{ Sonette der Liebe I }

Literatur von Martin Ganter

Inhalt

1. Wie die Musik, das rechte Maß zu füllen

2. Die Berge, die nach hinten still verblassen

3. Die Festigkeit, ja zu sich selbst zu sagen

4. An Lieblichkeit kommt nichts dem Kinde gleich

5. Ganz selbstverständlich wie des Kindes Glück

6. Der Jüngling, den nicht selten man kann finden

7. Ich las in Briefen, altverstaubt, verblassten

8. Ob ich auch lausche wie der Wächter lauscht

9. Ich, der ich gern mit schönen Worten spiele

10. Wenn im Vorübergang grünender Auen

11. Nicht allzu gut muss fügen meine Hand

12. Nach Reinheit und Vollkommenheit zu streben

13. Wahrheit und Lüge

14. Wenn kämpfend wir nach scharfen Worten spüren

15. Du siehst nur eine neben vielen andern

16. Da stehst du nun und scheinst in dir befangen

17. Wenn du zum Gehn dich anschickst

18. Dass Liebchen an mich denkt

19. Wie elend in der Brust das Herz auch schlägt

20. Einst warst du glücklich

21. Du sagst: die Liebe ist allein für mich

22. Die Leidenden und Kranken hab ich lieb

23. Namen

24. Erst wollt ich helfen

25. Was sprecht ihr mir nur immer widersprüchlich

26. Der Irrgeist

27. Vergeltung

28. Genug der Strophen für das Endgericht

29. Ihr Frauen, die ihr kaum mehr gern mich duldet

30. Was klagst Achilles du

31. Was gabst du, Herrin, mir denn zum Entgelt

32. Wärst Liebe du nur eitel selig Wähnen

33. Euch Mädchen will ich leise anvertrauen

34. Seh ich den Sommer jetzt zu Ende gehen

35. Helltönender Apollon

 

Alle in den Büchern Sonette der Liebe I bis III versammelten Sonette haben etwas mit meiner Liebsten zu tun. Die Sonette im vorliegenden Buch I sind um 1976 herum entstanden, wir waren damals 32 Jahre alt, als die schreckliche Diagnose einer todbringenden Krankheit aktenkundig wurde und als wir die ersten bösen Erfahrungen zu machen hatten; die folgenden von Buch II, als Ende August 2012 dieses Leiden sein noch schrecklicheres Ende fand. Diese Sonette sind ab September 2012 bis Juli 2013 entstanden, mir eine Gegenwart suchend, wo es schon keine Gegenwart für mich mehr gab. Die Sonette in Buch III von 2020 sind schließlich damit befasst, Bilanz zu ziehen. Alle Sonette aber gehören in den Umkreis des Romans einer großen Liebe. Und wenn es nicht zu unbescheiden ist, so füge ich hinzu, dass sie auch als eine Fortsetzung des Hohen Liedes gelesen werden können. Ebenso gut aber lässt sich auch sagen, dass ich sehr dankbar bin, geliebt zu haben und geliebt worden zu sein.

 

 

1. Wie die Musik, das rechte Maß zu füllen

Wie die Musik, das rechte Maß zu füllen,

macht, dass die Zeit nur mehr noch scheint zu weilen

so in sich ruhen kann zugleich und eilen

die Liebe, leise wirkend ihren Willen.

 

Bald will sie bettelnd mich, an ihr mich stillen,

Bald schickt sie fort, bald ruft sie wieder her,

bald schein ich fremd ihr, bald bekannt gar sehr,

bald schaut sie ernst, bald heiter, voller Grillen.

 

Doch immer, ob ich stürmisch vor auch dringe,

zurück sie stoße, wenn sie nach mir greift,

in mir sie unbeirrt erblüht und reift,

vollendete Vollenderin der Dinge:

 

Was immer sie anfangen will mit mir,

sie ist das Maß und nichts ist außer ihr.

2. Die Berge, die nach hinten still verblassen

Die Berge, die nach hinten still verblassen,

erinnern mich an meines Ichs Gestalt

ganz vorne steht, als könnte man ihn fassen,

der Tannen feingezackter grüner Wald.

 

Doch weiter hinten, höher und gedrängter,

von Wolkenstreifen oftmals schon verhüllt,

Schau ich im Dämmerlicht farblos, verengter

der Berge unauflösbar fernes Bild.

 

So scheint zunächst mein Sinnen, Trachten, Handeln,

mein Wollen und mein Können mein Besitz,

doch schau ich weiter, schein ich mich zu wandeln,

als schaut ein fremdes Ich von meinem Sitz

 

In jedem Augenblick, mit jedem Blick mir bleibt

ein anderes Ich, das dieses Ich umschreibt.

3. Die Festigkeit, ja zu sich selbst zu sagen

Die Festigkeit, ja zu sich selbst zu sagen,

in sich zu wohnen ruhig und gerecht,

wonach die Künstler rastlos schaffend jagen,

die hast du ohne Kunst und ohne Knecht.

 

Du brauchst kein Werk, das dauernder als Erz

für dein Gedächtnis, deines Namens Schrein;

Flüchtigstes schon genügt dir wie ein Herz,

das nach dir schlägt und schlüg es auch voll Pein.

 

Als liebtest du armselige Gestalt,

Zerfallendes, zu bauen draus ein Haus,

schaffst Raum dem Altern, schaffst der Zeit der Gewalt,

schaffst Raum dem Tod, der kommt und löscht die Lichtlein aus.

 

Um aus der Trümmer Schutt neu dich zu heben,

ein Phönix du voll unbegrenztem Leben.

4. An Lieblichkeit kommt nichts dem Kinde gleich

An Lieblichkeit kommt nichts dem Kinde gleich,

nichts fehlt ihm ja, ganz gleich an welchem Orte,

und doch, obs auch geschmückt so schön und reich

es wär nichts ohne seiner Eltern Worte.

 

Und später dann, wenn Lieblichkeit erlischt,

des Kindes erste Tage sind vergangen,

ein eigen Recht mit Eigensinn sich mischt

und Schönheit thront auf selbstbewussten Wangen,

 

Auch sie vergeht und jede äußere Pracht,

wenn Elternwort schon lang nicht mehr zu hören,

es sei denn dass das Schöpfungswort mit Macht

von neuem aufwächst, dem Verfall zu wehren.

 

Es sei denn, dass zurück von neuem kehrt

das Wort, das zwei ein einzig Leben lehrt.

5. Ganz selbstverständlich wie des Kindes Glück

Ganz selbstverständlich wie des Kindes Glück

dem lichten Blick der Mutter hingegeben,

so auch beseliget der Jungfrau Blick

des Jünglings erstes, festeres Bestreben.

 

Dann beugt als Mutter sie sich übers Kind

Und nimmt das erste Lächeln still entgegen,

um, wenn die Jahre dann vorüber sind,

zur Schar der Mütter sich dazu zu legen.

 

Ist ungerecht das Leben, das vergisst,

der Jugend Züge alternd zu erneuen,

dass niemand die Fortwandernde vermisst,

mit einem Trostwort sie noch zu erfreuen?

 

Ist ungerecht das Leben, das einst gab,

und wegwirft achtlos in Vergessens Grab?

6. Der Jüngling, den nicht selten man kann finden

Der Jüngling, den nicht selten man kann finden,

dem Bild des Ahasver ist er vergleichbar,

ruhlos nach Zielen jagend unerreichbar

im eisigen Hochgebirg, in Tales Schlünden.

 

Dagegen scheint das Mädchen eher leise

und, wie mich dünkt, waltend gerne zu Haus,

ein schönes Gleichgewicht, tagein, tagaus,

zufrieden in sich, still auf ihre Weise.

 

Sieht sie der Jüngling, sieht er voller Wonnen

plötzlich das Ziel, das er so schlecht erreicht,

und wie so schön dem Siegespreis sie gleicht,

und rätselnd staunt er, wie sie es begonnen.

 

Und strebt fortan, des höchsten Glücks auf Erden

an ihrer Seite teilhaft nun zu werden.

7. Ich las in Briefen, altverstaubt, verblassten

Ich las in Briefen, altverstaubt, verblassten,

die man schon zum Verbrennen hatt´ bestimmt,

von Tages Sorgen, Krankheit, Hungern, Fasten,

vom Raub des Kriegs, der sich das Liebste nimmt.

 

Ich las von Hoffnungen auf bessere Zeiten,

von zarter Kinder fern geschautem Glück,

von Plänen, sich ein Leben zu bereiten,

auf das man schauen wollte gern zurück.

 

Ich las von Zeiten, wo man wollte lesen

in Briefen rückerinnernd sich der Zeit;

die Zeit blieb aus, die Schreiber schon verwesen,

zum Lesen blieb nimmer Gelegenheit.

 

Nicht Zeit blieb mehr, um ruhig zu verweilen,

Zeit nahm sie fort und Zeit verzehrt die Zeilen.

8. Ob ich auch lausche wie der Wächter lauscht

Ob ich auch lausche wie der Wächter lauscht,

der nachts beschützt das ihm vertraute Leben,

das bin nicht ich, das in mir braust und rauscht,

einschlummernd meiner Wächterschritte Streben.

 

Und ist doch mein, weil´s nicht will meiden mich,

das mich an sich mit starken Banden bindet

und das bei jedem Schaun und Schreiten sich

wie ein erschreckend Unvertrautes findet.

 

Schaust aber du dich mir als Bildnis ein,

das ich zu halten schein, wo es mich hält,

so weckt es, schlummre ich auch nichtsahnend ein,

mein besseres Ich, das sich mir zugesellt.

 

Wachst du mit mir, so wach ich nicht allein,

und was ich noch nicht bin, sind wir zu zwein.

9. Ich, der ich gern mit schönen Worten spiele

Ich, der ich gern mit schönen Worten spiele

und denke, wie sich manches schön vollende,

bedenk ich´s recht, ich Ungenügen fühle,

wie, Liebste ich, ein trefflich Lob dir spende.

 

Dein Lob, soll´s sein ganz wahr und unbestechlich,

kann nur gelingen, wenn du zu mir schaust,

ich, der ich ruhelos, zerbrechend und gebrechlich,

durch Wälder schweife wild und unbehaust.

 

Dein wahres Lob, soll schön es dir zukommen

aus meiner Hand, du hättest es gemacht,

denn ich hätt ja von dem nur weggenommen,

was du bereits vollendet und vollbracht.

 

Dein wahres Lob mach du es dir genehm!

Zu deinem Spiegel mach mich, dir bequem!

10. Wenn im Vorübergang grünender Auen

Wenn im Vorübergang grünender Auen

sich deine Augen strahlend mir entfalten,

im Augenblick die Zeit scheint anzuhalten

und sanfte Lieb erglänzt in deinem Schauen,

 

Wenn dann entzückt das Aug ich niederschlage

und ich, verstummt, nicht weiß, wie mir geschehen

die Füße zögernd nur noch weitergehen,

ich weinend lachen möcht und jauchzend klagen:

 

Hab ich ein süß Geheimnis eingetrunken,

auch wenn die Zeit rasch wiederum versinkt

und wie ein kreisend Wellenspiel verklingt,

und alles Schöne wieder ist verschwunden:

 

Ein süß Geheimnis, köstlich im Verschweigen,

das uns erwählt und gibt der Lieb zu eigen.

11. Nicht allzu gut muss fügen meine Hand

Nicht allzu gut muss fügen meine Hand

dein Lob, mein Liebchen, dass mich nichts verführe,

als wär dein Lob mein eigen Zauberband,

womit ich deinen holden Leib umziere.

 

Wenn ich ein Lob dir singe, lass es mich

so tun, dass sich´s in mir bewähre,

ja dass es selber erst durchdringend mich

mich festige und sich in mir vermehre.

 

Dass, wer auch immer unser einst gedenkt,

wohl merk, wie ich um deine Gunst gerungen,

und wie mein Sinnen ich nach deinem Lob gelenkt,

von deines Herzens Zügen sanft bezwungen,

 

und so erkenn, was immer ich geschrieben:

Sein Schreiben war nur ein Versuch zu lieben.

12. Nach Reinheit und Vollkommenheit zu streben

Nach Reinheit und Vollkommenheit zu streben,

halt ich wohl Ausschau nach erfüllter Stunde,

um ganz mich in der Liebe zu erheben,

und finde nur Gebell wütender Hunde.

 

Entschuldigt mich, dass mich so oft bezwingt

ein Typhon voll arglistiger Gewalt,

der mich in einem Augenblick verschlingt,

mich auszuspein in hündischer Gestalt?

 

Mich unbeständig, elend und gemein

muss deine Liebe ständig überwinden,

in solcher Arbeit deine Liebe sein,

in solchem Mühn das Glück der Liebe finden.

 

Und hängst, als wüsstest du das nicht, an mir,

als hing ich treu, beständig nur an dir.

13. Wahrheit und Lüge

Wahrheit und Lüge, beide, sagst du, sind

bei Zeiten uns von unschätzbarem Wert.

Bleibt Wahrheit auch der Liebe liebstes Kind,

weil sie ganz rein die Liebe nur verehrt,

 

ziemt, zeigt die Lieb ein anderes Gesicht,

zeigt uneins uns, zerrissen und betrübt,

der Liebe vielbegehrte Wahrheit nicht,

dann besser wird die Lüg von uns geliebt,

 

Die wiederbringt der Liebe holden Stern.

Sag leise dann, auch wenn du mich betrügst:

"Komm, Liebste, komm! Ich hab dich ja so gern!"

Ich glaub dir unbedingt, wenn du so lügst.

 

Ja, mehr als Wahrheit ist die Lüge wert,

wenn sie nichts sonst als Liebe nur begehrt.

14. Wenn kämpfend wir nach scharfen Worten spüren

Wenn kämpfend wir nach scharfen Worten spüren,

die Ohnmacht auszudrücken, die uns drückt,

so wünsch ich mir, es nur so auszuführen,

dass sie der Seele Sehnsucht nicht erstickt.

 

Sonst lieber bleib das Wort im Schlunde stecken,

als dass Gemeinheit es und Niedertracht

missbrauchen zynisch kalt zu ihren Zwecken

in einem Augenblick, höchst unbedacht.

 

Ein Kind ja ist die Seele, glaubt ja alles

und hält dran fest und wählt nicht klügelnd aus,

und kümmert sich nicht um den Tag des Falles,

wo sie verlassen muss das liebe Haus.

 

Wo sie sich selbst nicht mehr begreift, verödet,

ein falsches Wort genügt ja, das sie tötet.

15. Du siehst nur eine neben vielen andern

Du siehst nur eine neben vielen andern,

zu denen dich dein Aug schon halb gezogen,

als wär dir´s Pflicht, noch heute auszuwandern,

als hättst du dich getäuscht und bös betrogen?

 

Bleib! Geh nicht weiter! Wenn auch tausend wären,

zu denen morgen dich der Weg hinführte,

da ist kein Weg des Ruhmes und der Ehren.

Nie kommt ans Ziel blinddrängende Begierde!

 

Bleib! Geh nicht weiter! Suche anzuhalten

dein stumpfgewordenes Ich, halb nur vertraut!

Durch mich dich wandelnd findest du Gestalten,

hast, Liebling, du erst neu dich umgeschaut.

 

Und was als eine du jetzt kannst erspähen,

wird morgen dir vielfältig neu erstehen.

16. Da stehst du nun und scheinst in dir befangen

Da stehst du nun und scheinst in dir befangen,

und ist dir fast, als müsstest du nun lügen,

weil zwei du siehst: ein Mädchen frisch an Wangen

und eine Frau in freundlich klaren Zügen.

 

Und beide, dünkt dich, scheinen dich zu fragen,

wen du nun lieber hast, als müsstst du´s spüren;

doch weil du ratlos bist, nichts weißt zu sagen,

spürst du nur Trauer dir das Herz umschnüren.

 

Liebst du das Mädchen, steht die Frau verlassen.

Liebst du die Frau, ist dir das Mädchen gram.

Als dürfest du nur eine Hand umfassen.

Wie, dass dich solche Not der Wahl ankam?

 

Was Eines war, ist Eines nicht geblieben!

Nimm beide nur! Denn beide darfst du lieben!

17. Wenn du zum Gehn dich anschickst

Wenn du zum Gehn dich anschickst, nimmer weilet

dein Augenpaar, mir Blick und Stimm entschwinden,

und ich vergebens such, dich noch zu finden,

als wärst für immer du mir schon enteilet,

 

dann mein ich fast, Eurydike zu schauen,

wie sie entschwinden muss in dunklen Stunden,

und Orpheus ahn ich, was er da empfunden

verlassend schweigsam Lethes Uferauen.

 

Wie bis zuletzt noch immer er dran dachte,

der Meisterschaft der hohen Kunst vertrauend,

unbeugsam auf die Macht des Wortes bauend,

dass er den Tod im Reich des Tods entmachte:

 

Bis ihn das Schicksal packte unverfänglich:

Du gehst zum Tod. Leben ist nicht zugänglich.

18. Dass Liebchen an mich denkt

Dass Liebchen an mich denkt, ach der Gedanke

ist schmeichelhaft durchaus und höchst entzückend;

und doch, schon hemmt feindselig eine Schranke

Gedankens Aufschwung jählings unterdrückend.

 

Gewissheit erst verbürgt ja schönstes Wissen,

wo wir uns anschaun, greifen, sicher halten,

in unsren Armen, ach, uns drücken, küssen,

da erst wird Wissen uns, das wir behalten.

 

Drum, Liebchen du, vollende du mein Wissen,

gib dem Gedanken du noch zum Geleite

des schönsten Wissens allerschönste Freude!

 

Süß ist die Nähe, schenkst du sie noch heute.

Lass deine liebe Nähe mich nicht missen!

In deinen Armen lass mich drücken, küssen!

19. Wie elend in der Brust das Herz auch schlägt

Wie elend in der Brust das Herz auch schlägt,

beklag ich mich, will keiner mich anhören,

des Herzens Ruhestatt soll man nicht stören,

willkommen ist der Mann, der leicht erträgt.

 

Klag dennoch ich, so kehrt zu mir zurück

statt meines Klaglieds tausendfältiges Klagen,

als müssten andre doppelt Schweres tragen,

und ich beklagte nur mein stilles Glück.

 

Wird so denn jedes Klagelied schnell alt,

ein Fädchen Hauch, das rasch der Wind verweht,

und ich versteh, dass niemand gern versteht,

weil ab nur stößt des Klagenden Gestalt:

 

So will ich meine Klagen gut verhüllen,

will, preisend dich, an deinem Glück mich stillen.

20. Einst warst du glücklich

Einst warst du glücklich, still, für dich allein,

selbstsicher, weise, selber dir Gesetz,

dann aber kam in hellem Zauberschein

die Liebesgöttin, stellte auf ihr Netz.

 

Nun du gefangen, süßer Gifte voll,

allein zu sein, was für ein Missgeschick!

Du fühlst dich elend, krank, verloren, toll,

weil du im Unglück noch dir suchst dein Glück.

 

Ja, wohl verrückt ist dein gesunder Sinn,

nur noch die Liebste ist es, die dich zieht,

bei ihr zu sein ist nur noch dir Gewinn,

die Selbstbegegnung selbst dir noch entflieht.

 

Fort ist die Weisheit, die gelassen lenkt,

wo dich der Göttin süßer Reiz bedrängt.

21. Du sagst: die Liebe ist allein für mich

Du sagst: "Die Liebe ist allein für mich

vom Himmel leuchtend hell herabgestiegen",

und du hast Recht; denn wahrhaft wonniglich

verstand umstrickend sie, dich zu besiegen.

 

Kaum siehst von fern du kommen sie, schon wird

all dein Besitz zu Nichts. Ein scheuer Blick

ist schon genug, dass sie dich tief verwirrt.

Und nichts mehr hält bei dir dich noch zurück.

 

Was früher dir vertraut war als dein Ich,

auf einmal schaut´s dich bange fragend an

und suchst nach dir und findest nimmer dich,

ein Kiel nur treibst du noch im Ozean.

 

Hast früher du auch nichts darauf gegeben:

Jetzt musst du von der Gunst der Liebe leben.

22. Die Leidenden und Kranken hab ich lieb

Die Leidenden und Kranken hab ich lieb,

die seufzend nachts auf ihrem Lager liegen,

und die von Liebe tief im Mark durchglüht,

nicht wissen, wie sie recht sich sollen fügen.

 

Und ich erkenne eine Schar von Frauen,

still wandelnd über buntgeblümte Wiesen,

die immer leuchtender noch anzuschauen,

als ob sie wandelnd sich verwandeln ließen.

 

Ja wandelnd halten sie Verwandlung aus,

bis sie erreicht der Himmesfeste Stufen,

zu einem unzerstörbar neuen Haus.

Hilf Liebe, dass ich anders nie werd rufen:

 

"Was du gepflanzt in mir zu deinem Preise,

Hilf, dass ich nie der Liebe Trieb ausreiße!"

23. Namen

Wie können Namen nur so zauberhaft

verborgen Schlummerndes plötzlich erwecken!

Mehr als ein Krieger braucht an Mut und Kraft,

den Sohn der Thetis ruhmvoll hinzustrecken,

 

so fasst´ mich Mut, ich rief die Bitte aus:

"O Liebe komm, lehre mich deine Namen!"

Dann ging ich achtlos hin, als ging´s nach Haus,

und sprach, als betete ich Amen, Amen.

 

Doch nicht nach Hause ging´s. Sehr weit entrückt

war ich vom Ort, wo eben ich gestanden,

hauslos ging ich, doch überaus verzückt

im Namen, der mich hielt in seinen Banden.

 

Und ging, von Sehnsucht trunken, tief berührt

des Weges hin, der nicht zurück mehr führt.

24. Erst wollt ich helfen

Erst wollt ich helfen. Froh und unbefangen

hofft ich für dich schon etwas zu erreichen,

allein mir waren keine guten Zeichen

des Wegs errichtet, den ich hingegangen.

 

Was kann ich tun noch, was denn noch erlangen?

Zurück zu reißen Schicksals schwere Speichen

winktest du ab. Vergeblich ohnegleichen

hatt´ ich mich selbst in meinem Tun verfangen.

 

Mit unerfülltem Wolln allein gelassen,

unwissend wie sich alles mir noch löse

im Herzen Zwiespalt, tiefgestörten Frieden,

 

weiß ich mich anders nicht als so zu fassen,

tu recht das Schlechte, tue gut das Böse

und geb zuletzt auch so mich wohl zufrieden.

25. Was sprecht ihr mir nur immer widersprüchlich

Was sprecht ihr mir nur immer widersprüchlich,

als hätt um solches Sprechen ich gebeten?

Was treibt euch an, Schmerz stachelnd fortzureden,

als wärs das Beste für mich unverbrüchlich?

 

Ist das die Wahrheit, die dem Gott ihr schuldet,

den man ans Kreuz gehängt und totgetreten,

dass euch nur gut dünkt fromm dankbares Beten

und ihr kein Stäubchen Unmut an mir duldet?

 

So lasst mich denn allein. In mir tief drinnen

kann ich die Wahrheit ungestört einsaugen,

des Herzens Widerspruch durchdringt mich prächtig:

 

Ich bin bei mir, ich kann mir nicht entrinnen,

kaum muss ich ja verschließen meine Augen,

so zerrt und reißt´s mich tosend übermächtig.

26. Der Irrgeist

Die Alten sagen, wenn die Tränen stocken,

dann sei des Menschen Seele im Verschwinden,

die Augen stumpften ab bis zum Erblinden,

das Herz versteinere zu einem Brocken.

 

Am Wegrand, im Gebüsch seh man sie hocken,

gespenstisch irr, als böser Geist zu finden,

so trieben sie in ihren vielen Sünden,

streng sei zu meiden alles Flehn und Locken.

 

So hört denn, Brüder, oder besser noch,

lasst auch dies bleiben, bleibt mir nur ganze ferne!

Nichts Totes sollt besorgen ihr, noch lieben!

 

Denn ich bin tot. Verscharrt noch nicht im Loch!

Ein Geist, dem tränenlos der Augen Sterne,

derweil der Liebsten Augen müd sich trüben.

27. Vergeltung

Wenn einst ein jüngst Gericht sollte ertönen,

wie wünscht ich dies, wie lacht ich der Posaunen!

Dem neuen Lebensgeist recht zum Erstaunen

wüsst´ rasch ich mich der Ruhe zu entwöhnen.

 

Nichts ferner läg mir, als mich zu versöhnen!

Der meine liebe Frau zu Tode haute

und mit ihr mich und alles mir Vertraute,

er sollte mich nicht abermals verhöhnen.

 

Ihn wollt´ ich packen, zerren an den Haaren,

aus seinem Dämmerschlaf halb erst beendet

entriss ich ihn des Grabes sanftem Himmel.

 

Und alle Welt sollt´ es durch mich erfahren,

wie er der Liebe Eigentum geschändet,

im Ohr der Totenglöckchen schön Gebimmel.

28. Genug der Strophen für das Endgericht

Genug der Strophen für das Endgericht

Müsst ich sie alle deinem Ohr einsingen,

es müssten ständig neue dir erklingen,

chaotisch klebt noch Finsternis am Licht.

 

Denn treibt uns einmal auch das Böse nicht,

so kommt doch Ohnmacht mit uns fort zu ringen,

du strebst nach Gutem, willst das Gute bringen

und fällst, kaum dass du´s merkst, schon aus dem Gleichgewicht.

 

Die Waage sinkt. Unmutig muss ich schauen,

wie sie hinsinkend stetig teilt die Zeit,

in dunklen Nächten teilend dunkle Stunden.

 

Und ahn die Todeswehen meiner Frauen.

Geliebte du, so stirb mit mir im Streit.

Das Endgericht hat ja schon stattgefunden.

29. Ihr Frauen, die ihr kaum mehr gern mich duldet

"Donne ch´avete intelletto d´amore" (la vita nuova)

 

Ihr Frauen, die ihr kaum mehr gern mich duldet,

wo eure Blicke feindlich mich anklagen,

ob auch mit Recht ihr solches Tun mir schuldet,

lasst doppelt nicht der Liebe Schmerz mich tragen!

 

Tief hab ich meinen Unwert ja empfangen,

als sie mich wert gemacht zu ihrem Preise,

worauf nun aber richt´ ich mein Verlangen,

dass ich mich wiederfind´ auf unsrer Reise!

 

Nachdem zu helfen ich falsch angefangen,

bedrücken mich kaum endend neue Schulden.

Was ich erreichen mag, was noch erlangen,

ich weiß es nicht, mag ich mich denn gedulden.

 

Einst werdet ihr gewiss um mich auch klagen,

wenn ich erduldet, was ich musste tragen.

30. Was klagst Achilles du

Was klagst Achilles du, rufst deine Klage

ins laut Aufrauschende der Meereswogen,

beweinst die kurze Spanne deiner Tage

als hätt´ ein Gott um´s Leben dich betrogen.

 

War´s Agamemnon denn, der dir den Frieden

geraubt, weil er das Mägdlein dir genommen,

dass rasch die Mutter Thetis, die Neriden

aus dem Palast des Meeres mussten kommen?

 

War´s nicht Briseis selbst? Die goldenen Haare?

Ihr Bildnis, das zutiefst dich schon bezwungen,

dass wie ein Toter du schon auf der Bahre

dich unwert fühltest, tief von Schmerz durchdrungen?

 

Kann denn ein Liebender was für sich gelten,

Und hätt erobert er zehntausend Welten?

31. Was gabst du, Herrin, mir denn zum Entgelt

Was gabst du, Herrin, mir denn zum Entgelt,

dass heimlich du mir einen Angelhaken

als Speise gabst, der in mir grimme Plagen

dauernd erschafft und elend wach mich hält?

 

Doch freilich, als du Helena, das Reis,

Paris, dem dunklen Helden hattst versprochen,

da hattst zugleich geschaffen und zerbrochen

sein Glück ihm, der dir gab der Schönheit Preis.

 

Noch hatten Priams Fraun ihn nicht geschaut,

da folgten ihm schon Krieg und Krieges Flammen

und Troja sank mit Priams Burg zusammen

und übrig blieben nur Wehklagen laut.

 

Wer kann ertragen, Herrin, solche Huld?

Dein Glück ist Unglück, deine Gabe Schuld.

32. Wärst Liebe du nur eitel selig Wähnen

Wärst Liebe du nur eitel selig Wähnen,

List der Natur, die leidenschaftlich drängt,

dahinter Nichts, kein göttlich schönes Sehnen,

kein Götterlächeln, das uns hold umfängt?

 

Wär aller Schmuck und alle feine Rede,

die schicklich schön die Liebesgöttin preist,

der Kranz im Mädchenhaar, die Syrinxflöte

nur eitel Blendwerk, das die Zeit zerreißt?

 

Wär hoffnungsvolles Denken, Dichten, Sinnen

nur Selbstbetrug im Dienste der Natur,

und ließ sich für die Liebe nichts gewinnen

als Herzensungenüge, Trübsal nur?

 

Und wär es so und nichts sonst wär daneben,

schafft´ Raum der Liebe ich, verschafft´ ihr Leben.

33. Euch Mädchen will ich leise anvertrauen

Euch Mädchen will ich leise anvertrauen,

wie oft ich mich gar bitterlich muss grämen,

weil, statt zu kosen meiner Liebsten Brauen,

ich aufbraus wild, ihr Antlitz zu beschämen.

 

Ich, der ich roh, unwirtlich bin geblieben,

Ein eckig Felsgestein, hart, unbehauen,

Und doch verlangt zutiefst drin mich, so zu lieben,

dass sie mich zarter, sanfter möchte schauen.

 

Und habe doch der Liebe Kunst erfahren,

die uns umwandelnd höher bildet, feiner,

die Sinne schärft, die rau und blöde waren,

des Herzens Flächen glättet klarer, reiner.

 

Helft Mädchen mir, Anmutiges zu erspüren,

mit frischem Grün die Liebe zu verzieren!

34. Seh ich den Sommer jetzt zu Ende gehen

Seh ich den Sommer jetzt zu Ende gehen,

Im Nebeldampf die bunte Welt verblassen,

so dünkt mich, als ob im Vorübergehen

mich rasch noch eine Frage wollt erfassen.

 

Liebe, wo führst du hin? Du schweigst und lächelst,

verhüllst dein Angesicht mit deinem Kleid?

Ich hör´ dich schluchzen, seh, wie du zufächelst

der Liebe Tröstung zu des Weg-Gangs Zeit.

 

O Unverstand, das Ferne zu erkunden,

o Unverstand, Kommendes zu erschauen,

bis einst vorüber sind des Leidens Stunden,

vergebens wär´s, nichts lässt sich darauf bauen!

 

Ist auch das Ende schrecklich, lass das Fragen!

Herz, du musst wandernd nichts als Liebe wagen!

35. Helltönender Apollon

Helltönender Apollon und ihr alle,

Töchter des Helikon, die ihr entzückt,

dass lieblich bei der Pauken Festgeschalle

zum Einzug euch des Chores Reigen glückt!

 

Kommt, setzt den Fuß nun auf die Blumenweide,

die asternbunt für euch ich schon geschmückt.

Wie sich die Nacht erfreut im Sternenkleide,

sei dieser Tag goldstrahlend auch gepflückt.

 

Kommt, nehmt die Seele, willig einzusingen,

dass sie sich nährt von eurem süßen Sang!

Wenn eure Weissagungen uns erkingen,

Herrscher Apollon, ist mir nimmer bang.

 

Strahlender Liebe töne süß Enthüllung:

Seele ist Sehnsucht ganz, Liebe Erfüllung.