{ Sonette der Liebe }

Literatur von Martin Ganter

Inhalt

1. Wie die Musik, das rechte Maß zu füllen

2. Die Berge, die nach hinten still verblassen

3. Die Festigkeit, ja zu sich selbst zu sagen

4. An Lieblichkeit kommt nichts dem Kinde gleich

5. Ganz selbstverständlich wie des Kindes Glück

6. Der Jüngling, den nicht selten man kann finden

7. Ich las in Briefen, altverstaubt, verblassten

8. Ob ich auch lausche wie der Wächter lauscht

9. Ich, der ich gern mit schönen Worten spiele

10. Wenn im Vorübergang grünender Auen

11. Nicht allzu gut muss fügen meine Hand

12. Nach Reinheit und Vollkommenheit zu streben

13. Wahrheit und Lüge

14. Wenn kämpfend wir nach scharfen Worten spüren

15. Du siehst nur eine neben vielen andern

16. Da stehst du nun und scheinst in dir befangen

17. Wenn du zum Gehn dich anschickst

18. Dass Liebchen an mich denkt

19. Wie elend in der Brust das Herz auch schlägt

20. Einst warst du glücklich

21. Du sagst: die Liebe ist allein für mich

22. Die Leidenden und Kranken hab ich lieb

23. Namen

24. Erst wollt ich helfen

25. Was sprecht ihr mir nur immer widersprüchlich

26. Der Irrgeist

27. Vergeltung

28. Genug der Strophen für das Endgericht

29. Ihr Frauen, die ihr kaum mehr gern mich duldet

30. Was klagst Achilles du

31. Was gabst du, Herrin, mir denn zum Entgelt

32. Wärst Liebe du nur eitel selig Wähnen

33. Euch Mädchen will ich leise anvertrauen

34. Seh ich den Sommer jetzt zu Ende gehen

35. Helltönender Apollon

36. Wie wird mir doch das wunde Herz zerrissen

37. Ihr, die ihr schwelgt in süßer Liebe Leben

38. Sollt es für uns noch eine Heimat geben

39. Euch, denen einst das Liebste war gegeben

40. Nichts und alles

41. Trugbild

42. In hoher Kunst geübt könnt ich wohl schreiben

43. Nie gab die Hoffnung auf ich

44. Wie wunderbar dein Leib und deine Seele

45. Auch wir ja spielten, Liebste

46. Wenn nächtens ich auf meinem Lager liege

47. Im Halbschlaf morgens

48. Die Krankheit, Liebste, die zu Tod dich schlug

49. Wenn alle Meere dir durchs Auge träten

50. Unfassbar ist das Leben

51. Nun stürmet Winde, Regen rauscht hernieder

52. Da les ich nun in unsren einstigen Briefen

53. Sie werden sagen, wenn sie hingekommen

54. Wie wahr hat Aischylos doch einst gedichtet

55. Bei mir ist alles Ja jetzt oder Nein

56. Wie sehr verlangte mich zu deinem Preise

57. Mein Liebling

58. Unfähig ganz im Festen zu verweilen

59. Da bist du Kind im Bilde nun bei mir

60. Wie sucht ich deinen Namen einzudrücken

61. Denk nach ich, Liebste, was ich einst getrieben

62. O Liebste du, Mai-Sonne meiner Welt

63. Was müh ich mich

64. Erbärmlich ist ein herrschaftliches Leben

65. Seit, Liebste, du nur ferngerückt noch nah

66. Sprecht mir von meinem Liebchen

67. Wie oft hast du nicht vor des Schlafens Stunden

68. Gäb mir ein Gott zu sagen, was ich leide

69. Liebste, Du meine Sonne, ich dein Mond!

70. Der ich am Herzen, Liebste, dir geruht

71. Was alles schon erforscht und schon ersonnen

72. Wo Wahrheit ist, ist auch der Seele Streben

73. Damals, als du von Mann und Frau berichtet

74. Als ich noch halten durft in meinen Händen

75. Wenn nicht ist, was bemühn wir uns?

76. Wenn Mann und Frau eins sind und ganz beisammen

77. Ja, wenn des Herzens Hoffen alles wäre

78. Du sagst, du weißt, dass Liebchen nicht mehr ist

79. Wär Liebchen nicht mehr

80. Vater und Mutter hatten ja nur Recht

81. Und komm ich einst zu dir, Herr, in den Himmel

82. Sagt man, dass Liebchen alles überstanden

83. Im Anfang unserer Liebe schien er da

84. Wenn einst, was still in Andacht ich verrichtet

85. O Liebste, du, voll Anmut im Gebirge

86. Wenn morgens meine Seele ich ergründe

87. Im nächsten Jahr, was kann mir da noch blühen

88. Ich hab gesungen und ich hab verloren

89. Das Weltall, wurde jemals es ersonnen

90. Den Atem hören, dicht beisammen liegen

91. Die Schönheit, Liebste, die in dir ich fand

92. Ich wusste nie, wie schön mein Name klingt

93. Wie Peleus einst, vom Lebenskampf gebrochen

94. O Land des Nebels und der dunklen Zeiten

95. Des Menschen Forschen, der Natur Erfahrung

96. Vom Nie-Gewesenen zum Nie-mehr-Sein

97. Nie will ich an ein "Nie-mehr" mich gewöhnen

98. Wie einst die Heiligen von Gott geliebt

99. Ein Kind, wie sollt es wissen, dass es ist?

100. Wie viel gelitten hab ich Gott um dich

101. Was für ein Leben!

102. Wie anders haben wir es da gehalten

103. Sprecht nicht vom Tod!

104. Hab ich dich, Liebste, nicht dabei

105. Die Zeit hat mich bereits beiseit geschafft

106. Versuch noch einmal ich mich auf den Saiten

107. Wie lange, Liebste, bist du nun schon ferne

108. Wohin du gingst, dahin will ich auch gehen

109. Im Stillen sitz ich da und les allein

110. Wie lieb ich doch die Sonnenuntergänge!

111. O Liebster, du, was hast du nur gelitten

112. Du fragtest, Liebste, niemals, wer ich bin

113. Nächst Gott, der mich im Mutterleib erschaffen

114. Mag einst das Leben enden, wie es will

115. Wie hat die Welt so plötzlich sich verwandelt

116. Eh Gott den Himmel und die Erd´ erschuf

117. Verloren ist, wer zu erforschen sucht

118. O Gott, auf deinem hohen Himmelsthron

119. Ich ließ dich ziehn, hinaus ins Ungewisse

120. Wie such ich, Liebste, dich doch überall

121. Wie viel geweint, hab Liebste, ich um dich

122. Als ich sie hörte, da sie nach mir riefen

123. Als müsst´ ich Wache halten noch für dich

124. In deiner Liebe, Liebste, wuchs ich auf

125. Du bist die Muse, die mich einst berief

126. Geheimnisvolles, wundersames Küssen!

127. Du winktest mir noch zu

128. Denk ich zurück, was uns das Leben brachte

129. O der Entkleidung aller deiner Kleider

130. Das größte Wunder ist doch, dass ich bin!

131. Lass dich umschmeicheln, Gott

132. Schreib ich denn nur noch leere Blätter

133. Komm, Liebste, komm und sag mir, wo du weidest

134. Wie einst in Babylon

135. Wie hab ich doch gekämpft und hab verloren!

136. Was fang ich nur mit all den Stunden an

137. Komm, spiel uns auf zum Lobpreis deiner Liebsten!

138. Die Zeit zergrübelnd bin ich nur noch hier

139. Soll ich nach draußen, in die Welt hinaus

140. Was hat das Leben nur aus mir gemacht

141. O Menschenlos, dem keiner je entronnen

142. Ihr habt ja recht

143. Im Herzen, wo die Hoffnung Wünsche hegt

144. Liebster sag nicht: "Liebchen ist nicht mehr hier!"

145. Wenn zwei einmal im Grab beisammen sind

146. Wie ist doch die Natur so gnadenlos

147. Bin nicht Admet ich, dem die Liebste starb

148. Durch Waldes Schatten wie in frühen Tagen

149. Ja, Liebste, du bist da!

150. Sag mir nur immer wieder, dass ich´s glaube

151. Hoffend auf Gottes Frieden steh ich auf

152. Nicht mehr empfängt das abendliche Tor

153. Hätt, Liebste, ich doch weniger geliebt

154. Wie in die Wüste schaffte Trank und Speise

155. Zur Stunde früh, wenn Eos sich erhebt

156. Was zauderst du, ans Leben noch zu glauben

157. An jenem Tag, als Gott das Korn erfand

158. Wenn du im Himmelskarmel dich befindest

159. Würdest du auch im Chor der Heiligen singen

160. Gewiss, mein Liebchen wirst zuerst du wecken

161. Ich wollte bleiben und ich ging doch fort

162. Steigt auf, ihr Träume, singt und spielt mir auf

163. Einst wecktest du mich auf, mich zu erheben

164. Komm Liebste, komme sieh her, was ich noch bin

165. Morgenlied

166. Vor deinem Bild noch einmal lass mich weinen

167. Die ihr die Liebste einstens mir gezeigt

168. Vom Staub des Leidenswegs streut mir aufs Haupt

169. Komm, mein König, zu deinem Gelage

 

Alle hier versammelten Sonette haben etwas mit meiner Liebsten zu tun. Die ersten sind um 1976 herum entstanden, wir waren damals 32 Jahre alt, als die schreckliche Diagnose einer todbringenden Krankheit aktenkundig wurde und als ich die ersten bösen Erfahrungen in Kliniken zu machen hatte; die folgenden, als Ende August 2012 dieses Leiden sein noch schrecklicheres Ende fand. Letztere Sonette sind ab September 2012 bis Juli 2013 entstanden, mir eine Gegenwart suchend, wo es schon keine Gegenwart für mich mehr gab. Alle Sonette aber gehören in den Umkreis des Romans einer großen Liebe. Und wenn es nicht zu unbescheiden ist, so füge ich hinzu, dass sie auch als eine Fortsetzung des Hohen Liedes gelesen werden können. Ebenso gut aber lässt sich auch sagen, dass ich sehr dankbar bin, geliebt zu haben und geliebt worden zu sein. Das allerletzte Sonett ist eine Co-Produktion von meiner Liebsten und mir. Die ersten beiden Strophen stammen von ihr und sind enthalten in einem Brief aus dem Jahr 1968.

 

 

Sonette um 1976

 

1. Wie die Musik, das rechte Maß zu füllen

Wie die Musik, das rechte Maß zu füllen,

macht, dass die Zeit nur mehr noch scheint zu weilen

so in sich ruhen kann zugleich und eilen

die Liebe, leise wirkend ihren Willen.

 

Bald will sie bettelnd mich, an ihr mich stillen,

Bald schickt sie fort, bald ruft sie wieder her,

bald schein ich fremd ihr, bald bekannt gar sehr,

bald schaut sie ernst, bald heiter, voller Grillen.

 

Doch immer, ob ich stürmisch ein auch dringe,

zurück sie stoße, wenn sie nach mir greift,

in mir sie unbeirrt erblüht und reift,

vollendete Vollenderin der Dinge:

 

Was immer sie anfangen will in mir,

sie ist das Maß und nichts ist außer ihr.

2. Die Berge, die nach hinten still verblassen

Die Berge, die nach hinten still verblassen,

erinnern mich an meines Ichs Gestalt

ganz vorne steht, als könnte man ihn fassen,

der Tannen feingezackter grüner Wald.

 

Doch weiter hinten, höher und gedrängter,

von Wolkenstreifen oftmals schon verhüllt,

Schau ich im Dämmerlicht farblos, verengter

der Berge unauflösbar fernes Bild.

 

So scheint zunächst mein Sinnen, Trachten, Handeln,

mein Wollen und mein Können mein Besitz,

doch schau ich weiter, schein ich mich zu wandeln,

als schaut ein fremdes Ich von meinem Sitz

 

In jedem Augenblick, mit jedem Blick mir bleibt

ein anderes Ich, das dieses Ich umschreibt.

3. Die Festigkeit, ja zu sich selbst zu sagen

Die Festigkeit, ja zu sich selbst zu sagen,

in sich zu wohnen ruhig und gerecht,

wonach die Künstler rastlos schaffend jagen,

die hast du ohne Kunst und ohne Knecht.

 

Du brauchst kein Werk, das dauernder als Erz

für dein Gedächtnis, deines Namens Schrein;

Flüchtigstes schon genügt dir wie ein Herz,

das nach dir schlägt und schlüg es auch voll Pein.

 

Als liebtest du armselige Gestalt,

Zerfallendes, zu bauen draus ein Haus,

schaffst Raum dem Altern, schaffst der Zeit der Gewalt,

schaffst Raum dem Tod, der kommt und löscht die Lichtlein aus.

 

Um aus der Trümmer Schutt neu dich zu heben,

ein Phönix du voll unbegrenztem Leben.

4. An Lieblichkeit kommt nichts dem Kinde gleich

An Lieblichkeit kommt nichts dem Kinde gleich,

nichts fehlt ihm ja, ganz gleich an welchem Orte,

und doch, obs auch geschmückt so schön und reich

es wäre nichts ohn seiner Eltern Worte.

 

Und später dann, wenn Lieblichkeit erlischt,

des Kindes erste Tage sind vergangen,

ein eigen Recht mit Eigensinn sich mischt

und Schönheit thront auf selbstbewussten Wangen,

 

Auch sie vergeht und jede äußere Pracht,

wenn Elternwort schon lang nicht mehr zu hören,

es sei denn dass das Schöpfungswort mit Macht

von neuem aufwächst, dem Verfall zu wehren.

 

Es sei denn, dass zurück von neuem kehrt

das Wort, das zwei ein einzig Leben lehrt.

5. Ganz selbstverständlich wie des Kindes Glück

Ganz selbstverständlich wie des Kindes Glück

dem lichten Blick der Mutter hingegeben,

so auch beseliget der Jungfrau Blick

des Jünglings erstes, festeres Bestreben.

 

Dann beugt als Mutter sie sich übers Kind

Und nimmt das stille Lächeln still entgegen,

um, wenn die Jahre dann vorüber sind,

zur Schar der Mütter sich dazu zu legen.

 

Ist ungerecht das Leben, das vergisst,

der Jugend Züge alternd zu erneuen,

dass niemand die Fortwandernde vermisst,

mit einem Trostwort sie noch zu erfreuen?

 

Ist ungerecht das Leben, das einst gab,

und wegwirft achtlos in Vergessens Grab?

6. Der Jüngling, den nicht selten man kann finden

Der Jüngling, den nicht selten man kann finden,

dem Bild des Ahasver ist er vergleichbar,

ruhlos nach Zielen jagend unerreichbar

im eisigen Hochgebirg, in Tales Schlünden.

 

Dagegen scheint das Mädchen eher leise

Und, wie mich dünkt, waltend gerne zu Haus,

ein schönes Gleichgewicht, tagein, tagaus,

zufrieden in sich, still auf ihre Weise.

 

Sieht sie der Jüngling, sieht er voller Wonnen

plötzlich das Ziel, das er so schlecht erreicht,

und wie so schön dem Siegespreis sie gleicht,

und rätselnd staunt er, wie sie es begonnen.

 

Und strebt fortan, des höchsten Glücks auf Erden

An ihrer Seite teilhaft nun zu werden.

7. Ich las in Briefen, altverstaubt, verblassten

Ich las in Briefen, altverstaubt, verblassten,

die man schon zum Verbrennen hatt´ bestimmt,

von Tages Sorgen, Krankheit, Hungern, Fasten,

vom Raub des Kriegs, der sich das Liebste nimmt.

 

Ich las von Hoffnungen auf bessere Zeiten,

von zarter Kinder fern geschautem Glück,

von Plänen, sich ein Leben zu bereiten,

auf das man schauen wollte gern zurück.

 

Ich las von Zeiten, wo man wollte lesen

in Briefen rückerinnernd sich der Zeit;

die Zeit blieb aus, die Schreiber schon verwesen,

zum Lesen blieb nimmer Gelegenheit.

 

Nicht Zeit blieb mehr, um ruhig zu verweilen,

Zeit nahm sie fort und Zeit verzehrt die Zeilen.

8. Ob ich auch lausche wie der Wächter lauscht

Ob ich auch lausche wie der Wächter lauscht,

der nachts beschützt das ihm vertraute Leben,

das bin nicht ich, das in mir braust und rauscht,

einschlummernd meiner Wächterschritte Streben.

 

Und ist doch mein, weil´s nicht will meiden mich,

das mich an sich mit starken Banden bindet

und das bei jedem Schaun und Schreiten sich

wie ein erschreckend Unvertrautes findet.

 

Schaust aber du dich mir als Bildnis ein,

das ich zu halten schein, wo es mich hält,

so weckt es, schlummre ich auch nichtsahnend ein,

mein besseres Ich, das sich mir zugesellt.

 

Wachst du mit mir, so wach ich nicht allein,

und was ich noch nicht bin, sind wir zu zwein.

9. Ich, der ich gern mit schönen Worten spiele

Ich, der ich gern mit schönen Worten spiele

und denke, wie sich manches schön vollende,

bedenk ich´s recht, ich Ungenügen fühle,

wie, Liebste ich, ein trefflich Lob dir spende.

 

Dein Lob, soll´s sein ganz wahr und unbestechlich,

kann nur gelingen, wenn du zu mir schaust,

ich, der ich ruhelos, zerbrechend und gebrechlich,

durch Wälder schweife wild und unbehaust.

 

Dein wahres Lob, soll schön es dir zukommen

aus meiner Hand, du hättest es gemacht,

denn ich hätt ja von dem nur weggenommen,

was du bereits vollendet und vollbracht.

 

Dein wahres Lob mach du es dir genehm!

Zu deinem Spiegel mach mich, dir bequem!

10. Wenn im Vorübergang grünender Auen

Wenn im Vorübergang grünender Auen

sich deine Augen strahlend mir entfalten,

im Augenblick die Zeit scheint anzuhalten

und sanfte Lieb erglänzt in deinem Schauen,

 

Wenn dann entzückt das Aug ich niederschlage

und ich, verstummt, nicht weiß, wie mir geschehen

die Füße zögernd nur noch weitergehen,

ich weinend lachen möcht und jauchzend klagen:

 

Hab ich ein süß Geheimnis eingetrunken,

auch wenn die Zeit rasch wiederum versinkt

und wie ein kreisend Wellenspiel verklingt,

und alles Schöne wieder ist verschwunden:

 

Ein süß Geheimnis, köstlich im Verschweigen,

das uns erwählt und gibt der Lieb zu eigen.

11. Nicht allzu gut muss fügen meine Hand

Nicht allzu gut muss fügen meine Hand

dein Lob, mein Liebchen, dass mich nichts verführe,

als wär dein Lob mein eigen Zauberband,

womit ich deinen holden Leib umziere.

 

Wenn ich ein Lob dir singe, lass es mich

so tun, dass sich´s in mir bewähre,

ja dass es selber erst durchdringend mich

mich festige und sich in mir vermehre.

 

Dass, wer auch immer unser einst gedenkt,

wohl merk, wie ich um deine Gunst gerungen,

und wie mein Sinnen ich nach deinem Lob gelenkt,

von deines Herzens Zügen sanft bezwungen,

 

und so erkenn, was immer ich geschrieben:

Sein Schreiben war nur ein Versuch zu lieben.

12. Nach Reinheit und Vollkommenheit zu streben

Nach Reinheit und Vollkommenheit zu streben,

halt ich wohl Ausschau nach erfüllter Stunde,

um ganz mich in der Liebe zu erheben,

und finde nur Gebell wütender Hunde.

 

Entschuldigt mich, dass mich so oft bezwingt

ein Typhon voll arglistiger Gewalt,

der mich in einem Augenblick verschlingt,

mich auszuspein in hündischer Gestalt?

 

Mich unbeständig, elend und gemein

muss deine Liebe ständig überwinden,

in solcher Arbeit deine Liebe sein,

in solchem Mühn das Glück der Liebe finden.

 

Und hängst, als wüsstest du das nicht, an mir,

als hing ich treu, beständig nur an dir.

13. Wahrheit und Lüge

Wahrheit und Lüge, beide, sagst du, sind

bei Zeiten uns von unschätzbarem Wert.

Bleibt Wahrheit auch der Liebe liebstes Kind,

weil sie ganz rein die Liebe nur verehrt,

 

ziemt, zeigt die Lieb ein anderes Gesicht,

zeigt uneins uns, zerrissen und betrübt,

der Liebe vielbegehrte Wahrheit nicht,

dann besser wird die Lüg von uns geliebt,

 

Die wiederbringt der Liebe holden Stern.

Sag leise dann, auch wenn du mich betrügst:

"Komm, Liebste, komm! Ich hab dich ja so gern!"

Ich glaub dir unbedingt, wenn du so lügst.

 

Ja, mehr als Wahrheit ist die Lüge wert,

wenn sie nichts sonst als Liebe nur begehrt.

14. Wenn kämpfend wir nach scharfen Worten spüren

Wenn kämpfend wir nach scharfen Worten spüren,

die Ohnmacht auszudrücken, die uns drückt,

so wünsch ich mir, es nur so auszuführen,

dass sie der Seele Sehnsucht nicht erstickt.

 

Sonst lieber bleib das Wort im Schlund mir stecken,

als dass Gemeinheit mir und Niedertracht

missbrauchen es zu ihren eignen Zwecken

in einem Augenblick, höchst unbedacht.

 

Ein Kind ja ist die Seele, glaubt ja alles

und hält dran fest und wählt nicht klügelnd aus,

und kümmert sich nicht um den Tag des Falles,

wo sie verlassen muss das liebe Haus.

 

Wo sie sich selbst nicht mehr begreift, verödet,

ein kleines Wort genügt ja, das sie tötet.

15. Du siehst nur eine neben vielen andern

Du siehst nur eine neben vielen andern,

zu denen dich dein Aug schon halb gezogen,

als wär dir´s Pflicht, noch heute auszuwandern,

als hättst du dich getäuscht und bös betrogen?

 

Bleib! Geh nicht weiter! Wenn auch tausend wären,

zu denen morgen dich der Weg hinführte,

da ist kein Weg des Ruhmes und der Ehren.

Nie kommt ans Ziel blinddrängende Begierde!

 

Bleib! Geh nicht weiter! Suche anzuhalten

dein stumpfgewordenes Ich, halb nur vertraut!

Durch mich dich wandelnd findest du Gestalten,

hast, Liebling, du erst neu dich umgeschaut.

 

Und was als eine du jetzt kannst erspähen,

wird morgen dir vielfältig neu erstehen.

16. Da stehst du nun und scheinst in dir befangen

Da stehst du nun und scheinst in dir befangen,

und ist dir fast, als müsstest du nun lügen,

weil zwei du siehst: ein Mädchen frisch an Wangen

und eine Frau in freundlich klaren Zügen.

 

Und beide, dünkt dich, scheinen dich zu fragen,

wen du nun lieber hast, als müsstst du´s spüren;

doch weil du ratlos bist, nichts weißt zu sagen,

spürst du nur Trauer dir das Herz umschnüren.

 

Liebst du das Mädchen, steht die Frau verlassen.

Liebst du die Frau, ist dir das Mädchen gram.

Als dürfest du nur eine Hand umfassen.

Wie, dass dich solche Not der Wahl ankam?

 

Was Eines war, ist Eines nicht geblieben!

Nimm beide nur! Denn beide darfst du lieben!

17. Wenn du zum Gehn dich anschickst

Wenn du zum Gehn dich anschickst, nimmer weilet

dein Augenpaar, mir Blick und Stimm entschwinden,

und ich vergebens such, dich noch zu finden,

als wärst für immer du mir schon enteilet,

 

dann mein ich fast, Eurydike zu schauen,

wie sie entschwinden muss in dunklen Stunden,

und Orpheus ahn ich, was er da empfunden

verlassend schweigsam Lethes Uferauen.

 

Wie bis zuletzt noch immer er dran dachte,

der Meisterschaft der hohen Kunst vertrauend,

unbeugsam auf die Macht des Wortes bauend,

dass er den Tod im Reich des Tods entmachte:

 

Bis ihn das Schicksal packte unverfänglich:

Du gehst zum Tod. Leben ist nicht zugänglich.

18. Dass Liebchen an mich denkt

Dass Liebchen an mich denkt, ach der Gedanke

ist schmeichelhaft durchaus und höchst entzückend;

und doch, schon hemmt feindselig eine Schranke

Gedankens Aufschwung jählings unterdrückend.

 

Gewissheit erst verbürgt ja schönstes Wissen,

wo wir uns anschaun, greifen, sicher halten,

in unsren Armen, ach, uns drücken, küssen,

da erst wird Wissen uns, das wir behalten.

 

Drum, Liebchen du, vollende du mein Wissen,

gib dem Gedanken du noch zum Geleite

des schönsten Wissens allerschönste Freude!

 

Süß ist die Nähe, schenkst du sie noch heute.

Lass deine liebe Nähe mich nicht missen!

In deinen Armen lass mich drücken, küssen!

19. Wie elend in der Brust das Herz auch schlägt

Wie elend in der Brust das Herz auch schlägt,

beklag ich mich, will keiner mich anhören,

des Herzens Ruhestatt soll man nicht stören,

willkommen ist der Mann, der leicht erträgt.

 

Klag dennoch ich, so kehrt zu mir zurück

statt meines Klaglieds tausendfältiges Klagen,

als müssten andre doppelt Schweres tragen,

und ich beklagte nur mein stilles Glück.

 

Wird so denn jedes Klagelied schnell alt,

ein Fädchen Hauch, das rasch der Wind verweht,

und ich versteh, dass niemand gern versteht,

weil ab nur stößt des Klagenden Gestalt:

 

So will ich meine Klagen gut verhüllen,

will, preisend dich, an deinem Glück mich stillen.

20. Einst warst du glücklich

Einst warst du glücklich, still, für dich allein,

selbstsicher, weise, selber dir Gesetz,

dann aber kam in hellem Zauberschein

die Liebesgöttin, stellte auf ihr Netz.

 

Nun du gefangen, süßer Gifte voll!

Allein-zu-Sein, was für ein Missgeschick!

Du fühlst dich elend, krank, verloren, toll,

weil du im Unglück noch dir suchst dein Glück.

 

Ja, wohl verrückt ist dein gesunder Sinn,

nur noch die Liebste ist es, die dich zieht,

bei ihr zu sein ist nur noch dir Gewinn,

die Selbstbegegnung selbst dir noch entflieht.

 

Fort ist die Weisheit, die gelassen lenkt,

wo dich der Göttin süßer Reiz bedrängt.

21. Du sagst: die Liebe ist allein für mich

Du sagst: "Die Liebe ist allein für mich

vom Himmel leuchtend hell herabgestiegen",

und du hast Recht; denn wahrhaft wonniglich

verstand umstrickend sie, dich zu besiegen.

 

Kaum siehst von fern du kommen sie, schon wird

all dein Besitz zu Nichts. Ein scheuer Blick

ist schon genug, dass sie dich tief verwirrt.

Und nichts mehr hält bei dir dich noch zurück.

 

Was früher dir vertraut war als dein Ich,

auf einmal schaut´s dich bange fragend an

und suchst nach dir und findest nimmer dich,

ein Kiel nur treibst du noch im Ozean.

 

Hast früher du auch nichts darauf gegeben:

Jetzt musst du von der Gunst der Liebe leben.

22. Die Leidenden und Kranken hab ich lieb

Die Leidenden und Kranken hab ich lieb,

die seufzend nachts auf ihrem Lager liegen,

und die von Liebe tief im Mark durchglüht,

nicht wissen, wie sie recht sich sollen fügen.

 

Und ich erkenne eine Schar von Frauen,

still wandelnd über buntgeblümte Wiesen,

die immer leuchtender noch anzuschauen,

als ob sie wandelnd sich verwandeln ließen.

 

Ja wandelnd halten sie Verwandlung aus,

bis sie erreicht der Himmesfeste Stufen,

zu einem unzerstörbar neuen Haus.

Hilf Liebe, dass ich anders nie werd rufen:

 

"Was du gepflanzt in mir zu deinem Preise,

Hilf, dass ich nie der Liebe Trieb ausreiße!"

23. Namen

Wie können Namen nur so zauberhaft

verborgen Schlummerndes plötzlich erwecken!

Mehr als ein Krieger braucht an Mut und Kraft,

den Sohn der Thetis ruhmvoll hinzustrecken,

 

so fasst´ mich Mut, ich rief die Bitte aus:

"O Liebe komm, lehre mich deine Namen!"

Dann ging ich achtlos hin, als ging´s nach Haus,

und sprach, als betete ich Amen, Amen.

 

Doch nicht nach Hause ging´s. Sehr weit entrückt

war ich vom Ort, wo eben ich gestanden,

hauslos ging ich, doch überaus verzückt

im Namen, der mich hielt in seinen Banden.

 

Und ging, von Sehnsucht trunken, tief berührt

des Weges hin, der nicht zurück mehr führt.

24. Erst wollt ich helfen

Erst wollt ich helfen. Froh und unbefangen

hofft ich für dich schon etwas zu erreichen,

allein mir waren keine guten Zeichen

des Wegs errichtet, den ich hingegangen.

 

Was kann ich tun noch, was denn noch erlangen?

Zurück zu reißen Schicksals schwere Speichen

winktest du ab. Vergeblich ohnegleichen

hatt´ ich mich selbst in meinem Tun verfangen.

 

Mit unerfülltem Wolln allein gelassen,

unwissend wie sich alles mir noch löse

im Herzen Zwiespalt, tiefgestörten Frieden,

 

weiß ich mich anders nicht als so zu fassen,

tu recht das Schlechte, tue gut das Böse

und geb zuletzt auch so mich wohl zufrieden.

25. Was sprecht ihr mir nur immer widersprüchlich

Was sprecht ihr mir nur immer widersprüchlich,

als hätt um solches Sprechen ich gebeten?

Was treibt euch an, Schmerz stachelnd fortzureden,

als wärs das Beste für mich unverbrüchlich?

 

Ist das die Wahrheit, die dem Gott ihr schuldet,

den man ans Kreuz gehängt und totgetreten,

dass euch nur gut dünkt fromm dankbares Beten

und ihr kein Stäubchen Unmut an mir duldet?

 

So lasst mich denn allein. In mir tief drinnen

kann ich die Wahrheit ungestört einsaugen,

des Herzens Widerspruch durchdringt mich prächtig:

 

Ich bin bei mir, ich kann mir nicht entrinnen,

kaum muss ich ja verschließen meine Augen,

so zerrt und reißt´s mich tosend übermächtig.

26. Der Irrgeist

Die Alten sagen, wenn die Tränen stocken,

dann sei des Menschen Seele im Verschwinden,

die Augen stumpften ab bis zum Erblinden,

das Herz versteinere zu einem Brocken.

 

Am Wegrand, im Gebüsch seh man sie hocken,

gespenstisch irr, als böser Geist zu finden,

so trieben sie in ihren vielen Sünden,

streng sei zu meiden alles Flehn und Locken.

 

So hört denn, Brüder, oder besser noch,

lasst auch dies bleiben, bleibt mir nur ganze ferne!

Nichts Totes sollt besorgen ihr, noch lieben!

 

Denn ich bin tot. Verscharrt noch nicht im Loch!

Ein Geist, dem tränenlos der Augen Sterne,

derweil der Liebsten Augen müd sich trüben.

27. Vergeltung

Wenn einst ein jüngst Gericht sollte ertönen,

wie wünscht ich dies, wie lacht ich der Posaunen!

Dem neuen Lebensgeist recht zum Erstaunen

wüsst´ rasch ich mich der Ruhe zu entwöhnen.

 

Nichts ferner läg mir, als mich zu versöhnen!

Der meine liebe Frau zu Tode haute

und mit ihr mich und alles mir Vertraute,

er sollte mich nicht abermals verhöhnen.

 

Ihn wollt´ ich packen, zerren an den Haaren,

aus seinem Dämmerschlaf halb erst beendet

entriss ich ihn des Grabes sanftem Himmel.

 

Und alle Welt sollt´ es durch mich erfahren,

wie er der Liebe Eigentum geschändet,

im Ohr der Totenglöckchen schön Gebimmel.

28. Genug der Strophen für das Endgericht

Genug der Strophen für das Endgericht

Müsst ich sie alle deinem Ohr einsingen,

es müssten ständig neue dir erklingen,

chaotisch klebt noch Finsternis am Licht.

 

Denn treibt uns einmal auch das Böse nicht,

so kommt doch Ohnmacht mit uns fort zu ringen,

du strebst nach Gutem, willst das Gute bringen

und fällst, kaum dass du´s merkst, schon aus dem Gleichgewicht.

 

Die Waage sinkt. Unmutig muss ich schauen,

wie sie hinsinkend stetig teilt die Zeit,

in dunklen Nächten teilend dunkle Stunden.

 

Und ahn die Todeswehen meiner Frauen.

Geliebte du, so stirb mit mir im Streit.

Das Endgericht hat ja schon stattgefunden.

29. Ihr Frauen, die ihr kaum mehr gern mich duldet

?Donne ch´avete intelletto d´amore? (la vita nuova)

 

Ihr Frauen, die ihr kaum mehr gern mich duldet,

wo eure Blicke feindlich mich anklagen,

ob auch mit Recht ihr solches Tun mir schuldet,

lasst doppelt nicht der Liebe Schmerz mich tragen!

 

Tief hab ich meinen Unwert ja empfangen,

als sie mich wert gemacht zu ihrem Preise,

worauf nun aber richt´ ich mein Verlangen,

dass ich mich wiederfind´ auf unsrer Reise!

 

Nachdem zu helfen ich falsch angefangen,

bedrücken mich kaum endend neue Schulden.

Was ich erreichen mag, was noch erlangen,

ich weiß es nicht, mag ich mich denn gedulden.

 

Einst werdet ihr gewiss um mich auch klagen,

wenn ich erduldet, was ich musste tragen.

30. Was klagst Achilles du

Was klagst Achilles du, rufst deine Klage

ins laut Aufrauschende der Meereswogen,

beweinst die kurze Spanne deiner Tage

als hätt´ ein Gott um´s Leben dich betrogen.

 

War´s Agamemnon denn, der dir den Frieden

geraubt, weil er das Mägdlein dir genommen,

dass rasch die Mutter Thetis, die Neriden

aus dem Palast des Meeres mussten kommen?

 

War´s nicht Briseis selbst? Die goldenen Haare?

Ihr Bildnis, das zutiefst dich schon bezwungen,

dass wie ein Toter du schon auf der Bahre

dich unwert fühltest, tief von Schmerz durchdrungen?

 

Kann denn ein Liebender was für sich gelten,

Und hätt erobert er zehntausend Welten?

31. Was gabst du, Herrin, mir denn zum Entgelt

Was gabst du, Herrin, mir denn zum Entgelt,

dass heimlich du mir einen Angelhaken

als Speise gabst, der in mir grimme Plagen

dauernd erschafft und elend wach mich hält?

 

Doch freilich, als du Helena, das Reis,

Paris, dem dunklen Helden hattst versprochen,

da hattst zugleich geschaffen und zerbrochen

sein Glück ihm, der dir gab der Schönheit Preis.

 

Noch hatten Priams Fraun ihn nicht geschaut,

da folgten ihm schon Krieg und Krieges Flammen

und Troja sank mit Priams Burg zusammen

und übrig blieben nur Wehklagen laut.

 

Wer kann ertragen, Herrin, solche Huld?

Dein Glück ist Unglück, deine Gabe Schuld.

32. Wärst Liebe du nur eitel selig Wähnen

Wärst Liebe du nur eitel selig Wähnen,

List der Natur, die leidenschaftlich drängt,

dahinter Nichts, kein göttlich schönes Sehnen,

kein Götterlächeln, das uns hold umfängt?

 

Wär aller Schmuck und alle feine Rede,

die schicklich schön die Liebesgöttin preist,

der Kranz im Mädchenhaar, die Syrinxflöte

nur eitel Blendwerk, das die Zeit zerreißt?

 

Wär hoffnungsvolles Denken, Dichten, Sinnen

nur Selbstbetrug im Dienste der Natur,

und ließ sich für die Liebe nichts gewinnen

als Herzensungenüge, Trübsal nur?

 

Und wär es so und nichts sonst wär daneben,

schafft´ Raum der Liebe ich, verschafft´ ihr Leben.

33. Euch Mädchen will ich leise anvertrauen

Euch Mädchen will ich leise anvertrauen,

wie oft ich mich gar bitterlich muss grämen,

weil, statt zu kosen meiner Liebsten Brauen,

ich aufbraus wild, ihr Antlitz zu beschämen.

 

Ich, der ich roh, unwirtlich bin geblieben,

Ein eckig Felsgestein, hart, unbehauen,

Und doch verlangt zutiefst drin mich, so zu lieben,

dass sie mich zarter, sanfter möchte schauen.

 

Und habe doch der Liebe Kunst erfahren,

die uns umwandelnd höher bildet, feiner,

die Sinne schärft, die rau und blöde waren,

des Herzens Flächen glättet klarer, reiner.

 

Helft Mädchen mir, Anmutiges zu erspüren,

mit frischem Grün die Liebe zu verzieren!

34. Seh ich den Sommer jetzt zu Ende gehen

Seh ich den Sommer jetzt zu Ende gehen,

Im Nebeldampf die bunte Welt verblassen,

so dünkt mich, als ob im Vorübergehen

mich rasch noch eine Frage wollt erfassen.

 

Liebe, wo führst du hin? Du schweigst und lächelst,

verhüllst dein Angesicht mit deinem Kleid?

Ich hör´ dich schluchzen, seh, wie du zufächelst

der Liebe Tröstung zu des Weg-Gangs Zeit.

 

O Unverstand, das Ferne zu erkunden,

o Unverstand, Kommendes zu erschauen

bis einst vorüber sind des Leidens Stunden, vergebens wär´s, nichts lässt sih darauf baun!

 

Ist auch das Ende schrecklich, lass das Fragen,

lass ab, vergebens wärs, darauf zu bauen.

Herz, du musst wandernd nichts als Liebe wagen!

35. Helltönender Apollon

Helltönender Apollon und ihr alle,

Töchter des Helikon, die ihr entzückt,

dass lieblich bei der Pauken Festgeschalle

zum Einzug euch des Chores Reigen glückt!

 

Kommt, setzt den Fuß nun auf die Blumenweide,

die asternbunt für euch ich schon geschmückt.

Wie sich die Nacht erfreut im Sternenkleide,

sei dieser Tag goldstrahlend auch gepflückt.

 

Kommt, nehmt die Seele, willig einzusingen,

dass sie sich nährt von eurem süßen Sang!

Wenn eure Weissagungen uns erkingen,

Herrscher Apollon, ist mir nimmer bang.

 

Strahlender Liebe töne süß Enthüllung:

Seele ist Sehnsucht ganz, Liebe Erfüllung.

 

 

 

Sonette nach dem 30. August 2012

 

36. Wie wird mir doch das wunde Herz zerrissen

Wie wird mir doch das wunde Herz zerrissen,

geh ich die Wege, die wir einst gegangen,

als mit der Liebe unerfülltem Bangen

Hoffnung zugleich erfüllte das Gewissen.

 

Ja zwischen hoffnungsvollen Herzens Beben

erschau ich wieder, was wir einst begonnen,

als Liebste du geschöpft aus reichem Bronnen

lebendigen Lebens Trank du mir gegeben.

 

Und bin jetzt kraftlos, krank, bin ohne Wissen,

vermag den rechten Weg nimmer zu sehen,

und will mit dir, Liebste, doch weitergehen,

von Liebe trunken trotzend Hindernissen!

 

Dass nicht zerrinnen die Erinnerungen,

gib Liebste du mir Zeichen, gib mir Zungen!

37. Ihr, die ihr schwelgt in süßer Liebe Leben

Ihr, die ihr schwelgt in süßer Liebe Leben,

auch mir war einst solch Leben zugefallen,

dem Glücklichsten der Erdensöhne allen,

nichts, was das Glück mir nicht hätt zugegeben.

 

Doch nun, da alles mir hinweggenommen,

was nie das Herz, was nie der Mund soll nennen,

nun kann auch ich mich selbst kaum mehr erkennen,

noch was an Gutem auf mich zu mag kommen.

 

Es sei denn dort, dort drunten wär´s zu finden,

wo ich dich finde, Liebste, dich zu lieben.

Fast wie von Jünglings Eifersucht getrieben

drängt michs, das Reich der Schatten zu ergründen.

 

Und mag ein Dämon mit dem Schwert mir wehren,

nichts soll mich hindern, dir nur zu gehören.

38. Sollt es für uns noch eine Heimat geben

Sollt´ es für uns noch eine Heimat geben,

in der wir wieder uns zusammenfänden,

wie wollt ich alle meine Kraft dran wenden,

wie in der Rückkehr nur zu dir ich leben!

 

Doch wär gesetzt, dass nichts mehr uns kann heilen,

nichts in Äonen aus dem Tod kann retten,

dann Liebste lass an dich mich ewig ketten,

Süß wär das Nichts dann auch mit dir zu teilen.

 

Nicht viele sind, die großer Lieb gehuldigt,

Und wohl auch ich wär nimmermehr zu preisen,

hättst Liebste du mich nicht mit dir getragen.

 

In dir nur, Liebste, bin ich ja entschuldigt!

Und dass noch immer Liebster ich darf heißen,

lass deinem leidzerschundenen Herzen klagen.

39. Euch, denen einst das Liebste war gegeben

Euch, denen einst das Liebste war gegeben,

was je man nur vom Leben kann verlangen,

die ihr als Liebesunterpfand empfangen

ein eigenes Kind zu einem eigenen Leben:

 

Ein wunderbares Spiegelbild der Liebe

Wuchs auf bei euch, anvertraut eurer Hut,

das euer Leben machte reich und gut;

doch dann kam ich, zur Nachtzeit, wie die Diebe.

 

Und sah die Liebste, mich ihr zu verbinden,

von diesem Kleinod bis ins Mark getroffen,

ich, nur ein Nichts, ob ich gleich durfte hoffen.

 

Lasst nun in eure Gräber euch verkünden:

Ihr habt des Lebens Liebstes einst bekommen,

doch mir ward jetzt dies Liebste weggenommen.

40. Nichts und alles

Ich sag zu euch: "Ihr seid mir darum wert,

weil ihr Geschwister meiner holden Braut!"

Und ihr: "Wert bist du uns, weil dich erschaut

die Schwester und als Bräutigam begehrt!"

 

Dies dünkt gerecht und gleich, als stift es Frieden,

Ein Urteil, damit alle können leben,

den heißersehnten Frieden uns zu geben.

Und doch, wie ungleich hat der Tod geschieden

 

Ihr zieht dahin wie bisher eure Straßen,

freut euch und seid vergnügt mit euren Frauen,

ich aber wein um meiner Liebsten Brauen,

beraubt des Lebens über alle Maßen

 

Im Falle meines unsagbaren Falles

Habt ihr verloren nichts, ich aber alles.

41. Trugbild

Weh, welch ein Bild will Liebste mich betrügen,

entsetzt, entstellt, entblößt in Todesqualen,

versucht es sich den Augen einzumalen

in gottverlassenen, verzerrten Zügen.

 

Nie konnten meine Augen so mir lügen

wie dieses Foto, achtlos aufgenommen,

als auf dich zu den Würger du sahst kommen,

dem jeder von uns einmal muss erliegen.

 

Wie ein Objekt, zum Sterben eingefunden,

ohn´ alle Liebe, nüchtern, kalt, vermessen,

schnell abgehorcht und ausgezählt, vergessen

um Mitternacht, in böser Klinik Stunden.

 

O Liebste du, du Liebste du aller Frauen!

Verflucht das Auge, das so kalt kann schauen!

42. In hoher Kunst geübt könnt ich wohl schreiben

In hoher Kunst geübt könnt ich wohl schreiben

über die Liebe, doch es würd nichts nützen;

die meine Seele mir besetzt, besitzen

das Liebste auch; ich kann sie nicht vertreiben.

 

Wen hab ich denn geliebt, um wen geworben,

um wessen Hand, dass sie mir ward gegeben,

um neuerschaffen nur der Lieb zu leben,

und nun wär alles ausgelöscht, erstorben?

 

Wie viele Jahre waren wir beisammen?

Wie wenige muss ich wohl besser fragen,

wo ich der Liebe Auszug muss beklagen,

den ich noch seh im letzten Liebesflammen.

 

Komm Liebste, komm, mir Liebe zuzuflüstern!

Erebos Schatten mir die Lieb verdüstern!

43. Nie gab die Hoffnung auf ich

Nie gab die Hoffnung auf ich, zu erleben

den nächsten Tag noch, still an deiner Seite,

ob auch zu Ängsten Anlass stets gegeben

der Krankheit unberechenbare, grimme Meute.

 

Hab der Verzweiflung nie mich überlassen,

hab früh am Morgen fleißig schon gesungen,

die Wiederkehr des Tages zu erfassen,

vom ewigen Leben unbeirrt durchdrungen.

 

Nun aber steh ich da, kann nicht begreifen,

wenn sich ein neuer Tag im Osten zeigt

und wenn die Sonne hoch zum Himmel steigt,

wem wohl der Tag noch mag entgegenreifen.

 

Nichts Hoffnungweckendes entströmt dem Herzen.

Und was einst freute, kann jetzt nur noch schmerzen.

44. Wie wunderbar dein Leib und deine Seele

Wie wunderbar dein Leib und deine Seele,

dein sichtbares und unsichtbares Kleid,

Wie wunderbar in dir sich wollt vermählen

das Herz der Zeitlichkeit mit Gottes Zärtlichkeit.

 

Wo nehm´ ich her das Kleid, dich anzuziehen,

woher die Schuhe, artig zum Entzücken,

und deinen Schmuck woher, dich schön zu schmücken

zum Fest der Schöpfung, meine Tänzerin?

 

Gewiss, ein Mann ist vieler Frauen Dieb.

Der Schönheit zu Gefallen, die er sieht,

singt, kann er singen, wohl so manche Lieder.

 

In dir, du Zauberin, hatt´ ich sie alle lieb.

Doch du allein bleibst schön, was auch geschieht,

an deiner Seele, Liebste, kenne ich dich wieder.

45. Auch wir ja spielten, Liebste

Auch wir ja spielten, Liebste, viel Verstecken,

was wär das Leben auch ohne ein Spiel?

Wie suchten wir ein Selbst uns zu entdecken

und was vom Baume der Erkenntnis fiel.

 

Nichts Peinsames konnt zwischen uns je walten.

Wie Kindlein liebten wir uns, Frau und Mann.

Wie Kindern war vergönnt, uns zu entfalten,

hielt manchmal pochend auch der Atem an.

 

Dann aber wie im Schauspiel mit den Jahren

sahn wir der Liebe tausendfältige Macht,

wie sie das menschliche Geschlecht erfahren,

eh es des Wegs gezogen in die Nacht.

 

Mocht ich auch tausend Liebchen in dir lieben,

nie konnt ein Meineid unsre Liebe trüben.

46. Wenn nächtens ich auf meinem Lager liege

Wenn nächtens ich auf meinem Lager liege,

wo du mir fehlst, bedenkend, was mir fehlt,

und Liebste schon, weil du mir fehlst, mich quält,

dass nicht dem kleinsten Dienst ich mehr Genüge.

 

Kam ich vom Einkauf, eilend wie ein Dieb,

"Alles ist gut", rief ich, "bin wieder da!

Mein Schätzchen, du!" und eilte dir ganz nah

und küsste dich und hatte dich sehr lieb.

 

Doch nun! Was mach ich, will ich dich auch pflegen,

was meine Beine, die für dich gegangen,

was meine Arme, die dich fest umfangen,

und was mit meinem Mund, auf deinen Mund zu legen?

 

Wie schrecklich, dass ich nimmer kann beweisen,

dass ich dein lieber Schatz doch möchte heißen.

47. Im Halbschlaf morgens

Im Halbschlaf morgens, eh ich mich erhebe,

geh ich den Tag noch durch still in Gedanken,

dass nichts mir bringt mein Tagewerk ins Wanken

und ich ein Laken dem Laertes webe.

 

Und wie ich´s dreh und wend und ich beginne,

und ich mir alles sorgsam anbequeme,

ist mir, als ob ein Atmen ich vernähme,

Liebste von dir, und horch und halte inne.

 

Und denk: ?Sie ist schon wach, sie kann dich hören,

und wartet nur, bis du ans Bett gebracht

ein Küsschen ihr, ihr guten Tag gesagt,

will nur in deinen Kreisen dich nicht stören!?

 

Doch steh ich auf, seh nach, ist´s nur das Kissen,

auf dem dein Kopf gelegen, mich zu küssen.

48. Die Krankheit, Liebste, die zu Tod dich schlug

Die Krankheit, Liebste, die zu Tod dich schlug,

ich lügte ja, tät ich was andres kund,

von Grund auf schon der Liebe Stempel trug,

gewichtigem Grund weicht stets ein nichtiger Grund.

 

So stieg ich, Liebste, auf von dir gehoben,

stieg, Liebste, ständig auf in deinem Licht,

bis ich mich sah in deinem Lichte droben,

geliebt von dir in deinem Angesicht.

 

Dass ich für immer Liebster dir darf sein,

nun ich von dir den schönsten Kranz bekommen,

leise beklag ich meiner Liebe Glück.

 

Dass ich dein Liebster wurde, du allein

hast es geduldig ja auf dich genommen,

hobst mich empor und kehrtest heim zurück.

49. Wenn alle Meere dir durchs Auge träten

"Wenn alle Meere dir durchs Auge träten,

Dann wär die Liebste wieder bei dir da!"

Spräch so ein Gott, augenblicks sagt´ ich "Ja!"

Und wollt in Dankgebeten zu ihm beten.

 

Geduldig packt ich´s an und ohne Säumen,

kein Sisyphus könnt sich geduldiger mühn,

kein Jüngling, wenn im ersten Lieberglühn

er von der Liebsten Hand beginnt zu träumen.

 

Ja, weinen wollt ich stets und auf dich warten,

ob auch Jahrtausende zögen dahin,

und mich bemühen auf dies Ziel nur hin,

als Quell lebendigen Wassers aus dem Garten.

 

Und müsst im Tränenstrom ich auch erblinden,

würd heil ich dich bei mir nur wiederfinden.

50. Unfassbar ist das Leben

Unfassbar, ja unfassbar ist das Leben!

Noch unfassbarer aber ist der Tod!

Nichts, sagt man, kann dem Herrn des Tods man geben,

ihm zu entringen Liebstes aus der Not.

 

So kehr ich denn dem Totenreich den Rücken,

wend mich hinauf, wo mächtiges Leben ist,

ob mir ein Adlerflug hinauf mag glücken,

kurz ja ist nur die uns gegebene Frist.

 

?Hört mich im Haus des Lebens, könnt ihr hören!

Hört mich dort droben, denn mich reißt´s unbändig,

ob ich auch keine Freudenbotschaft künde!

 

Verflucht sein will ich, wenn ich das verwinde,

macht nimmer ihr die Liebste mir lebendig,

muss auch mein Wort den Frieden euch verstören!?

51. Nun stürmet Winde, Regen rauscht hernieder

Nun stürmet Winde, Regen rauscht hernieder,

von allen Enden tost und braust herab!

In wilden Schauern dient dem Chaos wieder

Über der Erde aufgewühltem Grab!

 

Reißt nieder Mauern, Breschen bohrt den Dämmen,

höhlt aus die Berge, Raum gebt wilder Flut,

dass Sintflut mag die Erde überschwemmen

und aus der Erde schwemmen jedes Gut!

 

Reißt nieder, bis die Götter selbst entfliehn

zum höchsten Himmel irrend voller Schrecken,

ein kleines Häuflein, keiner weiß wohin.

 

Dann will den Morgen neu ich dir erwecken!

Dann Liebste komm und lass dich an mich ziehn!

Und mit der Küsse Sturm will ich dich decken!

52. Da les ich nun in unsren einstigen Briefen

Da les ich nun in unsren einstigen Briefen,

Trost suchend, wo nur Untrost gegenwärtig,

und les, ob nicht die Zeiten mir entschliefen,

die drum herum längst aufgehäuft und fertig.

 

Und hab ein Weilchen ich mich eingelesen,

in unsre Liebe neu wieder versenkt,

ist mir, als wär das gestern erst gewesen,

Und heute wär der Tag, der dich mir schenkt.

 

Als bät ich, Liebste, dich um unser Glück,

um deine Liebe, Liebste, bät ich da!

Was für ein Glück, Liebste, dass ich´s nur sage!

 

Und doch zugleich, was für ein Missgeschick,

Dass ich dein Glück verliere tritt mir nah,

und alle Gegenwart wird Glück und Klage!

53. Sie werden sagen, wenn sie hingekommen

Sie werden sagen, wenn sie hingekommen

zum Grab, das schmuck- und namenlos gestaltet,

dass meine Liebe schauderschnell erkaltet;

und schütteln werden sich die lieben Frommen.

 

Ich aber werde sagen: ?Weg die Sorgen!

Morgen schon spreng den Schutt ich in die Höh!

Ja, morgen ich die Liebste wiederseh!

Wahrlich das alles wird geschehen morgen!?

 

Dann werden fort sie um ihr Leben rennen,

des Wahnsinns und der Lästerung mich zeihn,

mich weisen schnell in eine Anstalt ein.

 

Und Ärzte werden meinen Fall erkennen,

und werden mir bis fünf behilflich sein,

bis ich die Zahlen kann der Reih nach nennen.

54. Wie wahr hat Aischylos doch einst gedichtet

Wie wahr hat Aischylos doch einst gedichtet,

dass Mitleid überall billig zu haben,

weil man vor Unglücks Bürde leicht sich flüchtet

mit schnell erteilten Floskeltrostes Gaben.

 

Leids Biss trifft nicht ins Herz dem Stolz der Tugend.

Des Mitleids Spendern angenehm gedeihen

des Lebens Mut und Lust und neue Jugend,

die Götter ihren Günstlingen verleihen.

 

Doch auch die Lieder, die dem Herz entstammen,

dem tiefzerbissenen, zutiefst zerstörten,

die fort und fort das wunde Herz verdammen,

gehören zu dem ewig Ungehörten.

 

Die Liebste nur, der ich sie zugesungen

versteht des Geists untröstlich schwere Zungen.

55. Bei mir ist alles Ja jetzt oder Nein

Bei mir ist alles Ja jetzt oder Nein.

Ein eng und streng ausschließendes Verhalten,

weil lieber fern den anderen ich möchte walten,

als meiner Liebsten ferngerückt zu sein.

 

Anders du Liebste! Ließest stets gewähren,

mocht einer auch sich geben, wie er wollte,

niemals dein Herz ob eines Mangels grollte,

den Menschen wusstest du im Mensch zu ehren.

 

Warst nur zu dir so unerbittlich strenge,

nein, strenge nicht, für dich war´s keine Enge,

du warst gewohnt ja, über dich zu sehen.

 

Kein Laut der Klage, ruhig und geduldig

gabst du dem Leben, was du ihm warst schuldig,

und gingst dahin, als wäre nichts geschehen.

56. Wie sehr verlangte mich zu deinem Preise

?Ich such ein sehnend Herz, in dessen Wunde

Ich gieße meines Trennungs-Leides Kunde.? (Dschalal ad-Din ar-Rumi)

 

Wie sehr verlangte mich zu deinem Preise,

des Herzens Siegel, Liebste, aufzubrechen,

um einmal noch auf wunderbare Weise

zum Preis der Liebe Liebstes auszusprechen!

 

Doch keiner war bereit, mich zu begleiten,

einstimmend sich auf festlichen Gesang,

so zog ich durch die Straßen, durch die Zeiten

nachdenklich still, doch nie im Herzen bang.

 

Jetzt aber lass mich mit dem Schöpfer singen

spät in der Nacht, wo noch die Wälder schlafen

der Schöpfung ewig neues Morgenlied!

 

Lass mit der Liebe mich noch einmal ringen:

Gepriesen sei der Tag, wo wir uns trafen,

was immer auch geschah und was geschieht.

57. Mein Liebling

Ich sag zu dir: ?Mein Liebling du, mein Kind,

mein Schätzchen du, du meine holde Braut!?

Denn all das bist du ja, seit du mir angetraut

und wir einander eins geworden sind.

 

Was auch noch kommen mag, was auch geschieht,

für immer, Liebste, bist du mir geblieben,

ob rastlos auch die Zeit vorüberflieht,

für immer, Liebste, fest mir eingeschrieben.

 

Sind ferngerückt auch über 40 Jahr,

der Wüstenwanderung Zeit, ein Leben gar,

mir fremd geworden heimatliche Pfade:

 

Ich bin erfüllt von dir, du bist mir nah.

Mein Leben deines ists, du weißt es ja,

Und meine Hoffnung deine Huld und Gnade.

58. Unfähig ganz im Festen zu verweilen

Unfähig ganz im Festen zu verweilen,

schwank ich dahin wie in der Jugend Zeiten

und seh mich närrisch hier und dorthin eilen,

als wär noch Widerspruch zwischen uns beiden.

 

Als hätten noch Entscheidungen zu reifen

um Dinge, die noch dringend zu benennen,

und wir, wir könnten uns erst recht begreifen,

würden als treu erprobt wir uns erkennen.

 

Und haben doch den Lebensweg genommen

in unbeirrtem Glauben, uns vereinigt

zum Schöpfungsfest, es war ja nicht vergebens.

 

Und ist auch Leiden viel auf dich gekommen

und war ich fern auch, als dich Not gepeinigt,

Liebste verzeih, du Liebste meines Lebens.

59. Da bist du Kind im Bilde nun bei mir

Da bist du Kind im Bilde nun bei mir,

lieblich in deiner Lieblichkeit zu schauen,

und ich, ein alter Greis, ich schau zu dir

gebannt in deiner Jugend Frühlingsauen.

 

Die Kindheit hab ich nicht mit dir verbracht,

Und auch des Alters Teil blieb uns verwehrt,

Unruhig wechseln nur noch Tag und Nacht,

da Liebste, dein Verlust im Herz mir zehrt.

 

Da bin ich, Kind, nun und du schaust zu mir

fein lächelnd, mich ermunternd, wie ich meine;

und ich, ein alter Greis, ich schau zu dir,

Und schau dich an untröstlich nur und weine.

 

Kindheit und Alter mag ein Gott uns segnen,

wenn lächelnd, weinend so wir uns begegnen.

60. Wie sucht ich deinen Namen einzudrücken

Wie sucht ich deinen Namen einzudrücken,

mir einzuprägen, fest ihn zu behalten;

du ließst es zu, wie man ein Kind lässt pflücken

viel schöne Blumen, Kränzchen zu gestalten.

 

Und nanntest auch die vielen süßen Namen,

mit denen dich die Eltern einst geschmückt;

doch ob sie alle auch zu Ohr mir kamen,

blieb noch ein allerletzter mir entrückt.

 

Erst als die Zeit der Prüfungen verflossen,

bereit zu kommen, wenn in Not ich riefe,

hast deinen vollen Namen mir erschlossen,

?Dein Juttchen? siegelnd fortan deine Briefe.

 

Ich aber wusste, nichts mehr würde stören

im Herzen mir, nun ganz dir zu gehören.

61. Denk nach ich, Liebste, was ich einst getrieben

Denk nach ich, Liebste, was ich einst getrieben

in Tagen früh, kaum dass ich dich gefunden,

als stürmisch ich beweisen wollt mein Lieben

und ich mit Not und Drangsal dich umwunden,

 

Und denk ich nach, wie es mir dann gelungen

In deiner Gegenwart mich zu befreien,

von der Bewährung Liebe sanft bezwungen

zu lebenspendendem festem Gedeihen

 

Dann seh ich überm Berg hellauf erstrahlen

des Morgensterns glückbringend frühes Zeichen,

und such nach dir, mit Küsschen heimzuzahlen,

wo, Liebste, ich dich wieder mag erreichen.

 

Haben wir nicht für Zeit und ewiges Leben

ein unverbrüchlich Wort uns einst gegeben?

62. O Liebste du, Mai-Sonne meiner Welt

O, Liebste du, Maisonne meiner Welt!

Unsagbar ist´s, wie sehr ich dich vermisse,

wenn morgens früh, dein Bild, mir aufgestellt,

dein liebes Bild ich voll Verehrung küsse.

 

Nachts aber, wenn das Herz mir überquillt,

und herbstlich düstre Nebel es umhüllen,

such ich mit Zügen still aus deinem Bild

die blutend offene Wunde mir zu stillen.

 

Mitunter dann ein Tiefschlaf überfällt,

ein bilderloser, mich, ein stiller, guter;

dann ist mir schlummernd sanft, von dir erhellt,

als wärst bei mir, als Schwester, du dem Bruder.

 

O, Liebste du, bis dass es tief gestillt

lass ruhn das Herz, das ganz in dir sich füllt.

63. Was müh ich mich

Was müh ich mich und dichte schöne Zeilen,

wo mir der Kenner, mir die Liebste fehlt,

mit der die Augenblicke ich konnt teilen,

die stets beim Schreiben ich mir auserwählt.

 

Hätt ich auch Kraft, Geheimstes aufzuspüren,

verschafft die Straßen ihm der weiten Welt;

und könnt ich spielend noch die Saiten rühren,

dass es das Weltenelend noch zerspellt:

 

Find ich nicht dich, all Glück ist ja zerronnen.

Wo du nicht bist, bietet nichts schön sich dar.

Und hätt der Weisen Beifall ich gewonnen,

ein Narrenthron wärs nur fürs nächste Jahr.

 

Ja, würd mit Engelszungen ich auch dichten,

fänd ich nicht dich, ich würd mich selbst vernichten.

64. Erbärmlich ist ein herrschaftliches Leben

Erbärmlich ist ein herrschaftliches Leben,

das im Befehlen findet seine Lust!

Den Wunsch, sich einem Höheren hinzugeben,

löscht aus, zerstört es, kennt nur ein ?Du musst!?

 

Wie anders ist der Liebe hold Bestreben;

sie schreit nicht, kommandiert nicht, ist dir nah,

weiß herrlich liebenswert dich zu erheben,

als wär dein besseres Selbst schon immer da.

 

Und weißt du ihre Freiheit zu ergreifen,

dich einzuüben still in ihre Macht,

wirst du am Herzen deiner Liebsten reifen,

bis der Befreiung Wunder ist vollbracht.

 

O süße Knechtschaft, in der Liebe weilen

und mit der Liebsten Gottes Liebe teilen.

65. Seit, Liebste, du nur ferngerückt noch nah

Seit, Liebste, du mir ferngerückt nun nah,

ist mir der Ring am Finger doppelt teuer,

in ihm besitze ich den Schlüssel ja,

mit dem des Lebens Leben ich erneuer.

 

Ich weiß ja Liebste, wie den Weg ich finde,

wenn endlich ich aus diesem Elend reise,

brauch keinen Pionier, dass er mirs künde,

und keines schlachterprobten Heers Beweise.

 

Einsam wie einst die kühnsten Ritter zieh ich

den Weg hinaus aus all der goldnen Pracht,

des Weltgetriebes Ruhm und Prunk entflieh ich,

dorthin, wo neu das Haus uns ist bedacht.

 

Und ruf, den Ring am Finger, Liebste, dir,

und wo du bist, tut auf sich mir die Tür.

66. Sprecht mir von meinem Liebchen

Sprecht mir von meinem Liebchen, bitt euch sehr,

sprecht immerfort, was Liebe euch gibt ein,

sprecht mir von ihr als von der Liebe Meer,

das mit der Wogen Gang mich will erfreun.

 

Sprecht immerfort, wie an die Ufer weit

die Wogen drängen, hin zum Ufer hold,

und wie des Ufers Sand und Seligkeit

die Woge glücklich rauschend überrollt.

 

Und ist´s auch nicht ganz so, kann´s so nicht sein,

weil anders nun mein Liebchen in mir lebt,

sprecht immerfort mir nur, wie Liebchen-fein

sich sorgenvoll in mir sich senkt und hebt.

 

Sprecht immerfort, was Liebe euch gibt ein,

Und denkt wie Sand und Meer uns stets zu zwein.

67. Wie oft hast du nicht vor des Schlafens Stunden

Wie oft hast du nicht vor des Schlafens Stunden

mir, Liebste, noch ein gutes Wort geschrieben,

das, wenn ich morgens früh es aufgefunden,

als Liebespfand mir durch den Tag geblieben.

 

?Im Angesicht der Sterne wohnt ein Schweigen,

das auch uns Menschen ruhig macht und frei.

Wärst Liebster du nur da, es dir zu zeigen!?

So schriebst du einmal, fügtest dann noch bei:

 

?Nun leg ich nieder mich, nun geh ich schlafen.

Schlaf Liebster du auch, ruh auch du dich aus!?

So war das damals, als wir uns noch trafen,

zu schließen einen Bund im Erdenhaus.

 

Jetzt heb die Augen auf ich zu den Sternen,

ob du mir Hilfe bringst aus weiten Fernen.

68. Gäb mir ein Gott zu sagen, was ich leide

Gäb mir ein Gott zu sagen, was ich leide,

müsst ausgelitten sein, wär es gesagt;

doch was auch immer ich im Wort erstreite,

drängt nur noch schärfer vor das, was mich plagt.

 

Ein sanfter Lufthauch wohl, Vergessen lind,

weht, schreib ich nieder, ob´s mir was mag taugen;

doch steht´s geschrieben, bläst der nächste Wind

und beizt die nächsten Tränen aus den Augen.

 

Im Abgrund ist kein Boden zu erlangen.

Umsonst, sich einen Ausweg zu erraffen,

umsonst, sich einen Anfang zu erfangen,

ermüden muss ich, muss im Leid erschlaffen,

 

Nur so käm Rat, käm Hilfe mir im Bösen,

kämst Liebchen du, mich aus der Haft zu lösen.

69. Liebste, Du meine Sonne, ich dein Mond!

Liebste, Du meine Sonne, ich dein Mond!

In großem Bogen seh ich ihn jetzt eilen

als Vollmond durch die Nacht, wo wir gewohnt,

über das Haus hin, das wir nicht mehr teilen.

 

Als sucht´ im Herbst er nach Erinnerungen,

beschaute das Gelände weit und breit.

Doch nein! Sieh nur! Er zieht Erkundigungen

auf Frühlings Bahn ein nach der Winterzeit.

 

Ja, Liebste, auch der Winter wird vergehen

mit Eis und Schnee und all der Notdurft Qualen!

Dann wird man wieder uns beisammen sehen,

bei Tag und Nacht von neuem uns umstrahlen.

 

O Liebste du, mein Licht und meine Wonne!

Dein Neumond ich, du meine Frühlingssonne!

70. Der ich am Herzen, Liebste, dir geruht

Der ich am Herzen, Liebste, dir geruht,

wie wär bei dir ich jetzt wieder so gerne,

jetzt, wo der Tag erwacht und aus der Hut

der Nacht sich löst. Und trittst mir wieder ferne?

 

Und glaubte eben noch, als ich erwachte,

leis deinen Atem neben mir zu hören,

dass ich im Stillen glücklich bei mir dachte:

?Sie schläft ja! Still! Woll nicht den Schlaf ihr stören!

 

O Palmspross Du, aus Paradieses Samen,

mir zugesprochen fest in festem Wort!

Sind wir unwissend auch, woher wir kamen,

und um das Ziel der Fahrt, der Liebe Hort:

 

Sind wir unwissend auch, woher wir kamen,

gabst mir ins Herz doch deiner Liebe Namen!

71. Was alles schon erforscht und schon ersonnen

Was alles schon erforscht und schon ersonnen,

muss ich´s denn halten im Gedächtnis fest,

wie einst im Anfang alles hat begonnen,

wie Leben ward und was uns sterben lässt?

 

Doch meine Liebste ohne einen Denker

zu denken, der mit ihr mich reich gemacht,

unmöglich ist´s. Gepriesen sei der Schenker,

der alles herrlich so sich ausgedacht.

 

Ihn bitt ich sehr, mir Liebchen zu bewahren,

es zu beschirmen unablässig gut,

bis wieder es nach all den Wanderjahren

für immer fest in meinen Armen ruht.

 

Der mich beschenkt, er füg im Paradiese,

dass Liebchen wieder in die Arm´ ich schließe!

72. Wo Wahrheit ist, ist auch der Seele Streben

Wo Wahrheit ist, ist auch der Seele Streben,

ein Gottesgast, tief in des Menschen Innern,

der uns vom Schöpfergott hinzugegeben,

die Wahrheit zu erkennen durch Erinnern.

 

So Platon einst, wägend im Sinn die Worte,

des Geistes Macht und Güte anzuschauen.

Doch anders noch fand ich des Himmels Pforte

erschlossen mir: im Blick liebender Frauen.

 

Sah Liebchen mich, konnt ich in ihr mich sehen;

sah Liebchen ich, war stets das Gute nah;

alterslos jung sah ich sie mit mir gehen

und Gottes Angesicht war immer da.

 

Komm, Liebste, komm, lass wieder dich anschauen

und wandeln uns auf Paradieses Auen!

73. Damals, als du von Mann und Frau berichtet

?Damals, als du von Mann und Frau berichtet,

was für ein Abenteuer du beschrieben!

Wir waren ja noch gar nicht eingerichtet,

und hatten keine Wirtschaft noch betrieben.

 

Dann kam die Zeit, als wir uns recht bemühten,

und alles wurde wahr, so wunderbar!

Die schönsten Blumen uns im Garten blühten!

Ein Röschen hatt ich dir gesteckt ins Haar! ? -

 

?O Liebster, du, halt ein, woll dich nicht quälen,

das Hirn zermartern, Aussichten zerspalten!

Lass nicht der Zeiten Gang das Liebste schmälen!

 

Dein Herz, Geliebter, wird mir nie erkalten,

Drum komm, dass Liebe wir uns neu erzählen

Und so wie einst wir wieder Hochzeit halten!?

74. Als ich noch halten durft in meinen Händen

Als ich noch halten durft in meinen Händen

dein liebes Haupt, um Küsse dir zu geben,

da hatt ich noch ein reiches, volles Leben,

konnt täglich Liebe neu an dich verschwenden.

 

Nun da ich nur noch Küsschen kann versenden

auf Bilder, die dich rings mir lächelnd zeigen,

will etwas in mir, küss ich, aufwärts steigen,

das alles Lächeln plötzlich muss beenden.

 

Die nie geküsst ich, müssen sie nicht wähnen

dass ich am liebsten würd mit ihnen weinen,

weil wir so lang getrennt nun und geschieden?

 

Drum komm, Geliebte, trockne ab die Tränen,

das Feuer deiner Liebe lass uns scheinen

und schenke unsren Herzen deinen Frieden.

75. Wenn nicht ist, was bemühn wir uns?

?Wenn nicht ist, was bemühn wir uns?? In solcher Frage

hat sich Euripides schon einst ergangen.

Ach, als zu denken so wir angefangen,

wie haben wir geschmält da unsere Tage!

 

Wie anders, Liebste, hast du es gehalten,

das Ziel des Lebens anders wie gewagt es!

Kein Klagelied soll ja das Haus durchwalten,

wo man den Musen dient; Sappho schon sagt es.

 

Genug war dir des Gottes fernes Rauschen

und bist den Weg geduldig fortgeschritten;

aufmerksam musst ich deinem Atem lauschen,

um zu bemerken, wie du arg gelitten.

 

Ja, in dir selbst war dir der Sinn begründet.

Ins Nichts reißt alles Denken, das nichts findet!

76. Wenn Mann und Frau eins sind und ganz beisammen

Wenn Mann und Frau eins sind und ganz beisammen,

wie wir einst, Mütterchen, mein Liebstes du,

versteckt im Schutz mächtiger Liebesflammen,

nichts ficht da an, nichts stört der Seele Ruh.

 

Die Sehnsucht wecken und die Sehnsucht stillen,

selbst noch der Atem der Unwissenheit,

den wir uns teilten, konnte uns erfüllen,

wir nannten ihn den Gott in unsrer Zeit.

 

Nun aber, da das alles ist vergangen,

nur noch die Sehnsucht brennt, Nichtwissen zehrt,

nun da verstummt der Mund nichts mehr kann sagen,

 

Lass Mütterchen mich deine Hand umfangen

am Rand, der jeden Augenblick verstört,

und hilf mein Liebstes du mit mir beklagen!

77. Ja, wenn des Herzens Hoffen alles wäre

Ja, wenn des Herzens Hoffen alles wäre,

wär es auch Hoffen wider alles Hoffen,

ich wollte fahren auch über die Meere,

wo nur noch Götter-Wege stünden offen.

 

Untätigkeit sollt nimmer an mir zehren,

Sirenensang mich nicht vom Weg abbringen,

noch Skylla und Charybdis es mir wehren,

ins Schattenreich des Todes vorzudringen.

 

Und träf ich dann am Rand des Ozeanes

auf hochgewachsene Pappeln und auf Weiden,

ich legte ein die Ruder meines Kahnes,

das Land Persephones zu überschreiten.

 

Und säng wie einst in jenen frühen Tagen,

dir, Liebste, meine Ankunft anzusagen.

78. Du sagst, du weißt, dass Liebchen nicht mehr ist

Du sagst: ?Du weißt, dass Liebchen nicht mehr ist!?

Ich sag: ?O nein! Wie soll ich das denn wissen,

wenn auch der Augenmensch sehr leicht vergisst,

was ferngerückt, muss er es nur nicht missen!?

 

Du sagst, wo nichts ist, sinnlos wird das Suchen,

wenn auch ein Gottessohn es dir befiehlt,

dass man, was tot ist, muss als tot verbuchen,

wenn man es auch für unvergänglich hielt.

 

Ich sag, dass diese Welt vorläufig ist,

dass Schicksals Speichen uns zum Guten treiben

und ich ersehn den Tag der Offenbarung.

 

Und du, dass dieser Wahnsinn häufig ist?

Ja dann lehr, Liebste, Wahnsinn uns Erfahrung

und mag die Wissenschaft uns ferne bleiben.

79. Wär Liebchen nicht mehr

Wär Liebchen nicht mehr, könnt kein Gott mich retten!

Was gält mir auch ein Gott voll ewigem Leben?

In Qual und Jammer müssten wir uns betten,

könnt er mein Liebchen mir nicht wiedergeben.

 

Doch läg an mir, Gott selber zu entdecken,

dass mir durch ihn mein Liebchen kehrt zurück,

Entdeckerweisen wollte ich erwecken,

bis er die Liebste mir erweckt, mein Glück.

 

Aufspräng ich, jauchzend, auf der Phryger Weisen,

des Herzens Trommel schlagend durch die Nacht,

den Gott des Lebens immerfort zu preisen,

bis er beseligend das Werk vollbracht.

 

Doch Wahnsinn ist´s, der sucht, wo er nichts findet,

und sich an jeden Hauch der Hoffnung bindet.

80. Vater und Mutter hatten ja nur Recht

Vater und Mutter hatten ja nur Recht,

dass nichts an mir, was wert war zu gefallen;

du aber achtetest die Warnung schlecht

und nahmst mich an als deines Wegs Vasallen.

 

Mit deines Lebens Glück hast du begehrt,

mit deines Lebens Kräften mich zu stärken,

und was auch immer deines Lobes wert,

erwacht in mir und wusst auf dich zu merken.

 

Ja, was in mir wert war, etwas zu werden,

erwacht, erwuchs, wuchs auf zu deinem Preis.

O Liebste du, mein Lebensglück auf Erden!

Jetzt aber gingst du hin, Liebste, ich weiß.

 

Ich aber, Liebste, wuchs in deinem Licht

hinein in Gottes ewiges Angesicht.

81. Und komm ich einst zu dir, Herr, in den Himmel

Und komm ich einst zu dir, Herr, in den Himmel,

nachdem durchs Tal der Tränen ich gewandert,

durch der Ereignisse rastlos Gewimmel,

und man mein Pilgerkleid schon hat vergantert,

 

komm hungrig ich und müde von der Reise,

dass schon besorgt die Englein dich anblicken,

wann zum Anrichten kräftigender Speise

du sie nun in die Küche wohl magst schicken:

 

Dann bitt ich Herr, dann bitt ich dich ergeben,

lass erst mich sehn mein Weibchen, mein Entzücken,

dass zur Begrüßung ich kann Küsschen geben,

und tausend Küsschen, sie an mich zu drücken.

 

Nach der Begrüßung, Herr, mag´s dir gefallen,

gewährst auch Gnad du meinen Feinden allen.

82. Sagt man, dass Liebchen alles überstanden

Sagt man, dass Liebchen alles überwunden,

so acht ich´s still und sag kein Wort dazu.

Doch dass ich frei nun wär, der Last entbunden,

das schreckt mich auf, das stößt mich aus der Ruh.

 

Liebleere Lippen sind es, die so lallen,

Liebleere Augen, so auf mich gesetzt,

wie könnt ich finden auch daran Gefallen,

wenn mir zur Seite Liebchen wird entsetzt?

 

Warum, frag hadernd ich, Herrgott der Heere,

Gott Zebaoth hast du es so bedacht,

dass, die nicht lieben und kein Weibchen ehren,

für sie zum Besten alles ist gemacht?

 

Dass Liebchen ich doch hätt und dürft noch pflegen

und könnt mich nachts ihr leis zur Seite legen.

83. Im Anfang unserer Liebe schien er da

Im Anfang unserer Liebe war er da

im Wort der Liebe als der Liebe Stern.

Liebste, in dir war er mir, ach, so nah,

doch nun dein Mund verstummt scheint er mir fern.

 

Aus Dämmerungen stieg ich auf zu dir

ans Licht, das mich so wunderbar durchdrungen,

und finde plötzlich in des Tods Revier

mich ausgesetzt des Todes Dämmerungen.

 

Das Wort, in dem wir uns zusammen fanden,

als wir voll Sehnsucht nach Gemeinsamkeit

vertrauend uns im Geist der Ankunft banden,

erloschen ist es plötzlich mit der Zeit.

 

Nur Dunkel schreit noch, Lärm füllt noch die Ohren,

als wär zum Sterben alles nur geboren.

84. Wenn einst, was still in Andacht ich verrichtet

Wenn einst, was still in Andacht ward verrichtet,

Aussichten hat auf Herrlichkeit des Lebens,

dann war wohl auch manch Lied, das ich gedichtet

auf meiner Liebsten Anmut, nicht vergebens.

 

Doch wenn, vom Blei des Zweifels angeschossen

zurückgeblieben nur des Herzens Wunde,

die Tür zum ewigen Leben bleibt verschlossen,

so winkt auch mir nicht der Erlösung Stunde.

 

Dann muss die Seele, nahm sie voll Entzücken

den Aufschwung auch zu unerhörtem Hoffen,

getäuscht vom Sein das Sein des Nichts erblicken

vom Schweigen der Äonen hart getroffen.

 

Es sei denn, Liebste, du weißt es zu wenden,

dass nur der Zweifel uns im Nichts muss enden.

85. O Liebste, du, voll Anmut im Gebirge

O Liebste, du! Voll Anmut im Gebirge

seh ich dich eilen über harten Grund,

als wärst gegangen du, dich dort zu bergen,

Nachtlager suchend vor des Winters Stund.

 

Und ich, nacheilend dir, dich zu beschützen

mit Decken warm und auserlesener Kunst,

seh hinter mir höhnischer Zungen Blitzen,

als hätt ich nie besessen deine Gunst.

 

O Liebste, du! Weck auf Erinnerungen,

dass mehr wir waren als ein flüchtiger Traum,

bis unsrer Lieb´ erblühen neue Zungen

erglühend am gestirnten Himmelsbaum!

 

Dass nicht das Jahr vergeh, eh es gekommen

mitsamt dem Stoff, aus dem es uns genommen.

86. Wenn morgens meine Seele ich ergründe

Wenn morgens meine Seele ich ergründe,

die nun der Nacht unkundig muss hinirren

durch Schmutz und Elend, und ich dann nichts finde,

als was der Liebe Lobspruch muss verwirren:

 

?Bin das denn ich?? frag ich mich, weil mit andern,

als hätt des Treubruchs Geißel uns geschieden,

ich dich erblick, bereit schon auszuwandern,

und du hättst jedes Wiedersehn gemieden?

 

Wo ich begierig, Liebste, dich zu schauen,

des Abends spät zur Nacht mich niederlege,

ob ich dich wiederfind auf grünen Auen,

und nun dich find auf nie betretenen Wegen.

 

Magst, Liebste, du mir nie genommen werden

in trüber Nacht, mein einzig Glück auf Erden.

87. Im nächsten Jahr, was kann mir da noch blühen

Im nächsten Jahr, was kann mir da noch blühen,

wenn mich dein Lächeln nimmermehr umstrahlt,

worum, o Liebste, sollt ich mich noch mühen,

wenn nichts mir meine Mühen mehr bezahlt?

 

Schau ich zurück auf unsres Lebens Fahrt,

war kaum der Blick jemals zurück gerichtet,

zumeist bewohnten wir die Gegenwart

und auch der Zukunft Wald war nie gelichtet.

 

Wir wussten ja, dass, was von Schönheit glänzt;

der Augen Paar, die Stirn, die holden Wangen,

am schönsten glänzt, wenn es die Lieb ergänzt,

die mächtig sehnsuchtsvoll brennt im Verlangen.

 

Und suchten weiter nichts, herzliebstes Weibchen,

du meine Gegenwart, mein Herzenstäubchen.

88. Ich hab gesungen und ich hab verloren

Ich hab gesungen und ich hab verloren.

Vergebens, dass ich´s mir zu Recht mag legen;

aus eigner Kraft werd nichts mehr ich bewegen;

verloren hab ich an des Todes Toren.

 

Und wollt dich doch hin durch die Tage tragen,

mein Schätzchen dich, mein Kind, mein Liebstes Du.

Verloren hab in dir ich meine Ruh,

kann nimmermehr, wie ich dich lieb, dir sagen.

 

Des Orpheus Liedertafeln sind zerschmettert,

derweil der Popanz noch Gebete spricht,

er kennt den Kampf ums ewige Leben nicht.

Wer steht noch in der Zeit, die längst entgöttert?

 

Verloren hab in dir ich meine Freude.

Nur Herdenvieh grast noch auf Herbstes Weide.

89. Das Weltall, wurde jemals es ersonnen

Das Weltall, wurde jemals es ersonnen

auf einen großen Zweck hin und vollendet

und auf ihn hin der Schönheit Glanz verschwendet

und allen Reichtums rätselhafte Bronnen,

 

so dass der Keim des Lebens aus den Sonnen

und Urweltfluten wunderbar entstanden

und hoch und höher steigend war vorhanden,

bis er des Lebens Hochgestalt gewonnen,

 

So war´s in dir, du Liebste; mir verkündet,

du Himmelsangesicht, das mich betroffen,

dass ewiges Heil auch ich mir dürft erhoffen,

ob auch viel dunkle Flut in mir noch gründet.

 

Und muss jetzt klagen, dass ich dich verloren,

als wären besser wir niemals geboren?

90. Den Atem hören, dicht beisammen liegen

Den Atem hören, dicht beisammen liegen

und Zug um Zug erkennen, dass du hier.

Wir könnten ohne Worte uns begnügen,

ich wär bei dir ja und du wärst bei mir.

 

Gesprochen haben wir ja viele Worte,

gemeinsam viel bedacht in vielen Stunden,

als wir gewandelt um des Lebens Pforte

und Leben viel in dir ich aufgefunden.

 

Traumloser Schlaf, o Sokrates, genügt nicht!

Allein nur bleibst du da, mit dir allein!

Einsamer Schlaf, o Sokrates, vergnügt nicht.

 

Liebste, mit dir lass mich zusammen sein.

Liebste, mit dir nur, was auch kommt, betrügt nicht!

Liebste, mit dir zusammen, ich bin dein.

91. Die Schönheit, Liebste, die in dir ich fand

Die Schönheit, Liebste, die in dir ich fand,

wie hätt ein Blick mir je können gelingen,

hätt´ nicht ein Gott geführt mich bei der Hand,

zu seiner Liebe Thronsaal mich zu bringen.

 

In deinem Körper fand ich einen Leib,

und in dem Leib der Liebe Flammen drinnen,

dass selbst ein Gott zu seiner Zeit Vertreib

nichts herrlicher hätt können sich ersinnen.

 

Ja, still verborgenes Suchen ließ er sehen,

Liebste mit dir Vollkommenes zu erstreben,

das aufflammt alterslos, nie kann vergehen

und auferstehen muss zum ewigen Leben.

 

Liebste, ein Gott muss sein, der Schönheit schafft,

der in dir offenbarte seine Kraft.

92. Ich wusste nie, wie schön mein Name klingt

Ich wusste nie, wie schön mein Name klingt,

eh du ihn, Liebste, mir nicht zugesprochen,

so wie die Amsel hoch vom Baume singt,

wenn wonnevoll der Lenz ist ausgebrochen.

 

Und wie die Fahnen wehn im Frühlingswind,

wenn aus den Buchten kühn die Segler schnellen,

zu melden, dass vom Meer im Kommen sind

die Sommervögel auf des Südwinds Wellen.

 

Nun aber, Liebste, da der Herbststurm jagt

die letzten munteren Gäste fort ins Weite,

steh abgehisst ich wie ein Mast, der klagt

um seines Sommers fernentrückte Freude.

 

Nur ein bedeutungsloses leeres Zeichen

bin ich noch da, wo du nicht zu erreichen.

93. Wie Peleus einst, vom Lebenskampf gebrochen

Wie Peleus einst, vom Lebenskampf gebrochen,

zum Myrtenstrauch, wo er um Gunst gerungen

mit Thetis, bis er sie bezwungen

und sie ihm Treu für immer hat versprochen,

 

wie Peleus einst dahin zurückgefunden

und wartete, dass sie vom Meer her käme

und in des Meeres Tiefen mit ihn nähme,

ins Schloss der fünfzig Nereiden drunten,

 

so wart auch ich, in dir, du Wunderbare,

in der sich mir erschloss des Lebens Blüte,

eh dass mich niederzwingen Gram und Müde,

dass ich die Macht des Lebens neu erfahre.

 

Wenn je dem Menschen Göttliches beschieden,

so ist´s in dir, Liebste, in deinem Frieden.

94. O Land des Nebels und der dunklen Zeiten

O Land des Nebels und der dunklen Zeiten,

die nur mehr noch die tiefen Täler füllen,

Wer wird des Winters Tränenfluten stillen,

die schon von deinen Wangen niedergleiten?

 

Du Fleisch von meinem Fleisch, du meine Seele.

wenn dein ich denke, Liebste meines Lebens,

um die ich, seit du fern bist, ach vergebens

bei Tag und Nacht, ohn´ Unterlass mich quäle.

 

In dir hab ich das Herrlichste gefunden,

die du des Himmels Sehnsucht mir gestillt,

der Myrte Hochzeitskränzlein gramerfüllt

hab ich gewunden nun am Boden drunten.

 

O Liebste du, horch auf, ich will dich finden,

um Mitternacht, dir meine Liebe künden.

95. Des Menschen Forschen, der Natur Erfahrung

Des Menschen Forschen, der Natur Erfahrung,

man kann es drehn und wenden, wie man will,

schlägt keine Schneise einer Offenbarung,

die uns zufrieden stimmt und tröstet still.

 

Doch mag dem Denken auch kein Durchbruch glücken,

der Zuversicht und Hoffnung uns lässt sehn,

lässt sich am Rand des Abgrunds auch nichts blicken,

als dass sich Räder der Vernichtung drehn:

 

Was geht mich an das Räderwerk der Triebe?

Ich setz auf Jesus Christus, unseren Herrn,

der mir erschienen ist als Macht der Liebe,

Liebste in dir, o du mein Augenstern.

 

Komm, Liebste, komm, dass leis ich´s dich lass wissen

und wir die Tränen uns vom Aug weg küssen.

96. Vom Nie-Gewesenen zum Nie-mehr-Sein

Vom Nie-Gewesenen zum Nie-mehr-Sein

treibst Menschlein du dein Stündlein auf der Erde,

sie grüßend mit der Neugeborenen Schrein,

verlassend sie voll Kummer und Beschwerde.

 

Und suchst du bessere Wahrheit zu erringen,

schickst Boten du um Boten aus dem Haus,

Botschaften unanfechtbar dir zu bringen,

sprechen zurückgekehrt sie so sich aus:

 

?Gott ist zum Glück noch nah, im Unglück fern.

Unglück scheint Gottesferne, Nähe Glück.

Dein Glück begrüßt dich als des Glückes Herrn.

Doch ist das Glück dir fern, ist Unglück dein Geschick.

 

Gott ist im Unglück fern, im Glück dir nah;

Und kommt der Tod, ist auch kein Glück mehr da.?

97. Nie will ich an ein "Nie-mehr" mich gewöhnen

Nie will ich an ein ?Nie-mehr? mich gewöhnen,

an keinen Tag, der ohne dich könnt sein,

muss ich auch wandern mit den Menschensöhnen

durchs Tal des Todes und des Todes Pein.

 

Ein Kinderliedchen tönt zu mir herüber,

ein Schlummerliedchen tönt mir süß ins Ohr:

?Schlaf, Lieber, ein, schlaf ein, o du mein Lieber!?

aus Mutters Stübeli dringt es hervor.

 

Der Zeiten Gang durchträumend bis zum Morgen

des jüngsten Tags, wenn aus dem Schoß der Nacht

der Welten Leib, durchheult von Angst und Sorgen,

zu neuem Leben wiederum erwacht.

 

Du hältst mich fest, ich halt dich fest, zu zwein

sind wir zusammen eins, nie mehr allein.

98. Wie einst die Heiligen von Gott geliebt

Wie einst die Heiligen von Gott geliebt

in immer neuen Klageliedern klagten,

in ihrem Herzen untröstlich betrübt,

weil in der Gegenliebe sie versagten:

 

so klag auch ich, der ich von dir geliebt,

Liebste, von dir belebend ward umfangen,

weil ich zu wenig Gegenlieb geübt,

nicht wert, der Liebsten Liebe zu erlangen.

 

Ratlos um deine Hand nun steh ich da,

als müsst ich abermals nun um dich werben,

und ist nun keine Hilfe mir mehr nah,

ich Gnade suchen müsste im Verderben.

 

O Paradox, das Liebe lässt verstehen:

Nur was uns bitter fehlt, werden wir sehen.

99. Ein Kind, wie sollt es wissen, dass es ist?

Ein Kind, wie sollt es wissen, dass es ist?

Es lebt ja nur im Kreise seiner Lieben

und nutzt die Zeit der ihm gebotenen Frist,

sich in die Kunst des Lebens einzuüben.

 

Doch längst ist Liebe schon in ihm erwacht,

die über seine Mutter es lässt schweifen,

unschuldig spielerisch bereits bedacht,

die Hand des Partners probend zu ergreifen,

 

um endlich dann sich gänzlich zu vereinen,

o holdes Glück, beseligende Pracht,

wenn lang der Liebe Sonnenblicke scheinen,

und fern nur rauscht des Todes dunkle Nacht.

 

O Liebste du, der Schöpfung höchster Sinn

ist, dass ich bin nur, wenn ich bei dir bin.

100. Wie viel gelitten hab ich Gott um dich

Wie viel gelitten hab ich Gott um dich,

der du mir immer wieder fern geblieben,

von Kindheit an, seit Mutter lehrte mich,

als Zuflucht meines Herzens dich zu lieben.

 

Im Weibchen hab geliebt ich dich sodann,

aus ganzer Seele, glaubte dich gefunden

als Fels der Zuflucht, dem ich trauen kann.

Nun aber in untröstlich öden Stunden,

 

nun da ich ausgeschieden, nimmermehr

die Liebste um mich hab nach all den Leiden,

ein Hiob nur noch schaue aus aufs Meer,

umrauscht vom Wellengang versunkener Freuden,

 

Ist mir, als wärst gestorben du und tot

samt allem Warten auf ein Morgenrot.

101. Was für ein Leben!

Was für ein Leben! Grübelnd sich verzehren

und Tag und Nacht ruhlos dahin zu treiben

und alles Glück des Lebens zu entbehren,

um sich ins Buch des Lebens einzuschreiben.

 

Was für ein Leben! Nie vom Schlaf besiegt,

gejagt, geplagt, gehetzt, ehrgeizig, blind,

geliebkost nie, in Schlummer eingewiegt

von keiner lieben Hand je wie ein Kind,

 

allzeit bedacht darauf nur, zu ergreifen,

was sich erbeuten lässt, erobern,fassen,

um dann, bei solch wahnwitzig tollem Schweifen,

ins Lebensbuch den Eintrag zu verpassen.

 

Was für ein Leben, bis wir endlich wissen,

dass wir Platz machen und verschwinden müssen!

102. Wie anders haben wir es da gehalten

Wie anders haben wir es da gehalten,

wie anders haben wir dem Tag gedankt,

gewiss auch wir übten uns im Gestalten

und haben manche Stund´ uns abverlangt.

 

Doch Tag und Nacht nur um Erkenntnis ringen,

nach nie Vollbrachtem immer nur zu spähn,

dem Ehrgeiz Liebstes gar zum Opfer bringen,

bis das Produkt auf immer könnt bestehn?

 

Der Liebe Märchen zogen wir da vor

mit Kindlein, die des Lebens Fest ergänzen,

und Kinderspiel und launigen Humor

bei bunter Kappen fröhlichen Sentenzen.

 

Und sollt´ Unsterbliches uns nicht gedeihen,

mag es Hephaist, der Humpler, uns verzeihen.

103. Sprecht nicht vom Tod!

Sprecht nicht vom Tod! Ich müsst mich selber hassen;

drängt mich nicht in der Gräber dunklen Schacht,

hab ich in jenen Stunden doch verlassen,

Liebchen verlassen in der Leidensnacht.

 

Sprecht von des Paradieses Blumenauen,

zeigt Liebchen mir, ausschauend in der Schar

der leidgeprüften, auserwählten Frauen,

bis ich sie wiederfind im neuen Jahr!

 

Ja sprecht und singt mir nur vom neuen Leben,

vom neuen Glück an jenem neuen Tag,

wann mir des Lebens Herr zurück wird geben

mein Liebchen, unverdient, der das vermag.

 

Und könnt ihr´s nicht, seht keinen Weg zurück,

so tröst euch eures eigenen Todes Glück.

104. Hab ich dich, Liebste, nicht dabei

Hab ich dich, Liebste, nicht dabei,

das lass im Voraus ich den Mai schon wissen,

ist er noch fern, ist er für mich vorbei,

muss auf mein Liebchen ich, mein Liebstes missen.

 

Kann nimmer sagen ich: ?O Liebchen schau,

wie schön die Sonne wieder aufgegangen

und wie im morgenfrischen Perlentau

dir neuerwacht die ersten Rosen prangen?,

 

dann ist des Winters Orgelton mir lieber,

Eisklammern lieber um der Tannen Forst

und Bilder, wie sie malt dem Kind das Fieber,

träumend in eines Winterschläfers Horst.

 

Dann steig ich lieber in der Nacht Revier,

bis dass der Frühling aufersteht mit dir.

105. Die Zeit hat mich bereits beiseit geschafft

Die Zeit hat mich bereits beiseit geschafft,

seit ich nicht wahren mehr kann jene Zeiten,

als ich bei Tag und Nacht noch voller Kraft

umwandelte des Krankenbettes Seiten.

 

Als morgens ich noch konnte dich erfreuen

mit lang vertrauten, vielgesungenen Liedern,

mit dir den Lebensbund konnte erneuen,

mit meiner Liebe deine Lieb erwidern.

 

Untröstlich jetzt umkreist das Licht den Tag,

sucht schon beim Aufgang nächtlich sich zu bergen;

und wo ich hinschau, nimmer ich vermag

mit Lebensmut und Freude dich zu stärken.

 

Schließ Liebste auf dem Suchenden die Tür

und lass den Müd-Gewordenen ein zu dir!

106. Versuch noch einmal ich mich auf den Saiten

Versuch noch einmal ich mich auf den Saiten

des Lebens, mir die Liebste zu erwecken,

die Finger müd alsbald schon niedergleiten

und unvermögend schamvoll sich verstecken.

 

Und schau ich an mich, weiß ich nicht zu sagen,

wer einst ich war und wer ich jetzt noch bin,

spür nur den Drang des Herzens noch zu klagen,

weil mir verloren ging des Lebens Sinn.

 

Und doch! Sag nicht: ?Liebchen kann dich nicht hören!?

Sag nicht: ?Wie schrecklich, dass sie nichts mehr hört!?

Lass ruhn das Wort, das nichts kann als zerstören!

Sag, was das Aug erhellt, das Herz betört!

 

Schau sie dir an im Hochzeitskränzchen schön,

als du sie sahst und sie dich noch konnt sehn.

107. Wie lange, Liebste, bist du nun schon ferne

Wie lange, Liebste, bist du nun schon ferne

mir, der dich liebt, du, die mir bitter fehlt,

und muss verschweigen, wie ich dich hab gerne,

weil allzu mächtig sonst das Heimweh quält.

 

Ja, schweigen muss ich und zugleich auch sagen,

weil sonst die Liebe Tröstungen versagt,

muss still verschwiegen meine Liebe klagen,

die leidvoll, Liebste, mir im Herzen nagt.

 

Wie einst Madschnun, den liebevoll Verrückten,

in tiefster Einsamkeit, versteckt der Welt,

der Liebe Buchstaben nur noch beglückten,

so ist´s um mich auch, Liebste, bald bestellt.

 

Wie trostlos zäh die Tage weitertreiben,

wo nirgends wir zusammen können bleiben!

108. Wohin du gingst, dahin will ich auch gehen

Wohin du gingst, dahin will ich auch gehen,

den Weg, den du gegangen in Geduld,

was ausgestanden du, auch ich bestehen,

den Weg der Leiden in des Lebens Schuld.

 

Wohin du gingst, die du vorausgegangen

den Weg der Dunkelheit ins Haus der Nacht,

wo Mühsal und Entbehrung nur empfangen

und die Entehrung des Vergessens wacht.

 

Dort, wo du weilst, lass alsbald auch mich weilen,

bin ich bei dir erst, wär ich arm, doch reich,

kann ich mit dir das Brot der Mühsal teilen.

Wo du bist, Liebste, ist das Himmelreich.

 

O Tag der Wonne, kehr ich heim zu dir,

Du meines Herzens einzig Glück und Zier.

109. Im Stillen sitz ich da und les allein

Im Stillen sitz ich, les für mich allein

von längst vergangnen, seltenen Geschichten,

und sitze da und les und denke dein,

dir meines Herzens Sorgen zu berichten.

 

Von Herz-Erprobungen les ich da,

die über jedes Menschenmaß gegangen,

wo nur Gefahr noch, Rettung nimmer nah,

um endlich doch ans Ziel noch zu gelangen.

 

Und les, als läs ich: ?Fordere nur das Meer,

dass es zum Zweikampf gegen dich erscheine,

dann bring das Mägdlein ich dir wieder her,

dein Röslein rot; du weißt ja, wen ich meine.?

 

Ja, spräch es so zu mir: ?Fordere das Meer!?

Ich ging hinaus und rief es zu mir her.

110. Wie lieb ich doch die Sonnenuntergänge!

?Wie lieb ich doch die Sonnenuntergänge!?

So sprachst du einst, mein Liebchen, schlummertrunken,

im Meer der tiefsten Liebe schon versunken,

und hörten über uns der Nacht Gesänge.

 

Und hielten beide uns ganz fest umschlungen,

bereit, einander nie mehr zu verlassen,

verwandelnd uns, verwandelt zu umfassen,

als wie von ewigem Leben schon durchdrungen.

 

Nun aber, fern von dir, schaue ich aus

ein Kranker nach Genesung, bin allein;

und würd so gerne, Liebste, bei dir sein

wie einst, als wir beisammen noch zu Haus.

 

Umrauscht von tiefer Nacht bin ich allein

und würd so gerne, Liebste, bei dir sein.

111. O Liebster, du, was hast du nur gelitten

O Liebster du, was hast du nur gelitten

um mich, die Ferne, und ich war doch da,

war doch um dich, du Liebster, stets geschritten,

wenn ich untröstlich dich und traurig sah.

 

Sooft um unsre Liebe du gerungen,

o Liebster du, stets war ich doch bei dir,

von deinen Schmerzen selber mit durchdrungen,

o du, mein Lieber, du mein Liebster mir.

 

Lass düstre Ahnung länger nicht umschnüren

dein liebes Herz, mein Allerliebster Du!

Bald wird ins Zelt der Nacht die Sonn uns führen

und decken uns mit ihrem Mantel zu.

 

Dann lass zusammen uns nur leis noch klagen,

dass wir der Liebe Hochzeitsglück ertragen.

112. Du fragtest, Liebste, niemals, wer ich bin

Du fragtest, Liebste, niemals, wer ich bin,

hätt es auch nie vor dir gewusst zu sagen.

Ich weiß nur, wie gewaltsam zu dir hin

mich´s zog schon früh, in jugendfrühen Tagen;

 

Und dass mich´s später, minder nicht, nein mehr,

ja mehr noch zog, Liebste dir zu gefallen,

die mächtig und unendlich wie das Meer

gezogen kam in goldener Wogen Wallen.

 

Was sonst auch, Liebste, liegt mir noch im Sinn,

als dass ich wiederseh, dich, wieder höre.

Alles ist gut ja, wenn ich bei dir bin

und wie der Brandung Fels dir angehöre.

 

Wie ein Verstoßener weil ich noch hier

und spür gewaltig, wie mich´s zieht zu dir.

113. Nächst Gott, der mich im Mutterleib erschaffen

Nächst Gott, der mich im Mutterleib erschaffen,

bist Liebste du, die herrlich mir gab Leben!

Könnt ich davon dir nur zurück jetzt geben,

wie wollt mein Leben ich zusammenraffen!

 

Was anders sonst könnt ich mir noch ersehnen,

als Liebste heim, nach Haus zu dir zu kehren

und allem Kummer, allem Schmerz zu wehren

und abzuwischen alle deine Tränen.

 

Gedankenlos indes die Tage gleiten,

als hätten sie vom Lotosbaum gegessen,

und hätten so im Einerlei der Zeiten

der unverhofften Heimkehr Tag vergessen!

 

Du, Gott der Ewigkeit, sei unser Glück,

komm, eil und bring der Liebsten mich zurück!

114. Mag einst das Leben enden, wie es will

Mag einst das Leben enden, wie es will,

der Mond die Erde nicht mehr mit sich führen,

die Achse schwankend nimmer halten still,

der Zeiten Bahnen fest zu regulieren.

 

Und Feuer brausen durch des Himmels Zelt

der Erde Bau und Antlitz zu zerstören,

bis dass kein Damm, kein Berg das Meer mehr hält,

und keine Macht dem Chaos mehr kann wehren:

 

Eins, sagtest du, eins werden wir dann sein,

wenn einst der Zeiten Bahnen sind durchmessen,

und Galaxie und Stern und Erden klein,

und Forscher und Erforschtes sind vergessen.

 

Eins, sagtest du, eins werden wir dann sein,

und Liebste ich für immerdar dann dein.

115. Wie hat die Welt so plötzlich sich verwandelt

Wie hat die Welt so plötzlich sich verwandelt,

die einst so strahlend schön das Licht durchdrang,

als wir gemeinsam Hand in Hand gewandelt

und Gottes Schöpferwerk durch uns gelang.

 

Wo einst man sah das Land voll Frucht und Fülle,

des Vogels Fittich bei der Herden Ziehn,

und Fische quirlig durch der Meere Stille

zum frischen Quellgebiet, zum Brutplatz hin,

 

droht nun gespickt mit Zähnen einzudringen

vom Himmel droben bis zum Erdengrund,

voll Gier des Lebens Keime zu verschlingen

der Fresser Tod hinab in seinen Schlund

 

Was übrig noch vom einstigen Schöpfungssegen

müht sich umsonst, ins Grabbett sich zu legen.

116. Eh Gott den Himmel und die Erd´ erschuf

Eh Gott den Himmel und die Erde schuf,

den Anfang gründend in den Gang der Zeiten,

fernhin durch die Äonen scholl sein Ruf,

der Schöpfung Herrlichkeiten zu bereiten.

 

Da, Liebste, dacht er auch den Mensch sich aus,

als Mann und Frau zu wohnen fest beisammen;

spannt über uns des hohen Himmels Haus,

uns zur Erinnerung, woher wir stammen.

 

Und hat dich Liebste mir dann anvertraut

dem Bund gemäß, den er für uns erdachte,

mir, deinem Bräutigam, dich, meine Braut,

die er mit seiner Schöpferlust entfachte.

 

Er, der geschaffen uns in Zeitgestalt,

er hat auch durch Äonen die Gewalt.

117. Verloren ist, wer zu erforschen sucht

Verloren ist, wer zu erforschen sucht,

ob Gottesliebe weht durch die Äonen,

weil, wer nicht bitten kann, sich selbst verflucht

und wert nicht ist, in Gottes Lieb zu wohnen.

 

So hört ich jüngst und ließ das Forschen sein

und warf mich hin auf des Altares Stufen

und rief zum Herrn, rief wie die Kindlein klein,

die Heimweh plagt, um Hilf ihn anzurufen.

 

?Gott, der du bist?, rief ich, ?ja, der du bist

bereit, der Kinder Wünsche zu erfüllen,

gib, dass mir nichts zu meines Lebens Frist

das Heimweh nach der Liebsten je kann stillen.

 

Lass mich im Heimweh nach der Liebsten üben,

dass auch kein Tod die Sehnsucht je kann trüben!?

118. O Gott, auf deinem hohen Himmelsthron

?O Gott, auf deinem hohen Himmelsthron ??

so sangen jugendfroh wir einst zusammen

und freuten uns am eingeborenen Sohn

und spürten wundervoll der Liebe Flammen.

 

Später dann, als die Sprache dir erlosch

und, Liebste, du nicht mehr mit konntest singen,

sang ich der Liebe Preislied immer noch,

dir Mut und Kraft und Lebenslust zu bringen.

 

Nun aber steh ich da und schau verstummt,

unfähig zu erfassen Tag und Jahr,

verriegelt und versiegelt steht der Mund,

der einst so froh mit dir beim Singen war.

 

Nur manchmal unter übermächtigem Sehnen

Steigt noch ein Lied auf aus dem Tal der Tränen.

119. Ich ließ dich ziehn, hinaus ins Ungewisse

Ich ließ dich ziehn, hinaus ins Ungewisse,

die meine Seele liebt, die ließ ich ziehn!

Und blieb zurück. O, der Gewissensbisse,

denen ich niemals, Liebste, werd entfliehn.

 

Und bist mein Schätzchen immer doch gewesen,

der um dein Wohl besorgt ich und gebangt,

seit, Liebste, du mich dir hast auserlesen

und deine Huld und Liebe ich erlangt.

 

Nun bin allein geblieben ich zurück,

und ess allein nur noch gemeines Brot,

und aß mit dir gemeinsam doch das Glück,

eh ich dich ziehen ließ in Todes Not.

 

O du, um die sich meine Seele grämt!

Wie steh vor dir ich, Liebste, schuldverschämt!

120. Wie such ich, Liebste, dich doch überall

Wie such ich, Liebste, dich doch überall,

die immerfort getreulich mir zur Seite,

und finde kaum mehr einen Widerhall

von der vergangenen Tage Lust und Freude.

 

Nachts dann im Traum, in deiner Eltern Haus,

forsch ich nach dir, doch von dem Leid zu sprechen

hindert mich Scheu, anders drück ich mich aus,

um nicht ein zweites Mal das Herz zu brechen.

 

Frag nach der Mutter, die schon lange fern,

und mein doch, Mütterchen, nur deine Nähe,

und wünschte so und hätt es gar zu gern,

wenn bei den Lieben ich dich wiedersähe

 

Wie deine Mutter einst dich angeschaut,

fänd, Liebste, wieder ich in dir die Braut.

121. Wie viel geweint, hab Liebste, ich um dich

Wie viel geweint hab, Liebste, ich um dich,

seitdem du mir unfassbar bist entschwunden,

und sitz nun da, ein Häftling, gräme mich,

als hättst du hart und fühllos mich erfunden:

 

Weil gegen deinen Tod ich nichts gewagt,

weil feig und elend ich dabei gewesen,

und wartete jetzt, bis die Zeit genagt

dein leuchtend Angesicht mir aus dem Wesen.

 

Du liebes Kind, du schöne, junge Braut,

du alles, was ein Mensch nur je kann lieben,

mein einzig Mütterchen, mir anvertraut,

dass so das Ende muss den Sinn betrüben.

 

Die wir gewandelt, Liebste, durch die Zeit!

Zeig mir den Weg, der aus der Haft befreit.

122. Als ich sie hörte, da sie nach mir riefen

Als ich sie hörte, da sie nach mir riefen,

gefangen noch in der Narkose Bann,

mir Tränen plötzlich aus den Augen liefen,

die ich nicht fähig war zu halten an.

 

Sie fragten mich, ob ich noch Schmerzen hätte.

Der Schmerzen, die sie meinten, war ich frei.

Warum ich weinte so in meinem Bette.

Ich: Wegen meiner Frau. - Was mit ihr sei?

 

Dass ich erwacht sie nimmer bei mir fände,

zurückgekehrt ich aus dem Totenreich,

zurückgekehrt zu Licht und Lebensspende,

zurückgelassen sie den Toten gleich!

 

Und preisgegeben ohne Halt und Hände

entströmten Tränenbäche ohne Ende.

123. Als müsst´ ich Wache halten noch für dich

Als müsst´ ich Wache halten noch für dich,

bin ich noch hier, wo Liebste du gewesen,

und brenn wie einst verlangend inniglich,

aus deinen Blicken mein Geschick zu lesen.

 

Du, die mich schauen ließ ins Paradies,

als wär die Liebe, Liebste, überstanden,

und um mich her nur noch der Nacht Verließ,

da Liebste du, mein Liebstes, kamst abhanden.

 

Hör ich dich singen nicht noch licht und klar,

wie du gesungen einst auf unseren Wegen?

?Liebster, die Liebe bleibt unwandelbar,

nichts kann sie hindern, nichts in Ketten legen.?

 

Nichts, was nicht sänge, Liebste, mir von dir,

ist auch versperrt, verriegelt auch die Tür.

124. In deiner Liebe, Liebste, wuchs ich auf

In deiner Liebe, Liebste, wuchs ich auf,

ein Schößling fest und kraftvoll im Bestreben,

mit dir zusammen durch der Jahre Lauf

des Wachstums schönsten Anblick zu erleben.

 

In deine Liebe wuchs ich fest hinein,

wie die Zypresse ins Geäst der Himmel,

dass Erd und Himmel sollten bei uns sein

mit all der Schöpfung preisendem Gewimmel.

 

In deiner Liebe find ich endlich Heil,

in deiner Augen lichten Blumensternen,

bin ich bei dir erst, hab an dir ich Teil

und nichts mich je von dir mehr kann entfernen:

 

Du Frühlingslicht, du lichter Blumengart,

Du Liebstes mir in Gottes Gegenwart!

125. Du bist die Muse, die mich einst berief

Du bist die Muse, die mich einst berief

in Jugendjahren, mich mit dir zu führen,

aus Dunkel drängend und Unwissen tief

des Himmels Herrlichkeiten zu erspüren.

 

Du bist es, die den Dichter dir befreit,

Liebste, nebst dir der Gottheit zu gefallen,

wandernd zu singen stets an deiner Seit,

bereit auch auf dem Weg durch Todeshallen.

 

Jetzt, Liebste, bist starkmütig du und rein

den Weg zum Leben mir voraufgegangen.

Ein Weilchen noch bin wieder ich allein,

dann lass mich dich für immer fest umfangen.

 

Ein Weilchen noch lass uns von Ferne plaudern,

dann im Gedächtnis Gottes wonneschaudern.

126. Geheimnisvolles, wundersames Küssen!

Geheimnisvolles, wundersames Küssen!

Wie küssten, Liebste, wir uns viele Male,

auch als du dalagst noch im Krankensaale,

hilflos gelähmt auf deinen bleichen Kissen.

 

Wenn da die lieben Augen dir erglänzten,

da glaubt ich mächtig an ein neues Leben,

das, Liebste, ich einschmeichelnd dir könnt geben;

und freute mich, wie gut wir uns ergänzten.

 

Dabei warst du es, die mir Mut zum Hoffen

einschmeichelte, mich lächelnd ließ vergessen,

den Weg verbergend, den du schon durchmessen,

mitsamt dem Urteil, das dich längst getroffen.

 

Und als du einbrachst in ein Meer von Blut,

riefst du noch: ?Liebster, alles ist doch gut!?

127. Du winktest mir noch zu

Du winktest mir noch zu, als wolltst du sagen:

?Gräm, Liebster, dich nicht, muss ich jetzt auch gehen.

Bald nach des Winters grimmig strengen Tagen,

bald, Liebster, werden wir uns wiedersehen.

 

Dein Bild hab auf die Reis ich mitgenommen,

den Bund gegraben tief ins Herz hinein.

Was immer auch dazwischen noch mag kommen,

bald werden wieder wir beisammen sein.

 

Getrost! Lass nur den Herrn der Welten handeln,

der seine Lieb in unsre Liebe barg,

dass unsre Lieb in seine er mag wandeln

zum großen Fest, zum Auferstehungstag!

 

Ja, gräm dich nicht, du Heimgesuchter, Armer!

Gar große Gnaden hat der Allerbarmer.

128. Denk ich zurück, was uns das Leben brachte

Denk ich zurück, was uns das Leben brachte:

Es war ein großer, wunderbarer Traum,

den uns der Gott des Lebens einst entfachte,

als er dich zeigte mir am Himmelssaum.

 

Und ich, mit aller Kraft und Macht ich eilte,

bis, Liebste, ich dir fest am Herzen lag,

mit dir den Traum vom großen Leben teilte,

den Traum vom endlos neuen Schöpfungstag.

 

Den Traum, der immer wieder neu entzückte,

der Lieder schuf und immer neuen Sang,

der leis den Dunkelheiten uns entrückte,

dem Herzen Frieden schuf ein Leben lang.

 

Der Gott des Lebens, dem wir einst gesungen,

verleih uns wieder seines Lobes Zungen.

129. O der Entkleidung aller deiner Kleider

O der Entkleidung aller deiner Kleider,

die Liebste dich im Meer der Leiden zeigen,

und warst doch einst der Schmuck der Himmelsleiter,

als du ins Reich des Todes musstest steigen.

 

Entblößt, erniedrigt bis zur Kreatur,

alleingelassen nie gekannter Meute,

nur mehr noch fristend atemschwer Natur

im Sterbesaal, den Schatten leichte Beute.

 

Im Morgenrot du Rose einst erglüht!

Du Seelen-Blüte schön zum Blühn gekommen!

Im Kleid der Knospe bräutlich aufgeblüht:

Wach auf und nimm, was man dir weggenommen!

 

Wach auf, nachdem so schrecklich du gelitten

und Leben uns, o Liebste, viel erstritten!

130. Das größte Wunder ist doch, dass ich bin!

Die Liebste spricht:

?Das größte Wunder ist doch, dass ich bin!?

Sprach der Prophet und gab sich gern zufrieden,

und ließ vom Himmelswagen hoch sich ziehn

verzückt hinauf zu Gottes ewigem Frieden.

 

So ziehn auch wir, Liebster, derweil die Zeit

lautlos an uns vorüberzieht, enteilend.

Und stehn am Tore wir der Ewigkeit,

das Losungswort den Cherubim erteilend,

 

Dann Liebster sag: Er wollte, dass ich bin

mit meiner Liebsten. Also bin ich da.

Macht auf das Tor; denn dies ist ja der Sinn,

kommt Mann und Frau dem Paradiese nah.

 

Und er, der Heimkehrhüttlein längst erbaut,

wird lächeln, wenn er unser Kommen schaut.

131. Lass dich umschmeicheln, Gott

Lass dich umschmeicheln, Gott, den ich so brauche

als Macht der Liebe, die allzeit besteht,

dass ich den Atem ehrfurchtsvoll verhauche

vor deinem Thron, o Gott du, im Gebet!

 

Um deiner Liebe, die du einst gegeben

als Wort der Liebe, das du einst gesandt,

um Liebchen auch als deiner Liebe Leben

und deines Lebens Lieb und Unterpfand:

 

Sag, dass du warst o Gott, mich zu umfangen

mit deiner Liebe Fülle, dass du warst,

und dass du längst gestillt schon mein Verlangen

und deines Lebens Liebe neu gebarst.

 

Sag, dass du bist, sag, dass du immer bist

in deines Lebens Lieb und Jesus Christ!

132. Schreib ich denn nur noch leere Blätter

Schreib ich denn nur noch leere Blätter

Und sitz zum Abholen bereit,

und warte nur noch auf das Wetter,

das Schlösser sprengt und aus dem Tod befreit?

 

Als hätt die Sprachen all ich ausgegossen,

Liebste, für dich, dass ich dich wieder hab,

und nur die Stunden wären hingeflossen

mit Schweigen schwül und düster um dein Grab.

 

Lehr, Liebste, mich die Sprache, die mir spricht,

dass nur noch deine Stimme ich kann hören,

die mir aufleuchten lässt dein Angesicht

und nichts mehr deine Gegenwart kann stören!

 

Lass neu erblühn in dir, Liebste, mein Heil,

Du meines Lebens lebenspendend Teil!

133. Komm, Liebste, komm und sag mir, wo du weidest

Komm, Liebste, komm, sag, wo du hingezogen

mit deiner Lämmer Schar den Bach entlang,

sag, dass kein Trugbach rauschend dich betrogen

und keines Fremdlands Wüste dich bezwang.

 

Komm, sag mir auch, wo du inzwischen weidest

mit deinen Herden jetzt, zur Mittagszeit!

Sag, wo der Sonne Feuerglut du meidest,

wo frisches Grün am Wasserquell gedeiht!

 

Sag endlich auch, wo wir dann Nachtruh halten,

wenn Dunkelheit die Erde rings umhüllt,

wo nur der Schlaf dem Atem mag obwalten

und wo mein Herz an deinem wird gestillt!

 

Auf meinem Lager, Liebste, jämmerlich

wie bei der Lämmer Blöken, such ich dich!

134. Wie einst in Babylon

Wie einst in Babylon das auserwählte

Volk Israel mit seinem Gotte rang,

weil es gefehlt und nun sein Gott ihm fehlte

und keine Hoffnung ihm durchs Dunkel drang:

 

so klag auch ich an meines Lebens Ende,

wo mir das Beste, mir das Liebste fehlt,

und schaue aus nach jener Zeitenwende,

wo neu der Herr einander uns vermählt.

 

Was haben wir erlebt, was nicht zum Träumen

als Saatgut längst der Erde einverleibt?

Drum, Liebste, komm, lass uns nicht länger säumen,

dass uns sein Kommen nicht verborgen bleibt.

 

Liebste, zu Dir, o liebste Jutta mein!

An deinem Herze nahe lass mich sein!

135. Wie hab ich doch gekämpft und hab verloren!

Wie hab ich doch gekämpft und hab verloren!

Nur durch den Schlaf gelang ich noch zu dir,

wenn ferngerückt die Länder vor den Toren

und ich entfremdet mir im Nachtrevier.

 

Dann aber komm, mein Schätzchen, lass uns eilen,

die du mit Liedern mir begabst den Mund,

bis wir beim Karmel unsrer Liebe weilen,

wo ich dir singen will aus Herzens Grund.

 

Das Lied vom Weinberg, der der Liebsten eigen,

wo einst die ersten Küsse wir getauscht,

der Feigen Frühfrucht reifte in den Zweigen

und Blätter Kühlung spendend uns gerauscht.

 

Dort will ich singen dir, bis dass wir lachen,

weil nie mehr wir im Tränental erwachen.

136. Was fang ich nur mit all den Stunden an

Was fang ich nur mit all den Stunden an,

die, Liebste, ich getrennt von dir muss weilen?

Des Himmels Zeiten, ach, scheinen vertan,

da keine Zeit mehr bleibt für uns zum Teilen.

 

Ruf ich nach dir, du liebste aller Frauen,

mit der der Gott der Liebe mich geschmückt,

der meiner Obhut dich wollt´ anvertrauen,

kein Gegenruf auf meinen Ruf mehr glückt.

 

Ruf ich nach dir, ich kann dich nicht mehr finden.

Die Jahre, die zusammen wir verbracht,

entfliehen der Erinnerung, verschwinden

wie Schemen wesenlos im Schoß der Nacht.

 

Die Zeit zergrübelnd bin ich nur noch hier,

bis, Liebste, sich auftut die Tür zu dir.

137. Komm, spiel uns auf zum Lobpreis deiner Liebsten!

?Nimm die Leier und sing uns von Aphrodite!? (Sappho)

 

?Komm, spiel uns auf zum Lobpreis deiner Liebsten!?

Hätten sie so gesagt. ?Komm spiel uns auf!?

Ich hätte keinen Augenblick gezögert

hätt aufgesungen zu der Harfe Lauf.

 

Und hätt der Liebsten Liebe hoch erhoben,

gepriesen sie als meine Königin.

Doch ihnen war kein freier Sinn zum Loben,

rastlos in Eile nur jagten sie hin:

 

Hinauf zu Babels goldumwehten Türmen,

zum Reichtum, den der Rost, die Motte nagt,

zur Ruhmestat, die trotzend nicht den Stürmen,

vor Neid gefeit der Zeiten Lauf durchtagt.

 

Mag denn hinab zu uns die Liebe steigen

Und in ein Loblied wandeln unser Schweigen.

138. Die Zeit zergrübelnd bin ich nur noch hier

Die Zeit zergrübelnd bin ich nur noch hier,

die immer noch der Stunden Gott mag senden,

wo er der Liebsten Blick gewandt von mir

und von der Liebsten ich den Blick musst wenden.

 

Und Kunst und Arbeit nur noch mich betrügen,

der Zeit vergessend auf der Stunden Pfad,

was nützte auch das strengste Selbstgenügen,

wenn kein Erwachen mehr der Liebe naht?

 

Frei bin ich jetzt, wie die Gemeinen denken.

Nichts, was zurück mehr hält von Schimpf und Schand.

Könnt ihnen ich doch diese Freiheit schenken

und hielt mein Liebchen wieder bei der Hand.

 

Besteigt denn euer abendliches Lager,

Glück auf, Frau Schwägerin! Glück auf, Herr Schwager!

139. Soll ich nach draußen, in die Welt hinaus

Soll ich nach draußen in die Welt hinaus,

mit jedem Schwager mich zusammensetzen,

und über jeden Dorfschwank, jeden Strauß

bald lachend mich ergehn, bald mich entsetzen?

 

Soll von Manhattans höchstem Turm ich winken,

von Pekings Himmelsplatz liefern ein Bild,

die Augen voll von Dubais Goldglanz trinken,

als würd der Menschen Sehnsucht dort gestillt?

 

Oder lass ich entrücken mich in Gärten,

wo Rosenbüsche blühn über den See

und säh Semiramis mit Golf-Gefährten?

O Welt, ruf lieber ich, fahr hin! Ade!

 

Ist nur die Liebste fest mir zugesellt,

vermach ich euch den Rest der ganzen Welt.

140. Was hat das Leben nur aus mir gemacht

Was hat das Leben nur aus mir gemacht,

seit, Liebste, ich bei dir nicht mehr kann weilen,

seit ich im Stundenturm bei Tag und Nacht

als Zeiger muss und Glockenhans umeilen.

 

Lass fern von dir ein Klagelied mich singen,

ans Herz dir legen, Liebste, was mich quält,

dann deinen Liebsten lass nach Hause bringen,

wo seine Königin ihm bitter fehlt.

 

Und muss ich wandern auch durchs Tal der Toten,

ich fürcht kein Unheil, weitentrückt der Welt,

du bist bei mir, schickst du nur einen Boten,

der heim mich leitet, hin zu deinem Zelt.

 

Ein Fremdling worden bin ich ganz und gar,

der dir zur Seite einst ein König war.

141. O Menschenlos, dem keiner je entronnen

In Erinnerung an Psalm 8, Mütterchens Lieblingspsalm

 

O Menschenlos, dem keiner je entronnen

und je entrinnen wird! Was willst du tun?

Erobern dir der Götter Jugendbronnen,

willst nach dem Tagwerk bei den Göttern ruhn?

 

Und hoffst, kannst du des Geistes Frucht dir greifen,

von der Erkenntnis Baum die Seligkeit?

Mag auch des Wissens Frucht glänzend dir reifen,

da führt kein Weg aus der Verlorenheit.

 

Lass ab vom Forschen, such nicht zu ergründen,

was nie zu finden ist. Der Säugling Schrein

mag uns die Macht des Allgewaltigen künden.

Liebster halt aus! Er lässt uns nicht allein.

 

Liebster halt aus! Das ist des Lebens Sinn,

zieht es zum Haus des Todes uns auch hin.

142. Ihr habt ja recht

Ihr habt ja Recht. Nie hab ich es bestritten,

ich selber bin es ja, der dafür bürgt,

dass erst durch meiner Liebsten Wort und Sitten

ich lernte, was mit Güte man bewirkt.

 

Im Menschen stets den Eigensinn benennend,

selbst eigensinnig, unduldsam, gemein,

des Fleisches Schwachheit überall erkennend,

der Litanei des Bösen fügt ich´s ein.

 

Wie anders wusste Liebchen doch zu walten,

sah stets, woran sie glaubte, hold und wert,

und wusste so die Liebe zu entfalten

im Herzen mir, blieb viel auch noch verwehrt.

 

Ins Herzensdunkel sätest du dein Licht,

das mir aufleuchten lässt dein Angesicht.

143. Im Herzen, wo die Hoffnung Wünsche hegt

Im Herzen, wo die Hoffnung Wünsche hegt,

wüsst wohl auch ich noch manchen Wunsch zu nennen,

nur dass die Hoffnung, die bedenkt und wägt,

ihn nimmer als erfüllbar mag erkennen.

 

Umsonst dein Wunsch, spricht sie; es ist vorbei:

Als du sie gehen ließest von der Hand,

auch aus den Augen dir die Liebste schwand,

nichts bringt sie mehr zurück, was es auch sei.

 

Seitdem haus eingemauert ich allein,

das Leben ist verleidet mir gar sehr,

ich bin allein, bin müde, mag nicht mehr,

möcht nur bei dir noch, meiner Liebsten, sein.

 

Wie nötig wär mir doch ein neuer Tag,

wo ich dir zeigen könnt, wie ich dich mag.

144. Liebster sag nicht: "Liebchen ist nicht mehr hier!"

Liebster sag nicht: ?Liebchen ist nicht mehr hier!?

Sag, Liebster, nicht, dass dir die Liebste fehle.

Such nicht im Totenreich Liebchens Quartier,

quäl nicht mit Nachtgespenstern deine Seele.

 

Ergib dich nicht verzweiflungsvollem Klagen,

den Lebensweg mit Liebchen zu bereuen!

Von Herzensgrund lass wieder Ja uns sagen,

wie damals, als du kamst, um mich zu freien.

 

Denk an das Lebensglück, das uns gegeben,

als du dein Liebchen, ich den Liebsten fand,

dass ich zum Schmuck dir ward in deinem Leben,

und ich als Kleinod dich ans Herz mir band.

 

Und wär Gott auch nur Nichts, lass ihn nur sein!

Denn nur durchs Nichts haucht neu er Leben ein.

145. Wenn zwei einmal im Grab beisammen sind

Wenn zwei einmal im Grab beisammen sind,

so sind dem Gang der Zeiten sie entbunden.

O du mein Kind, mein allerliebstes Kind,

das unentwegt ich such zu allen Stunden.

 

Ein Jahr ist´s bald, seit uns die Not getrennt,

der, Liebste, ich doch dir nur angehöre,

ein Jahr, das keine Heimat mir mehr nennt,

weil deine Nähe schrecklich ich entbehre.

 

Ein Jahr, wo alles, was uns teuer war,

fern ist gerückt, wir mit Vergessen büßen,

wo nimmer uns der Liebesprüfung´ Schar

wie früher kann der Mühsal Schar versüßen.

 

Nur aus den Briefen kann ich noch erlesen,

dass es uns gab und du bei mir gewesen.

146. Wie ist doch die Natur so gnadenlos

Wie ist doch die Natur so gnadenlos

und blind über dich, Liebste, weggegangen!

Der Mai, er kam, aufbrach der Knospen Schoß,

und überall war eitler Blumen Prangen.

 

Und Hochgesang, wie bei den Osterglocken,

wenn Braut und Bräutigam den Einzug hält

zum Ja-Wort in die Kirche. Chöre locken

von Engeln auf zu einer besseren Welt.

 

Zurückgekehrt, ein Wanderer ferner Welten

zum Schlusslied durch die Kirchentür ich drang;

und du warst fern; und alle ließen´s gelten;

und keiner, dem im Herzen Schwermut sang.

 

Nichts hatte ich erreicht, ich war gekommen

und sang noch mit voll Harm unter den Frommen.

147. Bin nicht Admet ich, dem die Liebste starb

Bin nicht Admet ich, dem die Liebste starb,

für den Alkestis in den Tod gegangen,

Pelias Tochter, die für mich verdarb?

O hätte dieser Tod nie angefangen!

 

Nie soll erleichtern mir ein eitles Glück,

nie des Vergessens Gift den Tod mir heilen,

verflucht, wenn in die Tage ich mich schick,

die, Liebste, ich mit dir nicht mehr kann teilen!

 

Es sei denn, dass ein Tag dich wiedergibt!

Doch ist kein Tag mehr, musst du´s leis mir sagen.

Dann lass mich sagen dir, wie ich geliebt

Liebste von dir, unsagbar, lass mich´s klagen.

 

Ein Narr der Liebe bin ich nur noch da,

was auch geschehen mag, da dies geschah.

148. Durch Waldes Schatten wie in frühen Tagen

Durch Waldes Schatten wie in frühen Tagen,

wo einst gemeinsam, Liebste, wir gegangen,

geh nochmals ich, einsam dahin, befangen,

begleitet nur von meines Herzens Klagen.

 

Und fass nicht, was die Welt so leicht kann fassen.

Dabei warst du doch mein. Warst? Wie gemein!

Bist doch noch immer mein und ich bin dein,

hab, Liebste, ich dich auch allein gelassen.

 

Da bin ich nun und schau zu dir herüber,

ein Traum von Schatten nur, der mir verblieb,

und ruf: O Liebste du, ich hab dich lieb!?

Und hör im Echo: Komm zu mir, mein Lieber!?

 

Ihr Vöglein singt nur weiter eure Lieder.

Wegmüden Greis leg ich ins Gras hier nieder.

149. Ja, Liebste, du bist da!

So spricht zu mir die Liebste: ?Liebster, du,

der du der Liebsten immerfort gehuldigt,

gib Stille nun, nicht länger mehr lass zu,

dass dich der Vorwurf bitteren Leids beschuldigt!

 

Der Weg ist weit, doch sieh, er ist vorbei.

Sieh, ausgestanden hab ich alles Leid.

Was immer auch geschieht, was es auch sei,

sag, dass ich bei dir bin für alle Zeit!?

 

?Ja, Liebste, alle Zeit bist du bei mir.

Nur noch der Weg zur Herberge steht an.

Und kommst hervor du, trittst du aus der Tür,

ist auch das letzte Wegstück bald getan.

 

Nie mehr will ich mein wundes Herz verklagen,

?Ja, Liebste, du bist da!? So will ich sagen.

150. Sag mir nur immer wieder, dass ich´s glaube

Sag mir nur immer wieder, dass ich´s glaube,

sag mir, dass fest und sicher ich es weiß,

dass keine Flucht der Zeit es weg mir raube,

sag, das Gedächtnis stärkend, zum Beweis:

 

Dass du mein Mütterchen noch immer mein,

die, Liebe lehrend, mich ans Herz gedrückt.

Sag, dass geführt ins Leben du mich ein,

fürs ewige Leben leise mich entzückt.

 

Sag, dass kein ?war einmal? uns je genügt,

kein ?war einmal? das Buch der Liebe endet,

kein ?war einmal? ums Liebste uns betrügt,

hat der Philister auch den Blick gewendet.

 

Sag, dass kein ?war einmal?, herzschlimmster Feind,

uns rauben kann, was uns für immer eint.

151. Hoffend auf Gottes Frieden steh ich auf

Hoffend auf Gottes Frieden steh ich auf

und küss dein kostbar Bildnis, das mir blieb,

Liebe, o Liebste du, Gott hab dich lieb!

und lass den Tag beginnen seinen Lauf.

 

Und frag mich, was zu tun, und stehe da

und sinne nach und weiß nicht, was geschieht,

wenn alle Welt hinaus ins Freie zieht.

Wo du nicht bist, ist mir nur Nicht-Sein nah.

 

Begießt die Blumen, geizt eure Tomaten,

regt und bewegt voll Lust euch und voll Kraft,

durchzieht die Welt als Täter toller Taten,

sucht, was euch Ehr und Ruhm und Reichtum schafft!

 

Nachtwandelnd aber ich such auf die Tür,

die, Liebste, mich gewaltsam zieht zu dir.

152. Nicht mehr empfängt das abendliche Tor

?Was mehr Wert hat denn das Leben im Licht,

das birgt im Gewölk die verhüllende Nacht.? (Hippolytos)

 

Nicht mehr empfängt das abendliche Tor

des Hauses mich, wie vordem es getan,

als aus der Kammer leuchtend schaut´ hervor

dein Angesicht, dem ich mich durfte nahn.

 

Was könnt ich auch Sinnvolles jetzt noch tun,

wo du, herausgeschafft, verlassen hast

des Hauses Obhut. Wo könnt ich noch ruhn,

das Haupt noch bergen nach des Tages Last?

 

Nichts birgt die Zeit mehr, die sich längst entleert,

die früher sich mir waltend offenbart,

als, Liebste, ich gepflegt dich und verehrt,

was uns zur Tröstung beigegeben ward.

 

Du Liebste, eingesenkt in bitteres Leid

Des Lebens einst, jetzt meines Todes Freud.

153. Hätt, Liebste, ich doch weniger geliebt

Hätt, Liebste, ich doch weniger geliebt! -

O weh, wie kann mein Mund nur solches sagen,

weil nimmer es Erfüllung für uns gibt

in diesen leer gewordenen Erdentagen.

 

Voll Sehnsucht einst stürmt ich dahin die Straßen

und suchte Liebste dich, bis ich dich fand,

um nimmer dich, nie mehr dich zu verlassen,

den Weg beschreitend durch des Lebens Land.

 

Da standest, Liebste, du mir fest zur Seite,

und ferne war, dass je es anders wär.

Wie wogte da um uns des Lebens Freude,

war auch dein Leben bald schon voll Beschwer.

 

Der Liebe Lieder hielten uns umschlungen.

Nur wo die Liebe fehlt, verstummen Zungen.

154. Wie in die Wüste schaffte Trank und Speise

Die Liebste spricht:

Wie in die Wüste schaffte Trank und Speise

ein Rabe einst dem Gottesmann, der bang

und müd geworden auf des Lebens Reise,

bis ihm ein Gotteswort wieder erklang:

 

So schafft auch uns auf wunderbare Weise

des Lebens Vater, der den Stamm durchdringt,

bis überm Blätterdach ergrünt uns leise

die Weise seiner Liebe neu erklingt.

 

Lass, Liebster, ab, dir den Verstand zu zwingen,

lass ab vom grüblerischen Grenzausspähen,

dass ihm der Liebe Wunder mag gelingen,

dass wieder wir zusammen auferstehen.

 

Glaub an das Wunder, das Vollkommenheit

in deiner Liebsten schafft! Das Herz mach weit!

155. Zur Stunde früh, wenn Eos sich erhebt

Zur Stunde früh, wenn Eos sich erhebt,

der Schläfer noch nicht weiß, dass er noch ist,

und wie ein Leib alles atmet und lebt

in nährend kräftigenden Schlafens Frist,

 

träumt, Liebste, mir, als hätt mich Gott geweckt,

mir deines Atems Züge anzuhören,

und lausche still, lass alles unentdeckt,

um Gottes Schöpfungswerk nicht zu erschweren,

 

leg nochmals mich zur Seit, schlaf nochmals ein,

zufrieden als hätt nie ich dich verloren,

ermahn mich nur, leise, ganz leis zu sein;

weiß ja noch nicht, dass du mir neu geboren.

 

?Sei leis! Weck sie nicht auf! O Gott schau her!

Sie braucht noch etwas Schlaf. Der Tag war schwer.?

156. Was zauderst du, ans Leben noch zu glauben

Die Liebste spricht:

Was zauderst du, ans Leben noch zu glauben,

weil Liebchen dir im Todesschatten liegt.

Und lässt der süßen Hoffnung dich berauben,

weil trüber Schein dich um die Wahrheit trügt.

 

Siehst nicht das Boot zur Fahrt sich schon bereiten,

das Götterboot, das alles Leiden bricht,

wo doch all Leid gebrochen hat die Zeiten,

dass neu erstrahlt die Welt im Morgenlicht.

 

O Liebster komm, mit mir zurückzukehren,

wo Gram und Elend nimmer dich versehrt,

wo keine Anfechtungen mehr verstören,

wo neu das Leben wieder uns gehört!

 

O Liebster komm! Nichts soll uns mehr verwehren,

nach Haus ins Licht des ersten Tags zu kehren!

157. An jenem Tag, als Gott das Korn erfand

An jenem Tag, als Gott das Korn erfand

und auch die Sichel in des Schnitters Hand,

die Tenne dann zum Dreschen und die Mühle,

bis feines Mehl durch feine Siebe fiele.

 

Sodann den Teig, wenn er in Form gebracht,

und Feuersglut in Öfen ist gemacht

im ganzen Land, dass nicht an Brot es fehle

und keinen Menschen jemals Hunger quäle,

 

da brach er auch das Brot bei uns am Tisch,

wir waren wie zwei Blütenknospen frisch,

und sprach zu Geschtinana, seiner Rebe,

dass sie mit Wein des Lebens uns belebe!

 

Muss zweifeln ich, wo alles das geschehen,

dass wir beim Hochzeitsfest uns wiedersehen?

158. Wenn du im Himmelskarmel dich befindest

Wenn du im Himmelskarmel dich befindest,

im Chor der Gottesbräute hold erwacht,

wo schön des Schöpfers höchstes Lob du kündest,

derweil ich wandre noch durch Todesnacht,

 

will ich dem Thron mich seiner Herrschaft nahen,

verstörter Liebe Sklav, wie sich´s gebührt,

will um des Schöpfers Gunst einfältig fahen,

bis meines Herzens Flehen ihn gerührt.

 

?Dir übergeb ich sie, sie ist ja dein,

nie sollst entbehren du mehr ihre Hand!?

So mag dann sprechen der, der dich erfand,

dich Liebste, dich, du Allerliebste mein.

 

Dann lass mein Herz nur fest an deines pochen,

bis allen Elends frei ich mich gesprochen.

159. Würdest du auch im Chor der Heiligen singen

Würdest du auch im Chor der Heiligen singen,

die ihm den Thron der Herrlichkeit umstehn,

und ich nur wie ein Hündchen hört es klingen,

weil ich den Preisgesang nicht könnt verstehn,

 

du würdest, Liebste, mich allein nicht lassen.

Der mein Geschick mit deinem fest verband,

ihm, bittend, würdest du die Knie umfassen,

erinnernd ihn an seine Schöpferhand.

 

?Gemeinsam haben wir dein Lob gesungen,

gemeinsam Vater-unser dich genannt,

gemeinsam hat, von deinem Reich durchdrungen,

nach dir voll Sehnsucht unser Herz gebrannt.?

 

Und er, der Tröster ist der trostlos Armen,

wird deines Herzens Bitte sich erbarmen.

160. Gewiss, mein Liebchen wirst zuerst du wecken

Theos gar kai to gignoskein philous (Helena)

 

Gewiss, mein Liebchen wirst zuerst du wecken,

die immer deiner Vaterhuld vertraut,

die Schöpferliebe neu in ihr entdecken,

bis neu in dir sie wieder sich erschaut.

 

Doch wirst, o Herr, du ihren Namen nennen,

den Arm ihr reichen, wenn im Tod noch liegt

die ganze Welt, wird auch mein Leib entbrennen

in Lieb auflodern, die kein Tod besiegt.

 

Liebchen erschauend werde ich erwachen,

erkennend, was dein Wunderarm erschafft.

Was wär auch dir verwehrt, es neu zu machen

siegreich in deiner Herrlichkeit und Kraft.

 

Durch Adam hast du Leben viel gegeben.

In Liebchen gibst auch mir du neu das Leben.

161. Ich wollte bleiben und ich ging doch fort

Jutta, ma drue, Jutta, m´amie

En vus ma mort, en vus ma vie.

 

 

Ich wollte bleiben und ich ging doch fort,

wollt auf dich warten und doch zogs mich weg.

Die Scham befahl: ?Von hier geh weg, sofort!?

Und führte tief ins Dunkel mich den Steg.

 

Und war doch dein! Und bin doch dein geblieben,

ob auch der Abgrund tosend mich umdräut,

Liebste, mein Himmel du, mein Hort, mein Lieben,

du meines Lebens Sinn, der mich erfreut.

 

Singt, Musen, wieder, wie ihr einst gesungen,

damals als mich der Liebe Wunder fand.

Singt wieder mir die Lieder, die erklungen,

als mich die Liebe mit der Liebsten band.

 

Wie damals, als sie segnete den Bund,

hebt Musen wieder mich an ihren Mund!

162. Steigt auf, ihr Träume, singt und spielt mir auf

(Beim Vorbeifahren mit der Straßenbahn,

wo meine Liebste einst gewohnt hat.)

 

 

Steigt auf, ihr Träume, singt und spielt mir auf,

dass noch einmal das Land mir wiederkehre,

dort wo begonnen ich des Lebens Lauf,

das Land der Liebsten, dass ich es verehre.

 

Steig auf, du Land, du goldenes Himmelsland,

dass noch einmal das Wunder ich erschaue,

wo mir die Liebste einst gereicht die Hand.

Voll Rosenbäumchen stand die Himmelsaue.

 

Steig, Liebste, auf, die wir durchs Leben eilten,

das nun so jäh schon wieder uns entschwand,

steig, Liebste, auf und zeig, wie wir es teilten,

und wie das Leben neu in dir sich fand.

 

Steig, Liebste, auf, du wundervolles Leben,

dass ich´s noch einmal mag mit dir erleben!

163. Einst wecktest du mich auf, mich zu erheben

Einst wecktest du mich auf, mich zu erheben

und ich stand auf, war da und ich war dein.

Da wurden eins wir, wandelten durchs Leben,

verwandelt füreinander da zu sein.

 

Ihr kennt die Ferne nicht, in der ich weile,

euch war ja auch die Liebste nie so nah,

jetzt ob ich unentwegt auch streb und eile,

entfern ich mich nur mehr noch, bin nie da.

 

Und sagtest einst doch, ?Du mein Liebster komm,

komm als mein Bote königlich gesandt

zu deiner Königin, komm stark und fromm,

scheu dich nicht, komm und reich mir deine Hand!?

 

Und ich, ich kam zu dir, die ich verehre,

und du, du Liebste sahst, wie ich dich sah,

Jetzt aber greift der Schmerz ins Bodenleere,

will ich dich fassen, bist du nicht mehr da.

 

Komm Liebste komm, sieh an, wie ich dich sehe,

dass deinem Leib es wieder wohlergehe!

164. Komm Liebste, komme sieh her, was ich noch bin

Komm Liebste, komme sieh her, was ich noch bin,

komm und sieh her, wozu ich jetzt noch da,

komm und bring mir des Lebens festen Sinn,

bring wieder mir des Lebens Frohsinn nah.

 

Komm, küss mich wieder, Liebste, du, mein Leben ,

lass länger mich nicht küssen deinen Tod,

komm schnell herbei mir wieder neu zu geben

den süßen Glauben an der Liebe Gott.

 

Reich mir die Hand, lass uns zusammen eilen

in Gottes Gegenwart, in Gottes Licht,

dass er der Trennung Wunden uns mag heilen,

die Tränen trocknet uns vom Angesicht.

 

Komm bis die Finsternis vorüber flieht,

und uns erhofft Bedeutendes geschieht!

165. Morgenlied

Wie ein Rosenkranz um deine Seele

schlingt sich mein Gebet hinauf zu dir,

Liebste du, um die ich mich so quäle,

die so lange nun schon fern von mir.

 

Unantastbar, voll des ewigen Lebens,

das beschieden denen, die geliebt,

schlummerst du noch aus, doch nicht vergebens,

die den Atem, du, der Hoffnung gibt.

 

Komm hervor mein Sehnen, mein Verlangen,

all mein Fleisch und sterbliches Gebein,

neu in dir mit Leben zu umfangen,

jubeln zu dir. Komm! Denn sie sind dein.

 

Komm hervor aus ewig reiner Ferne

leuchtend schön, du, Morgenstern der Sterne.

166. Vor deinem Bild noch einmal lass mich weinen

Vor deinem Bild noch einmal lass mich weinen,

als hätt ich, Liebste, wirklich dich verloren,

und war geboren doch, mich zu vereinen,

mit dir mich zu vereinen nur geboren.

 

Zum Herrn, der uns erschuf, hab ich geschrien,

doch alles Schreien war umsonst, vergebens,

als hätt er Sprache uns niemals verliehen,

und fern gerückt wär´ jede Spur des Lebens.

 

Das letzte Stückchen Brot, ich mag´s nicht essen,

das letzte Schlückchen Wein, es sei vergossen,

wenn jemals ich den Bund sollte vergessen,

den wir in seiner Gegenwart geschlossen.

 

O Liebste Du, die einst bei mir gewesen,

und ohne die ich niemals will genesen.

167. Die ihr die Liebste einstens mir gezeigt

Iphigenie in Aulis 703

 

Die ihr die Liebste einstens mir gezeigt,

mir zubestimmt nach göttlichem Verlangen,

der Augen Blicke machtet mir geneigt,

bis ich an eurer Hand sie konnt empfangen:

 

Des Himmels Ordnungen hab ich erkannt,

im Tag der großen Wiederkehr gelesen;

und was den Sterblichen nicht wird genannt,

war Gegenwart in ihrem Blick gewesen.

 

Ob dunkle Erde jetzt sie auch bedeckt,

O, pflegt sie gut zu jenem neuen Leben,

bis sie mich einstens wiederum erweckt,

dem Tag der Wiederkehr zurückzugeben.

 

O, pflegt sie gut, mein Sehnen, mein Verlangen,

bis ich sie wieder kann von euch empfangen!

168. Vom Staub des Leidenswegs streut mir aufs Haupt

Vom Staub des Leidenswegs streut mir aufs Haupt,

den Liebchen einst so bitter musste gehen,

als mir der Tod vom Herzen sie geraubt,

da er als Beute sie sich ausersehen.

 

Als ihrem Liebling, bittet dann für mich,

dass sie mich huldvoll wieder mag empfangen,

sagt, wie in Trennungstagen schmerzlich ich

genährt das Hoffen stets und das Verlangen.

 

Dann legt zur Seite sanft mich ihrem Leib,

schiebt sanft den Arm dem Kopf, der Schulter unter

und deckt mit Erde zu uns, Mann und Weib,

bereit zum Tag, zum Auferstehungswunder,

 

Bis dann des allerletzten Morgens Licht

das letzte Dunkel der Verzweiflung bricht.

169. Komm, mein König, zu deinem Gelage

Ich gehöre meiner Liebsten und meine Liebste gehört mir. (Hoheslied)

 

"Komm, mein König, zu deinem Gelage,

süßen Duft meiner Narden ich trage,

Ruhe, mein Liebster, ein Myrrhenstrauß,

zwischen den Brüsten, du Liebster, mir aus!"

 

Deine Augen, ein loderndes Feuer,

strahlend wie Gold, unschätzbar mir teuer,

Deiner Lippen berauschender Trank,

Liebster, wie macht mich die Liebe krank."

 

"Liebste, ich hör dich, ich komme, ich eile,

bis ich bei dir, beim Gelage, weile,

Lausch deiner Stimme, des Herzens Gesang,

Liebste, wie macht mich die Liebe bang.

 

Lass in die Kammer den Wein uns bringen,

dass wir die Liebe, du Liebste, besingen!"