{ Liederbuch für Jutta III }

Literatur von Martin Ganter

Inhalt

1. Schweigen kann ich niemals loben

2. Wenn er mich riefe

3. Liebesglück

4. Zuviel durchforscht

5. Mutterglück (Meng Jiao)

6. Pfingsten 2012 (Du Fu)

7. Allen, die sich Sorgen machen, ob wir nicht endlich "abgefahren" sind

8. Trinklied

9. Abschiedslied

10. Immer muss ich an mein Schätzchen denken

11. Winter

12. Wenn der Frühling schlafen geht

13. Befehlt mir nur nicht, mich zu freuen!

14. Unterwegs

15. Chronik

16. Hommage à mon amie

17. Ich hab mein Reh verloren

18. Um dich, Mütterchen, klage ich

19. Zum Tag sag ich: Komm her mit deinem Licht

20. Weiß ich noch, wer ich bin

21. November

22. Aus einem Totenhaus

23. In Erwartung

24. Zu den Bergen heb empor

25. Mit deinen Liedern hast du mich gefangen

26. Für meine Liebste

27. Sag mir, wie mich die Liebe fand

28. Ach, was zeigt das All für Risse

29. Dass wir für immer zusammengehören

30. Ma Änosch!

31. Anders nie als lebend

32. Was sitz ich hier nur so allein

33. An die Kinder

34. Wir haben doch das Brot gebrochen

35. Mnemosyne (Gründonnerstag 2015)

36. Beim Anbruch des Tages

37. Für Elisabeth (Im Zug, auf der Heimfahrt von Nürnberg)

38. Für Elisabeth-Jutta

39. Noch lieg ich abends neben dir

40. Psalm 1,2

41. In den Frühling gesprochen

42. Was wir aus unsrem Leben einst gemacht

43. Nur die Liebste halt ich noch in Händen

44. Nänie

45. Heimfahrt

46. Wär ich allein im Leben stets geblieben

47. Tag-Lied 1

48. Wie Teppiche so samten grün und weit

49. Wenn wiederum des Frühlings Lüfte wehen

50. Auf dem Bergäckerfriedhof

51. Das Kleid der Liebe hast du mir gegeben

52. Wo du dich eingelebt suchst du nach neuem Leben

53. Tag-Lied 2

 

1. Schweigen kann ich niemals loben

Schweigen kann ich niemals loben,

noch die Zunge mir verrammeln,

so ich Lebenslicht von oben

und dazu kann Atem sammeln.

 

Singen will ich, singen, singen,

mag auch Stille uns umrauschen,

alles Stumm-Sein niederringen

und dem Quell des Lebens lauschen.

2. Wenn er mich riefe

Wenn Er mich riefe,

ich wäre da,

selbst wenn ich schliefe,

Du riefst mir ja.

Ich seh dich draußen

das Feld bereiten

für die Blumen, die blühen

am Ende der Zeiten.

3. Liebesglück

Mille, mille basia ...

Sei nur stille, Lesbia.

Von den Küsslein, die ich hab,

kriegst du auch kein halbes ab.

 

Hättest besser dich benommen,

Hättest tausend leicht bekommen,

und wer weiß, zu unsrer Freud

lebte Freund Catull noch heut.

4. Zuviel durchforscht

Zuviel durchforscht! Sag endlich dein "Genug!"

Lass die Gedanken jetzt zum Kuckuck schweifen!

Was dich zermürbt, eracht es als Betrug,

und lass, ist´s Narrheit auch, der Einfalt Früchte reifen.

 

Lass uns nur wieder unbekümmert sein

Und ferngerückt den lastend schweren Sorgen,

so ausgelassen wie die Kindlein klein,

vergessend, was auch bringt der nächste Morgen!

5. Mutterglück (Meng Jiao)

Wie schnell wird doch der Faden in der Hand

zu ihres Sohnes Rock und Reisegewand!

Dann zieht er aus und kehrt er dann zurück,

träumt an der Hand ihm eines Mädchens Glück.

Die Mutter aber gibt ihm ihren Segen.

Es wird schon Zeit, sie spürts, sich zu den Müttern wieder zu begeben.

6. Pfingsten 2012 (Du Fu)

Nie war der Fluss so grün, das Weiß der Vögel weißer,

so blau der Berg, das Rot der Blüten heißer:

ein Tag bestimmt, das Weltrad zu erkennen,

und drin die Achse, schwer sonst zu benennen.

7. Allen, die sich Sorgen machen, ob wir nicht endlich "abgefahren" sind

Wir haben uns trefflich verstanden,

mein Schätzlein, du und ich,

Wir kamen uns nie abhanden

mein Schätzlein, du und ich.

 

Wir spielten am Schlupfloch der Natter,

mein Schätzlein, du und ich,

ohne Aufsicht und ohne Gevatter,

mein Schätzlein, du und ich.

 

Was immer für Stücklein getrieben,

mein Schätzlein, du und ich,

wir sind stets lustig geblieben,

mein Schätzlein, du und ich,

 

Auch unter des Alters Falten,

mein Schätzlein, dich und mich,

hat´s uns zusammengehalten,

mein Schätzlein, dich und mich.

 

Drum, ist uns vergönnt noch ein Weilchen,

mein Schätzlein, dir und mir,

so hat´s auch zum Abfahrn kein Eilchen,

solange noch bleiben wir hier.

8. Trinklied

Du weißt nicht, Menschlein, wer du bist,

doch musst du´s auch nicht wissen,

Denn was zutiefst Geheimnis ist

beschwert nur dein Gewissen.

 

Erkenn dich selbst; das heißt lass sein,

dich selber zu erkennen!

Schenk lieber süßen Wein dir ein,

lass ihn ins Maul dir rennen.

 

Nie steh der Weinkrug leer vor dir,

Und schaust du in den Spiegel,

schau niemals nach dem stolzen Tier,

gemacht für Schloss und Riegel.

 

Nimm lieber Liebchen an die Brust,

mit Liebchen dich zu laben,

denn nur in Liebchens Lebenslust

kannst du recht lieb dich haben.

9. Abschiedslied

Gut, dass mich meine Lehrer nicht kannten,

ich war für sie eine graue Maus,

dass die Schulfreunde schnell aus der Schule rannten,

weit zog es sie in die Welt hinaus.

 

Gut, dass der Stein der Weisen verborgen

geblieben und auch der Beifall der Welt,

und dass kein Bedenken auf den kommenden Morgen

mir die Sicht auf ein heiteres Heute verstellt.

 

Gut, dass ich lernte, niemand zu vertrauen,

nicht dem Handwerker, nicht dem Arzt, nicht dem Seelsorger am Altar,

dass mir genügte, auf mein Weibchen zu bauen,

das mir lieb war und lieber noch Jahr um Jahr.

 

Gut, dass mir Freunde, Schwäger und Brüder

nie kamen zu nahe zum Hochzeitstisch,

dass nur für mein Liebchen ich schuf neue Lieder,

das bei aller Krankheit blieb lieblich und frisch.

 

Es genügt, wenn ich einst meinem Weibchen beiliege

und schlummere fest an ihrer Seit,

und mich nicht länger zergrübelnd betrübe,

über das, was mag kommen am Ende der Zeit.

 

Es genügt, wenn einmal Schluss ist auf Erden

und vergessen auch dieses Abschiedslied,

wenn das Ende gekommen von Sein und Werden,

und nichts mehr als nur noch ein Nichtslein geschieht.

10. Immer muss ich an mein Schätzchen denken

Immer muss ich an mein Schätzchen denken,

würd ihm ja so gerne Gutes tun

und vermag doch nichts als mich zu kränken,

seh im dunklen Bett ich es jetzt ruhn.

Ach, warum liegt´s so allein?

Will bei meinem lieben Schätzchen sein!

 

Immer muss ich an mein Schätzchen denken,

würd ihm ja so gerne Gutes tun,

nichts vermag mich von ihm abzulenken,

seh im dunklen Bett ich es jetzt ruhn.

Ach warum liegt´s so allein?

Will bei meinem lieben Schätzchen sein!

 

Immer muss ich an mein Schätzchen denken,

würd ihm ja so gerne Gutes tun,

als mich in mein Schätzchen zu versenken,

seh im dunklen Bett ich es jetzt ruhn.

Ach warum liegt´s so allein?

Will bei meinem lieben Schätzchen sein!

11. Winter

Es liegt so schrecklich stille

im Winterschlaf die Welt:

Wo einst mein liebes Schätzchen,

steht leer das liebe Plätzchen,

mir nimmer zugesellt.

 

Im fahlen Abenddämmer

nur noch der Schnee verblaut,

eh dass mit seinen Sternen

in ungeheuren Fernen

den Weltenstoff man schaut.

 

Sehr kalt wird es bald werden,

wenn einer unbedacht

sich sucht, ohne zu wanken,

gestützt auf die Gedanken

einen Ausweg durch die Nacht.

 

Manchmal ist mir, als wären

Jahrhunderte vorbei,

seit Liebste ach dein Sterben

mich riss in das Verderben,

mir riss die Brust entzwei.

12. Wenn der Frühling schlafen geht

Wenn der Frühling schlafen geht

überm grünen Rasen,

noch ein feuchtes Lüftchen weht

überm grünen Rasen.

 

Und ein Leuchten träumend schnell

zieht noch übern Rasen.

Wär mein Schäfchen noch zur Stell,

fing noch an zu grasen.

 

Doch mein Schäfchen, das schlief ein

überm grünen Rasen,

möcht am liebsten bei ihm sein

unterm grünen Rasen.

13. Befehlt mir nur nicht, mich zu freuen!

30.8.2013

 

Befehlt mir nur nicht, mich zu freuen,

als läg die Welt schon in verklärtem Licht!

Ein kleines Weilchen nur lasst mich noch scheuen

des Himmels rätselvolles Angesicht!

 

Ein kleines Weilchen mich noch leiden,

ein kleines Weilchen mich noch harren aus!

Dann mag mit seinen wundersamen Freuden

der Tod mich bringen zu der Liebsten Haus.

14. Unterwegs

 

Sag mir, wohin ich eilen soll,

o Liebste du!

Mir ist das Herz so kummervoll

und ohne Ruh.

 

Im Uhrenglas der Sand zerrinnt,

schau ich auch aus,

kein neuer Tag mir mehr beginnt

im Weltenhaus.

 

Weh, wenn getrennt sind Mann und Weib,

kein Licht mehr glimmt,

das Weltelend sucht einen Leib,

der´s zu sich nimmt.

 

O Liebste du! Ich bin doch hier,

ich bin doch da!

Bist du auch lang nicht mehr bei mir,

sei mir nur nah!

15. Chronik

Als wir uns begegnet in der Jugend Zeit

und ich dich sah voller Lieblichkeit,

und als ich dich ansprach, du zu mir gehört,

wie begann da das Leben so lebenswert!

Drauf, als mir sodann in des Herzens Drang

ein Geständnis, ein Bekenntnis, ein Brieflein gelang

und die Liebe uns leitete wunderbar,

da wurde aus uns ein lebendiges Paar.

 

Jetzt aber, wo ich die Tage allein

und ohne den Anblick der Liebsten muss sein,

wo mir dein Ohr, wo dein Wort mir fehlt,

wo beim Kommen und Gehen dein Fernsein mich quält,

wo nutzlos sich öffnen Fenster und Tür,

weil nirgends sich auftut ein Weg zu dir,

jetzt, Liebste, frag ich bei Tag mich und Nacht,

was hast du aus mir nur, du Liebste, gemacht.

16. Hommage à mon amie

Du bist der Berg, der mich erquellen ließ,

des Frühlings Atem, der mich strömen hieß,

der Blick der Sonne, die mir Licht zusandte,

wenn schlängelnd sich der Lauf durch Wiesen wandte,

die steile Böschung, die mich sprudeln machte,

der Bäume Laub, das schützend mich bedachte,

du bist der Weg, wie immer er sich bog,

der mich umfing und mich behutsam zog.

 

Du bist das Mädchen, das im Ufergras

zum Hochzeitskranz viel bunte Blumen las,

das weiterwandernd dann mit mir durchs Rohr

das Lied der Liebe singend trat hervor.

Das Bild der Frau du, die von Felsens Höhn

im goldenen Haar lächelnd auf mich gesehn,

der wellenjauchzend ich den Gruß gebracht

bei Taggebraus und in der stillen Nacht.

 

Du bist des Sommers fruchtbar weites Land,

im Jahres Herbst das sterngeschmückte Band,

der Nebel du, der auf den Fluss sich legt,

wenn Kümmernis sich in den Tiefen regt.

Der Schleier du, die Einsames verhüllt,

tief im Verborgenen Verlangen stillt.

Du bist das Meer, das ich schon rauschen höre,

o Liebste du, der ich doch angehöre.

17. Ich hab mein Reh verloren

Ich hab mein Reh verloren,

verloren, ach, mein Reh,

das ich mir auserkoren,

es war kaum erst geboren,

da fiel der erste Schnee.

 

Umsonst hat es empfangen

des Lebens Odem warm,

wie groß auch mein Verlangen,

eh´ es konnt Glück erlangen,

ließ ich´s aus meinem Arm.

 

Seh ich mich um und spähe,

seh drunten ich den Fluss,

was ist das Leben, wehe,

dass immerfort ich sehe,

wie es hintreiben muss?

 

Ich hab mein Reh verloren,

tief drunten in Eis und Schnee,

das Reh, das ich erkoren,

wozu war ich geboren,

dass ich allein hier steh?

 

Ich hab mein Reh verloren,

in bitteren Winters Not,

das ich mir auserkoren,

wozu war ich geboren,

kommt keiner und schlägt mich tot?

18. Um dich, Mütterchen, klage ich

Um dich, Mütterchen, klage ich,

wegen deines Weggangs erhebe ich Geschrei,

wegen deines Weggangs

ist mir krank geworden die Seele!

 

O dass ich dich weggehen ließ,

als ich meine Hand aus deiner Hand zog,

und deinen Leib den Hunden von Ärzten

anvertraute zum Sterben.

 

Jetzt steh ich da und halte Ausschau nach dir

und rufe unablässig bei Tag und bei Nacht:

"Da bin ich doch Liebste, komm!"

Doch du lässt nichts mehr hören.

 

Nur um einer Morphiumspritze willen

hab ich dich aus dem Haus gegeben,

dass du keine Schmerzen mehr littest,

und nun beschuldigt mich unablässig mein Herz.

19. Zum Tag sag ich: Komm her mit deinem Licht

Zum Tag sag ich: "Komm her mit deinem Licht

und überzeug dich selbst, dass sie gekommen!"

Und war voll Sicherheit und Zuversicht,

dass sie kein nächtlich Grauen mir genommen.

 

Und sage noch zum Tor, das vor der Stadt

die fernen Wege eint: "Auch du sollst sehen,

kaum dass der Wächter dich geöffnet hat,

wie meine Liebste heim zu mir wird gehen.

 

Ja, eh der Horizont den Vollmond teilt,

die Hügel abwärts sollst du schaun ihr Bild,

wie mit den Lämmern sie nach Hause eilt,

von Myrrhen triefend, balsamduftumhüllt."

 

Nun aber, wo das Morgenrot anbricht,

wohin ich schau, nirgends ist sie zu sehen.

Die Tür steht offen, einfällt schon das Licht,

im Nachtwind nur sich ein paar Blätter drehen.

20. Weiß ich noch, wer ich bin

Weiß ich noch, wer ich bin,

wo du nicht mehr bist,

Liebste, bei mir?

Weiß ich noch, wo ich hingehöre?

 

Wie hat sich doch alles verirrt?

Als hätte mir nur geträumt:

Der Anfang, als begonnen Himmel und Erde,

und es hätt keine Zeit gegeben,

wo wir unauflösbar eins waren,

ich dein Schatz war und du mein liebes Schätzchen!

 

Unter wolkenschwerem Himmel,

zurückgeblieben im leeren Haus

stehe ich da und blicke hinaus in die Fremde.

Wärst du noch bei mir!

Wie wollt ich dir sagen,

Liebe, du Liebste, wie sehr ich dich liebe!

21. November

Bis auf ein paar Blätter am leeren Baum

und ein paar Margeritenblüten

auf regendurchstürmter Flur

ist nichts mehr übrig

vom Reichtum des Jahres.

Man könnte die Stille hören,

wenn es ihr nur gelänge,

den Sturm zu unterbrechen.

 

Einstmals, so träumte mir,

war eine Zeit, wo wir des Weges gingen,

fest miteinander.

Nun, wo kein Weg mehr zu sehen,

wohin soll ich schauen?

Wie hätt ich dich lieben können, Liebste,

hättest du mich nicht so geliebt?

Nun aber, wie kann ich noch lieben,

wo du nicht mehr da bist.

22. Aus einem Totenhaus

Tagsüber sitz ich hier allein

und träum von dir, mein Schätzchen.

Und träum, als sollt ich noch einmal frein,

dich holen von Mutters Plätzchen.

 

Und in der Nacht, da lieg ich wach

und such heraus zu grübeln

all Leid und Pein und Ungemach,

die mir das Leben verübeln.

 

Und eil vergebens hin und her

und such ausfindig zu machen,

wie, Liebste, ich es anstellen mag,

um wieder mit dir zu lachen.

23. In Erwartung

Wie lang noch, Liebste,

schau aus ich von hier?

Wo ich doch niemand

gehör als nur dir?

 

Dein Väterchen bin ich,

mein Mütterchen du,

komm her, unterbrich

deines Schlummers Ruh.

 

wie damals einst,

als ich mich dir erklärt

und du deine Hand mir

für immer gewährt,

 

so wirst du erkennen,

das weiß ich genau,

wenn die Augen uns leuchten

im Frühmorgentau.

 

Dein Fleisch ist mein Fleisch

Und dein Herz, das ist mein,

und das Licht deiner Seele

muss mein Licht ja auch sein.

 

O Liebe, du Liebste,

o komm doch zurück,

o säh ich dich kommen,

ich stürb ja vor Glück.

24. Zu den Bergen heb empor

Zu den Bergen heb empor

ich die Augen, zu den Sternen,

Abendstern, nun tritt hervor,

leucht voraus dem Sternenchor,

füll mit deinem Licht die Fernen!

 

Bringst zum Tagesende heim,

was verloren ist gegangen,

Lämmer heim, bringst Zicklein heim,

auch mein Schätzchen bring mir heim,

das die Ferne hält gefangen!

 

Zu den Bergen heb empor

ich die Augen, zu den Sternen,

Abendstern, nun tritt hervor,

leucht voraus dem Sternenchor,

füll mit deinem Licht die Fernen!

25. Mit deinen Liedern hast du mich gefangen

"Mit deinen Liedern hast du mich gefangen,

Schlimmer, und ich, ich ging dir da ins Netz!"

So sprachst du einst und stilltest mein Verlangen,

und ich ward Mann nach der Natur Gesetz.

 

Und würd ja, Liebste, wieder um dich freien

mit Liedern, so wie sie die Liebe sang,

und wieder, Liebste, müsstest mir verzeihen,

weil Liebe doch verzeiht der Liebe Drang.

 

O könnten wir die Spielchen wieder spielen!

Ich säh schon zu, dass sie auch Gott gefielen!

26. Für meine Liebste

"Ich hoffe noch immer, mit dir vereint zu werden;

sonst hätte das Leben für mich keinen Reiz nach deinem Verlust,

ich schwöre: in meinem Herzen ist nichts als deine Liebe,

und Gott der Herr sieht ja die Geheimnisse in der Brust."

(aus 1001 Nacht)

 

Ein wenig Zauberei hab ich ja schon betrieben

einst, als ich dich in meine Nähe lockte,

um dir dein Herz zu rauben, es zu lieben,

weil fern von dir mir aller Atem stockte.

 

Dann aber hast auch du gar wunderbar gewaltet,

mich in des Lebens Quell getaucht, gebadet,

gestaltend dich, mich selber umgestaltet,

mit neuem Lebensatem mich begnadet.

 

Dein bleib ich, dein, was immer mag geschehen,

wo ich auch weile, wo auch hin ich gehe,

hin durch die Zeit, kann ich auch nimmer sehen,

dein liebes Angesicht in meiner Nähe.

 

O komm zurück, zu deines Herzens Dieb!

Liebe, o Liebste du, ich hab dich lieb.

27. Sag mir, wie mich die Liebe fand

Philtate, uden allo philtate gar ei

 

Sag mir, wie mich die Liebe fand,

o Liebste du!

Sag mir, wie mich die Liebe band,

o Liebste du!

Wie wir uns kennen, wie wir uns erkannten,

o Liebste du!

Kein Tod kann trennen unsrer Liebe Banden,

o Liebste du!

28. Ach, was zeigt das All für Risse

Ach, was zeigt das All für Risse,

was für Spalten seh ich da.

Liebste du, die ich vermisse,

die so lang schon nimmer da.

 

Jahrlang konntest nimmer gehen,

und du liebtest doch so sehr

dich im Tanzschritt leicht zu drehen

dahin, dorthin, hin und her.

 

Doch ich weiß, bald wird´s gelingen,

war dein Leid auch übergroß,

und seh ich, Kind, dich springen,

neu aus Gottes Schöpferschoß.

29. Dass wir für immer zusammengehören

Dass wir für immer zusammengehören, hab ich dir gesagt;

und du hast mir eine deiner lieben Haarlocken hinterlassen!

 

Dass eins wir bleiben beieinander,

hab, Liebste, ich dir noch gesagt;

dran halt ich fest, solang ich wander´

den Weg durchs Dunkel, bis es tagt.

 

Du aber hast mich nicht verlassen.

Aus deines Frühlings Blütezeit

hast eine Locke du mir hinterlassen,

die aus dem Land der Nacht befreit.

 

Auf dieser Locke werd ich fliegen,

noch aus der Erde dunklem Grab,

und nie dem Tod werd ich erliegen,

bis ich dich wieder bei mir hab.

30. Ma Änosch!

(Zu Mütterchens Lieblingspsalm)

 

Was ist der Mensch? So soll der Mensch sich fragen

vor Gottes Angesicht, was er nun ist.

Und fragt er so, soll ihm ein Engel sagen,

dass neu er stets der Schöpfung Sinn ermisst.

 

Das Lied der Kleinen und des Säuglings Lallen,

hat er zum Lobgesang sich auserwählt,

dass, wenn im Chor der Engel sie erschallen,

einst herrlich neu sein Name wird erzählt.

 

Der Schöpfung Gottes also einbeschrieben

halt, Liebste, Ausschau ich und halte aus;

der Weg der Kindlein ist es, die sich lieben,

und der mich sicher führt zu dir nach Haus.

31. Anders nie als lebend

et extinctum vivere fingit amor (Ex Ponto, I.9.8)

 

Anders nie als lebend stellt

Liebe dich mir hin:

Liebste du, die mir erhellt

meines Lebens Sinn.

 

Deine Liebe war das Licht,

das den Tag gebar,

Liebste du, mein Angesicht,

meiner Wonne Jahr!

 

Dessen auch bin ich gewiss,

Liebste du, mein Licht:

Deine Liebe strahlt auch noch

durch die Finsternis.

32. Was sitz ich hier nur so allein

Was sitz ich hier nur so allein,

statt mich noch zu erproben!

Könnt ich bei meinem Liebchen sein,

das Dasein wollt ich loben!

 

Fort ist die Zeit, was auszuführen,

die Zeit, die zu uns führt.

Nur jene Türe drängt noch zu passieren,

durch die mein Liebchen schon passiert.

33. An die Kinder

Sagt bitte unentwegt nur immer wieder

Mütterchens Schätzchen, dass nur ich es bin:

Dass nicht ins Stocken kommt der Strom tröstender Lieder,

der mit sich zieht des Lebens Boot dahin.

 

Einst war erwählt ich, möcht ich gerne glauben,

doch jetzt, was ist es, was mich noch erwählt?

Hör Glocken ich, hör Botschaft ich für Tauben,

als wär die Welt dem Totengeist vermählt.

 

Was könnte auch die Welt mir noch darbieten,

dem nichts mehr Wünschenden, den nichts mehr hält?

So seien wir in Frieden denn geschieden:

der müde Wanderer vom Gang der Welt!

 

Kommt her und seht nur, ihr Dämonenhaufen:

Der Fuß ist wund, die Sohlen abgelaufen!

34. Wir haben doch das Brot gebrochen

Wir haben doch das Brot gebrochen,

wir halten Mahl gegen den Tod,

als wir einander uns verspochen,

uns beizustehn durch alle Not.

 

Nun da der Tod Einzug gehalten,

der unerbittliche Vernichter Tod,

als Klagwerk nur noch lässt das Tagwerk sich gestalten,

wo rebumkränztem Schlund Feuer entloht.

 

Tut auf euch, ihr, uralten Pforten,

hebt hoch die Häupter, lasst mich nur herein,

im Geist längst bin ich arm und krank geworden,

unwissend und verstört, ein Kindlein klein.

 

Mich, der in Not und Leid, verstrickt, verfangen,

hebt hoch die Häupter, lasst mich nur herein,

dass mich die Liebste wieder mag umfangen,

Fleisch, das von meinem Fleisch, und Bein, von meinem Bein.

35. Mnemosyne (Gründonnerstag 2015)

Einst, als zum Bund des Lebens wir uns fanden,

Liebste, von Angesicht zu Angesicht,

als unsre Herzen liebentzündet brannten,

am Weinberg glänzte noch das Abendlicht:

 

Da stiegen Arm in Arm wir still beisammen

den Berg hinab zum großen Abendmahl.

Im Fenster glänzten noch des Tages Flammen,

vor uns schon war der Gottessohn im Saal.

 

Und als bei ihm, dem Sohn, wir Platz genommen,

schenkt er den Wein der Todesleiden ein

und sprach: "Das Gottesreich wird bald schon zu uns kommen,

dann werden wir im Haus des Vaters sein."

 

Und sprach und trank. Und aus des Herzens Tiefe

kam uns das Wort von Gottes Ankunft nah.

Uns war, als ob der Auferstandene uns riefe,

des Lebens höchstes Ziel war plötzlich da.

36. Beim Anbruch des Tages

Hier bin ich und breche in aller Früh

das Brot der dämmernden Schmerzen

und gedenke des Gottes belebender Müh

tief drin, verborgen im Herzen.

 

Und süßer Lippen sinn ich dabei

beseligend, hoffender Liebe,

ob nicht auch uns er erschafft einst neu

ein Haus nach dem Weltengetriebe.

 

Durch dich, die du keinen Atem mehr hast,

leb nur noch, Liebste, ich, Du!

O wär ich nur auch schon drüben zu Gast

und wir schlummerten beide in Ruh.

37. Für Elisabeth (Im Zug, auf der Heimfahrt von Nürnberg)

Die Liedlein, Kind, die ich dir sang

entlang den Pegnitz-Wiesen,

erweckten mir mit ihrem Klang

Sehnsucht nach Paradiesen.

 

So wie zum Meer die Flüsse ziehn,

westwärts des Tages Sonnen,

die schönsten Rosen abends blühn,

des Paradieses Wonnen.

 

Und weißt du, Kind, auch nicht, woher

alle die Liedlein klingen:

Nie werde dir das Herz so schwer,

es möchte dir zerspringen.

38. Für Elisabeth-Jutta

Für alles findet sich ein Platz,

und sei´s auch nur ein Plätzchen,

zu heben einen großen Schatz,

zu bergen ein liebes Schätzchen.

 

Zu heben ein Schätzchen lieb und fein,

es sich ans Herz zu drücken,

und sich des Lebens zu erfreun,

voll Sorgen und Entzücken.

 

Und ist das Leben dann vorbei,

sein Schätzchen still zu bergen.

Kein Mensch, kommt einer je vorbei,

soll etwas davon merken.

39. Noch lieg ich abends neben dir

Noch lieg ich abends neben dir, mein Kind,

dass in den Schlaf du findest leicht und lind.

Doch wenn ich einmal nicht mehr bei dir liege,

find im Gedanken du ein fest Genüge:

Die Welt vergeht mit allen ihren Sachen,

musst weiter drum dir keine Sorgen machen.

Gestillt ist dann all Sehnen und Verlangen,

Großvater ist zu seinem Schätzchen heimgegangen.

40. Psalm 1,2

Wie über der Thora an Tempels Stufen

sinn über Liebchen ich bei Tag und Nacht,

wie ich durch sie zum Leben ward berufen

wo längst für sie das Bett schon ist gemacht.

 

Und sinne nach, was alles mir begegnet,

und wie in ihr mich selber mich erkannt,

und wie mit ihr die Tage mir gesegnet

der Liebe Gott, der sich uns zugewandt.

 

Nun aber, wo vergangen all die Stunden,

das größte Glück und auch das höchste Leid,

wo an den Pfahl des letzten Sinns gebunden

gehuldigt ich noch deiner Herrlichkeit:

 

Nun komm, zerreiß die Fesseln dieser Zeit!

Die Segel setz! Stoß ab! Ich bin bereit.

41. In den Frühling gesprochen

Nun sind die Berge wieder grün,

die Wiesen voller Blumen,

und Weizenfelder talwärts blühn

über den Ackerkrumen.

Wie alles doch gedeiht und blüht,

als hätt sichs nie darum bemüht.

 

Wer Freunde hat und freie Zeit,

der zieht hinaus aufs Neue

durch all die Frühlingsherrlichkeit,

dass sich das Herz erfreue,

frühmorgens schon beim Grillensang,

der nachtönt durch die Dämmerung lang.

 

Auch ich zog einst als Jüngling aus,

den Frühling zu empfangen,

fortstürmend aus der Eltern Haus,

voll Hoffen und voll Bangen,

träumend von einem Nestlein warm,

die Liebste haltend fest im Arm.

 

Nun aber, da der Winter kalt

mir alles weggnommen,

stapf einsam ich durch Feld und Wald

und find kein Unterkommen.

Wohin ich auch die Blicke wend,

nirgends ist Liebchen, die mich kennt.

 

Drum ist das Herz mir worden schwer,

der Mund, einst voller Lieder,

verstummt, will mir nichts singen mehr,

Liebchen mir nichts erwidern.

O träfe mich ein tiefer Schlaf,

wo ich vergäße, was mich traf!

42. Was wir aus unsrem Leben einst gemacht

Was wir aus unsrem Leben einst gemacht,

was wir gesucht und worum wir gestritten,

womit gerungen und wofür gelitten:

in langen Nächten hab ich es bedacht.

Nun aber bin ich müde. Nur nach Ruh

verlangt das Herz noch, das einst fest geschlagen.

Den letzten Rest voll Kümmernis und Plagen

decke der Schlaf mit seinem Balsam zu.

Des Lebens Bestes, das in dir ich traf,

lass, Liebste, wiederfinden mich bei dir im Schlaf.

43. Nur die Liebste halt ich noch in Händen

Nur die Liebste halt ich noch in Händen

wie ein töricht Kind sein Püppchen klein,

tausend Kosungen auf sie noch zu verschwenden,

die doch einst mein ganzes Glück allein.

 

Als der Sommer noch bei uns im Land,

sich das güldne Haar die Liebste band,

rings um uns der Berge Fels und Moos,

lächelnd saß sie da mir auf dem Schoß.

 

Wölkchen segelnd über uns im Wind,

nur mit mir im Sonnenschein, mein Kind,

unten die Ebene fern und klein,

wo der Eltern Häuser mochten sein.

 

Alles das ist aber längst vorbei,

Tage voller Wonneglück im Mai,

nur ein Schneeflöcklein ist noch zu sehn,

das mir in den Händen will zergehn.

44. Nänie

Was werd ich dir nach all den Tagen sagen,

was deinem lang vermissten Busen klagen,

nach all dem Elend, all der Zeit der Not,

seit uns geschieden der Schiedsrichter Tod.

 

 

Unter den Menschen bin

lang ich schon nicht mehr zuhaus.

Früh schon des Morgens zieh

hinter den Toten ich aus,

zu meiner Liebsten, die

nur noch im Traum ich gesehn,

dass ich vor Sehnsucht fast

möchte vergehn.

 

Alle die Tage hindurch

vom ersten Morgenstrahl

bis hin zum Einbruch der Nacht

such ich im Schattental.

Einst schliefen Seite an Seit

selig beisammen wir,

wähnend das Glück immerfort

wach an der Tür.

 

Nun das das Glück uns entschlief,

wacht nur das Herz noch allein,

kämpfend um Seele und Leib,

die bald getrennt müssen sein.

Seele, vom Leib befreit,

Leib, müd vom Weltenlauf,

suchen zur Liebsten die Tür:

Tür tu dich auf!

 

Was werd nach all dieser Zeit,

Liebste, ich sagen dir,

was ich am Busen verstört,

Liebste, werd klagen dir?

Ach, dass geschehen ich ließ,

dass dich der Tod aus dem Haus

mir aus den Augen riss,

sinn ich nicht aus.

45. Heimfahrt

(geschrieben am 29.8. im Zug auf der Heimfahrt von Nürnberg nach Freiburg)

 

Der Abschied geschah

am Morgen schon, fast wie in Eile,

inmitten der schon wieder belebten,

heiß gewordenen Stadt

im Gesicht der Kinder.

 

Touristen, Musikanten, Gaukler und Gäste,

bunt zusammengemischt

aus allen Ländern der Erde,

vielleicht auch durchsetzt von Räubern,

unbemerkt davonzuschaffen

aus der dröhnenden Menge,

was lieb und was teuer.

 

Ende August,

Unergründbar ist, was geschieht,

dass schön Entstehendes selbst

mutlos zu machen vermöchte.

Vergebens versuchst du,

die Zeit festzuhalten,

die entwischt und entgleitet.

 

Vor dem Schlupfloch der Natter aber

spielen noch immer die Kinder,

ahnungslos, furchtlos, schuldlos und unbekümmert.

Halte du nur auch daran fest,

dass alles, was war,

noch immer gut ist.

46. Wär ich allein im Leben stets geblieben

Wär ich allein im Leben stets geblieben,

was scherte mich des Himmels goldene Pracht,

was Göttergunst, der mancher sich verschrieben,

ob sie dem Nichts entzieht aus dunkler Nacht.

 

Mag Gott sein, würd ich sagen, wo er will,

und will er nirgends sein, was gehts mich an,

aufrecht will gehn ich, meines Weges still,

was kommen muss, es komme nur heran.

 

Kein Denkmal braucht ich, keines Schreibers Hand,

die Ruhmesfahnen in die Zukunft hebt,

in Luft und Rauch ließ ich des Leibes Pfand,

ins Nichts den Geist, der einst die Welt belebt.

 

Doch da mein Liebstes ich verloren hab,

wäg ich noch Leben aus des Moders Grab.

47. Tag-Lied 1

Hätt ich dich nicht geliebt, ich wär wohl ohne Sorgen,

doch freilich auch ohne Erinnerung,

die wir uns fanden einst im frühen Morgen

zur Lebensfahrt, vertrauensvoll und jung.

 

"Wie stark erzittert doch", so sprachst du da,

"die Seele mir nach meinem Bräutigam!

Lass mich die Rebe sein um deinen Stamm!

Komm, lass uns eins sein, komm und sei mir nah!"

 

Und mächtig brausend drang mit deinem Blick

der Blick des Lebens tief in mich hinein.

Und träumend sprach ich "Ich, ja ich, bin dein!"

Und spürte tief des Lebens tiefstes Glück.

 

So drängten wir, zu dir ich, du zu mir.

Und wie der Tag uns, fanden wir ihn auch.

So Lieb wie Leid teilten beisammen wir

und segelten wie in der Arche Bauch.

 

Jetzt aber trifft mich jäh des Morgens Grauen,

das durch die Fenster mir ins Haus einbricht,

dass ich dich nicht mehr hab, Herzliebste aller Frauen,

mein Segel dich, mein Rebstock, dich mein Licht!

 

Zwar mein ich oft, den Atem noch zu hören,

der beim Erwachen mir von dir her kommt;

doch ists mein Atem nur, mich zu verstören.

Leer ist das Bett. Kein Morgengruß mehr frommt.

 

Hätt ich dich nicht geliebt, ich wär wohl ohne Sorgen,

doch freilich auch ohne Erinnerung,

die wir uns fanden einst im frühen Morgen

zur Lebensfahrt, vertrauensvoll und jung.

48. Wie Teppiche so samten grün und weit

Wie Teppiche so samten grün und weit,

warten die Wiesen auf die lichte Maid,

Vöglein zum Einzug singen Frühlingslieder,

aber die Liebste mein, sie kommt nicht wieder.

49. Wenn wiederum des Frühlings Lüfte wehen

Wenn wiederum des Frühlings Lüfte wehen

und aus dem Grab die Toten auferstehen,

eil ich hinaus zur hohen Kirchhofsmauer,

das Herz erfüllt von banger Hoffnung Schauer.

 

Und sing vom Ringlein, das sie mir gegeben:

"O Liebste du, mein Liebstes, du mein Leben!

Nun komm zurück, das Leben neu zu bringen!"

Und stehe da und hör mich weinend singen.

50. Auf dem Bergäckerfriedhof

am Grab der Liebsten am 19.3.2017

 

Was bedeuten diese Blümchen,

die im bleichen Lichte blühn,

während breite Wolkenschatten

fern hinter die Berge ziehn?

 

Was das Kleid, das von der Liebsten

noch im Flur am Nagel hängt,

wo beim Gehen und beim Kommen

Herzenskummer mich umfängt?

 

Sie die Liebste, die für immer

doch bei dir gewesen ist -

und nun ist, als ob der Himmel

selbst sein Meisterwerk vergisst.

 

Balde schon die Glocken läuten

und der Abend bricht herein

und hinunter ist gegangen

dann der letzten Sonne Schein.

 

Früh am Tage schon erwarte

ich den Einbruch in die Nacht

und des Nachts im tiefen Grunde,

dass der jüngste Tag erwacht.

51. Das Kleid der Liebe hast du mir gegeben

Das Kleid der Liebe hast du mir gegeben,

der Liebes-Spiele und der Hoffnung Kleid,

dass nach dem Glück der Gegenwart noch bliebe

der Trauung Glück in Treu und Kindlichkeit.

 

In allen Kleidern hab ich mich ergründet,

wie sie mich kleiden, zeigen, zu dir stehn,

was uns im Spiel der Augen bald verbindet,

bald auch in deiner Augen stillen Seen.

 

Der Fäden Feinheit, Festigkeit und Dauer,

den Stoff, der widerstrebt jeder Gefahr,

prüft ich bei Tag und Nacht, in Frost und Schauer,

quer durch des Lebens unwägbares Jahr.

 

Obs für die Liebe eine Heimat gibt?

Was sorg ich mich, der ich von dir geliebt!

52. Wo du dich eingelebt suchst du nach neuem Leben

Wo du dich eingelebt, suchst du nach neuem Leben,

ob in der Kunst, ob in der Wissenschaft:

dass Nie-Geschautes sich dir mag ergeben

im Ausspähn nach verborgener Dinge Kraft.

 

Mag Bilder schaffen, große Lieder singen,

mag Dinge zwingen in ein neues Sein:

Pygmalion sich selber neu verjüngen

und Orpheus neu bewegen Baum und Stein.

 

Ich aber, den die Liebe sich erfunden

einst in der Morgenröte erstem Schein,

den Liebe mit der Liebsten sich verbunden,

sollte für immer nun geschieden sein?

 

Komm Liebe, komm und leucht mit deinem Licht,

wo es an Hilf dem Menschengeist gebricht!

53. Tag-Lied 2

Sie: Liebster, wach auf, s´ist Zeit, wir müssen scheiden,

der Tag bricht an, löscht aus der Sterne Licht!

Er: O könnten wir des Tages Antlitz meiden,

der uns der Liebe Sternentraum zerbricht!

Sie: Ja könnten wir entfliehn des Tages Treiben,

das auf uns wartet draußen vor der Tür!

Er: Wie gerne, Liebste, würd ich bei dir bleiben

in deines Kämmerleins süßem Revier!

Und doch, der Tag bricht an. Des Morgens erste Stunde

verkündet schon vom Turm der Glocken Schlag.

Schon bellen vor dem Tor draußen die Hunde.

Zur Arbeit ruft, zur Arbeit zwingt der Tag.

Sie: So lass, eh wir uns trennen, eh wir scheiden

so Hand von Hand und Aug von Aug und Herz,

mit unseren Lippen jetzt noch, eh wirs leiden,

versiegeln unsrer Liebestrennung Schmerz!

Beide: Zum Abschied, Liebste(r) denn, s´ist nicht für immer,

Treu-Lieb erquickt der Abendröte Schimmer.