

sie sucht nach mir aus Herzensgrund;

sie sucht nach mir, sie spricht zu mir

und ich, ich such und sprech zu ihr.

 

Wie sind die Tage doch so lang,

den Morgen schon erschau ich bang,

und in der Nacht, wach ich da auf,

scheint fremd des Lebensstromes Lauf.

 

Einst hielten wir uns bei der Hand,

da hatt ich noch ein Heimatland,

was sonst die Welt auch draußen bot,

nicht Mangel gab es, gab nicht Not.

 

Jetzt steh ich da, warte auf dich,

komm Liebste komm, lehn dich an mich

und reich mir deiner Küsse Mund,

dass ich für immer werd gesund!

31. In den Augen der Liebsten

In den Augen der Liebsten vor allen Dingen

fand ich Erquickung zu aller Zeit.

Da fand ich Mut zu schönem Gelingen,

war auch der Weg erst beschwerlich und weit.

 

Da stieg hinauf ich in festem Vertrauen,

derweil es der schaffenden Liebe gefiel,

einen Brunnen zu bauen auf grünenden Auen,

bis das Leben wurde zum Kinderspiel.

 

Wie gerne würd ich nach all den Jahren,

noch einmal schaun in den Spiegel hinein,

um einmal noch das Glück zu erfahren,

als Liebster geliebt von der Liebsten zu sein.

 

Da stieg wohl die Lerche hinauf in die Lüfte,

den Frühling zu künden mit frohem Gesang,

ob tief auch der Schnee noch bedeckte die Grüfte,

ich muss nicht zweifeln, mir würde nicht bang.

 

Ob tief auch der Schnee noch über den Grüften,

ich muss nicht zweifeln, mir würde nicht bang,

die Lerche säh ich, hoch in den Lüften,

und ich hielt mich fest an ihrem Gesang.

32. Muss ich nicht glauben

Muss ich nicht glauben, ich hätte der Lieb

nur schlecht gedient und gedichtet?

Oder hätte der Himmel, der Gutes nur gibt,

mir sonst die Liebste vernichtet?

 

Muss ich nicht glauben, mir hätte geträumt

nun schon über sieben Jahre,

und ich hätte in faulem Nichtstun versäumt,

fort mit der Liebsten zu fahren?

 

Vöglein, wohin nur schick ich dich aus,

dass du zu meiner Liebsten nach Haus

die Botschaft bringst, dass ich ohne Freude

hier in der Fremde im Elend leide?

33. Als ich die Wälder durchstreifte

Als ich die Wälder durchstreifte,

ein Jüngling in Liebe entbrannt,

da hab ich gar oft den Namen,

den Namen der Liebsten genannt,

bei welcher mein Herz begehrte,

bei Tag und bei Nacht zu sein,

dass wir gemeinsam zögen,

ein Paar in die Welt hinein.

 

Jetzt auch denk ich noch immer

der Liebsten, der Liebsten mein,

ist auch schon alt mir geworden

und sterbensmüd das Gebein.

Nochmals durchstreif ich die Wälder

und schau nach der Liebsten aus,

auf dass wir gemeinsam nehmen

den Weg aus der Welt heraus.

34. Im Wald

Sollt ich mich denn wirklich täuschen

oder ist sie nicht schon da?

Kann ich trauen den Geräuschen,

die zum Herzen dringen? Ja?

 

Doch ich will nicht um mich schauen,

nicht verderben mir mein Glück,

dass von dieses Waldes Auen

ich die Liebste bring zurück.

 

Nur die Liebe will ich bitten,

die von buntgeschmücktem Thron

längst gefolgt ist meinen Schritten,

tief besorgt um ihren Sohn,

 

Dass kein Zweifel mich berühre

und kein Wahnbild mich erschreck,

wenn unter des Hauses Türe

ich die Liebste neu entdeck.

35. Aufruf zur Heiligen Hochzeit

O Liebste, komm zum Frühlings-Götter-Garten

ins Hesperidenland, wo unsre Heimat ist!

Noch eh der Abend naht, werd ich dich dort erwarten,

der ich dich, Liebste, ach schon allzu lang vermisst!

 

Mit Schlüsselblumen, Krokus, Osterglocken,

wie auf den Höhn sie blühn auf grüner Au,

wirst, Liebste, du mich wieder zu dir locken

als meine schönbekränzte, liebe Frau.

 

Ein Apfelbaum wird uns mit seinen Zweigen

fein Schatten senden, der uns dann umhüllt,

und eine Quelle sprudelnd Wasser spenden,

wenn heiß das Mondlicht aus den Wolken quillt.

 

Dann werd dein Angesicht ich überdecken

mit einem Meer von Küssen küstengleich,

und unser Archipel wird weithin sich erstrecken

bis zu des Himmels nie durchforschtem Reich.