{ Liederbuch für Jutta II }

Literatur von Martin Ganter

Inhalt

1. Vorfrühling

2. Als er zu Mittag ein Gläschen Wein getrunken hatte und allein noch zu Tisch saß

3. Kleine Bilanz

4. Bitte um Erbarmen mit den Heiden

5. Liebesliedchen

6. Schneeglöckchen

7. Klein Hänschen

8. Frühlingssehnsucht im Alter

9. Zur rechten Zeit reden

10. Für Anne Frank

11. Noch ein Frühlingslied

12. Der Frühling

13. Die Alten

14. Der Vater

15. Die Mutter

16. Wir hatten Sprache

17. Denken, bilden, geordnet schreiben!

18. Sonntag im Mai

19. Ein Liedchen

20. Und merkst du, deine Tage sind gezählt

21. Der Krug geht zum Brunnen...

22. Prüfung

23. Porträt des letzten Menschen

24. Der Ruhm

25. Ödipus

26. Der Wahnsinn

27. Vom Schweigen der Nacht bis zum Schweigen der Nacht

28. Zu späten Abends Stunden

29. Fahrt über dem Wasser

30. Sonntagmorgen

31. Das Leben

32. Was aufgeschrieben steht

33. Auf eine Strophe von Hölderlin

34. Lieb ist die Mutter

35. Den Dichtern der Tang-dynastie

36. Schüf ich in Ernst und Andacht solche Zeilen

37. Jugend und Alter

38. In den Märchen

39. Wintereinbruch

40. Als Kind beginnen wir mit Träumen

41. Wozu das Gehen und das Kommen?

42. Altorientalisches Weltgefühl

43. Ob der Stern der heiligen Nacht

44. Liebe und Freundschaft

45. Psalm 130.6

46. Die Tage treiben hin in stetem Müssen

47. Nur Ruhe!

48. Ich sitz im Zimmer vor dem Winterfenster

49. Von den Leuten der Vorzeit

50. Ein Blümlein auf dem Wintertisch

51. Welt mit deinem anspruchsvollen Wesen

52. Porträt des Alters

53. Selbstporträt

54. Bald schon deckt Gras das Stückchen Muttererde

55. Wo du bist, da will auch ich sein!

56. Auch ich hätt gerne gesungen

57. Wie unbekümmert und zufrieden

58. Sokrates

59. Ich legte mich ins Bett der Lebensmüden

60. Zwei Freunde (Joyce und Beckett)

61. Friede sei den Frommen und Gerechten

62. Noch ist sie mein

63. Schwiegermütterchen

64. Herr, der du nimmst und der du gibst

65. Bhartrihari

66. Der Mensch

67. Dem Schöpfer aller guten Gaben

68. Wir müssen uns nicht fragen

69. Li Bo

70. Bo Djü-I

71. O wie wollt ich, manchen Ort der Erde

72. Ins Abendflüstern

73. Frühlingstage

74. Im Lebenstanz

75. Ein Vöglein saß im hohen Baum

76. Allein

77. Melancholie

78. Und endlich fern sein, fern aller Begierde

79. Mädchen, hol den Brautschnatz aus dem Schränkchen

80. Kakinomoto Hitomaro

81. Könnten wir wandeln durchs des Frühlings Tal

82. Unmündig Kind musst du nicht immer sein

83. Wie eine Wolke war er erst zu sehn

84. Das Lebensbuch

85. Mag sein, dass uns alle der liebe Gott liebt

86. Werd noch ein Weilchen bleiben

87. Vom Liebsten in der Ferne

88. Die Azalee

89. Wer lässt uns nur durchs Leben träumen

90. Meleager

91. Und Abend wird und Morgen wird es wieder

92. An Du Fu

93. An die Freunde

94. Ein Orakel

95. Ist ein böser Tag vorüber

96. Was mir auch einmal geschieht

97. Ihr, die des Himmels Feste voll Bestand

98. Der reine Weise mit Behagen

99. Dichtung

100. Toledo

101. Erkenne dich selbst

102. Lasst nur in Ruh den Winterschnee

103. Nochmals auf eine Strophe von Hölderlin

104. Und nochmals auf eine Strophe von Hölderlin

105. Odi profanum vulgus

106. Der Frühling

107. Gepeitscht, gepeinigt, unheilüberschüttet

108. Maitag

109. Der Mensch

110. Bleib bei mir, Liebchen

111. Ihr Rosen, nimmer müd

112. Was ist es, das nach uns noch schaut

113. Mutter und Kind

114. Psalm 139

115. Psalm 43

116. Geh nicht ins Haus des Todes voraus

117. Psalm 126

118. Ein Spätzchen schöpft frisch aus der Tränke

119. Ist weithin auch kein Schöpfer mehr zu sehen

120. Späte Erwartung

121. Wie kann man lieben

1. Vorfrühling

Nach den dunkelkalten Tagen

und den Nächten, kaum zu sagen,

ist sie plötzlich wieder da,

Frühlingssonne, glänzend nah!

 

Jedem Blättchen aus der Ritze,

allerkleinster Blütenspitze

Eis und Schnee sind abgeschüttelt,

Lebenswille wachgerüttelt.

 

Ja, schon unter Dorfes Eichen

Musiker erharrn das Zeichen,

dass noch jedes Vöglein hör

fern das Lied vom L'Empereur.

 

Und von hochgetürmten blauen

Himmelsfeldern wird sie schauen

Jung und Alt, neu zu begeistern,

Tage, kommende, zu meistern.

2. Als er zu Mittag ein Gläschen Wein getrunken hatte und allein noch zu Tisch saß

Machst du dein Schläfchen, mach ich meins,

Man könnte schon den Tisch abräumen,

Am Schluss ist alles doch nur eins,

Und alles wird sich uns schon reimen.

 

Hier sitz ich noch, ich altes Haus,

Ob mich ein Schlückchen noch begeistet,

Und krame meine Weisheit aus,

als hätt ich wunder was geleistet.

 

Und sehe ich auch niemand hier,

dass feingefügt er Antwort bringe,

dem Mütterchen still neben mir

mein Mittagsmurmeln denn erklinge!

3. Kleine Bilanz

Als ich dasaß und hatte acht,

was Schicksals Macht aus uns gemacht,

und wie ich in die Welt geboren,

als wär ich nur zum Tod erkoren:

taucht auf am Horizont ein Schimmer,

dass nichts doch werden könnte schlimmer

als es schon war, als noch nichts war

vor ein paar Milliarden Jahr.

Da schlummert´ ich noch lieb und brav

im Stall des Nichts mit Kuh und Schaf.

Jetzt aber hatt´ mit meiner Lieben

manch herrlich Scherzlein ich getrieben,

das fortan ich belächeln konnte,

auch wenn kein Licht uns mehr besonnte.

Die Fülle selbst all unserer Leiden

barg sie nicht noch Erinnerungsfreuden?

O Lebenstag, der uns entdeckt

und uns zusammen auferweckt!

Nun würd uns nimmermehr was schrecken

und aus dem süßen Schlummer wecken:

Das Leben, wie es immer war,

blieb uns für immer wunderbar.

4. Bitte um Erbarmen mit den Heiden

Freund Dante,

der die Heiden in die Hölle verbannte,

war nicht gut beraten, so zu verfahren.

Was auch haben die Christenscharen

einem Terenz, einem Plautus voraus?

Denk ich den lieben Gott mir zu Haus,

wo er sein Liebe-Gott-Sein will leben,

und find ihn von vielen Leuten umgeben,

die nichts als "Großer Gott" können singen,

das würd mich doch schnell aus dem Häuschen bringen.

Zumal wenn das Herz einem traurig und schwer,

da müsst ein Terenz oder Plautus her,

das düstre Gemüt mir mit witzreichen Stücken

leicht zu umgarnen und zu umstricken.

Mit ?Großer Gott? sollt keiner mir spotten,

dem durchpustet´ ich höllisch die Sünderklamotten,

verwandelt´ ihn gnadenlos in einen Frosch

mit einer scheuertorgroßen Sängergosch.

Drauf müsst er, verbannt aus dem himmlischen Reich,

zwölf Jahre quaken im Armsünderteich.

5. Liebesliedchen

Ich kann manierlich lächelnd

aussinnen Lieder schön,

wenn Mädchen zierlich fächelnd

im Tanz sich um mich drehn.

 

Ich kann manierlich lächelnd

ausfeilen kleine Lieder,

wenn Mädchen zierlich fächelnd

sich bei mir lassen nieder.

 

Ich kann manierlich lächelnd

singen mit meinem Lieb,

wenn Mädchen zierlich fächelnd

lang schon der Wind vertrieb.

6. Schneeglöckchen

Mit ihren weißen Glöckchen auf der Wiese,

von Stengelblättchen wenig nur bedacht,

stehn sie und bimmeln leis zum Paradiese,

ob kalt auch niederfällt der Wind zur Nacht.

 

Als schmeckten sie bereits des Himmels Wonne,

ob auch im Eis noch steckt des Frühlings See,

morgens in herrlich heller Frühlingssonne

und abends dann im frischgefallenen Schnee.

7. Klein Hänschen

Wir Großen sind doch prächtig gemein,

mag denn auch Hänschen mal Drecksack sein!

Wo es wir Großen zur Meisterschaft bringen,

mag auch dem Kleinen ein Stücklein gelingen!

8. Frühlingssehnsucht im Alter

Jugendschwermut weilt in Herbstes Nächten,

Alter aber sinnt in Winters Nacht,

ob die Tage nicht bald wiederbrächten

Frühlings Herrlichkeit und Pracht,

 

Sieht das alte Krähenpaar voll Freude,

ob auch frierend es den Schnee durchirrt,

als ob über frühlingsgrüne Weide

es schon wieder seinem Horst zuschwirrt.

 

Hört die Vöglein, die der Süd will bringen,

und die Blümlein aus der Erde tief

in des Frühlings Hochgesang einstimmen,

der so lang den Wintertag durchschlief.

9. Zur rechten Zeit reden

Zur rechten Zeit reden, zur rechten Zeit schweigen,

so wär es gut und edel und schön,

und tief uns voreinander verneigen,

weil wir im andern ein Wunder ersehn.

10. Für Anne Frank

Ich glätte ihr das Haar, streich ihr die lieben Wangen,

und such das Auge, ob´s auch mich noch sucht,

und denk der Jahre, die vorbeigegangen

und an der Zeiten unentwegte Flucht.

 

Und sehe Fahnen wehn ums Haus der Trauer,

und hör ein Schweigen, das uns näher schleicht,

und spür den Druck schon längst verfallener Dauer,

bis uns der Terror wieder hat erreicht.

 

Bis es geläutet draußen vor der Tür,

und Tod und Henkersknechte stehen dort,

und wir, ohn´ Zeit zum Abschiednehmen, wir,

müssen für immer dann, für immer, fort.

11. Noch ein Frühlingslied

Und wenn die Vöglein alle wieder singen

und ihre Nestlein emsig wieder baun,

und Busch und Baum am morgen früh erklingen

und Tags hindurch bis spät ins Abendgraun:

 

Dann ziehn auch wir noch einmal hin durchs Leben,

geschäftig munterem Vogelpärchen gleich,

bis uns der Flügel Schlag voller Bestreben

hinaufträgt hoch, hin durch der Lüfte Reich.

 

Und träumen fort, hin durch den Gang der Zeiten,

die kommen, schwinden, wieder sich erneun

und wie ein Teppich weit sich vor uns breiten,

und wir im Paradiese uns erfreun.

12. Der Frühling

Bergauf steigt der Frühling mit seinem Grün,

derweil noch im Tal die Kirschbäume blühn

schneeweiß voller Blüten, zum Überschäumen,

als wollten sie ewig so hin vor sich träumen.

 

Wenn dann des Schwarzwalds Höhn er erreicht,

und der letzte Schnee auf den Hängen ihm weicht,

siehst du mit Fähnchen die Kinder im Garten

das Kommen des Sommers andächtig erwarten.

13. Die Alten

Der Weg führt nicht mehr aus dem Haus,

nur noch durchs Fenster dringt der Blick nach draußen,

was jung und lebenslustig war, zog aus,

für immer anderswo sich einzuhausen.

 

Die Schwalben nur, zurück von ihren Reisen,

umkreisen altvertrauter Wiesen Pracht.

Die Alten sinnen nach, was einst die Weisen

von ihren Welterkundigungen heimgebracht.

14. Der Vater

Ich rief ihm zu und sagte: Geh nicht weiter,

eh wir zusammen noch das Glas geleert.

Er aber schwang sich auf, wie einst die Streiter,

zum Aufbruch wohlgerüstet auf sein Pferd.

 

Ich rief ihm zu, beschwor ihn, noch die Weile

zu warten, bis die Wang ich ihm gedrückt.

Er aber war, in kaum gekannter Eile,

noch eh ich´s ausgesprochen, schon entrückt.

 

Ich rief ihm nach, mir mindstens noch zu sagen,

wo ich ihn finden möchte, ich, sein Sohn,

doch nur von Ferne hört ich noch ein Klagen,

da war er weit, schon weit, schon weit davon.

15. Die Mutter

Den Todestag darf keiner mir verraten,

wenn er im Jahreskreislauf wiederkehrt,

ich mag kein Lichtlein zünden, mag nicht klagen,

dass Gram und Jammer nicht das Herz beschwert.

 

Als Kind, da war´s, wann immer ich bedachte,

dass Mutter einmal nimmer bei mir wär,

dass mir ein Ungewitter sich entfachte

und mir des Herzens Schifflein wurde schwer.

 

Sie lächelte, eh sie davongegangen,

so sagte man, als säh sie schon das Tor

des Himmelreichs, und hörte beim Empfangen

den Ave-Gruß der Engelscharen Chor.

16. Wir hatten Sprache

Wir hatten Sprache, aber nichts zu sprechen.

Wir sprachen nur, was alle sprachen, nach,

und blieben stumm, galt es das Wort zu brechen,

und blieben keine Nacht zusammen wach.

 

Was ists, das einmal uns könnt überkommen,

dass uns ein Gott aufnähm in seine Hut?

Wir wissens nicht, tönt auch der Spruch der Frommen:

"Wie es auch sei, das Leben, es ist gut."

17. Denken, bilden, geordnet schreiben!

Denken, bilden, geordnet schreiben!

Stets nur wollt ich es also treiben.

Manchmal indessen, im Übermut,

gings überraschend auch anders gut:

Da steckte die Nase zur Türe herein,

noch vor dem Gedanken, so Reim um Reim.

Und prüft ich sie, ließ ich sie alle so stehn.

Im Glück reimt sich alles, fast alles, sehr schön.

18. Sonntag im Mai

Mit ihren sonnengoldenen Blütenspitzen

hoch über Gras und Schaft und Blättern blitzen

taufrisch die Iris, eben aufgegangen,

das erste Licht des Morgens einzufangen.

 

Und nahbei, um den Morgen mitzuloben,

ist auch der junge Rotschwanz ausgeflogen,

Da ist nun überaus geschäftig Treiben,

dass selbst der Mensch nicht mehr im Haus mag bleiben.

 

Hinaus nun drängt auch ihn es in den Garten,

Wo all des Lebens hohe Feste warten.

Ein Mägdlein tränkt die Sprösslinge der Kresse

andächtig scheu, als wärs die Wurzel Jesse.

 

An frischer Jugend Blühn hat nicht erst heute

das hochbetagte Alter seine Freude.

Und wer aufs Stehn und Schaun sich muss beschränken,

kann doch des Guten viel dazu noch denken.

19. Ein Liedchen

Sag mir, was der Frühling bringt,

wenn die Vöglein wieder singen,

Häslein nach der Häsin springt,

überm Feld die Glöcklein klingen.

 

Als ich schritt zum Haus hinaus,

träumend noch in Morgens Stunden,

hab ich gleich schon vor dem Haus

mein Feins-Liebchen aufgefunden.

20. Und merkst du, deine Tage sind gezählt

Und merkst du, deine Tage sind gezählt:

Lass jeden Tag passieren nur und kommen

und zähl nicht mit, weil alles Zählen quält,

denk lieber, dass gezählt du zu den Frommen.

 

Und hast dein Leben dann nochmal durchmessen

Und was du dir erlernt in frühem Jahr,

wovon das meiste du wieder vergessen,

was als Ballast dir nimmer schafft Gefahr:

 

Dann denk des Rats, den uns der alte Seher

Von Patmos Fluren aus noch zugesandt.

Er sah uns allesamt als Todesgeher

Dem Himmel offen, liebend zugewandt.

 

Ist dann die Stunde da, dahin zu gehn,

der Welt entrückt, im Geiste arm geworden,

dann sorg dich nicht, was weiter mag geschehn,

es ist gesorgt schon bei des Himmels Pforten.

21. Der Krug geht zum Brunnen...

Liegt das verborgen in der Zeiten Schoß,

dass, was einst groß war, wird bedeutungslos?

Und dass man Kleines auslöscht und vergisst,

eh es erwächst und seine Kraft ermisst?

 

Zum Brunnen bin als Kind ich oft gegangen,

einschöpfend Wasser mit der Sonne Licht,

eh dass der Tag noch hatte angefangen,

heut geh als Krug ich noch, eh dass er bricht.

22. Prüfung

Heb auf und prüfe selber, was du fandst,

und sieh dir an, so viel du willst und kannst:

Was wir bewegen, uns ja auch bewegt,

und was wir tragen, oftmals uns auch trägt!

 

Jetzt bin ich alt geworden, einstens jung,

und was ich sah, ist mir Bestätigung:

Im Schauen auf solch Binden hin gebunden

haben wir, eh wir finden, schon gefunden.

23. Porträt des letzten Menschen

Was schweigt ihr alle

so vor euch hin,

und keiner sagt mir,

wer ich bin?

Und schaut mich an,

wer weiß, als wär

mein Platz, wo ich

noch bin, schon leer?

 

Fass ich mich kurz,

wünscht man mich lang,

im Übermut

ein wenig bang,

im Trauerfall

sanftmütig heiter,

und so verrückt

gehts immer weiter.

 

Komm wieder einst

ich auf die Welt,

komm ich als Bettler

mit viel Geld,

als König ohne

Volk und Land,

als Denker ohne

Sachverstand.

 

Als Philosoph,

dem nicht verboten,

das Grenzenlose

auszuloten;

als Jäger scharf

und Königshirsch,

geh in den Wald dann

auf die Pirsch,

 

mag´s euch auch para-

dox erscheinen,

in wilder Jagd

die Welt zu einen,

und schieß im schönsten

Morgenrot

die Welt mit mir

zusammen tot.

24. Der Ruhm

Unerschöpflich, unerfindlich,

unbegreiflich nah und schwer,

wie in längst vergangenen Tagen

Musen sangen bei Homer,

 

Tönt es wohl und tönt es wieder,

tönt es hin und tönt es her:

Helden waren nie zufrieden,

seit der Ruhm braust übers Meer.

25. Ödipus

Als weise Männer zogen sie durch ihre Zeit

und scheiterten doch in der Stunde der Gefahr;

dann irrten sie in armem Pilgerkleid

und blieben blind bis in ihr letztes Jahr.

 

Das Leben, was es sei, wir wissen´s nicht,

nur dass wir kamen einst und wieder gehn,

und wenn nicht Liebes uns erschaut und zu uns spricht,

der Liebe Glück in uns nicht kann entstehn.

26. Der Wahnsinn

Ob mich Krankheit auch ausprügelt,

stets von neuem, ungezügelt,

ohne Scheu und ohne Scham,

um mich nur der Liebe Gram,

 

dass ich, beinah schon beglückt

merk, ich bin ja schwer verrückt,

möcht die Toten all beneiden,

weil sie nicht wie ich mehr leiden,

 

Und dann möcht ich drüber lachen,

dass die Krankheit leicht könnt machen

auch noch aus dem lieben Gott

einen Satan Schwerenot.

 

Endlich aber um Geduld

winsle ich in meiner Schuld,

als hätt ich mir ausgedacht

diese Krankheit vor der Nacht.

27. Vom Schweigen der Nacht bis zum Schweigen der Nacht

Vom Schweigen der Nacht bis zum Schweigen der Nacht,

als hätte sich´s so wer ausgedacht,

dazwischengekeilt nur die Gegenwart,

die sehnsuchtsvoll der Befreiung harrt.

 

Uralte Gesänge durchrauschen das Ohr,

aus fernen Gegenden dringen sie vor,

ob auch mit der Kindheit vergangen sie sind,

das Herz schlägt noch immer dem göttlichen Kind.

 

Es huldigt des frommen Glaubens List,

zu sagen "gut", auch wenn Gutes nicht ist,

als dürft man und könnt man am Wort schon sich wärmen,

ob tausend Teufel dagegen auch lärmen.

 

O selige Sünde, o glückliche Schuld,

bei der selbst der Teufel verliert die Geduld.

Wie viele Lektionen sind noch zu erlernen,

eh wir für immer von hier uns entfernen?

28. Zu späten Abends Stunden

Zu späten Abends Stunden

beim Gang durch tiefen Schnee

denk ich an meine Lieben,

ob ich sie wiederseh.

 

Wenn dann das Auge gleitet

durchs Dunkel haltlos still,

ist mir, als ob sie lauschten,

ob ich nun kommen will.

29. Fahrt über dem Wasser

("Was wohl, Liebste, Pandions Kind, will?" Sappho)

 

Welch eine Fahrt hab ich gemacht

mit dir heut Nacht im Traume!

Du Liebste saßest neben mir

in eines Schiffes Raume.

 

Aufbrausend, nächtlich ging die Fahrt

über des Meeres Flächen,

die hinter uns wie Eis und Glas

zitterten im Zerbrechen.

 

Vom Himmel leuchtete kein Stern,

das Licht verbargen Wolken,

nah überm Wasser Schwalben nur

sah ich uns eifrig folgen.

 

Sie tauchten immer wieder auf,

umkreisten uns und flogen

die Bordwand streifend rasch vorbei,

eh dass sie weiterzogen.

 

Mir war, als zögen sie das Schiff

mit sich, mit starken Schwingen,

es vor dem unwägbaren Grund

in Sicherheit zu bringen.

 

Nur einmal noch hielt über Bord

ich Ausschau nach den Tiefen,

ob alles auch in Ordnung wär,

wenn beide wir nun schliefen.

30. Sonntagmorgen

Die Glocken läuten aus der Fern,

ging auch zur Sonntagsmesse gern

mit meinem Liebchen an der Hand,

wie einst, als uns die Liebe fand.

 

Wars damals auch mal nass und finster,

wir schritten dennoch froh ins Münster

unter dem schönsten Licht dahin,

das durch den Regenschirm uns schien.

 

Herzliebchen wart, sag noch nichts, du!

Schließ nur die lieben Äuglein zu!

Dann lass mich dir nochmals erzählen,

als wär der Tag heut, wann wir uns vermählen.

 

Ein weißes Mützchen dich umfing,

als es zur Kirch, zur Brautmess ging.

Den Brautschnatz drunter hübsch und fein

hatt dir gerichtet s'Mütterlein.

 

Und drückt dich an sich, sprach: "Mein Kind,

das Glück, es bleib dir hold gesinnt,

nimm, den du ausgesucht zum Mann,

zum Bräutigam in Treuen an!"

 

Und wischte dir ein Tränlein aus

und führt' als Braut dich aus dem Haus,

Und alle wünschten Gutes dir,

selbst Väterchen noch an der Tür.

 

Wie glänzend hell war doch dein Haar,

das war vor einundvierzig Jahr,

da konntest du umher noch gehen,

noch auf den eignen Füßen stehn.

 

Ja, unbeschwert und leicht beschwingt

ist alles Leben, wenn es singt

durchs Traumgebild der Gegenwart

und bleiern Unheil bleibt erspart.

31. Das Leben

Hin durch des Frühlings glänzendes Geschmeide

zieht sich der Pfad ins unbekannte Weite,

hinaus, hinauf, wohl über manche Brücke

zu goldenem Berg, zu unerhörtem Glücke.

 

Kommt dann der Sommer und des Jahres Fülle,

durchtönt den Abend noch das Lied der Grille,

Im Herbst sodann im Öl der Freude baden

sich die Gesichter, die zu Tisch geladen.

 

Des Jahres Früchte gerne wir bescheren,

dass sie den Leib, dass sie die Seele nähren,

im Winter dann, beim stillen Zweigerheben,

manch toter Baum scheint plötzlich aufzuleben.

32. Was aufgeschrieben steht

Was aufgeschrieben steht, was einst gewesen

an Schönem, wird man gerne wieder lesen,

als uns der Jugend Tage noch erfreuten

und sich wie Perlen aneinander reihten,

zumal wenn noch die Tage kürzer werden

und Winterschnee fällt da und dort auf Erden.

33. Auf eine Strophe von Hölderlin

Wenn sich der Tag des Jahrs hinabgeneiget

und rings das Feld mit den Gebirgen schweiget,

das Blau des Himmels tiefer glänzt an Tagen,

die wie Gestirn in heitre Höhe ragen:

 

wird schön Geschriebnes gern wieder gelesen,

das uns erzählt von dem, was einst gewesen,

als uns der Jugend Tage noch erfreuten,

die sich wie Perlen aneinander reihten.

34. Lieb ist die Mutter

Lieb ist die Mutter, die den Hunger stillt.

Lieb auch das Kind, das Mutters Wunsch erfüllt,

lieb ist die Frau, die ihren Mann umhegt,

der Mann auch, der die Frau verehrt und pflegt,

 

Gut ist das Leben in der Erntezeit,

wenn Freude glänzt auf den Gesichtern weit,

die Scheuern stehen voll bis unters Dach,

von nirgends her dräut Not und Ungemach.

 

Schön ist sodann beim letzten Abendschein

ein Weilchen noch beisammen still zu sein,

wenn sich die Hände liebend fest umfassen,

und sich dem Kommenden zu überlassen.

35. Den Dichtern der Tang-dynastie

Die ihr der Vorzeit Lieder einst gesungen,

die herrlich schön die Himmelswelt durchdrungen,

ich hör sie noch und kann mir nicht verhehlen:

manch Lied erwacht, kann man auf Kenner zählen.

36. Schüf ich in Ernst und Andacht solche Zeilen

Schüf ich in Ernst und Andacht solche Zeilen,

wie sie im Anbeginn dem Gott geglückt,

ihr säht mich nicht mehr auf der Erde weilen,

ihr säht zum höchsten Himmel mich entrückt.

 

Entrückt dem Tag, wo alles wird gerichtet,

was hoher Geist und Glaubenskraft gedichtet,

und was der Leere mühsam abgerungen,

wird wieder so, als wär es nie erklungen.

37. Jugend und Alter

Als in der Jugend wir uns göttergleich erhoben,

hielt sich nicht jeder von uns ausgesendet,

als stünd erwartungsvoll, uns zu erproben,

der Weltenbau, soeben erst vollendet?

 

Nun da wir alt geworden, grau die Haare,

erschaudern wir, sehn wir die Jugend stürmen

zur Welt hinaus wie uns vor vielen Jahren,

und Flaggen wehn von Babels stolzen Türmen,

38. In den Märchen

In den Märchen lebt noch der liebe Gott,

in Schluchten voll Bären und wilden Drachen.

Er rettet die Seinen, was ihnen auch droht,

aus Not und Elend und Todes Rachen.

 

Durch die tiefsten Wälder, wenn des Dunkels Gewalt

vom Himmel nirgends ein Licht mehr duldet,

führt er versteckt in des andern Gestalt

die Seinen, die nie ein Böses verschuldet.

 

Gut ist´s, zu zweien den Weg zu suchen

nach Haus, wenn die Vögel die Brösel gepickt

und aufgegessen den Rest vom Kuchen,

und die Bäume lächeln irrsinnig verrückt.

39. Wintereinbruch

Die ersten dicken Flocken abwärts treiben,

bis abends dichter Schnee die Erde hüllt,

doch keiner weiß ein Mittel zu verschreiben,

das Ängste bannt und böses Härmen stillt.

Durchs Schneegestöber noch die Hunde eilen

laut bellend vor dem Tor der Nacht,

Was uns beruhigt, was den Sinn mag heilen,

wer hat es gründlich je vorausbedacht?

Gelassen sich durchs Leben zu bewegen

und ruhig wunschlos sich zur Ruh zu legen.

40. Als Kind beginnen wir mit Träumen

Als Kind beginnen wir mit Träumen

des Lebens unbekannte Bahn;

doch kaum, dass wir ein Stündlein säumen,

schleicht auch das Alter schon heran.

 

Dann ahnen wir, wir sind ein Weilchen,

kaum wissend, wer wir dabei sind,

jetzt noch ein Glomerat von Teilchen

und bald schon Spreu für jeden Wind.

41. Wozu das Gehen und das Kommen?

Wozu das Gehen und das Kommen?

Wozu alle die Wiederkehr?

Wozu mag all das Leben frommen,

das einst sich drängte maßlos aus dem Meer?

Wozu das alles? Zum Begreifen

den Tag, der fern schon zu ersehn,

wo alles Werden, Wachsen, Reifen,

als wärs ein Fehlversuch, zu Grund muss gehn?

Was ist es, was uns lockt und letzt?

Noch raunt die Sphinx ihr Hier und Jetzt.

42. Altorientalisches Weltgefühl

Der Gott, der Erd und Himmel schuf,

in rastlos schaffendem Beruf,

der machtvoll durch das All gedrungen,

das Widerstrebendste bezwungen,

selbst noch den grimmen Leviathan

auf wild zerstörerischer Bahn,

dem, als der Schöpfung Wort er sang,

der Schöpfung Wunderwerk gelang:

Dem Menschen auch hat er´s gesungen,

ihn mit des Wortes Kraft durchdrungen

und angesiedelt auf der Erde,

dass sie durch ihn verherrlicht werde.

Du musst nicht grübeln, wer du bist,

weil alles wohlgeordnet ist.

43. Ob der Stern der heiligen Nacht

Ob der Stern der heiligen Nacht

wohl auch wäre aufgegangen,

hätten nicht die Weisen drei

sich bemüht, ihm anzuhangen?

 

Kämen sie bei uns vorbei,

fragten, ob zum Weltenkönig

dies der rechte Weg wohl sei,

käm als Antwort wohl nur wenig:

 

Nie wär einer je erschienen,

ihnen hätte wohl geträumt,

und sie hätten ihre Tiere

unter falschen Stern gezäumt.

44. Liebe und Freundschaft

Zur Kurzweil der Liebe

braucht´s keinen Kopf,

da genügt schon ein mächtiger

Zeugungstopf.

 

Zur Freundschaft hingegen

braucht´s keinen Leib,

da füßeln die Köpfe

im Zeitvertreib.

 

Schön ist, beisammen sind

Freundschaft und Liebe.

Doch ins leere Haus

einbrechen schnell Diebe.

45. Psalm 130.6

Draußen, wenn die Kälte klirrt

und noch immer kälter wird,

Wenn die Zeit im Sternenkreise

kaum vom Fleck kommt auf der Reise,

eingeschnürt im Augenblick,

weder vorwärts noch zurück:

Hoffst du auf des Morgens Früh,

dass die Sonne dir erblüh

rosenfarben aus dem Süden,

eingewiegt in Schlummers Frieden.

46. Die Tage treiben hin in stetem Müssen

Die Tage treiben hin in stetem Müssen,

gleichgültig wie der Sand durchs Uhrenglas,

ob wir sie los sein wollen, sie vermissen

was geht sie´s an, was interessiert sie das?

47. Nur Ruhe!

Nur Ruhe! Lass das Suchen

und Fragen, das nichts bringt!

Kein Mensch ist, der verwegen

hinauf zum Himmel springt.

 

Nur wie die lieben Kleinen,

versuch dich vor dem Haus

und lach mit, wenn die Vöglein

dich weidlich lachen aus.

48. Ich sitz im Zimmer vor dem Winterfenster

Ich sitz im Zimmer vor dem Winterfenster

und warte still,

ob nicht das Meer der Nachtgespenster

verziehen will.

 

Es ist nicht gut, der Fragen viel zu stellen,

in trüber Zeit.

Genug, das Feld sorgfältig zu bestellen,

dass Brot gedeiht.

 

Und drängt auch bald, als hätte mich gerufen,

ich weiß nicht was,

zehr ich noch auf den Rest vom Hochzeitskuchen

und leer das Glas.

 

Und lass den Rest der Zeit sich mir entwinden

und bind die Schuh,

und eil durch Winternacht und dunkle Gründe

Feinsliebchen zu.

49. Von den Leuten der Vorzeit

Von den Leuten der Vorzeit, von denen man sich erzählt,

lebten viele in Stille, man hörte sie kaum;

doch waren sie nicht mehr, als hätten sie nun gefehlt,

hörte man Lieder singen von manch einem Baum.

50. Ein Blümlein auf dem Wintertisch

Ein Blümlein auf dem Wintertisch,

wer sieht´s, wenn viele beieinander sitzen?

Doch bist allein du, kannst du seinen Atem

umwehen sehen Blatt- und Blütenspitzen.

51. Welt mit deinem anspruchsvollen Wesen

Welt mit deinem anspruchsvollen Wesen,

von den meisten sklavisch feil geliebt,

schmückst mit Ehren, die du dir erlesen,

laut auspreisend, wer sich dir ergibt.

 

Soll ich etwa darum dich jetzt schelten,

weil du meisterlich mich übersehn?

Lass mich weiterhin nur ehrlos gelten,

will in mir schon weiter fort bestehn.

52. Porträt des Alters

Wie Kinder in den ersten frühen Bildern

mit Zeichen, die sie eben erst erfunden,

den Mensch in seinen Handlungen schildern,

Mit Kopf und Fuß und Augen unverbunden,

und allenfalls noch eine Hand daneben,

dass sie, was immer kommt, mag fassen:

so seh ich abgeschildert auch mein Leben,

das jedem meiner Sinne überlassen.

Von früher hallen zwar noch die Befehle,

doch keiner ist, der hört auf seinem Posten,

entflohn der General, des Ganzen Seele,

und jeder flieht, was immer es mag kosten.

Wer bin ich? Wer? Ein Heer, das im Entgleiten,

haltlos zerstiebt in unbekannte Weiten.

53. Selbstporträt

Ich hab nicht viel mit mir zu schaffen,

muss mich nicht dauernd selbst begaffen

und fragen, wer ich denn noch bin.

 

Brauch keinen Spiegel, mir zu lügen.

Wer mich begrüßt, s´ist sein Vergnügen,

sieht er mich ziehn des Wegs dahin.

 

Ich meide, was mich nicht kann brauchen;

mag nur des Hauses Schornstein rauchen,

wegtragend Krankheit und Beschwer.

 

Doch nur Geduld, ihr Hungerraben,

auch ihr sollt euer Teil bald haben,

als wär ich, bin ich, längst nicht mehr.

54. Bald schon deckt Gras das Stückchen Muttererde

Bald schon deckt Gras das Stückchen Muttererde,

dann ruht die Menschheit wieder aus

von all der Arbeit, Mühsal und Beschwerde,

und still wird´s wieder dann im Erdenhaus.

 

Was hat das Leben uns gebracht, was brachten

wir an den Tag, als uns das Wort erfand?

Was war´s, das wir uns hofften, uns erdachten,

das wir gekannt, erkannt und anerkannt?

 

Was wir im Stillen heimlich weiterreichten,

in Höhlenfeiern schon zu alter Zeit,

unter dem Wolkenzug, dem wechselleichten?

War´s nicht die Speise der Unsterblichkeit?

55. Wo du bist, da will auch ich sein!

Wo du bist, da will auch ich sein!

Wo ich bin, da sei auch du!

Dringt ins Aug auch nimmer Licht ein,

lass uns schlummern, Liebchen, fest in Ruh.

Müssen, wo wir sind, dann nicht mehr wissen.

Müssten nur, wo du mir fehlst, uns missen.

56. Auch ich hätt gerne gesungen

Auch ich hätt gerne gesungen

mit Orpheus Liedermund schön,

doch war, was meist mir erklungen,

mit bitteren Zweifeln versehn.

 

Nur wenn ich von Liebchen durchdrungen

mich aus der Welt verlor,

drängte sich wie von Zungen

manch süßes Liedchen hervor.

57. Wie unbekümmert und zufrieden

Wie unbekümmert und zufrieden

sangst du dein Liedlein in den Wind

an jedem Tag, der dir beschieden,

du warst stets Gottes liebes Kind.

 

Mit all den Vöglein in der Runde

sangst du dein Liedlein in den Wind

vom Morgen bis zur Dämmerstunde,

du warst stets Gottes liebes Kind.

 

Und niemals fürchtend Not und Sorgen

sangst du dein Liedlein in den Wind

ja noch die Nacht durch bis zum Morgen,

du warst stets Gottes liebes Kind.

58. Sokrates

Was gut und trefflich dir gelungen scheint,

zeig´s keinem, dass du schneller es vergisst,

bis endlich nur noch Eines übrig ist,

das unausschöpfbar in der Tiefe weint.

59. Ich legte mich ins Bett der Lebensmüden

Ich legte mich ins Bett der Lebensmüden

und suchte nur noch nach des Schlafes Frieden,

indessen pausenlos mich die Erinnerung quälte,

dass ich den Freund, dass mich der Freund verfehlte.

Mit ihm mich reicher, besser zu erleben,

was hätt nicht alles ich dafür gegeben!

Im Halbschlaf nur von einem Schiff mir träumte,

das mit der Fracht versank, die uns versäumte.

60. Zwei Freunde (Joyce und Beckett)

Sie hätten gerne was unternommen,

was auch der Nachwelt wär zu gut gekommen

ein außerordentliches Werk, so gut wie reich,

sie forschten nach, doch fanden es nicht gleich.

 

So saßen sie denn da und schwiegen beide,

als hätten sie am Schweigen ihre Freude,

und dachten immer wieder ans Theater

von Lancelot, dem Sohn, und Gobbo, Irlands Vater.

61. Friede sei den Frommen und Gerechten

Friede sei den Frommen und Gerechten,

die verschont von tödlichen Gefechten

schon im Leben schönen Lohn gewonnen

voller Lust und Paradieses Wonnen.

 

Andre aber müssen mühsam warten

mit dem Gottessohn im Ölberg-Garten,

müssen treten dann durchs Tor der Toten

allerletzte Leiden auszuloten.

62. Noch ist sie mein

Noch ist sie mein, wenn auch für wenig Stunden

sie nur am Tage noch die Lider hebt,

und wird sie nimmer mir auch mehr gesunden,

sag dennoch zuversichtlich ich: sie lebt!

 

Und will jedweden Widerspruch ersticken,

und flüstere Mut mir zu, brüllt auch das Blut,

und sehne mich nach Linderung, nach Erquicken,

bis schlummernd sie an meiner Seite ruht.

63. Schwiegermütterchen

Des Tags zum Fenster schaute sie hinaus

und sah die Tiere auf der Wiese weiden,

und zählte sie, ließ auch nicht eines aus,

missachtend ihre unzählbaren Leiden.

 

Nur abends bei des Herbstwinds letztem Wehn

saß sie beim Fenster, ob sie was vernähme

von ihrem Mann, sie war bereit zu gehn,

wenn er zu holen sie vorbei jetzt käme.

64. Herr, der du nimmst und der du gibst

Herr, der du nimmst und der du gibst

und der du das Zerschundene liebst,

vergiss nur auch beim Nehmen nicht

die Gabe für das Gleichgewicht.

65. Bhartrihari

Müssen denn die Toren loben,

was sie niemals doch verstehn?

Hat die Muse dich erhoben,

Lob von Hunden zu erflehn?

66. Der Mensch

(pasin hämin katthanein opheiletai, Alkestis V.419)

Wenn er in Massen kommt, ist er nicht wert,

dass man ein Beispiel nimmt, im Geist ihn ehrt.

Doch wenn auf Folterbänken der Geduld

hinsterbend er bezahlt des Lebens Schuld,

kehrt er, wenn auch vereinsamt und allein,

ein Himmelsträger endlich bei sich ein.

67. Dem Schöpfer aller guten Gaben

Dem Schöpfer aller guten Gaben

müsst ihr mein Schiefohr wohl verzeihn,

doch wollt ihr einen großen Bruder haben,

müsst selber ihr der große Bruder sein.

68. Wir müssen uns nicht fragen

Wir müssen uns nicht fragen, was wir machen,

ich und mein Weibchen, wenn der Tag anbricht.

Liegt sie auch todkrank, kann sie doch noch lachen,

als wollt sie sagen: "Du, betrüb dich nicht!"

 

Und ich, ermuntert so an ihrer Seite,

nicht minder stolz als einst, als ich sie sah,

um ihre Hand anhielt und um sie freite,

spüre ein unnennbares Glück mir nah.

69. Li Bo

Da stehst du noch von Nachtgewölk umdüstert,

tief im Gebirg, unscheinbar von Gestalt,

kein Vöglein, das dir einen Gruß zuflüstert,

kein Echo, das Aufmunterung zuschallt.

 

Doch immer fester wird ein Drängen, Schieben,

ein Heller-werden hoch am Firmament,

als ob Gewalten unaufhaltsam trieben

die Sonne in ihr uralt Element.

 

Ein Weilchen noch, dann sind sie damit fertig,

siehst du hinauf dann, siehst du wieder nahn

die alten Götter heiter gegenwärtig

hoch von den schneebedeckten Gipfeln von Tschang-an.

70. Bo Djü-I

Ein feines leises Lächeln im Gesicht,

woraus Verstehen viel und Güte spricht.

Und in des Lächelns Schatten die Erfahrung,

dass Gutes braucht Bewährung und Bewahrung.

Dem Zeitlauf dann darfst du dich überlassen,

du musst nicht alles haargenau erfassen.

71. O wie wollt ich, manchen Ort der Erde

O wie wollt ich, manchen Ort der Erde

hätten wir besungen eine Zeit,

dass uns süß ein Liedchen wiederkehrte,

mit sich nehmend Trug und Traurigkeit.

 

Wüssten, wo wir Treffliches gefunden,

was uns mutvoll kräftigend beseelt

und Erleichtrung schafft in dunklen Stunden,

statt dass Böses an uns nagt und quält.

72. Ins Abendflüstern

Das Beste, was uns Freundschaft bieten kann,

ist der Begegnung Augenblick von Mann zu Mann

wie einst bei Li Tai-pe und Meng Hau-jan,

und wie Guan und Bau viel früher schon getan.

 

Man schüttelt sich die Hand, schaut flüchtig ins Gesicht;

und weiter geht der Weg, man fragt drum nicht,

bis Abendschatten sanft das Aug umhüllen.

Wer auch vermag die Tage ganz zu füllen?

73. Frühlingstage

Frühlingstage, o wie lange harrten

wir nicht aus die kalte Winterzeit,

bis sich wieder drauß´ im Garten

regt des Lebens Lust und Heiterkeit!

 

Doch jetzt hör ich ferne Kinderstimmen,

lacht nicht auch ein heitrer Mädchenchor?

Träumend sitze ich am offenen Fenster,

alles kommt so fremd-vertraut mir vor.

 

Und mir ist, als würd ich wieder sehen,

was ich einst von Mutters Schoß aus sah,

als im ersten Schöpfungsauferstehen

alles mir so fremd-vertraut kam nah.

74. Im Lebenstanz

Im Lebenstanz, da fanden sie zusammen,

da sah er plötzlich sie, da sah sie ihn,

da fassten beide Glut und Liebesflammen,

da sah man sie, als Paar ins Leben ziehn.

 

Doch als des Tanzes Lustbarkeit zu Ende

und ihrer Füße Schritte hielten an,

da lösten sich auch ihre beiden Hände;

sie fragten sich, was sie bis jetzt getan.

75. Ein Vöglein saß im hohen Baum

Ein Vöglein saß im hohen Baum

laut schmetternd seine Weise,

ein Weibchen hatt´ gehört es kaum,

flog schon herbei sehr leise.

 

Und schaute sich den Sänger an

und fand ihn imponierend,

da wurden rasch sie Frau und Mann,

zur Liebe sich verführend.

 

Und als das Werk ward abgetan,

das Jahr ging schon zu Ende,

träumt jedes sich nach Afrika

in wärmeres Gelände.

76. Allein

Wenn nachts die Eulen schrein,

im Wald die Vöglein klagen

und über Klippgestein

die Quellen Wasser tragen:

 

Steh du nicht da allein!

Wer soll ein Wort dir sagen?

Es kann nicht anders sein,

du musst dir´s selbst erjagen.

77. Melancholie

Hab nicht auch ich mit Mutter viel gesungen,

den Weg zum Himmel suchend noch als Kind?

Nun aber, da kaum mehr geblieben sind

als widersprechende Erinnerungen:

 

Was hab ich noch? Was wär noch gut, zu haben,

auf dass nichts Böses mehr mich drängt und drückt?

Manchmal läg ich am liebsten schon begraben,

um zu vergessen, was mich einst beglückt.

78. Und endlich fern sein, fern aller Begierde

Und endlich fern sein, fern aller Begierde,

mit Rosen überschüttet das Gesicht,

weil nichts mehr reizend in die Irre führte!

Ja, wer das könnte, ich, ich kann es nicht.

 

Wenn tosend mir die Schläfen widerhämmern

und strudelnd quirlt uralten Lebens Blut,

lausch ich dem Lockruf der Sirenenweibchen,

und mich reißt fort des Chaos dunkle Flut.

79. Mädchen, hol den Brautschnatz aus dem Schränkchen

Mädchen, hol den Brautschnatz aus dem Schränkchen

und den Schleier und das weiße Kleid;

draußen vor dem Häuschen auf dem Bänkchen

warten schon die Gäste, es wird Zeit.

 

Glocken läuten von des Frühlings Türmen,

Lilien in der Hand der Kinder Schar,

westwärts nur noch aus den Pappeln stürmen

noch die Krähen aus dem letzten Jahr.

 

Komm nur! Keinen Kummer mehr wirds geben,

keines Zweifels herben Augenblick!

Offen stehn des Festsaals hohe Türen

zu der Hochzeit langersehntem Glück.

 

Fällt aus dem Gewölb ein Stein auch nieder,

warte nur, gleich wird er auferstehn!

Sieh, man hebt ihn auf, er lebt schon wieder,

und bemeistert neu kannst du ihn sehn.

80. Kakinomoto Hitomaro

(Wo im Wort der Geist waltet und Hilfe bewirkt)

 

Dem Namen Gottes dicht anbei

der Name meiner Liebsten sei

verlässlich, unauslöschlich fest ins Herz geschrieben!

O köstlicher Geschmack des Namens meiner Lieben!

Gefunden hab den Anfang ich vom Lied,

hab mich vergebens nicht im Geist bemüht.

81. Könnten wir wandeln durchs des Frühlings Tal

Könnten wir wandeln durchs des Frühlings Tal

und uns erfreuen an der Blüten Zahl,

die schönsten Kleidchen zögest du dir an,

und neben dir ging ich als stolzer Mann.

 

Nun aber ist´s mit schönen Kleidchen aus,

im Krankenbett nur noch sind wir zu Haus,

ob etwas Frühlingsluft sich in die Kammer drängt

und uns die Brust bald weitet, bald beengt.

82. Unmündig Kind musst du nicht immer sein

Unmündig Kind musst du nicht immer sein.

Dass einmal Mann und Kinder wären dein,

scheint´s auch ein Märchen dir, schön ausgedichtet,

doch plötzlich bist als Eltern du verpflichtet.

Dann lebst du auf, als wär´s für ewige Zeit,

ein Tag bringt Kummer, einer Seligkeit,

bis eines Tags das Alter dich gefunden

und du erschaust des Lebens Tag' und Stunden.

83. Wie eine Wolke war er erst zu sehn

Wie eine Wolke war er erst zu sehn,

ein Wölkchen fern dem dürstenden Gefilde,

dann kam er näher, sich entfaltend schön,

ein herrlich fruchtversprechendes Gebilde.

 

Und Regen fiel herab aufs trockne Land,

es jauchzten auf der Himmel und die Erde,

und die Geliebte den Geliebten fand,

und den Gesang man weithin schallen hörte.

84. Das Lebensbuch

Wie Bücher, durchstudiert und durchgelesen

und wieder durchgelesen und studiert,

mit Sätzen stets aufs neue kommentiert,

so dünkt mich der Geschichte Sinn und Wesen.

 

Was wir im Lebensbuch versuchen zu begreifen,

es ist kein Buch planvoll beschriebener Streifen;

verborgen unter einem Palimpsest

der Wunsch vielleicht nach einem Hochzeitsfest.

85. Mag sein, dass uns alle der liebe Gott liebt

Mag sein, dass uns alle der liebe Gott liebt,

weil jedem von uns eine Chance er gibt;

doch dass er den Himmel sich stopft mit Gelichter,

das mögt ihr gern glauben, doch es glaubt euch kein Dichter.

86. Werd noch ein Weilchen bleiben

Werd noch ein Weilchen bleiben,

mein Tagewerk betreiben,

und hab ich Glück und ist´s vollbracht,

auch noch ein Weilchen durch die Nacht.

 

Werd noch ein Weilchen bleiben,

des Menschen Los beschreiben,

und hab ich Glück und ist vollbracht,

auch noch ein Weilchen durch die Nacht.

 

Werd noch ein Weilchen bleiben

mit Mütterchen zur Seiten,

und hab ich Glück und ists vollbracht,

auch noch ein Weilchen durch die Nacht.

87. Vom Liebsten in der Ferne

Vom Liebsten in der Ferne

kein Brieflein sie erreicht.

Sie weint. Sie hätt es gerne.

Ein Tag dem andern gleicht!

 

Ein Tag folgt auf den andern,

die Nacht die Nacht nur kennt,

und bei der Stunden Wandern

ihr nichts die Ankunft nennt.

 

Doch Hoffnung auf Erfüllung,

beständiger Liebe gleicht,

dass einmal alle Ferne

der ewigen Sehnsucht weicht.

88. Die Azalee

Die Leute bleiben stehn und staunen,

und preisen all der Blüten Pracht,

mit der die Azalee heut früh am Morgen

sich aufgetan, jetzt nach der Maiennacht.

 

Sie wissen nicht, was wir als kleines Pflänzchen

eingruben einst, als Mutter nicht mehr war;

sie sah es noch von ihrem Sterbebette,

und das sind nun schon über 20 Jahr.

89. Wer lässt uns nur durchs Leben träumen

Wer lässt uns nur durchs Leben träumen,

um uns dann aus dem Feld zu räumen,

wenn abgelaufen unsere Uhren,

wie umgeworfene Schachfiguren?

 

In einem Kasten dann zu hausen

und nicht mehr hören Sturmes Brausen,

die wir im Lebenssturm geboren,

und hätten alles dann verloren?

 

Vergebens sind so trübe Fragen;

der Mund verstummt, weiß nichts zu sagen.

Komm, Liebchen! Reich den Mund zum Küssen,

dass keine Antwort ich muss missen!

90. Meleager

Die Stunden ziehn vorbei, bald sind´s die letzten,

die uns mit frischem Lebenshauch ergetzten.

Das letzte Scheit im Herd glimmt aus, verraucht.

Ich sinne nach, was man zum Leben braucht.

 

Wozu war uns der Augenblick gegeben,

als uns die Sprache, der Gesang entstand?

Wir waren fröhlich, glaubten an das Leben

und an das große Glück voller Bestand.

 

Nun aber, da das Ende naht des Lebens,

wird schwer das Wort, verkümmert und erschlafft,

und was wir dachten, nährt nicht mehr, vergebens

erklingt manch Lied, ob es uns Rettung schafft.

91. Und Abend wird und Morgen wird es wieder

Und Abend wird und Morgen wird es wieder,

und wie gewohnt nehm ich den Stift und schreib,

was in der Seele laut wird, sorgsam nieder,

und neben mir schwer atmend liegt mein Weib.

 

Und dicht umdrängt im Kreis von allen Lieben -

Leid brach die Zeiten und der Zeiten Leib -,

seh ich mich um und frag, wo sie geblieben,

und such nach einem sicheren Verbleib.

92. An Du Fu

Der Strom umarmt die Stadt. In engem Bogen

Wie in Verwunschenheit verfließt das Jahr.

Wie kam die Schwalbe ins Gebälk geflogen?

Und wohin fliegt flussab der Möwen Schar?

 

Die Freunde spielen Faustball ohne Wanken,

Vom Neuen wie verzaubert und verzückt.

Ich seh mich um nach haltbaren Gedanken

Im Geist, bestrebt, ob mir Vergessen glückt.

93. An die Freunde

Zwei Jahre, Freunde, sind es, nicht viel mehr,

da kam das letzte Mal ich zu euch her;

seitdem nun spielt ihr munter mit dem Neuen,

mag sich das Herz des Lebens euch erfreuen!

 

Die Jahre, die fortan mir noch verfließen,

ins Meer der Stille lautlos sich ergießen.

Manchmal nur tönt ein Kuckuck aus der Ferne.

Es war einmal. Ich hatt´ euch alle gerne.

94. Ein Orakel

Komm schon mit, komm schon mit,

orakelt der Laden auf Schritt und Tritt,

derweil ich die Kurbel bediene, den Tag lasse ein

und nachsinn, was mit dem Spruch gemeint mag sein.

 

Verfehlten Hoffnungen sinn nur nicht nach, dass dir gelingt

der Tag, der Festigkeit und Ruhe bringt!

Das Gute nur such auf, lass dich nur nie im Stich,

dann bist zuhaus du, wo du bist, ganz sicherlich!

95. Ist ein böser Tag vorüber

Ist ein böser Tag vorüber,

und verstummt ein jedes Lied,

o vergiss es doch, mein Lieber,

wenn der Freunde Schar entflieht.

 

Sei willkommen dir der Segen,

den der späte Abend beut,

komm, zum Weibchen dich zu legen,

wo von dir dich nichts mehr zweit.

 

Bring die sieben Zauberdecken,

die so oft schon uns bedeckt,

uns darunter zu verstecken,

bis ein neuer Tag uns weckt.

96. Was mir auch einmal geschieht

Was mir auch einmal geschieht,

nichts soll mir dräuen,

singt ihr mein Leichenlied,

muss es nicht scheuen.

 

Bin dann von allem befreit,

lasst euch nicht stören,

ist es nur einmal so weit,

fast möchte ich´s schwören.

97. Ihr, die des Himmels Feste voll Bestand

Ihr, die des Himmels Feste voll Bestand

und Götter saht, die schauten auf euch hin,

jetzt gilt nur noch der Masse Maß und Tand

und Raum und Änderung im Zeitentfliehn.

 

Das Hohe, Reine, das euch einst entzückt,

glänzt nicht mehr in des Himmels hellem Schein,

das Unvergängliche, dem Auge ist´s entrückt

und ausgeraubt der Tempel goldener Schrein.

98. Der reine Weise mit Behagen

Der reine Weise mit Behagen

wüsst´ schöne Dinge auszusagen,

würden ihm nur nicht Freunde fehlen,

sie mit Behagen zu erzählen.

99. Dichtung

Dichtung, meint der Schwager, sei kinderleicht,

und er hat ja Recht.

Nur dass er ihr aus dem Wege schleicht,

daran tut er schlecht.

 

Kommt nur und schaut, was immer geschieht,

wie der Morgen erhellt,

wenn die Berge sich heben, vernimmst du das Lied

vom Anfang der Welt.

100. Toledo

Sie standen da und warteten gespannt,

bis dass er käme, der da angekündigt,

dem Weltenherrn, dem Heiland zugewandt,

ob er als Rächer käm, weil man gesündigt.

 

Den Kopf erhoben zu des Himmels Saum,

die Augen angsterfüllt, erstaunt, verdreht,

das Ohr nach der Trompete, die dem Traum

Erfüllung bläst von Gottes Majestät.

 

Auf Wunderbares fraglos ausgerichtet,

hat sich manch ein Ereignis schon verdichtet

im Lauf der Zeit zu ungeahntem Leben,

davon uns vieles Kunde noch kann geben.

101. Erkenne dich selbst

Fast nie ist eine Tat, wie gut gemacht,

zuvor ausreichend gut auch schon bedacht.

Von all den Taten, die dran Anschluss finden,

kannst eine Handvoll du grad noch ergründen.

Drum, eingekleidet in der Zeiten Kleid,

wohin du schaust, jedweder Weg ist weit.

102. Lasst nur in Ruh den Winterschnee

Lasst nur in Ruh den Winterschnee

da draußen auf dem Feld,

wenn er die Frucht vom nächsten Jahr

umfangen hält.

 

Lasst nur in Ruh den jungen Baum

da draußen auf dem Feld,

bis er der Stütze mag vertrauen,

die ihm gestellt.

 

Lasst nur in Ruh den jungen Mann

da draußen auf dem Feld,

dass er sich recht entfalten kann,

wies euch gefällt.

103. Nochmals auf eine Strophe von Hölderlin

Wenn aus der Tiefe kommt der Frühling in das Leben,

Es wundert sich der Mensch, und neue Worte streben

Aus Geistigkeit, die Freude kehret wieder

Und festlich machen sich Gesang und Lieder.

 

Wie schön ist alles, was da grünt und blüht

An hohen Frühlings Tag, kaum dass sich´s müht.

Vergeblich wär´s, ich weiß, niemals erreich ich´s;

Dem Liebling, meiner Liebsten nur vergleich ich´s.

104. Und nochmals auf eine Strophe von Hölderlin

Wenn Menschen sich aus innerem Wert erkennen,

so können sie sich freudig Freunde nennen,

das Leben ist den Menschen so bekannter,

sie finden es im Geist interessanter.

 

Doch fehlt der Achtung Geist, das Anerkennen,

Dann wird vom Bruder sich der Bruder trennen,

und die der Vater stolz einst um sich einte,

erscheinen unerbittlich dann als Feinde.

105. Odi profanum vulgus

Wer nichts von meinem Liebchen weiß,

wie kann mir der gefallen,

kein Liedchen kennt zu ihrem Preis,

das leis die Lippen lallen?

 

Schert euch zum Henker! Wenn ihr wollt,

zum Teufel meinetwegen

oder in Gottes Himmelsstall,

winkt euch von dort ein Segen!

 

Doch kommt nicht in mein Haus hinein,

gar noch zum Musizieren!

Was selbstgerecht und fromm und rein

dräng sich durch Kirchentüren!

106. Der Frühling

Und wieder kommt er lächelnd wie vor Zeiten

mit all den Vöglein, die er fortgeführt,

dass nicht des Winters Frosthauch sie aufspürt,

Und Gärten sich mit frischem Grün bereiten.

 

Und Blüten überall und nichts als Freude

Und Übermut und Kinderstimmen Schallen

Und Glockenklang. Erinnerungen hallen.

Und Fröhlichkeit verscheucht des Kummers Meute.

107. Gepeitscht, gepeinigt, unheilüberschüttet

Gepeitscht, gepeinigt, unheilüberschüttet

lawinengleich, von Atemnot zerrüttet,

so kann der Mensch unmöglich sich erfassen,

und zu sich kommen neugestärkt gelassen.

 

Gut ist das Streben allezeit hinieden

nach unauslotbar tiefen Herzens Frieden,

ob Leiden auch beengt das kleine Leben,

das zur Erprobung uns, zur Aufgabe gegeben.

108. Maitag

Die Maiensonne, früh im Nebelwogen,

in Pfaden Lichts, das wieder sich verliert,

bis siegreich dann des Himmels blauer Bogen

des Frühlings grünes Saatgefilde ziert.

 

Doch dieses auch gehört zur Maienwonne,

wenn die Gewitter schwer und kühl verwehn,

ein Weilchen dann noch in der Abendsonne

im Garten draußen vor dem Haus zu stehn.

109. Der Mensch

Er suchte jedes Wort sich zu verbergen

und übte sich darin, nicht aufzumerken,

dass ihn kein Glanz, kein Donnerruf erschreckte,

und Ungeheuerliches sich ihm entdeckte.

 

Der Einzelne ist wie der Menschheit Ganzes,

ihr fehlt nicht viel, entbehrt sie auch des Glanzes.

Und was vergessen sie hat auszusagen,

es geht vorbei und keiner wird drum klagen.

110. Bleib bei mir, Liebchen

Ist nicht der Tag Mariä Geburt

und fliegen heute die Schwalben fort?

Bleib bei mir Liebchen, bei mir!

 

Milchweiß im Tau steckt noch das Gras;

weh allem, was die Zeit vergaß.

Bleib bei mir Liebchen, bei mir!

 

Und aus dem Tau wurde ein Meer,

das trug ein Kistchen zu mir her.

Bleib bei mir Liebchen, bei mir!

 

Ein Liedchen kam in jener Kist,

ach wenn das deine Mutter wüsst,

Bleib bei mir Liebchen, bei mir!

 

Ein Äpfelchen am Baum glänzt rot,

was Atem schöpft, ist noch nicht tot.

Bleib bei mir Liebchen, bei mir!

 

Ich wollt, ich könnt in den Himmel schrein:

Lass Liebchen mich nicht hier allein!

Bleib bei mir Liebchen, bei mir!

111. Ihr Rosen, nimmer müd

Ihr Rosen, nimmer müd, fast ohne Mühn

lasst uns ein Weilchen noch zusammen blühn,

bis auch die letzte Blüte noch am Strauch

ist aufgeblüht, verblüht, verwelkt sie auch.

112. Was ist es, das nach uns noch schaut

Was ist es, das nach uns noch schaut,

als wär das Haus noch immer nicht gebaut

und wir voll Säumen stehngeblieben?

 

Als wär der Plan, den wir uns einst gemacht,

noch immer nicht uns ausgedacht

und hätten unnütz uns die Zeit vertrieben.

 

Und ich, ich wär der Letzte hier auf Erden

und über mir ein Geist befehlend: "Schreib!"

und ich begänn und schrieb, wozu nur all das Werden,

wozu der wundgeplagte müde Leib.

 

Wozu das Hoffen, das uns einst erfüllte

in unerschüttlichem Kampf im Morgenrot?

Die Liebste, die mir alle Zweifel stillte,

ist ja lange schon, schon lange tot.

113. Mutter und Kind

Was dir das Leben bringt

in deinen Tagen,

was dir von Ferne winkt,

schwer ist´s zu sagen.

 

Was dir von Ferne winkt,

schwer ist´s zu sagen.

Geh hin, dass dir gelingt

es auszutragen!

 

Geh hin, dass dir gelingt,

du nicht musst klagen:

Das Leben, grab es aus,

dich einzutragen.

114. Psalm 139

(Manchmal, wenn Mütterchen mir zulächelt, staun ich, dass sie mich noch kennt, wo ich mich selber kaum mehr erkenne)

 

Und wenn ich einmal nicht mehr bin

Und Sorg und Mühsal aus dem Sinn,

ja selber mich erkenn nicht mehr

tief drunten im durchtosten Meer:

 

So wirst auch dort du mich entdecken,

ein Lächeln wird mich auferwecken

aus deiner Augen liebem Paar:

Zu dir herauf, ins Neue Jahr!

115. Psalm 43

(quare me repulisti et quare tristis incedo dum affligit me inimicus)

 

Was eilen wir so schnell dahin die Wege,

die zu durchwandern uns beschieden sind?

Vereist sind noch die winterlichen Stege

und weit entfernt des Frühlings linder Wind.

 

Zum Sterben hat´s noch Zeit. Komm lass dich küssen!

Von früher her fällt mir ein Liedchen ein.

Als wir das Fernsein noch ertragen müssen:

Ich bin bei dir. Du musst nicht traurig sein.

116. Geh nicht ins Haus des Todes voraus

Geh nicht ins Haus des Todes voraus

mein Schätzchen, du mein Schätzchen,

halt noch ein wenig, ein wenig noch aus,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen.

 

Dann gehn wir zusammen, dann gehn wir zu zwein,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen,

keine Krankheit wütet dann mehr durchs Gebein,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen.

 

Im Wirtshaus unten da kehren wir ein,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen,

zur verlorenen Lebenslust lädt man uns ein,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen.

 

Und sind wir des süßen Weines dann voll,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen,

dann fragen wir nicht mehr, was werden soll,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen.

 

Dann bekränz ich dein bleich gewordenes Haar

mit weißen Asphodelos-Blüten

und halte dich fest und wir ziehen, ein Paar,

durch alle Äonen in Frieden.

117. Psalm 126

Und schaute ich auch in die Weite

von Soghd hinaus vor Samarkand,

sie böte mir nicht größere Freude

mit all dem Paradiesesland,

 

als hier die Fläche vor den Bergen,

der Wiesen Grün, der Bäche Lauf,

jetzt wo der Winter überwunden

und tausend Blumen tun sich auf

 

und Liebchen wieder mir zur Seite,

Herzliebchen aus des Winters Nacht

entrissen, grimmen Todes Beute,

dass mir der Mund vor Freude lacht.

118. Ein Spätzchen schöpft frisch aus der Tränke

Ein Spätzchen schöpft frisch aus der Tränke,

ein Kätzchen schleicht herum ums Haus,

das Haus gleicht einer Frühlingsschenke,

wo Sang und Saiten dringen weit hinaus.

 

Doch Mäuschen willst auch mit uns singen,

nimm nur bedachtsam deinen Pfad,

Narzissen, schön spaliert, begönnen dein Gelingen,

dass deinem Übermut kein Unheil naht.

 

Von Morgens früh bis Abends spät wir loben

und auch des Nachts beisammen was mag sein,

der Kinder Lichtchen und die Lichter droben,

wir Sänger stark mit Schätzchen im Verein.

119. Ist weithin auch kein Schöpfer mehr zu sehen

(ut audiam vocem laudis, et enarrem universa mirabilia tua)

 

Ist weithin auch kein Schöpfer mehr zu sehen,

das All verlassen, das der Mensch umkreist

in selbst erschaffener Motoren Drehen,

er ruhlos sich im Rausch des Lärms erweist:

 

Ich hör dich noch, mühsam im Atemwehen,

du, die mir offenbart, was Liebe heißt,

und Glaube, drauf die Liebe fest kann stehen,

die Lebenssinn und Lebensglück verheißt.

 

Die Lieder, einst zu deinem Preis gesungen,

ich hör sie noch, umwandelnd still dein Bett,

und lausch, von ewigem Leben tief bezwungen,

als ob ein Gott uns schon umwandelt hätt.

120. Späte Erwartung

Ins Krankenbüchlein trag ich sorgsam ein

das Wetter und was sonst zu uns gefunden

und träum von einem Briefchen, das wie einst

uns finden ließ, noch in des Abends Stunden.

121. Wie kann man lieben

Wie kann man lieben,

wie verehren,

wenn man für sich

nur Lob begehrt,

wenn sich voll Sehnsucht

und Begehren

in eitlem Stolz

das Ich verzehrt!

 

Mein Liebchen weiß es,

sie ist offen

für hohes,

allerhöchstes Lob,

beständig felsenfest

im Hoffen,

stärker noch selber

als der Tod.

 

All ihr Erscheinen,

ihre Weise,

das Gute, dem

sie sich vertraut,

ist wie ein Stab

selbst auch durchs Dunkel,

eh noch das Land

im Erstlicht graut.

 

Die Augen wie

im Hohen Liede,

den Teichen gleich

bei Bat-Rabbim,

die Stirn wie aus

Hephaistos Schmiede,

ein Schild dem Herrn

der Elohim.

 

Die Nase wie

Damaskustürme

im Frühlingshauch

vom Libanon,

wenn nach den kalten

Winterstürmen

der Häher gluckst

und wartet schon.

 

Der Lippen Schwung,

des Munds Geflüster

ein Echo tönen-

der Gesang,

als Gottesmund

einst starken Frieden

im Feindland seinem

Volk erzwang.

 

Als heimwärts

Israels Verbannte

aus Babel zogen

durch die Nacht,

als Gottes Mund

unwiderruflich

sie alle auf

den Weg gebracht.

 

Da war der Mund

voll Rätsellachen,

die Augen tränen-

schwer gefüllt

nach einem Alptraum

beim Erwachen,

ein Kind an Mutters

Brust gestillt.

 

Ein Samen, ausge-

streut, verloren,

vergessen tief

im Erdengrund,

zu neuem Leben

auserkoren,

krank einst zum Tod

und nun gesund.

 

Wie kann man Leben,

Lieb erhoffen,

wenn man nur stets

sich selbst erhob!

Mein Liebchen weiß es,

sie ist offen

für hohes, aller-

höchstes Lob.