{ Liederbuch für Jutta II }

Literatur von Martin Ganter

Wenn Geistiges uns tief im Innern waltet,

wird auch das Leben aus dem Geist gestaltet.

Und ob auch Not uns aus dem Paradies vertriebe,

Notwendiges erschafft der Geist der Liebe.

Inhalt

1. Vorfrühling

2. Als er am Mittagstisch noch ein Gläschen Wein getrunken hatte und allein zu Tisch saß (2.3.09)

3. Kleine Bilanz

4. Bitte um Erbarmen mit den Heiden

5. Liebesliedchen

6. Schneeglöckchen

7. Frühlingssehnsucht im Alter

8. Für Anne Frank

9. Der Frühling

10. Die Alten

11. Der Vater

12. Die Mutter

13. Denken, bilden, geordnet schreiben!

14. Sonntag im Mai

15. Ein Liedchen

16. Testament

17. Liegt das verborgen in der Zeiten Schoß

18. Der Ruhm

19. Ödipus

20. Vor der Nacht

21. Zu späten Abends Stunden

22. Fahrt über dem Wasser (10.09.09)

23. Sonntagmorgen (8.10.09)

24. Zusammen mit einer Strophe von Hölderlin

25. Lieb ist die Mutter

26. In den Märchen

27. Wintereinbruch (16.12.09)

28. Als Kinder säumten wir mit Träumen

29. Wozu das Gehen und das Kommen?

30. Altorientalisches Weltgefühl

31. Die Tage treiben hin in stetem Müssen

32. Nur Ruhe!

33. Ein Blümlein auf dem Wintertisch

34. Welt mit deinem anspruchsvollen Wesen

35. Porträt des Alters

36. Selbstporträt

37. Bald schon deckt Gras das Stückchen Muttererde

38. Wo du bist, da will auch ich sein!

39. Auch ich hätt gerne gesungen

40. Für die Liebste

41. Friede sei den Frommen und Gerechten

42. Noch ist sie mein (7.3.2010)

43. Schwiegermütterchen

44. Herr, der du nimmst und der du gibst

45. Bhartrihari

46. Der Mensch

47. Dem Schöpfer aller guten Gaben

48. Wir müssen uns nicht fragen

49. Li Bo

50. Bo Djü-I

51. Ins Abendflüstern

52. Frühlingstage

53. Ein Vogelmännchen

54. Allein

55. Melancholie

56. Und endlich fern sein, fern aller Begierde

57. Mädchen, hol den Brautschmuck aus dem Kästchen

58. Könnten wir wandeln durchs Frühlingstal

59. An ein Kind

60. Die Azalee

61. Wer lässt uns nur durchs Leben träumen

62. Meleager

63. Und Abend wird und Morgen wird es wieder

64. Gepeitscht, gepeinigt, unheilüberschüttet

65. Zu einer Strophe von Du Fu

66. Ist ein böser Tag vorüber

67. An die Freunde

68. Ein Orakel

69. Ist ein böser Tag vorüber

70. Was mir auch einmal geschieht

71. Ihr, die des Himmels Feste voll Bestand

72. Der Weise

73. Toledo

74. Erkenne dich selbst

75. Lasst nur in Ruh den Winterschnee

76. Nochmals zu einer Strophe von Hölderlin

77. Und nochmals zu einer Strophe von Hölderlin

78. Odi profanum vulgus

79. Der Frühling

80. Maitag

81. Bleib bei mir, Liebste

82. Ihr Rosen, nimmer müd

83. Was ist es, das nach uns noch schaut

84. Psalm 139

85. Psalm 43

86. Geh nicht ins Haus des Todes voraus

87. Psalm 126

88. Ich hör dich noch, mühsam im Atemwehen

89. Späte Erwartung

1. Vorfrühling

Nach den dunkelkalten Tagen

und den Nächten, kaum zu sagen,

ist sie plötzlich wieder da,

Frühlingssonne, glänzend nah!

 

Jedem Blättchen aus der Ritze,

allerkleinster Blütenspitze

Eis und Schnee sind abgeschüttelt,

Lebenswille wachgerüttelt.

 

Ja, schon unter Dorfes Eichen

Musiker geben das Zeichen,

dass noch jedes Vöglein hör

siegreich ihn, den L'Empereur.

 

Und von hochgetürmten blauen

Himmelsfeldern wird er schauen

Jung und Alt, neu zu begeistern,

Tage, kommende, zu meistern.

2. Als er am Mittagstisch noch ein Gläschen Wein getrunken hatte und allein zu Tisch saß (2.3.09)

Machst du dein Schläfchen, mach ich meins,

Man könnte schon den Tisch abräumen,

Am Schluss ist alles doch nur eins,

Und alles wird sich uns schon reimen.

 

Hier sitz ich noch, ich altes Haus,

Ob mich ein Schlückchen noch begeistet,

Und krame meine Weisheit aus,

als hätt ich wunder was gemeistert.

 

Und sehe ich auch niemand hier,

der meinen Worten Antwort brächte,

dem Mütterchen still neben mir

erheitre sie des Tages Nächte!

3. Kleine Bilanz

Als still ich dasaß und hatte acht,

was Schicksals Macht aus uns gemacht,

und wie ich in die Welt geboren,

als wär ich nur zum Tod erkoren:

taucht auf am Horizont ein Schimmer,

dass nichts doch werden könnte schlimmer

als es schon war, als noch nichts war

vor ein paar Milliarden Jahr.

Da schlummert´ ich noch lieb und brav

im Stall des Nichts mit Kuh und Schaf.

Jetzt aber hatt´ mit meiner Lieben

ich manch vergnüglich Spiel getrieben,

das fortan ich belächeln konnte,

auch wenn kein Licht uns mehr besonnte.

Die Fülle selbst all unserer Leiden

barg sie nicht noch Erinnerungsfreuden?

O Lebenstag, der uns entdeckt

und uns zusammen aufgeweckt!

Das Leben, wie es immer war,

blieb für uns immer wunderbar.

4. Bitte um Erbarmen mit den Heiden

Freund Dante,

der die Heiden in die Hölle verbannte,

war nicht gut beraten, so zu verfahren.

Was auch haben die Christenscharen

einem Terenz, einem Plautus voraus?

Denk ich den lieben Gott mir zu Haus,

wo sein Liebe-Gott-Sein er geruhsam will leben,

und find ihn von vielen Leuten umgeben,

die nichts als "Großer Gott" können singen,

das würd mich doch schnell aus dem Häuschen bringen.

Zumal wenn das Herz einem traurig und schwer,

da müsst ein Terenz oder Plautus her,

das düstre Gemüt mir mit witzreichen Stücken

leicht zu umgarnen und zu umstricken.

Mit "Großer Gott" sollt keiner mir spotten,

dem durchpustet´ ich schnell seine Sünderklamotten,

verwandelt´ ihn gnadenlos in einen Frosch

mit einer scheuertorgroßen Gosch.

Drauf müsst er, verbannt aus dem himmlischen Reich,

zwölf Jahre quaken im Armsünderteich.

5. Liebesliedchen

Ich kann manierlich lächeln,

ersinnen Liedlein schön,

wenn Mädchen zierlich fächeln

im Tanz sich um uns drehn.

 

Ich kann manierlich lächeln

anstimmen schöne Lieder,

wenn Mädchen zierlich fächeln,

sich bei uns lassen nieder.

 

Ich kann manierlich lächeln

singen mit meinem Lieb,

wenn Mädchen zierlich fächelnd

lang schon der Wind vertrieb.

6. Schneeglöckchen

Mit ihren weißen Glöckchen auf der Wiese,

von Stengelblättchen wenig nur bedacht,

bimmeln sie unbeirrt zum Paradiese,

ob auch noch Kälte kommen mag zur Nacht.

 

Als schmeckten sie bereits des Himmels Wonne,

ob auch voll Eis noch stecken Bach und Seee,

künden sie von der Macht der Frühlingssonne

unbeirrt, selbst aus frischgefallenem Schnee.

7. Frühlingssehnsucht im Alter

Jugendschwermut weilt in Herbstes Nächten,

Alter aber sinnt in Winters Nacht,

wann die Tage endlich wiederbrächten

Frühlings Herrlichkeit und bunte Pracht.

 

Sieht der Krähen tapferes Paar voll Freude,

das jetzt frierend noch den Schnee durchirrt,

wie es über frühlingsgrüner Heide

bald schon wieder seinem Horst zuschwirrt;

 

und die Vöglein, die der Süd will bringen,

und die Blümlein aus der Erde tief

und hebt an, den Frühling zu besingen,

der so lang die Winterzeit durchschlief.

8. Für Anne Frank

Ich glätte ihr das Haar, streich ihr die lieben Wangen,

und such das Auge, ob auch mich es sucht,

und denk der Jahre, die nun schon vergegangen

und an der Zeiten unentwegte Flucht.

 

Und sehe Fahnen wehn, geschwellt von Trauer,

und hör ein Schweigen, das uns näher schleicht,

und spür den Druck anwachsen mit der Dauer

des Schweigens, bis der Terror uns erreicht.

 

Bis es geläutet draußen vor der Tür,

und Tod und Henkersknechte stünden dort,

und, ohne Zeit zum Abschiednehmen, wir,

müssten für immer dann, für immer, fort.

9. Der Frühling

Bergauf steigt der Frühling mit seinem Grün,

derweil im Tal die Kirschbäume blühn

schneeweiß voller Blüten, zum Überschäumen,

als wollten sie ewig so hin vor sich träumen.

 

Wenn dann des Schwarzwalds Höhn er erreicht,

und der letzte Schnee auf den Hängen ihm weicht,

siehst du mit Fähnchen schon ziehn in den Garten

die Kinder, die schon den Sommer erwarten.

10. Die Alten

Der Weg führt lang schon nicht mehr aus dem Haus,

nur noch durchs Fenster dringt der Blick nach draußen,

was jung und lebenslustig war, zog aus,

woanders nun den Alten fern zu hausen.

 

Die Schwalben nur, zurück von ihren Reisen,

umkreisen altvertrauter Dächer Pracht.

Die Alten sinnen nach, was einst die Weisen

von ihren Welterkundigungen heimgebracht.

11. Der Vater

Ich rief ihm zu und sagte: Geh nicht weiter,

eh wir zusammen noch das Glas geleert.

Er aber schwang sich auf, wie einst die Streiter

zum Aufbruch schwer gerüstet auf sein Pferd.

 

Ich rief ihm zu, beschwor ihn, noch die Weile

zu warten, bis die Wang ich ihm gedrückt

zum Abschied, doch er war in großer Eile,

eh ich gebeten, war er schon entrückt.

 

Ich rief ihm nach, mir mindestens zu sagen,

wo ich ihn finden möchte, ich, sein Sohn,

doch nur von Ferne hört ich noch ein Klagen,

ich stand allein, und er war längst davon.

12. Die Mutter

Den Todestag darf keiner mir erwähnen,

wenn er im Jahreskreislauf wiederkehrt,

ich mag kein Lichtlein zünden, keine Tränen,

dass Jammer nicht erneut das Herz beschwert.

 

Als Kind war mir, wann immer ich bedachte,

dass Mutter einmal nimmer bei mir wär,

dass sich ein Wetter über mir entfachte,

das mir des Herzens Schifflein machte schwer.

 

Sie lächelte, hieß es, eh sie gegangen,

als säh sie schon des Himmelreiches Tor

und hörte schon von fern wie zum Empfangen

den Ave-Gruß der Engelscharen Chor.

13. Denken, bilden, geordnet schreiben!

Denken, erfassen, geordnet schreiben!

Also wollt ich es immer treiben.

Manchmal indessen, im Übermut,

gings überraschend auch anders gut:

Da steckte die Nase zur Türe herein

noch vor dem Gedanken mir Reim um Reim.

Und prüft ich die Sache, ließ alles ich stehn.

Im Glück reimt sich alles, fast alles, sehr schön.

14. Sonntag im Mai

Mit ihren sonnengoldenen Blütenspitzen

hoch über Schaft und Blätterkrone blitzen

taufrisch die Iris, eben aufgegangen,

das erste Licht des Morgens einzufangen.

 

Und nahe bei, den Morgen mit zu loben,

ist auch ein junger Rotschwanz ausgeflogen.

Da ist nun überaus geschäftig Treiben,

dass ich nicht länger mehr im Haus kann bleiben.

 

Hinaus nun drängt es mich, schnell in den Garten,

wo mich das Fest des Lebens mag erwarten.

Ein Mägdlein tränkt die Sprösslinge der Kresse

still nebenan, als wärs die Wurzel Jesse.

 

Wie hat an frischer Jugend Blühen heut

das hochbetagte Alter seine Freud.

Muss es sich nun aufs Schauen auch beschränken,

kann es des Guten viel dazu doch denken.

15. Ein Liedchen

Sag mir, was der Frühling bringt,

wenn die Vöglein wieder singen,

Häslein nach der Häsin springt,

überm Feld die Glöckchen klingen.

 

Einst als ich zum Haus hinaus

schritt in morgenfrohe Stunden,

hab auch ich gleich vor dem Haus

mein Feins-Liebchen aufgefunden.

16. Testament

Und merkst du, dass die Tage dir gezählt:

Lass jeden Tag nur auf dich zu noch kommen

und zähl nicht mit, weil alles Zählen quält,

denk lieber, dass gezählt du zu den Frommen.

 

Und hast du endlich still für dich durchmessen,

was alles du erlernt im frühen Jahr,

und was du später wieder dann vergessen,

was nur Ballast und Hindernis dir war.

 

Dann denk des Bilds, das uns der alte Seher

von Patmos Fluren aus einst noch gesandt:

Er sah uns allesamt als Todesgeher,

Christus, dem Himmelsstürmer zugewandt.

 

Dann ist die Stunde da, hinwegzugehen,

der Welt entrückt, im Geiste arm geworden.

Sorg dich nur nicht, was weiter mag geschehen,

es ist gesorgt schon bei des Himmels Pforten.

17. Liegt das verborgen in der Zeiten Schoß

Liegt das verborgen in der Zeiten Schoß,

dass, was einst groß war, wird bedeutungslos?

Und dass man Kleines auslöscht und vergisst,

eh es erwächst und seine Kraft ermisst?

 

Zum Brunnen bin als Kind ich oft gegangen,

Wasser zu holen mit der Sonne Licht,

heut, ehe noch der Tag hat angefangen,

geh ich als Krug, gewärtig, dass er bricht.

18. Der Ruhm

Unerschöpflich, unbegreiflich,

unaufhörlich leicht und schwer,

wie in längst vergangenen Zeiten

Musen raunten dem Homer,

 

tönt es hin und tönt es wieder,

tönt es hin und tönt es her:

Helden waren nie zufrieden,

seit der Ruhm rauscht übers Meer.

19. Ödipus

Als weise Männer zogen sie durch ihre Zeit

und scheiterten doch in der Stunde der Gefahr;

dann irrten sie dahin im Pilgerkleid

und blieben arm bis in ihr letztes Jahr.

 

Das Leben, was es sei, wir wissen´s nicht,

nur dass wir kamen und bald wieder gehen,

und wenn nichts Gutes uns erschaut und zu uns spricht,

nichts Gutes kann einwurzeln und entstehen.

20. Vor der Nacht

Wie die Krankheit mich doch prügelt,

stets von neuem, ungezügelt,

ohne Scheu und ohne Scham,

um mich nur der Liebe Gram,

 

ja der Liebsten Leid bedrückt

und ich merk, ich werd verrückt,

möcht die Toten fast beneiden,

weil sie nicht wie wir mehr leiden.

 

Endlich aber um Geduld

winsle ich, bedrückt von Schuld,

als hätt ich mir ausgedacht

dieses Leiden vor der Nacht.

21. Zu späten Abends Stunden

Zu späten Abends Stunden

beim Gang durch tiefen Schnee

denk ich an meine Lieben,

ob ich sie wiederseh.

 

Wenn dann das Auge gleitet

durchs Dunkel haltlos still,

ist mir, als ob sie lauschten,

ob ich nun kommen will.

22. Fahrt über dem Wasser (10.09.09)

("Was wohl, Liebste, Pandions Kind, will?" Sappho)

 

Welch eine Fahrt hab ich gemacht

mit dir heut Nacht im Traume!

Du Liebchen saßest neben mir

in eines Schiffes Raume.

 

Vom Himmel leuchtete kein Stern,

das Licht verbargen Wolken,

nah überm Wasser Schwalben nur

sah ich uns eifrig folgen.

 

Sie tauchten immer wieder auf,

umkreisten uns und flogen,

die Bordwand streifend, rasch vorbei,

eh dass sie weiterzogen.

 

Mir war, als zögen sie das Schiff

mit sich, mit starken Schwingen,

es vor dem klirrend kalten Grund

in Sicherheit zu bringen.

 

Nur einmal noch hielt über Bord

ich Ausschau nach den Tiefen,

ob alles auch in Ordnung wär,

wenn beide wir nun schliefen.

23. Sonntagmorgen (8.10.09)

Die Glocken läuten aus der Fern,

auch ich ging noch zur Messe gern

mit meiner Liebsten an der Hand,

wie einst, als uns die Liebe fand.

 

Wars damals auch mal nass und finster,

wir schritten dennoch froh zum Münster

unter dem schönsten Licht dahin,

das durch der Liebsten Schirm uns schien.

 

Herzliebchen wart, sag noch nichts, du!

Schließ deine lieben Äuglein zu

und lass mich dir weiter erzählen,

als würden wir uns neu vermählen.

 

Ein weißes Mützchen dich umfing,

als es zur Kirch, zur Brautmess ging.

Den Brautschnatz drunter hübsch und fein

besorgte dir dein Mütterlein.

 

Und drückte dich an sich: "Mein Kind,

das Glück", sprach sie, "bleib dir gesinnt,

nimm, den du dir gesucht zum Mann,

für immer nun in Treuen an!"

 

Dann wischt sie dir ein Tränlein aus

und führt' als Braut dich aus dem Haus.

Und alle wünschten Gutes dir,

selbst Väterchen noch an der Tür.

 

Wie glänzend hell war doch dein Haar,

das war vor einundvierzig Jahr,

da konntest du umher noch gehen,

noch auf den eigenen Füßen stehen.

 

Ja, unbeschwert und froh beschwingt

ist alles Leben, das beginnt

gesegnet in der Gegenwart,

dem bleiern Unheil bleibt erspart.

24. Zusammen mit einer Strophe von Hölderlin

Wenn sich der Tag des Jahrs hinabgeneiget

Und rings das Feld mit den Gebirgen schweiget,

So glänzt das Blau des Himmels an den Tagen,

Die wie Gestirn in heitrer Höhe ragen:

 

Und schön Geschriebenes, wieder gelesen,

Erzählt uns dann von dem, was einst gewesen,

Als uns der Jugend Tage noch erfreuten,

Die uns wie Perlen aneinander reihten.

25. Lieb ist die Mutter

Lieb ist die Mutter, die den Hunger stillt.

Lieb auch das Kind, das Mutters Wunsch erfüllt,

lieb ist die Frau, die ihren Mann umhegt,

der Mann auch, der die Frau verehrt und pflegt,

 

Gut ist das Leben in der Erntezeit,

wenn Freude glänzt auf den Gesichtern weit,

die Scheuern stehen voll bis unters Dach,

von nirgends her dräut Not und Ungemach.

 

Schön ist sodann beim letzten Abendschein

ein Weilchen still beisammen noch zu sein,

wenn sich die Hände liebend fest umfassen,

dem Kommenden sich nun zu überlassen.

26. In den Märchen

In den Märchen lebt noch der liebe Gott,

in Schluchten voll Bären und wilden Drachen.

Er rettet die Seinen, was ihnen auch droht,

aus Not und Elend und Todes Rachen.

 

Durch die tiefsten Wälder, wenn des Dunkels Gewalt

vom Himmel nirgends ein Licht mehr duldet,

führt er versteckt in des andern Gestalt

die Seinen, die nie ein Böses verschuldet.

 

Gut ist´s, zu zweien den Weg zu suchen

nach Haus, wenn die Vögel die Brösel gepickt

und aufgegessen den Rest vom Kuchen,

und die Bäume lächeln irrsinnig verrückt.

27. Wintereinbruch (16.12.09)

Die ersten dicken Flocken abwärts treiben,

bis abends dichter Schnee die Erde hüllt.

Wer ist, der uns ein Mittel kann verschreiben,

das Ängste bannt und banges Härmen stillt?

 

Durchs Schneegestöber ein paar Hunde eilen

sich Mut zubellend vor dem Tor der Nacht.

Was uns beruhigt, uns den Sinn mag heilen,

wer hat es gründlich je vorausbedacht?

 

Dass heiter wir durchs Leben uns bewegen

und ruhig wunschlos uns zur Ruhe legen.

28. Als Kinder säumten wir mit Träumen

Als Kinder säumten wir mit Träumen

des Lebens steile, unbekannte Bahn;

doch kaum, dass wir ein Stündlein nur versäumen,

schleicht unerwünscht das Alter schon heran.

 

Dann ahnen wir, wir sind nur noch ein Weilchen,

kaum wissend, wer wir waren, wer wir sind,

jetzt noch ein Glomerat von Teilchen

und bald schon Spreu für jeden Wind.

29. Wozu das Gehen und das Kommen?

Wozu das Gehen und das Kommen?

Wozu alle die Wiederkehr?

Wozu mag all das Leben frommen,

das einst sich drängte maßlos aus dem Meer?

 

Wozu das alles? Zum Begreifen

den Tag, der fern schon zu ersehn,

wo alles Werden, Wachsen, Reifen,

als wärs ein Fehlversuch, zu Grund muss gehn?

 

Was ist es, was uns lockt und letzt?

Noch raunt die Sphinx ihr Hier und Jetzt.

30. Altorientalisches Weltgefühl

Der Gott, der Erd und Himmel schuf,

in rastlos schaffendem Beruf,

der machtvoll durch das All gedrungen,

das Widerstrebendste bezwungen,

selbst noch den grimmen Leviathan

auf wild zerstörerischer Bahn,

dem, als der Schöpfung Wort er sang,

der Schöpfung Wunderwerk gelang:

Dem Menschen auch hat er´s gesungen,

ihn mit des Wortes Kraft durchdrungen

und angesiedelt auf der Erde,

dass er durch ihn verherrlicht werde.

Du musst nicht grübeln, wer du bist,

weil alles wohlgeordnet ist.

31. Die Tage treiben hin in stetem Müssen

Die Tage treiben hin in stetem Müssen,

gleichgültig wie der Sand durchs Uhrenglas,

ob wir sie los sein wollen, sie vermissen

nichts geht ´s sie an, nichts interessiert sie das.

32. Nur Ruhe!

Nur Ruhe! Lass das Suchen

und Fragen, das nichts bringt!

Kein Mensch ist, der verwegen

hinauf zum Himmel springt.

 

Nur wie die lieben Kleinen

mach Sprünge vor dem Haus

und lach mit, wenn die Vöglein

dich weidlich lachen aus.

33. Ein Blümlein auf dem Wintertisch

Ein Blümlein auf dem Wintertisch,

wer sieht´s, wenn viele beieinander sitzen?

Doch bist allein du, kannst du seinen Atem

umwehen sehen Blatt- und Blütenspitzen.

34. Welt mit deinem anspruchsvollen Wesen

Welt mit deinem anspruchsvollen Wesen,

von den Großen sklavisch feil geliebt,

schmückst mit Ehren, die du dir erlesen,

laut auspreisend, wer sich dir ergibt.

 

Soll ich etwa deshalb dich drum schelten,

weil du meisterlich mich übersehn?

Lass mich namenlos nur weiter gelten,

will in mir schon weiter fort bestehn.

35. Porträt des Alters

Wie Kinder in den ersten frühen Bildern

mit Zeichen, die sie eben erst erfunden,

den Mensch in seinen Handlungen schildern,

mit Kopf und Fuß und Augen unverbunden,

 

und allenfalls noch eine Hand daneben,

dass sie, was auf sie zukommt, mag erfassen:

seh ich vor mir den Tag, das tätige Leben,

das dem Verein der Sinne überlassen.

 

Von früher hallen zwar noch die Befehle,

doch keiner mehr steht da auf seinem Posten,

entflohen ist der General, des Ganzen Seele,

und jeder flieht, was immer es mag kosten.

 

Wer bin ich? Wer? Ein Heer, das im Entgleiten,

haltlos zerstiebt in unbekannte Weiten.

36. Selbstporträt

Was hab ich noch mit mir zu schaffen,

muss mich nicht dauernd selbst begaffen,

mich prüfend fragen, wer ich bin.

 

Brauch keinen Spiegel, mir zu lügen.

Wer mich begrüßt, s´ist sein Vergnügen,

sieht er mich ziehn des Wegs dahin.

 

Gern mied ich, was ich nicht kann brauchen;

würd´ nur des Hauses Schornstein rauchen

wegtragend Krankheit und Beschwer.

 

Doch nur Geduld, ihr Hungerraben,

auch ihr sollt euer Teil bald haben:

ist Liebchen nicht mehr, bin auch ich nicht mehr.

37. Bald schon deckt Gras das Stückchen Muttererde

Bald schon deckt Gras die Muttererde,

dann ruht die Menschheit wieder aus

von all der Arbeit, Mühsal und Beschwerde,

und still wird´s wieder dann im Erdenhaus.

 

Was hat das Leben uns gebracht, was brachten

wir an den Tag, als uns das Wort erfand?

Was war´s, das wir uns hofften, uns erdachten,

das wir erkannten, was uns anerkannt?

 

Was wir im Stillen heimlich weiterreichten,

in Höhlenfeiern schon zu alter Zeit,

unter dem Wolkenzug, dem wechselleichten?

War´s nicht das Wort von der Unsterblichkeit?

38. Wo du bist, da will auch ich sein!

Wo du bist, da will auch ich sein!

Wo ich bin, da sei auch du!

Dringt ins Aug auch nimmer Licht ein,

lass uns schlummern, Liebchen, fest in Ruh.

Müssen, wo wir sind, dann nicht mehr wissen.

Müssten nur, wo du mir fehlst, uns missen.

39. Auch ich hätt gerne gesungen

Auch ich hätt gerne gesungen

mit Orpheus Liedermund schön,

doch war, was meist mir erklungen,

mit Zweifeln bitter versehn.

 

Nur wenn ich von Liebchen durchdrungen

ich aus der Welt mich verlor,

drängte sich wie von Zungen

manch süßes Liedchen hervor.

40. Für die Liebste

Wie unbekümmert und zufrieden

singst du dein Liedlein in den Wind

an jedem Tag, der dir beschieden,

stets bleibst du Gottes liebes Kind.

 

Mit all den Vöglein in der Runde

singst du dein Liedlein in den Wind

ob bös dich drängt auch manche Stunde,

stets bleibst du Gottes liebes Kind.

 

Ja, ausgeliefert Angst und Sorgen

singst du dein Liedlein in den Wind

und bleibst am Abend, bleibst am Morgen

stets Gottes einzig liebes Kind.

41. Friede sei den Frommen und Gerechten

Friede sei den Frommen und Gerechten,

die verschont von tödlichen Gefechten

schon im Leben schönen Lohn gewonnen

voller Lust und Paradieses Wonnen.

 

Andre aber müssen warten

mit dem Gottessohn im Ölberg-Garten,

müssen treten dann durchs Tor der Toten

allerletzte Leiden auszuloten.

42. Noch ist sie mein (7.3.2010)

Noch ist sie mein, wenn auch für wenig Stunden

sie nur am Tage noch die Lider hebt,

und wird sie nimmer mir auch mehr gesunden,

sag unentwegt ich doch: die Liebste lebt!

 

Jedweden Widerspruch will ich ersticken,

und flüstere Mut mir zu, brüllt auch das Blut,

und sehne mich nach Linderung und Erquicken,

bis tief im Schlummer neben mir sie ruht.

43. Schwiegermütterchen

Des Tags zum Fenster schaute sie hinaus

und sah die Tiere auf der Wiese weiden,

und zählte sie, ließ auch nicht eines aus,

missachtend ihre unzählbaren Leiden.

 

Nur abends bei des Herbstwinds letztem Wehen

saß sie beim Fenster, ob sie was vernähme

von ihrem Mann, sie war bereit zu gehen,

wenn er zu holen sie vorbei jetzt käme.

44. Herr, der du nimmst und der du gibst

Herr, der du nimmst und der du gibst

und der du das Zerschundene liebst,

vergiss nur auch beim Nehmen nicht

die Gabe für das Gleichgewicht.

45. Bhartrihari

Müssen denn die Toren loben,

was sie niemals doch verstehn?

Hat die Muse dich erhoben,

Lob von Hunden zu erflehn?

46. Der Mensch

Wenn er in Massen kommt, ist er nicht wert,

dass man ein Beispiel nimmt, im Geist ihn ehrt.

Doch wenn auf Folterbänken der Geduld

hinsterbend er bezahlt des Lebens Schuld,

kehrt er, wenn auch vereinsamt und allein,

als Fackelträger in den Himmel ein.

47. Dem Schöpfer aller guten Gaben

Dem Schöpfer aller guten Gaben

müsst ihr mein Schiefohr wohl verzeihn,

doch wollt ihr einen großen Bruder haben,

müsst selber ihr der große Bruder sein.

48. Wir müssen uns nicht fragen

Wir müssen uns nicht fragen, was wir machen,

ich und mein Weibchen, wenn der Tag anbricht.

Liegt sie auch todkrank, kann sie doch noch lachen,

als wollt sie sagen: "Du, betrüb dich nicht!"

 

Und ich, ermuntert so an ihrer Seite,

nicht minder stolz als einst, als ich sie sah,

um ihre Hand anhielt und um sie freite,

spüre das Glück der Liebe nochmals nah.

49. Li Bo

Da stehst du noch von Nachtgewölk umdüstert,

tief im Gebirg, unscheinbar von Gestalt,

kein Vöglein, das dir einen Gruß zuflüstert,

kein Echo, das Aufmunterung zuschallt.

 

Doch immer fester wird ein Drängen, Schieben,

ein Heller-werden hoch am Firmament,

als ob Gewalten unaufhaltsam trieben

die Sonne in ihr uralt Element.

 

Ein Weilchen noch, dann sind sie damit fertig,

siehst du hinauf dann, siehst du wieder nahn

die alten Götter heiter gegenwärtig

hoch von den schneebedeckten Gipfeln von Tschang-an.

50. Bo Djü-I

Ein feines leises Lächeln im Gesicht,

woraus Verstehen viel und Güte spricht.

Und in des Lächelns Schatten die Erfahrung,

dass Gutes braucht Bewährung und Bewahrung.

Dem Zeitlauf dann darfst du dich überlassen,

du musst nicht alles haargenau erfassen.

51. Ins Abendflüstern

Das Beste, was uns Freundschaft bieten kann,

ist der Begegnung Augenblick von Mann zu Mann

wie einst bei Li Tai-pe und Meng Hau-jan,

und wie Guan und Bau viel früher schon getan.

 

Man schüttelt sich die Hand, schaut rasch sich ins Gesicht;

und weiter geht der Weg, man fragt drum nicht,

bis Abendschatten sanft das Aug umhüllen.

Wer auch vermag die Tage ganz zu füllen?

52. Frühlingstage

Frühlingstage, o wie lange harrten

wir nicht aus in kalter Winterzeit,

bis sich endlich wiederum im Garten

regte Lebens Lust und Heiterkeit!

 

Hör ich nicht von fern schon Kinderstimmen,

lacht nicht schon ein heiterer Mädchenchor?

Träumend sitze ich am offenen Fenster,

alles kommt so fremd-vertraut mir vor.

 

Als würd alles wieder ich so sehen,

wie ich´s einst von Mutters Schoß aus sah,

als im ersten Schöpfungsauferstehen

mir vertraut und fremd die Welt kam nah.

53. Ein Vogelmännchen

Ein Vogelmännchen hoch vom Baum

schmetterte seine Weise,

ein Weibchen hatt´ gehört es kaum,

flog schnell herbei ganz leise.

 

Und schaute sich den Sänger an

und fand ihn imponierend,

da wurden rasch sie Frau und Mann,

zur Liebe sich verführend.

 

Und als das Werk ward abgetan,

das Jahr ging schon zu Ende,

träumten sie sich nach Afrika

in wärmeres Gelände.

54. Allein

Wenn nachts die Eulen schrein,

im Wald die Vöglein klagen

und über Klippgestein

die Quellen Wasser tragen:

 

Steh du nicht da allein!

Wer soll ein Wort dir sagen?

Es kann nicht anders sein,

du musst dir´s selbst erjagen.

55. Melancholie

Hab nicht auch ich mit Mutter viel gesungen,

den Weg zum Himmel suchend noch als Kind?

Nun aber, da kaum mehr geblieben sind

als widersprechende Erinnerungen:

 

Was hab ich noch? Was wär noch gut zu haben,

auf dass kein Zweifel mehr mich drängt und drückt?

Manchmal läg ich am liebsten schon begraben,

um zu vergessen, was mich einst beglückt.

56. Und endlich fern sein, fern aller Begierde

Und endlich fern sein, fern aller Begierde,

mit Rosen überschüttet das Gesicht,

weil nichts mehr reizend in die Irre führte!

Ja, wer das könnte, ich, ich kann es nicht.

 

Wenn Herz und Schläfen widerhämmern

und strudelnd quirlt uralten Lebens Blut,

lausch ich dem Lockruf der Sirenenweibchen,

und mich reißt fort des Urstroms dunkle Flut.

57. Mädchen, hol den Brautschmuck aus dem Kästchen

Mädchen, hol den Brautschmuck aus dem Kästchen

und den Schleier und das weiße Kleid;

draußen vor der Türe auf dem Bänkchen

warten schon die Gäste, es wird Zeit.

 

Glocken läuten von des Frühlings Türmen,

Lilien in der Hand der Kinder Schar,

westwärts aus den Pappelnwipfeln stürmen

Krähen krächzend fort vom letzten Jahr.

 

Komm nur! Keinen Kummer mehr wirds geben,

keines Zweifels herben Augenblick!

Hoch erhoben stehen Tor und Türen

zu der Hochzeit langersehntem Glück.

58. Könnten wir wandeln durchs Frühlingstal

Könnten wir wandeln durchs Frühlingstal

und uns erfreun an der Blüten Zahl,

die schönsten Kleidchen zög ich dir an,

und ging neben dir als ein stolzer Mann.

 

Nun aber ist´s mit dem Wandeln aus,

im Krankenbett nur noch sind wir zu Haus,

nur die Frühlingsluft in die Kammer sich drängt,

die die Brust bald weitet, bald wieder beengt.

59. An ein Kind

Unmündig Kind musst du nicht immer sein.

Dass einmal Mann und Kinder wären dein,

scheint´s auch ein Märchen dir, schön ausgedichtet,

wart ab, bald hat das Leben dich verpflichtet.

 

Dann lebst du auf, als wär´s für ewige Zeit,

ein Tag bringt Kummer, einer Seligkeit,

bis eines Tags das Alter dich gefunden

und hinter dir schaust du des Lebens Stunden.

60. Die Azalee

Die Leute bleiben stehn und staunen,

und preisen all der Blüten Pracht,

mit der die Azalee heut früh am Morgen

sich aufgetan, jetzt nach der Maiennacht.

 

Sie wissen nicht, dass wir als kleines Pflänzchen

sie pflanzten ein, eh Mutter nicht mehr war;

sie sah es noch von ihrem Sterbebette,

und das sind nun schon über 20 Jahr.

61. Wer lässt uns nur durchs Leben träumen

Wer lässt uns nur durchs Leben träumen,

um uns dann aus dem Feld zu räumen

wie umgeworfene Figuren,

wenn abgelaufen unsere Uhren.

 

Vergebens sind so trübe Fragen;

der Mund verstummt, weiß nichts zu sagen.

Komm, Liebchen! Reich den Mund zum Küssen,

dass keine Antwort wir vermissen!

62. Meleager

Die Stunden ziehn vorbei, bald sind´s die letzten,

die uns mit frischem Lebenshauch ergetzten.

Das letzte Scheit im Herd glimmt aus, verraucht.

Ich sinne nach, was man zum Leben braucht.

 

Wozu war uns der Augenblick gegeben,

als uns die Sprache, der Gesang entstand?

Wir waren fröhlich, glaubten an das Leben

und an das große Glück voller Bestand.

 

Nun aber, da das Ende naht des Lebens,

wird schwer das Wort, verkümmert und erschlafft,

und was wir dachten, nährt nicht mehr, vergebens

verklingt manch Lied, ob es uns Rettung schafft.

63. Und Abend wird und Morgen wird es wieder

Und Abend wird und Morgen wird es wieder,

und wie gewohnt nehm ich den Stift und schreib,

was in der Seele laut geworden nieder,

und neben mir, schwer atmend, liegt mein Weib.

 

Und um uns her ahn ich den Kreis der Lieben -

wie sehn ich mich nach einer neuen Zeit!

Ich seh mich um und frag, wo sie geblieben,

und seh um mich nur eine Welt voll Leid.

64. Gepeitscht, gepeinigt, unheilüberschüttet

Gepeitscht, gepeinigt, unheilüberschüttet

lawinengleich, von Atemnot zerrüttet,

so kann ein Mensch unmöglich sich erfassen,

und zu sich kommen, heiter und gelassen.

 

Und doch hast du zu klagen stets gemieden,

hast dir erkämpft des Herzens stillen Frieden,

von Leiden eingeschnürt dein Leben,

die, Liebste, dir stets neu hinzugegeben.

65. Zu einer Strophe von Du Fu

Der Strom umarmt die Stadt. In engem Bogen

fließt in Verwunschenheit das alte Jahr.

Wie kam die Schwalbe unters Dach geflogen?

Und was bewegt zum Flug der Möwen Schar?

 

Die Freunde spielen weiter ohne Wanken,

vom Neuen wie verzaubert und verzückt.

Ich seh mich um nach haltbaren Gedanken,

im Geist bestrebt, ob mir Vergessen glückt.

66. Ist ein böser Tag vorüber

Ist ein böser Tag vorüber

und verstummt Gesang und Lied,

O, vergiss es doch, mein Lieber,

dass der Freunde Schar entflieht!

 

Sei willkommen dir der Segen,

den der späte Abend beut!

Geh, zum Weibchen dich zu legen,

das von dir sich niemals zweit!

 

Bring die sieben Zauberdecken,

die so oft euch schon bedeckt,

euch darunter zu verstecken,

bis ein neuer Tag euch weckt!

67. An die Freunde

Zwei Jahre, Freunde, sind es, nicht viel mehr,

da kam das letzte Mal ich zu euch her;

seitdem nun spielt ihr munter mit dem Neuen,

mögt ihr mit ihm des Lebens euch erfreuen!

 

Die Jahre, die fortan mir noch verfließen,

ins Meer der Stille lautlos sich ergießen.

Manchmal nur tönt ein Kuckuck aus der Ferne.

Es war einmal. Ich hatt´ euch alle gerne.

68. Ein Orakel

Komm schon mit, komm schon mit,

orakelt der Laden auf Schritt und Tritt,

derweil ich die Kurbel bediene, den Tag lasse ein

und nachsinn, was mit dem Spruch gemeint mag sein.

 

Verfehlten Hoffnungen sinn nur nicht nach, dass dir gelingt

der Tag, der Festigkeit und Ruhe bringt!

Das Gute nur such auf, lass dich nur nie im Stich,

dann bist zuhaus du, wo du bist, ganz sicherlich!

69. Ist ein böser Tag vorüber

Ist ein böser Tag vorüber,

und verstummt ein jedes Lied,

o vergiss es doch, mein Lieber,

wenn der Freunde Schar entflieht.

 

Sei willkommen dir der Segen,

den der späte Abend beut,

komm, zum Weibchen dich zu legen,

wo von dir dich nichts mehr zweit.

 

Bring die sieben Zauberdecken,

die so oft schon uns bedeckt,

uns darunter zu verstecken,

bis ein neuer Tag uns weckt.

70. Was mir auch einmal geschieht

Was mir auch einmal geschieht,

nichts soll mir dräuen,

singt ihr mein Leichenlied,

muss es nicht scheuen.

 

Bin dann von allem befreit,

lasst euch nicht stören,

ist es nur einmal so weit,

fast möchte ich´s schwören.

71. Ihr, die des Himmels Feste voll Bestand

Ihr, die des Himmels Feste voll Bestand

und Götter saht, die schauten auf euch hin,

jetzt gilt nur noch der Masse Maß und Tand

und Raum und Änderung im Zeitentfliehn.

 

Das Hohe, Reine, das euch einst entzückt,

glänzt nicht mehr in des Himmels hellem Schein,

das Unvergängliche, dem Auge ist´s entrückt

und ausgeraubt der Tempel goldener Schrein.

72. Der Weise

Der Weise wüsste mit Behagen

viel schöne Dinge auszusagen,

würden ihm nur nicht Freunde fehlen,

sie ihnen mit Behagen zu erzählen.

73. Toledo

Da standen sie und warteten gespannt,

bis dass er käme, der da angekündigt,

dem Weltenherrn, dem Richter zugewandt,

weil sie den Tag verschlafen und gesündigt.

 

Den Kopf erhoben zu des Himmels Licht,

die Augen angsterfüllt, verrückt, verdreht,

als bliesen schon Trompeten zum Gericht

vor Gottes Thron voll Macht und Majestät.

 

Auf Wunderbares fraglos ausgerichtet,

hat sich manch ein Ereignis schon verdichtet

zu Schreckensglanz und ungeahntem Leben,

davon uns manches Kunde noch kann geben.

74. Erkenne dich selbst

Fast nie ist eine Tat, wie gut vollbracht,

zuvor zugleich hinreichend gut bedacht.

Von all den vielen Taten, die dran Anschluss finden,

kannst ein paar wenige du nur ergründen.

Drum, eingekleidet in der Zeiten Kleid,

wohin du schaust, jedweder Weg ist weit.

75. Lasst nur in Ruh den Winterschnee

Lasst nur in Ruh den Winterschnee

da draußen auf dem Feld,

wenn er die Frucht vom nächsten Jahr

umfangen hält.

 

Lasst nur in Ruh den jungen Baum

da draußen auf dem Feld,

bis er der Stütze mag vertrauen,

die ihm gestellt.

 

Lasst nur in Ruh den jungen Mann

da draußen auf dem Feld,

dass er sich recht entfalten kann,

wies euch gefällt.

76. Nochmals zu einer Strophe von Hölderlin

Wenn aus der Tiefe kommt der Frühling in das Leben,

es wundert sich der Mensch, und neue Worte streben

aus Geistigkeit, die Freude kehret wieder

und festlich machen sich Gesang und Lieder.

 

Wie schön ist alles, was da grünt und blüht

am Frühlingstag, kaum dass sich´s eigens müht.

Vergeblich wär´s, ich weiß, niemals erreich ich´s;

der Liebsten, meiner Liebsten, nur vergleich ich´s.

77. Und nochmals zu einer Strophe von Hölderlin

Wenn Menschen sich aus innerem Wert erkennen,

so können sie sich freudig Freunde nennen,

das Leben ist den Menschen so bekannter,

sie finden es im Geist interessanter.

 

Doch fehlt der Achtung Geist, das Anerkennen,

dann wird vom Bruder sich der Bruder trennen,

und die der Vater stolz einst um sich einte,

erscheinen unerbittlich dann als Feinde.

78. Odi profanum vulgus

Wer nichts von meinem Liebchen weiß,

wie kann mir der gefallen,

dem nicht des nachts zu ihrem Preis,

die Lippen Lieder lallen?

 

Schert euch zum Henker! Wenn ihr wollt,

zum Teufel meinetwegen

oder in einen Hundestall,

wenn euch von dort winkt Segen!

 

Doch kommt nicht in mein Haus hinein,

gar noch zum Debattieren!

Wer selbstgerecht und fromm will sein,

dräng sich durch Kirchentüren!

79. Der Frühling

Und wieder kommt er lächelnd wie vor Zeiten

mit all den Vöglein, die er fortgeführt,

die Gärten sich mit frischem Grün bekleiden,

die er mit goldenen Blüten überziert.

 

Ja Blüten überall und nichts als Freude

und Übermut und Kinderstimmen Schall.

Die Fröhlichkeit verscheucht des Kummers Meute

in weite Ferne aus der Kindheit Tal.

80. Maitag

Die Maiensonne, früh im Nebelwogen,

in Pfaden Lichts sich wiederum verliert,

bis siegreich sie vom blauen Himmelsbogen

des Frühlings grünes Saatgefilde ziert.

 

Doch dieses auch gehört zur Maienwonne,

wenn Ungewitter schwer und kühl verwehn,

ein Weilchen dann noch in der Abendsonne

im Garten draußen vor dem Haus zu stehn.

81. Bleib bei mir, Liebste

Ist heut nicht der Tag von Mariä Geburt

Und fliegen heut nicht die Schwalben fort?

Bleib bei mir, Liebste, bleib bei mir!

 

Milchweiß im Tau steckt noch das Gras,

weh allem, was die Zeit vergaß,

Bleib bei mir, Liebste, bleib bei mir!

 

Ein Äpfelchen am Baum glänzt rot,

Was Atem schöpft, ist noch nicht tot.

Bleib bei mir, Liebste, bleib bei mir!

 

Ich wollt, ich könnt in den Himmel schrein:

Lass Liebste mich nicht hier allein!

Bleib bei mir, Liebste, bleib bei mir!

 

Die du mir Vater und Mutter bist,

und Bruder und Schwester und Jesus Christ,

Bleib bei mir, Liebste, bleib bei mir!

82. Ihr Rosen, nimmer müd

Ihr Rosen, nimmer müd, fast ohne Mühen

lasst uns ein Weilchen noch zusammen blühen,

bis auch die letzte Blüte noch am Strauch

aufblüht und blüht, verwelkt sie auch.

83. Was ist es, das nach uns noch schaut

Was ist es, das nach uns noch schaut,

als wär das Haus noch nicht gebaut

und wir voll Säumen stehn geblieben?

 

Als wär der Plan, den wir gemacht,

noch immer nicht recht ausgedacht

und hätten schlecht die Zeit vertrieben.

 

Und ich, ich wär der Letzte hier auf Erden,

und über mir ein Geist beföhle: Schreib!

Ja, da begänn´ ich wohl und schrieb: Wozu das Werden,

wozu der wundgeplagte, müde Leib?

 

Wozu das Hoffen, das uns einst erfüllte

im unaufhaltsam kühnen Morgenrot?

Die Liebste, die mir alle Zweifel stillte,

sie ist ja lange schon, schon lange tot.

84. Psalm 139

(Manchmal, wenn Mütterchen mir zulächelt, staun ich, dass sie mich noch kennt, wo ich mich selber kaum mehr erkenne)

 

Und wenn ich einmal nicht mehr bin

mir Sorg und Mühsal aus dem Sinn,

wenn längst ich mich erkenn nicht mehr

tief drunten in des Todes Meer:

 

So wirst du gleichwohl mich entdecken,

wirst abwärts steigend mich erwecken

mit deiner Augen liebem Paar:

Zu dir herauf, ins Neue Jahr!

85. Psalm 43

Quare me repulisti et quare tristis incedo dum affligit me inimicus

 

Was eilen wir so schnell dahin die Wege,

die zu durchwandern uns beschieden sind?

Vereist sind doch die winterlichen Stege

Und weit entfernt des Frühlings leichter Wind.

 

Zum Sterben hat´s noch Zeit. Komm lass dich küssen.

Von früher her fällt mir ein Liedchen ein,

als wir das Fern-sein noch ertragen müssen:

Ich bin bei dir. Du musst nicht traurig sein.

86. Geh nicht ins Haus des Todes voraus

Geh nicht ins Haus des Todes voraus,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen,

ein wenig nur noch halte aus,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen.

 

Dann gehn wir zusammen, dann gehn wir zu zwein,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen,

Kein Schmerz mehr wütet dann im Gebein,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen.

 

Ins Wirtshaus drunten kehren wir ein,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen,

und mit uns zieht die Lebenslust ein,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen.

 

Und sind wir des süßen Weines voll,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen,

dann fragen wir nicht mehr, was werden soll,

mein Schätzchen, du mein Schätzchen.

 

Dann bekränz dein bleich gewordenes Haar

ich dir mit Asphodelosblüten

und halte dich fest und wir ziehen, ein Paar,

durch alle Äonen in Frieden.

87. Psalm 126

Und schaute ich auch in die Weite

von Soghd hinaus vor Samarkand,

sie böte mir nicht größere Freude

mit all dem Paradiesesland,

 

als hier die Fläche vor den Bergen,

der Wiesen Grün, der Bäche Lauf,

jetzt wo der Winter überwunden

und tausend Blumen tun sich auf.

 

Und Liebchen wieder mir zur Seite,

Herzliebchen aus des Winters Nacht

entrissen, grimmen Todes Beute,

dass mir der Mund vor Freude lacht.

88. Ich hör dich noch, mühsam im Atemwehen

(ut audiam vocem laudis et enarrem universa mirabilia tua)

Ich hör dich noch, mühsam im Atemwehen,

du, die mir offenbart, was Liebe heißt,

und Glauben, drauf die Liebe fest kann stehen,

die Lebenssinn und Lebensglück verheißt.

 

Die Lieder, einst zu deinem Preis gesungen,

ich hör sie noch, umwandelnd still dein Bett,

und lausch, von ewigem Leben tief bezwungen,

als ob mit mir Gott es umwandelt hätt.

89. Späte Erwartung

Ins Krankenbüchlein trag ich sorgsam ein

das Wetter und was sonst zu uns gefunden

und träum von einem Briefchen, das mich einst

dich finden ließ, einst in des Abends Stunden.